29111858_0203.jpg
29111858-01              Seite 1
 
                                                Wrzburg den 29ten November 1858
 
                        Mein lieber Stein!
 
Nicht länger als bis heute will ich zögern, Deinen äußerst
liebeswürdigen, schönen Brief de dat 22te d. Mts. zu beant-
worten, den ich so schön auf meinen jüngsten, schauder-
haften Brief nicht verdient hätte.- Ich wollte die gute
Gelegenheit, die sich mir durch unsere liebenswürdigen
Cousinen bot, nicht unbenützt vorübergehen lassen und
pfuschte so in der größten Eile ein paar Zeilen zusammen,
deren ich mich stets schämen muß.- Du sahst
nicht auf den Brief, sondern zu meiner Freude nur
auf meine Gesinnungen und so ist dies mein Trost auch
für diesen Brief, den ich nachts um 9 Uhr schreibe und
noch in den Schalter werfen will. Da ich nicht mehr
weiß, was ich mich in meinem jüngsten  geschmiert,
so entschuldige, wenn ich vielleicht mehr denn einen
Satz wiederhole. Meine Studien beschäftigen und
erfreuen mich derart, daß ich zum Briefschreiben
nur Nachts Zeit habe u. so muß ich in dieser Woche
wenigstens 6 Briefe noch schreiben, unter diesen
an Seeligsberg, der mir einen 8 Seiten starken, überaus
schönen Brief geschrieben, an Deuerling, meine Geschwister,
an die Schwägerinnen meines Leonhard und an Stud.
theol. Dusold(?), die mir sämtliche in der vorigen Woche
geschrieben haben. Da habe ich denn nun für 5 - 6

29111858-0203          
Seite 2

 

Nächte vollauf zu thun habe. Doch ist das eine

angenehme Beschäftigung, die stehts durch liebens-

würdige Antworten, die ich erhalte, belohnt wird. –

Bezüglich der geographischen(? Ansicht in Bezug auf

meine Entfernung von Altenkunstadt muß ich mich

dahin corregieren, daß ich nicht 40 Meilen, sondern

blos 40 Stunden entfernt bin, was sich also als einen

Schreibfehler, in der Eile hingekleckst, herausstellte.

Die l(ieben) Cousinen mußt Du entschuldigen, wenn

sie den Brief so lange zurückhielten, da ich ihnen

ausdrücklich sagte, ich würde des anderen Tage statt

dessen  einen anderen schreiben, sie sollten diesen ge-

legentlich abgeben. Du hast, wie Du mir schreibst,

jetzt die schönste Zeit. Verlobungen, Hochzeiten, Einlad-

ungen, Tanzunterhaltungen u.s.w. Ich habe wöchentlich

1 mal das Vergnügen in unserer Ruralgemeinde

zu kneipen, tanze nicht, wohne keinen Verlobungen

etc. bei und amesire (?) mich mit meinen. . . . . . .  . (?),

Privatrecht, Strafrecht, Zivilprozess u. quäle mich

mit dem Corpus juris. – Samstag war hier Harmodine(?)

Ball, auf dem nicht ein Corpsstudent(?) war, da

ihnen verboten wurde, farbige Mützen mit

in den Saal zu bringen.—Meinem Versprechen,

das ich einer Dame gegeben, gestern, tanzte ich

daselbst nicht eine Tour, trotzdem die schönsten Mädchen

wegen des Wegbleibens der Corpsstudenten(?) sitzen

geblieben. – Ich bedauere Dich, daß Fr. L. R. Dein

Gedicht so gleichgültig aufgenommen; doch Du hast es

29111858-0203           Seite 3

 

an ihr verschuldet. – Könnten wir uns einmal

mündlich darüber aussprechen. Von der

Schwägerin meines Leonhard, der liebenswürdigen

Rosa, erhielt ich vor meiner Abreise ein paar

prachtvolle gestickte Schuhe, die auch die l(ieben) Cousinen

bewunderten.—Gestern erhielt ich auch von ihr, als

Antwort auf einen Brief einige so liebenswürdige

Zeilen, wie ich sie nicht so schön u. fein erwartet hätte.

Deine Gedicht, das Du zur Hochzeit sandtest, war in der

That so schön, daß es Aller Bewunderung erregte.

Schicke mir dies in Abschrift, wenn Du es etwa nicht

auch für Verletzung des Berufsgeheimnisses hältst

Hinter meinem Rücken steht ein Plaggeist in der

Person des cand.philos. Höfner, der mich hindert,

Dir für heute mehr zu schreiben. Ich muß mit

ihm mit aller Gewalt Durst haben u. jetzt

um 10 Uhr noch in eine Kneipe gehen.

Laß mir das nicht entgelten, wende Deinen

Zorn gegen Höfner, (dies dictiert er mir in die

Feder) schreibe mir bald u. recht viel u. erwarte

darum (?) einen großen u. ausführlichen Brief von

                                    Deinem aufrichtigen Freund

                                          Heinr. Hahn  . . . . . . .(?) .

                                                                          D.C . . .(?? )

 

Grüße mir bestens Deine werten Angehörigen,

wie auch Hellmanns u. Ullmanns.

 

 

 


 

                                      Go to Pages 2 & 3