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Erinnerung, die uns Gott  gegeben
Du heil’ges süßes Trosteswort,
Durchdringend, und mit leisem Beben
Lebst Du im Herzen immer fort

 

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Treu und innig war sein Wesen,
Rein und edel war sein Thun
Und seine Worte die wir lesen
Tief im Gedächtnis soll’n sie ruhn.

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Photographie
                von
 Sigmund Theodor Stein

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Schweifen lasset uns nun in das Land der Feen und Zwerge.
Was bei den Riesen ich sah, jetzo werd es Euch kund.
Schlösser, Burgen und Städt, mit des Zaubers Hülfe erbaut,
Geister, gut bald, bald schlimm, bieten dem Auge sich dar.

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Lernt daraus wie der Mensch, wenn gut und brav er und edel,
Freunde selber sich schafft in der Unsterblichen Schaar.

                                                                                    T. St.

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Für mein Bettinchen!
Mein holdes, liebes Töchterchen!

            Wie oft wirst Du schon nach Dei-
nem lieben Papa allmorgentlich, da Du
Dich nach seinem verlassenen Lager be-
gabst, gefragt haben? Er ist weit, sehr
weit von Dir, doch denkt er immer an
Dich, und wenn er Dich im Geiste lieb ha=
ben will, dann betrachtet er Dein Bild und
das Bild Deiner lieben Geschwisterchen und
der lieben Mama, und freut sich, daß
Ihr so lieb und gut brav da beisammen
steht. Nun weißt Du ja, daß der liebe Pa=
pa sehr weit fortgereist ist, in das Land
der Zwerge und der Feen und der Riesen.
            Wie es da aussieht und was es da zu
sehen gibt, das sollst Du gleich hören.

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            Erst fuhren wir mit einer gro=
ßen, großen Eisenbahn weit fort in ein
Land, wo die Häuser des lieben Gott,
die er sich da gebaut hat und da man(?)
seine steinernen Felsen und Berge weit
bis in den Himmel hineinlangen. Da
gibt es keine Blumen und keine Bäume,
da sieht man nur den Himmel und
die schönen Sterne und den schönen Mond.
und den prachtvollen blauen, mit gol=
denen Sternlein besetzten Stuhl, auf
dem der liebe Gott sitzt, und den man
Gottes goldenen Thron nennt. Wie
ich da hinaufgestiegen bin in dieses
Haus, da ich fuhr auf einen goldenen
prachtvollen Wagen, der keine Räder
hatte. Davor war ein großes, großes

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Pferd gespannt, das Feuer aus seinem
Mund und seiner Nase herausblies.
Dieses Pferd zog den Schlittenwagen
über den weißen Schnee so schnell hin=
weg, als die Vöglein fliegen. Neben
dem lieben Papa saß Dein Bräutigam,
der gute Herr Blänsdorf, der Dir im=
mer so viel Papier und so schwar=
ze und rothe und blaue Stifte zum Ma=
len schenkt. Er wird Dir viele, viele
mitbringen und ein ganz großes
Stück Papier, so groß wie Dein Kin=
derzimmerchen, daß Du recht viel
darauf malen kannst. Auf ein Stück
von diesem Papier ist auch dieser
Brief geschrieben.
            So kamen wir endlich hin=
auf, auf den großen steinernen

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Berg. In dem Berge war eine tiefe,
tiefe Höhle, da wohnte der Berggeist
Bierlebein mit seinen Zwergen. Ich
erzählte dem Zwergenkönig, was für
ein braves Kind Du wärst, und da
führte er mich in einen großen Saal,
der war aus lauter Gold und pracht=
vollen glänzenden Steinen gebaut.
Dort lagen hunderte und tausende
von Spielsachen, alles von Gold und
Silber, Puppen und Wagen, Pup=
penstuben und Puppenküchen. Gro=
ße und kleine Zwergenkinder spielt=
ten damit. Der Zwergenkönig aber
gab mir eine große Schachtel auf
der steht geschrieben:
                        „Dem braven Bettinchen Stein
                        „zu Frankfurt am Main,

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„Sendet diesen hölzernen Schrein,
„Gefüllt mit Spielsachen fein; -
„Doch muß es immer brav u. artig sein,
„Und die Mama und die Düta durch
                        Gehorsam erfreuen“
          Der Zwergenkönig: Birlebein. –

Wenn ich nun wieder nach Hause
komme und Du warst sehr brav, und
artig, und die liebe Mama gibt Dir
ein gutes Lob, dann bekommst Du
den schönen goldenen Kasten in
dem die prachtvollen Sachen sind, die
der Zwergenkönig mir für Dich ge=
geben.
            Auch an die gute Ella hat er
gedacht und mir für sie ein herr=
liches Buch mit wundervollen Bil=
dern und schönen Geschichten und

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Gedichten, die seine Zwerglein selbst ge-
macht haben, geschenkt. Für Albert
aber hat er mir nichts gegeben, denn
der, hat er gesagt, wäre schon zu groß
für Spielsachen, für den müßte ich mir
in dem Lande der Riesen etwas schen=
ken lassen.
            Dein Freund Blänsdorf  hat
alle die schönen Sachen aufgepackt;
er hatte sehr schwer daran zu tragen,
doch brachte er sie alle in den großen
Koffer, den wir für die schönen Spiel=
sachen haben bauen lassen, und in
den wir noch viele Andere thun wer=
den, wenn wir in das Land der
goldigen Feen reisen werden, von de=
nen ich in dem nächsten Briefe an
die liebe Ella viel Schönes schreibe. -

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Inzwischen sende ich Dir viele
tausend Grüße und Küsse, und seg=
ne Dich und Deine lieben Geschwis=
ter, die brave Ella und den guten
Albert, als       
                        Euer

                            treuer Papa

                                                Stein

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            Liebes, goldiges, teures, gutes
                        Herzenspapachen!

 

                        Ich kann Dir gar
nicht sagen, mein goldiges, liebes
Papachen, was Du ,mir  für eine gro=
ße Freude gemacht hast mit Deinem
prachtvollen Briefchen, auf dem Papier
vom Zwerge Bierlebein. Viele wun=
dervolle Geschenke und Träume hast
Du mir schon des Morgens in Dei=
nem warmen Bettlein erzählt, aber
keine war so schön als die im Briefe.
Die liebe Mama muß sie mir aber
auch jeden Tag zweimal vorlesen, da=
mit ich’s bald auswendig kann, dann
sagt mir die gute Mama dabei im=
mer, daß kein Kind auf der gan=

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zen weiten Welt einen so guten, lie=
ben Papa hat als ich. Das weiß ich aber
schon lange von selbst, und dafür ha=
be ich Dich auch ein so großes ========
======== Stück lieb, das noch viel, viel län=
ger ist als die lange Reise die Du
gemacht, um zum Zwerge Bierlebein
zu kommen. Sonst, wenn Du mir
so eine Geschichte erzählt hast, habe ich
immer gemeint, Du hättest sie selbst
gemacht, weil Du doch so ein geschick=
ter Mann bist. Daß man das Alles aber
in Wirklichkeit sehen kann, wie die
Spielsachen bei Sählke, von denen Du
mir schon so viele gekauft, das hät=
te ich nicht gedacht. Da hättest Du
mich doch gleich lieber mitnehmen
sollen, wie Du mir’s auch eigentlich

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versprochen hast; denn bis Du wieder
kommst, das dauert doch noch sehr lan=
ge, hat mir die liebe Mama gesagt.
Wenn Du wieder einmal verreist,
gehe ich unbedingt mit, dann bin ich
auch schon groß, kann mich allein
waschen und anziehen und Du brauchst
auch nicht immer auf mich Acht zu ge=
ben. Mein Bräutigam, Herr Blänsdorf
kann ja dann hierbleiben, und dann
bringe ich ihm auch was Prachtvolles
mit, als Belohnung für die vielen
Bleistifte und Papiere, die er mir
jetzt immer schenkt. Sage ihm nur,
liebes, gutes Papachen, daß er ordent=
lich aufpaßt, wenn er die vielen
Sachen zu tragen hat, vom Zwerge
Birlebein, damit nichts kaputt geht,

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sonst kann er sich schön freuen, wenn
er kommt. Unten in Deinem schö=
nen Zimmer war ich noch gar
nicht, seit Du verreist bist; was soll
ich auch da thun? Es ist ja doch nie=
mand da. Die liebe Mama geht aber
auch nicht hinunter, sie hat Alles zu=
schließen lassen und ist immer bei
uns. Es hat der lieben Mama auch
sehr leid gethan, wie Du fortgegan=
gen bist, das hab’ ich gleich gemerkt,
denn sie war sehr traurig. Aber jetzt
freut sie sich immer schrecklich, wenn
ein Briefchen von Dir kommt, und
dann gibt sie mir gleich immer den
Kuß, den Du ihr für mich geschickt
hast. Auch Ella und Albert bekommen

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Küsse. Das schöne Blatt und die pracht=
vollen Blümchen, die Du mir und der
Ellen geschickt, machen mir sehr  große
Freude. Ich wollte sie auch gleich ins Was=
ser stellen, aber die liebe Mama hat’s
nicht erlaubt, weil sie sie selbst aufheben
wollte. Eigentlich wollte ich’s gar nicht zu=
geben, denn was man geschenkt kriegt,
darf man auch behalten. Aber da man
der Mama doch folgen muß, und ich
sie nicht ärgern will, so habe ich sie ihr
zum Aufheben gegeben und dafür zeigt
sie mir jetzt zur Belohnung die schönen
Blümlein jeden Morgen. Wenn ich
Dir doch auch nur was Schönes schicken
könnte. Hier gibt es aber jetzt nur
Schneeballen und die können die Rei=
se nicht vertragen. Von meinen Spiel=

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sachen kannst Du auch nicht brauchen,
da mußt Du also noch warten, bis
es hier auch wärmer, dann kom=
men die kleinen Kätzchen, wie
Du mir auch schon einmal von
der Frau Matthes mitgebracht hast,
und so schicke ich Dir ein Paar. Jetzt
ist es immer so kalt und schlechtes
Wetter, daß mich die gute Mama
nicht einmal spazieren gehen läßt;
eben ruft mich die Däta (?), ich soll mein=
ne Suppe essen. Ich zähle jeden Tag
zehn Löffel, wie Du’s gemacht hast,
denn bei der Mama brauch ich auch
nicht mehr zu essen, wie bei Dir.
Überhaupt sagt sie immer, ich solle
Alles machen, wie Du’s gemacht,
denn was der liebe, gute Papa sagt,

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ist immer recht. Jetzt ruft sie mich
schon wieder, damit die Suppe nicht
kalt wird. Ich sage Dir nun adieu mein
gutes Herzenspapachen, behalte mich
lieb, wie Dich lieb hat
            Dein dankbares Töchterlein
                                     Bettina Stein

 

Von Albert und Ella viele Grüße!
Einen Gruß an Herrn Blänsdorf!

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                        Liebe, gute Ella!

            Dein goldiges Briefchen
hat mir sehr viel Freude bereitet,
weil ich daraus ersehen habe, wie
prachtvoll Du schon schreiben kannst.
Vorgestern war wirklich ein schöner
Tag hier, die Sonne schien von dem
Himmel, deer hieer ganz blau ist, sehr
warm herunter, weil der liebe Gott
sein größtes Feuerlicht das er hat, an=
zündete. Herr Blänsdorf, der Dich viel
mal grüßen läßt, sagte zu mir:
„Herr Hofrath, heute wäre es Zeit,

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einmal in das Feenland zu fahren, da=
mit die liebe Ella ihr Briefchen bekom=
men kann.“ Deer Papa sagte dann:
„Ja, das wollen wir thun“, und wir
gingen vor den Garten, wo ganz
große Steine liegen, die so hoch sind,
wie unser Haus in Frankfurt. Unten
an den Steinen, die „Felsen“ genannt
werden, die aber nicht so groß sind,
wie die im Zweergenlande, ist ein
großes Wasser das man das Meer
nennt. Das Wasser im Palengar=
ten, der jetzt im Winter zugefroren
ist, und auf dem Albert, wie Du ja
oft gesehen hast, so schön Schlittschuhe
laufen kann. Unten an den Steinen
woran das Wasser hingeht, befand sich

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ein prachtvolles Schiffchen, mit einer
rothen Fahne, auf der ein goldenes
Krönchen gemalt war. In dieses Schiff=
chen stieg Herr Blänsdorf und der gu=
te Papa. Wie wir darinnen saßen, ka=
men zwei Schwäne geflogen und Herr
Blänsdorf band sie an das Schiffchen.
Die Schwäne fuhren das Schiffchen in
das weite, weite Meer hinaus. Da
kam auf einmal ein wunderschönes
Land, mit prachtvollen Blumen, Rosen
und Tulpen, Orangenblüten, Veilchen
und Citronen, prächtige Bäume, an
welchen schöne Früchte hangen, wie
diejenigen , welche ich der lieben Ma=
ma geschickt habe und die Du ge=
wiß gesehen hast. Hier machten die

guten Schwäne halt, und sangen
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folgendes Liedlein:
            „Denke Dir mein Liebchen, was ich im Trau=
                                                            me gesehen,
            „Ich saß im grünen Walde, umringt von
                                                            schönen Feen,
            „Sie lispelten und sprachen: ich soll ihr
                                                            Ritter sein“.
            „Am liebsten wäre ihnen, von Frankfurt der
                                                            Doktor Stein“
            „Und auch ein Feechen herzig, recht lieb und
                                                            gut und zart,
            „Wollte zum Ritter ’nen Jüngling, mit
                                                        schwarzen, schönen Bart“.

 

 

Kaum hatten die Schwäne, diesen ihren
prachtvollen Gesang in hellen Tönen er=
klingen lassen, da zerbissen sie die
Stränge, mit denen sie an das Schiff=

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chen angebunden waren und flogen in
die Luft, so hoch wie ein Haus, über das
Meer. Als sie so weit geflogen waren,
wie von uns zu Bäcker Kiefer’s, wo ich
Dir schon oft Brezelchen gekauft habe,
da fingen sie nochmals an wunderschön
zu singen; - auf einmal stürzten sie
hinab in das grüne Meer und waren
nicht mehr zu schauen. Das nennt
man den „Schwanengesang“, welchen al=
le Schwäne singen, ehe sie sterben. Nun
stiegen wir aus dem Schifflein an das
Land, und gingen in den prachtvol=
len Garten, von dem ich Dir schon er=
zählt, spatzieren. Da kamen wir an
ein schönes Haus, an dem waren alle
Thüren und Fenster und auch das
Dach von rothen, blauen, weißen u.

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grünem Glase, so daß man sehen konnte,
was Alles in dem Hause darinnen war.
Es waren viele Feen darin, welche
tanzten. Diese hatten alle weiße Klei=
der an mit farbigen Spitzen besetzt,
und jede trug eine prachtvolle rothe
seidene Schleife, die von der rechten
Schulder über die Brust herüber ging u.
unter der linken Hand am Körper
geschlungen war. Eine große Fee,
welche die Mutter dieser hübschen klei=
nen Feechen war, sah zu und auch die
Tanten und die Feenonkel waren da,
sie saßen auf goldenen Stühlen und
freuten sich an dem Tage der Kinder.
Wenn man durch das weiße Glas in
den Palast sah, so waren die Feen an=
gezogen, wie ich Dir mitgetheilt;

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nem Glase, so waren sie alle prachtvoll
hellgrün angezogen, und das rothe Band
erschien gelb, wie die Schale der Oran=
gen. Wenn wir durch die blauen Schei=
ben sahen, so waren die weißen Kleid=
chen hellblau, wie der Himmel und
die rothen Bänder violett gefärbt, wie
ein Veilchen. Ach, wie schämten wir uns
vor diesen schönen Feen, weil wir
nicht so schön angezogen waren. Ich
sagte zu Herrn Blänsdorf :“ Da können
wir nicht hineingehen mit unseren
schwarzen Reisekleidern und ledernen
schwarzen Stiefeln, da fürchten sich ja
die Feen vor uns. Wir wollen sehen,
ob wir nicht im Feenlande andere
Kleider bekommen, daß wir den Feen=

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damen und Feenonkeln gefallen
und mit den schönen Feenfräulein
tanzen dürfen“. Wir gingen hin-
ter einen großen Busch mit pracht=
vollen rothen Blüthen, welche aussahen,
wie ein Löwengesicht. An den Blu=
men wuchsen unten gelbe, lange
Haare heraus, und von vorne zwei
Blätter, die aussahen wie ein Lö=
wenmaul. Hinter diesen Blättchen
standen kleine weiße Blättchen, die
aussahen wie Zähne. Diese Blumen
waren so groß, wie die schönen Trink-
gläser, welche von der lieben Ma=
ma aus dem Büffet herausgenom=
men werden, wenn Gesellschaft
ist. Diese Blumen klappten ihr
rothes Löwenmäulchen auf und

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zu, und ich wollte gerade eine der
größten Blumen mit meinem Ta=
schenmesser abschneiden, da fing die
selbe an zu sprechen und sagte:“ Ihr
bösen fremden Männer, warum wollt
Ihr mich denn umbringen? Ich habe
Euch ja nichts zu Leide gethan. Wenn
Ihr mich leben lassen wollt, so kann
ich jeden Wunsch erfüllen, den Ihr
habt.“ Da sagte der Papa zu der Blu=
me:“Wenn Du uns sagen willst,
wo wir schöne Feenkleider finden,
daß wir in das Feenschloß kom=
men können, so wollen wir Dich
leben lassen.“ Die Blume sprach da=
rauf:“Geht weit in den Wald, da
ist ein großer Baum, so groß wie
ein Haus, dieser Baum ist hohl u.

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unten eine Öffnung, in die man hin=
einkriechen muß. In dem Baum steht
eine Leiter, die steigt hinauf und Ihr
kommt an die Zweige, an denen
prachtvolle Feenkleider hängen. –
Wir suchten und fanden den Baum
und stiegen hinauf, um die Klei=
der zu holen. Wie wir aber oben auf
den Zweigen saßen und jeder ein
schönes Kleid genommen hatte, das
ganz von Glas war, da brach der Ast
ab und wir fielen herunter, thaten
uns aber nicht weh, weil das Moos
so zart war wie Sammet, und weil
wir wie in ein weiches Bettlein fie=
len. Das Glas aus dem die Kleider
gefertigt waren, war verzaubert,
so daß es nicht zerbrechen konnte, als

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es vom Baume herunterfiel. Wir leg=
ten nun schnell unsere Reisekleider ab
und in den Baum hinein und zogen
die Feenkleider an. Zuerst kam ein
schönes leinernes Kleid, welches fest
anlag und weiß und schwarz ge-
streift war. Auf der Mitte der Brust
dieses Kleides waren rothe Löwenköp=
fe gemalt, die aussahen wie die Blu=
me die uns zu dem Baum geschickt
hatte. Über dieses Leinenkleid kam
ein durchsichtiges Ritterkleid aus dun=
kelblauem Glas, ganz so wie es die Rit=
ter haben, welche in Alberts’s Buche von
den alten Waffen abgemalt sind.
Auf den Kopf setzte der Papa einen
gläsernen Hut mit einer Spitze, den
man vorn zumachen konnte, so daß

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das Gesicht verborgen war. Dies nennt
man einen Ritterhelm. Das andere
Kleid zog Herr Blänsdorf an; es war
aus grünem Glase. Der Helm den er
aufsetzte hatte keine Spitze. So war
nun der Feenritter und sein treuer
Knappe fertig und wir marschir=
ten nach dem Feenschlosse. Auf un=
ser Klopfen öffnete die Feenmut=
ter und sagte: „Wer seid Ihr?“ Da
sagte der Papa: „Wir sind Ritter aus
dem fernen Lande Germanien, wo es
jetzt nur Schnee und Eis gibt, und
keine so schöne Blumen wie hier.
Wir bringen Euch Grüße von zwei
lieben Kindern Ella und Bettina Stein
in Frankfurt am Main.“ Da sagte
die Feenmutter, die Alles weiß, was

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in der Welt vorgeht. „Kommt nur
herein, Ihr lieben Leute. Diese Kin=
der kennen wir, die sind sehr brav
ung gut. Ihr könnt Euch hier Al=
les ansehen und könnt mit uns
tanzen und könnt den lieben Kin=
dern von unseren gläsernen Spiel=
sachen mitbringen, so viel Ihr wollt.“
Da freuten wir uns sehr, und dank=
ten der schönen Fee. Dann sagte sie:
„Nun tanzt einmal!“ Nun weißt
Du ja, daß da Schwäne gesungen hat=
ten von dem Ritter, der mit der Fee
tanzen sollte. Das war Dein Papa u.
von dem anderen, der einen Bart ha=
ben mußte. Da wirst Du denken, ja
der Herr Blänsdorf hat aber doch
keinen Bart, da kann er ja nicht

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mit den kleinen Feechen tanzen.
Da irrst Du Dich, liebe Ella, er hat ei-
nen großen schwarzen Bart sich wach=
sen lassen, der ihm sehr gut steht,
und e(h)r gefiel dem Feechen, das
mit ihm tanzen wollte so gut, daß
es ihm gleich einen Kuß gegeben
hat. Das wird der lieben Bettina nicht
recht sein, weil er doch ihr Bräutigam
ist. Als wir getanzt hatten, wurden
wir eingeladen zum Feen-Mittag=
essen. Das bestand aus schönen pracht=
voller Milch mit Biscuit, und nachher
bekam Jeder in einem goldenen Gla=
se Feenwein zu trinken. Das schmeck=
te uns sehr gut. Wir waren da den
ganzen Tag und bekamen alle schöne
Sachen im Schlosse gezeigt. Was wir

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da Großartiges gesehen haben, das soll
in dem nächsten Briefe an die liebe
Bettina genau geschrieben werden, wo=
rin auch dann zu lesen ist, wie wir
wieder über das Meer nach Hause ge=
kommen sind.
                        Es grüßt Dich herzlichst
                                    Dein Dich innigst
                                       küssender
                                           
                                                Papa

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                        Liebes Bettinchen!

Die gute Ella wird Dir gewiß
ihren Brief vorgelesen haben, worin
von der schönen Frau und unseren
prachtvollen, farbigen, gläsernen Klei=
dern erzählt worden ist. Heute will
ich Dir nun weiter mittheilen, was
in dem Feenschlosse noch Alles pas=
siert ist. –
            Nach dem Frühstück wurden
wir von der Feenmama in dem
schönen Hause herumgeführt. Da
waren hundert Zimmer, eines schö=
ner als das andere. jedes Feechen

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hatte ein eigenes Zimmerchen. In
demselben hingen prachtvolle Bilder
mit goldenen und silbernen Rahmen;
auf den Bildern waren die schönsten
Blumen und prächtige Vögel gemalt.
Die Vöglein hier können schön sin=
gen und singen den Feechen herr-
liche Lieder vor, wenn dieselben
sich in ihre goldenen Bettchen schla=
fen legen. Die größeren Feenkin=
der lernen sehr brav lesen und schrei=
ben; sie haben weiße Griffel mit
goldenen Tüpfchen; unten sind sie
roth, wie die Rothstiffte, die Du im=
mer in Papas Zimmer zum Mal=
len holst. Wenn die Feechen Unter=
richtstunden haben, schreiben sie mit
den rothen Griffeln auf weiße Tafeln,

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das sieht prachtvoll aus und werde ich
Dir eine solche Tafel mitbringen, die
mir ein Feechen für Dich geschenkt
hat. Als wir alle Zimmerchen gesehen
hatten, wurden wir in die schöne
Küche geführt, wo das Mittagessen
für die Feechen gekocht wurde. Eine
Köchin haben die Feechen nicht. Hier
kochen lauter kleine Männer mit
Bärten aus dem Lande dere Zwerge.
Die Töpfe sind da alle aus wei=
ßem Marmelstein geschnitten, die
anderen Gefäße zum Braten sind von
purem Silber und die Kochlöffel
alle von Elfenbein und Rosenholz. –
Die Zweerge, welche mit diesen schö=
nen Sachen kochen, sehen gerade so
aus, wie diejenigen welche Du ja

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aus der Geschichte von „Schneewittchen
auf den Bergen bei den sieben Zwer=
gen“ kennen gelernt hast. Die Zwerge
sind die Cousinchen der Feechen und
haben sie sehr gerne, deshalb thun sie
ihnen alles Gute, was sie nur thun
können. Auf dem blanken Herde stan=
den viele Töpfe, in jeden Topfe wur=
de etwas anderes gekocht, das duftete
Alles wunderschön nach Veilchenblüthen
und Citdronensaft. Da war Herr Bläns-
dorf, dere einen großen Appetit hatte,
weil die Milch von Vormittags doch
nicht genug war für einen Mann,
sehr froh, daß es noch etwas Gutes
zu essen gab, und auch Dein Papa
freute sich, denn auch er hatte von
dem vielen Herumgehen im Schlosse

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großen Appetit bekommen. Wir wur=
den nun nach dem Speisesaal geführt.
Bevor wir aber eintreten durften, muß=
ten wir über die Glasschuhe dicke Pan=
toffeln aus weichem Sammet anzie=
hen, was auch alle Feen, die Feen=
Mama und der Feenonkel thaten.
Wir wußten gar nicht, warum
wir die Sammetstrümpfe anziehen soll=
ten, bald aber sahen wir weshalb
dies geschah, denn der Fußboden im
Saale war von Glas, und zu fein für
feste Stiefeln und Schuhe. An allen
Seiten des Saales waren große pracht=
volle Spiegel angebracht, sodaß man
sich tausendmal und tausendmal dar=
in besehen konnte, weil die Spiegel
an den Wänden von oben bis unten

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gingen. Auch die Decke war aus Spie-
gelglas gemacht. Auf den Spiegeln wa-
ren wirkliche Blumen in allen mög=
lichen Farben und Forman befestigt.
Auf der einen Seite stand ein großes
Buffet aus schwarz und weiß polierten,
herrlich duftenden Cypressenholze gear=
beitet. Die Cypressen von denen das
Holz genommen ist, sind große schö=
ne dunkelgrüne Bäume, die niemals,
auch im Winter nicht, wenn es kalt
ist, ihre grünen Zweige verlieren. In
der Mitte des Speisesaales stand ein
großer Tisch mit einem feinen wei=
ßen Tuche bedeckt, durch welches Linien
von hellblauer Seide gewebt waren. Auf
dem Tische standen hundert Tellerchen, bei
jedem Tellerchen lag ein Löffelchen, ein

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Messerchen und ein Gäbelchen. Da Du
nun so gut rechnen kannst, so wirst
Du mir sagen, wie viel Stück, Al=
les zusammen, auf dem Tische ge=
legen haben. Für uns waren grö=
ßere Teller, Löffel, Messer und Gabeln
hingelegt. Auf dem Tische stand ein
langes Schiff aus glänzenden Silber
mit goldenen Rändern. Dieses Schiff
war gefüllt mit den wunderschönsten
Blumen: blaue Veilchen, rothen Ro=
sen,  weißen Kamelien, Tulpen und
Hyazinthen; zwischen den Blumen sa=
hen weiße Blätter hervor. Das Schiff
hatte sechs Mastbäume aus Gold; auf
jedem Mastbaume war ein Zettel be=
festigt, auf dem zu lesen war, was
es Alles zu essen gab. Beifolgend

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schicke ich Dir die Abschrift eines solchen
Zettels.

 

 

 

               Feen – Speise – Zettel.

Suppe der Feenkönigin.
Gebackener Meerwolf Fisch.
Gebratene Tauben.
Grüne Gemüschen mit Würstchen.
Süßer Reispudding.
Zuckerdöschen mit Zwergen=
Confect..
Äpfel mit rothen Bäckchen.
Nüsse zum Knacken.
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auf beiden Seiten des Silberschiffes wa=
ren fünfundzwanzig Nestchen aus hüb=
schen Stroh geflochten, die mit Watte ge=
füllt waren. In den Nestchen saßen
wundervolle farbige Vöglein, erst ein
rothes, dann ein blaues, dann ein wei=
ßes, dann ein grünes, dann ein gelbes,
dann ein schwarzes und so fort. Als wir
Alle in dem Speisesaale versammelt
waren, sangen die Vöglein folgendes
schönes Liedlein:
            „Vitü, vitü, vitü,
            „Seid uns gegrüßt allhie,
            „Setzt Euch an unseren Tisch,
            „Speiset dort, Fleisch und Fisch
            „Bringet nur Alle mit
            „herrlichsten Appetit!
            „Vitü, vitü
            „Freut Ecuh allhie!“

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Als die Vöglein ausgesunden hatten,
setzten wir uns and den großen Tisch.
An der einen Ecke, saß der Feen-
Onkel, an der anderen Ecke die Feen-
Mama. Die weißen langen Haare
des Feen-Onkels wurden durch einen
großen goldenen Ring mit blauem
Stein zusammen gehalten; der
Stein sprühte glänzendes Feuer, so-
daß der ganze Saal beleuchtet wur-
de. Die Feen-Mama hatte ein gold=
enes Krönchen auf, und trug ein
feines Spitzenkleid das tausend
Mark gekostet hatte. Neben der
Feen-Mama saß der liebe Papa u.
neben dem Feen-Onkel der Herr
Blänsdorf. Nun ging das Essen an.
Es gingen auf einmal die Spie=

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gelscheiben an den Wänden aus ein=
ander und aus jeder Spalte kam
ein Zwerglein mit weißem Bart,
das eine große Schüssel auf dem
Kopfe trug. Die Schüssel dampfte ro=
senrothen Dampf aus. Das war die
Suppe Consommi Royale, das heißt auf
deutsch: Suppe des Königs und der
Königin, weil alle Könige in der
Welt so gute Suppen essen. Als die
Suppe gegessen war, gaben die
Zwerge frische Teller. Nun ging
die Tür auf, durch welche wir ein=
getreten waren, und es kam ein
Mann mit einem Fischkopf und
einem Fischschwanz herein, der hatte
eine große Trompete an dem Mund
und blies ganz laut hinein:

 

 

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„Tutteru, tutteru, tutteruttutu,
„Tutteru, tutteru, tutteruttutu!“
Das sollte heißen, jetzt kommt
was besonders Gutes zu essen. Es
dauerte auch nicht lange, so ka=
men Zwerge mit rothen Bärten
herein; jeder trug eine Schüssel, in
welcher merkwürdige Fische mit
Wolfsköpfen sich befanden. Solche
Fische mit Wolfsköpfen schwimmen
in dem großen Wasser, das man
das Meer nennt, und von dem in
dem Briefe an die liebe Ella geschrie=
ben steht. In der Feensprache heißen
diese Fische, welche sehr gut schmek=
ken:” Loups de mer a la menniere“. Die Fee=
chen bekamen von den Zwerglein die
Gräten herausgemacht, damit sie keine

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verschluckten. Hieran reihten sich nun
noch viele Speisen, die auf dem Spei=
sezettel aufgeschrieben sind, und
welche Dir die liebe Mama vorle=
sen und erklären kann. Zuletzt
aber kam noch etwas ganz besonders
Süßes und Gutes, von dem ich Dir
erzählen will. Es war das nämlich
ein großer Reispudding, wie wir
ihn auch schon zu Hause gehabt ha=
ben. Außerdem war er verziert mit
rothen Streifen aus Gelée und
darinnen saß ein rundes Marzi=
pankästchen. Der Pudding war sehr
schwer, er mußte von vier Män=
nern, die gelbe Röcke an hatten,
getragen werden. Der Feen On=
kel nahm ganz vorsichtig das

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Marzipankästchen heraus und stellte
es mitten auf den Tisch. Dann theil-
te er den süßen Reispudding, und
Jeder bekam ein tüchtiges Stück da-
von. Als der Pudding gegessen war,
freuten sich die Feechen ganz beson=
ders auf die beiden letzten Dinge
auf dem Speisezettel. Da auf ein=
mal gab der Feenonkel ein Zeichen,
indem er dreimal auf den Tisch
klopfte: da ging der Deckel des Mar=
zipankästchens auf, und es sprangen
zwölf feuerroth gekleidete Zwerglein
aus dem Kästchen, von denen jeder
eine Schüssel mit Confect und sü=
ßen Früchten trug. Das schmeckte
sehr gut. Hiermit war das seltle=
ne Mittagsmahl beendet. Nun gaben

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die vielen farbigen Vöglein das Zei=
chen zum Aufstehen, indem sie
folgendes schöne Lied sangen für
die kleinen Feenkindchen:
„Ihr habt nun gegessen und seid satt,
„Nun lobet Gott, der’s gegeben hat;
„Zur Feen Mama saget fein:
„Wir wollen recht brav und artig sein!“
„Daß Euch der liebe Gott recht liebt,
„Der alle Tage Speis Euch gibt“.
            Wir dankten nun der
Feen-Mama und dem Feen-Onkel
für alles Gute und wollten nach Hause
gehen, da es schon spät war. Da sag=
te die Feen-Mama: Erst müßt Ihr
mit mir in das Spielzimmer ge=
hen, wo die vielen Spielsachen auf=
gehoben sind, und müßt Jeder ein

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Kästchen voll für die liebe Bettina u.
die liebe Ella mitnehmen. Das tha=
ten wir dann auch. Als wir weggin=
gen riefen die Feenkinder:
            „Ade, ade, ade, ade, ade,
            „kommt wieder bald ins Land
                                                der Fee“
            Nun wanderten wir in
den Wald zu den hohlen Bäumen, leg=
ten die Ritterkleider aus Glas ab, zo=
gen unsere Reisekleider an, und eil=
ten, da es schon dunkel wurde, an
das große Wasser, um nach Hause
zu fahhren. Als wir wieder an das
Meer kamen, war das Schifflein nicht
mehr da und die Schwäne waren ja
in das Meer gefallen, wie ich der
lieben Ella geschrieben habe. Da hatten

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wir große Noth und wußten nicht,
was wir anfangen sollten, um nach
Hause zu kommen. Papa erinnerte
sich der Blume, welche er das Leben
geschenkt hatte, und ging zu ihr u.
fragte was man da thun sollte. Da
sprach die Blume:“Klatsche dreimal
in die Hände und rufe laut:
„Krippel, krappel, streif,
„Lieber Vogel  Greif,
„Wirle, wurle, waus,
„Bringen uns nach Haus“.
Die Blume schenkte mir dann noch
einige Blütchen für Dich und die gu=
te Ella. Die Blumen für Ella wur=
den derselben schon in meinem letz=
ten Briefe geschickt, die Blumen die
ich für Dich geschickt bekam, wirst

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wirst Du gewiß schon bewundert ha=
ben. Nun ging ich wieder an das
Ufer, wo Herr Blänsdorf stand, und gro=
ße Angst hatte, weil ich so lange fort=
geblieben war. Er freute sich sehr, als er mich
kommen sah. Ich klatschte sofort in die
Hände und rief aus was mir die
Blume gesagt hatte. Da kam aus der
Luft ein großer , großer Vogel mit
feurigen Augen heruntergeflogen, setz=
te sich vor uns und sagte:“Steigt nur
auf meinen Rücken und haltet Euch an
meinen Federn fest, ich fliege über das
Meer und bringe Euch nach Haus. Das
thaten wir, der Vogel flog hoch in die
Luft und setzte uns nach einer hal=
ben Stunde in den schönen Garten an

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unserem Hause nieder. Dem Vogel
schenkte Papa ein ganzes Brötchen,
das ihm sehr gut schmeckte. Papa
ging in sein Zimmer, um sich
zu Bette zu legen, weil er sehr
müde war. Papa schlief sehr gut u.
träumte eine hübsche neue Geschich=
te, welche unser lieber Albert nächs=
te Woche erhalten wird.
            Es grüßt Dich herzlichst
                Dein Dich innigst küssender
                                               
                                                Papa.

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            Liebes, gutes, goldiges Papachen!

 

                        So etwas schönes und
prachtvolles habe ich aber doch noch nie
erzählt bekommen und gehört als der
wundervolle Märchenbrief, den Du
mir gestern geschickt hast. Wärst
Du aber, liebes Papachen, nicht ein
so gar lieber Mann, den alle Leute
so gern haben, so dürftest Du auch nicht
das Alles sehen bei den Zwergen, was
doch gewiß noch kein einziger Mensch
auf der ganzen weiten Welt gese=
hen hat. Ja, die liebe Mama sagt es
aber auch immer, so einen guten

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Papa gibt es nicht mehr. Herr Bläns=
dorf kann sich schön freuen, daß er da
überall mitgehen darf, und bei dem
guten, feinen Essen durfte er sogar
neben dem Feenonkel sitzen; ich
hätte es gar zu gerne einmal zu=
sehen mögen, wie die vielen Zwerg=
lein und Feechen da gesessen haben,
und Du und der Herr Blänsdorf o=
ben drann. Das muß so ähnlich ge=
wesen sein, wie in dem Theater, wo
Du schon einmal mit mir warst;
da waren auch Zwerge, die haben in
den Bettchen gelegen. Kannst Du Dich
noch erinnern? Da hast Du mich gol=
diges Papachen immer auf Deinen
Schoß genommen, damit ich nur Al=
les gut sehen konnte. Als mir die

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liebe Mama vor dem Essen vorgele=
sen hat, das auf dem schönen Spei=
sezettel steht, da habe ich gleich ge=
sagt, so fein ist’s aber bei uns doch
noch nie gewesen, auch wenn wir
große Einladungen hatten, und ich und
die liebe Ella und Albert mitessen
durften. Einmal natürlichm das weiß
ich noch, da hat’s auch sogar Eispud=
ding gegeben, den ich am erst liebs=
ten esse, aber Zuckerdöschen mit Zwer=
gen (Confect) und gebackener Meerwolf-Fisch,
das muß doch noch besser schmecken.
Und was für ein prachtvoller Speise=
Zettel. Haben alle Feechen so einen
bekommen? Doch bald hätte ich ja
vergessen, Dir Deine Frage zu be=
antworten, wie viel Löffelchen, Tellerchen,

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Messerchen und Gäbelchen auf dem Ti=
sche waren, wenn vor jedem Tellerchen
ein Löffelchen, ein Messerchen und
ein Gäbelchen gelegen hat, und hun=
dert Feechen da gesessen haben. Das
brauch ich gar nicht einmal zu rech=
nen, so leicht ist es. Zusammen sind
es dreihundert Stück. Die liebe Mama
hat sich gewundert und gefreut, daß
ich es gleich gewußt habe; aber Du
hast mich doch so gut rechnen ge=
lernt, und da muß ich doch so etwas
Leichtes auch jetzt wissen. Das muß
aber auch prachtvoll gewesen sein, mit
den Vögelein, wie sie alle so schön ge=
sungen haben. Jetzt weiß ich doch,
wenn die Vöglein wieder singen, was
das heißen soll. Oder singen die Vöglein

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dorten anders wie hier? Wenn Du
wieder an den Baum kommst, wo
Du die schönen Kleider angezogen
hast, dann kannst Du mir vielleicht
auch eins davon mitbringen; der
Herr Blänsdorf  kann’s ja einpacken.
Vielleicht ist in dem großen Koffer
noch Platz. – Mein Versprechen, liebes,
goldiges Papachen, Dir Kätzchen zu
schicken, kann ich nicht halten, es
war die ganze Zeit so kalt, daß
dieselben nicht wachsen konnten,
jetzt ist aber schon die ganze Wo=
che dehr schönes Wetter, da war
ich viel spazieren mit der Dita,
aber kein Kätzchen finden können.
Doch etwas anderes habe ich für Dich,
ich glaube es wird Dir auch gefallen,

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es sind Schneeklöckchen und Veilchen.
Weiter gibt es hier noch nichts. Die
Blümchen die Du mir und der lie=
ben Ella geschickt hast, und wofür
ich Dir sehr schön danke, sind pracht=
voll, so schön gibt’s aber hier über=
haupt keine. Ellachen wollte Dir schon
die ganze Zeit schreiben, aber weil
sie doch in die Schule gehen muß, so
hat sie nicht so viel Zeit wie ich; sie
hat mir deshalb gesagt, ich soll Dir
schreiben, daß das Briefchen Samstag o=
der Sonntag fortgeschickt wird. Lie=
bes, gutes Papachen, ich besinne mich
schon den ganzen Tag, was ich Dir
noch schicken könnte; die liebe Ma=
ma sagt nämlich, es könnte nur
etwas ganz Kleines sein, da habe

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ich dann außer den Blümchen weiter
Nichts als kleine Bildchen, wovon
ich zwei schöne herausgesucht habe.
Wenn Du noch mehr davon haben
willst, so schicke ich sie im nächsten
Briefe. – Die liebe Mama hat mir
auch schon einmal erzählt, daß in
dem schönen Hause, wo Du jetzt wohnst,
zwei liebe Kinderchen sind. Ich wür=
de mich sehr freuen, wenn die Kin=
derchen uns einmal besuchen woll=
ten. Wir könnten dann so schön zu=
sammen spielen, die liebe Ella wä=
re auch dabei. Du weißt doch, ich
habe so viele Sachen und bis dahin
sind auch die in dem Koffer schon da,
die der Herr Blänsdorf alle einge=
packt hat. Ich bitte Dich daher, liebes

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Papachen, grüße die zwei lieben Kind=
derchen, und sage’s ihnen, daß sie
bald einmal zu uns kommen. Es
ist ja hier auch sehr schön; aber am
allerschönsten, wenn Du erst wieder
hier bist. Hoffentlich dauert’s jetzt
nicht mehr lange. Ich bin auch sehr
groß geworden, fast so groß wie die
Ella, und die liebe Mama sagt, doch
noch immer, ich wäre klein. Nun ich
will nur sehen, was Du meinst.
Also, lasse mich nicht mehr zu lan=
ge warten. Der guten Mama ha=
be ich’s schon oft gesagt, sie solle
Dir’s schreiben, denn sie schreibt Dir
doch jeden Morgen so viel; aber ich
glaube, sie hat’s nicht gethan. –
            Nun, mein herziges, goldiges

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Papachen, weiß ich aber wirklich
Nichts mehr. Ich wünsche Dir viel
Vergnügen, schönes Wetter, guten
Appetit, und sende Dir viele, viele
hunderttausend Grüße und Küs=
se, die Dir sagen sollen wie lieb
            Dich hat
                        Dein dankbares Töchterlein
                                        Bettinchen Stein