29061860_0104.jpg

29061860-0104 --- Seite 4

 

Herzen mußt Du Gott danken, daß er Dir einen solchen, nachstrebungs-

würdigen Freund geschenkt & die Erhaltung dieser Freundschaft muß

Dir eine vorzügliche Angelegenheit sein. – Und nun muß ich

Dir sagen, daß der Umstand, daß Dein Freund Kohn, von München

gekommen, in dem Briefe, welchen er an mich schrieb, Deine Studie

mit keiner Sylbe erwähnte, mich mit einer gewißen Beängstig-

ung erfüllt hat! Wie ich dessen entzündliche Natur kenne & in

Erinnerung der gewiß auch Dir noch in erhobendem Gedächtnisse

befindlicher Abschiedsfeier vom . . . . . . .  Herbste, hielt ich

es für unmöglich, daß, im Falle Du wirklich so ungeschickt

den Studien hingegeben wärst, als wir es damals alle in

heißen Wünschen aussprachen, Dein Freund dieses gegen mich

nicht hätte freudig aussprechen sollen! – Dieses Schweigen & das

Reden der Leute von Deinen schillernden Farben ließ mich

fürchten, daß Deine schilleridealistische Begeisterung für die

Vorhallen der Münchner Universität bei diesem Dich ver-

harren ließen, & die Freude am Tempel der Natur gewann(?) & im

Tempel der Wissenschaft beeinträchtigte! – Lieber, theurer

Sohn! ich, ich sollte Dir die Freude am Idealen nicht

gönnen? ich, dem man in der Philisterwelt so oft sein idealistisches

Streben vorwirft? Gott erhalte & segne Dir dieses Streben! –

Es ist gewiß so Nahe, als es in Heidelberg Deine Freude an der

herrlichen Natur gewesen! – Dein Streben, Dein Wille ist gut,

aber Du nimmst zuweilen den letzteren für die That – das ist

gefährlich! Der Talmud sagt einmal:“wer mitten im Stu-

dium begriffen ist & ausruht: wie schön ist dieser Traum! wie

herrlich ist dieses Gebäude! Der ist des Todes schuldig!“ Etwas

scharf ausgedrückt, aber trefflich die Pflicht bezeichnend,  über

das Ideale nicht das reale Wissen zu vernachlässigen. –

Daher vor Allem: lerne! Dein Lieblingsplan, die Medicin steht

Dir ja immer in Aussicht; Dein Freund Kohn strebt auch dahin. Vor der

Hand aber suche Dir durch das gründliche Studium der Natur-

wissenschaften, insbesondere der Chemie, die Möglichkeit Stehens

auf eigenen Füßen zu erringen. Doch genug für heute! Zum Schluß nur

noch die wiederholte Versicherung, daß Dein Brief uns herzliche

Freude gemacht hat, & somit sei innigst geküßt von Deinem

                                                treuen, Dich herzlich liebenden Vater

                                                                        Leopold Stein

29061860 – 0104 --- Seite 1

 

                                    Frankfurt a.M. 29. Juni 1660

 

Lieber Sigmund! Dein Brief war für Deine gute Mutter wie

für mich sehr erfreulich. Der männliche

Sinn, der sich darin ausspricht & die guten u. gesunden Grund-

sätze, welche derselbe enthält, erneuern & befestigen in

uns die Hoffnungen, die von Dir zu hegen, zu der

Krone unserer alt ehrlichen Freuden gehört & in denen

unterbrochen zu werden, deshalb für uns stets um so

schmerzlicher ist. Dazu hast Du uns leider zuweilen

Veranlassung gegeben, & auch mein jüngster Brief

darf Dir deshalb nicht ganz so rätselhaft erscheinen. –

 

Allein ich muß Dir Rechenschaft geben über denselben.

Hier ist sie. –

 

Was zunächst den Geldpunkt betrifft, so mußt Du be-

denken, daß es schmerzlich für uns ist, die wir jetzt

nun für Louis jährlich über fl. 400.- ausgeben müssen

& auch für Isaac, wie ich gar nicht anders erwarte,

Zahlungen haben werde (wir hörten seit 4 Monaten

gar nichts von ihm) – wenn auch Du, mit so bedeu-

tender Einnahme, uns ferner in Anspruch nehmen

wirst. Bereits haben wir fl. 40.- für Dich ausgegeben;

Deine Rechnung bei Hartheimer(?) ist unbezahlt – unter-

dessen machst Du unnöthige, immerhin kostspielige

Ausflüge & gehst – nicht in eine wissenschaftliche s.g. Ob-

scurenten-Gesellschaft, sondern in ein Studenten-

chorps(?), was jedenfalls Pflichten auferlegt, die,

wenn auch nur einiges, doch immer Geld kosten.

Wenn man selbstverschuldete Dinge, wie Du,

l. Sigmund, von Heidelberg her, gut zu machen

hat, so muß man möglichst zurückgezogen

leben. Einzelne Freunde, & zwar die besten, weil

sie die besseren unter den Studierenden sind,

page 4                                                         page 1

29061860_0203.jpg

Page 2                                                                                                                                                   Page 3

29061860-0203 --- Seite 2

 

finden sich immer zu uns, & da wahre Freunde gezählt

sein wollen, so habe ich auf zahlreiche oder gar unzählbare

nie viel gehalten. Dadurch bleibt man Herr

seiner Ausgaben; denn da das Nest der Studentenvereine

gewöhnlich in corpore „auszufliegen“ pflegt, so kann kann nicht ge-

sorgt werden wem die Flügel darnach gewachsen oder

wem die Federn früher schon ausgerupft worden sind.

Du wirst sehen, wenn Du glaubst, daß ich insbesondere

die Farben nicht mag, obwohl der Gedanke, daß Du, was

mir schmerzlich genug ist, nicht vom Gelde Deiner Eltern

studieren kannst, mir es sehr unangenehm machst, daß

Du in abzeichnenden Farben Dich der Welt zeigst, die

daraus ein Recht zieht, Dich mit anderen flotten Studenten

zusammen zu werfen, denen aber ihre Verhältnisse keine

Rücksicht zur Pflicht machen. Übrigens kann ich dieses von

hier aus nicht beurtheilen; ein tyranisches Machtgebot wirst

Du mir nicht zutrauen; allein meine Ansichten kennst Du, -

wenn man von Stiftungsgeldern studiert, muß man

möglichst wenig Aufsehen machen & möglichst einfach von

Spenden leben. Ich hatte fl. 50 Stipendium; ein Armuths-

zeugnis befreite mich von Zahlung der Collegiengeldern,

& in den ersten zwei Jahren in M. aß ich einmal in

der Woche für 2½ Kr. Mittag beim Käs - & Brod-Schuster!! –

Gott bewahre Dich von solchen Zuständen! und gelobt sei er,

daß mein Mahnen hier, bei viel Leiden & ungekannten

Kummer, wenigstens Dir zu statten kommt, daß Du

sorgenlos studieren kannst! Aber so groß ist Dein Ein-

kommen doch nicht, als daß Du nicht sorgsam damit zu Rathe

gehen müßtest. Du weißt, daß ich Dir, wenn billig & schuldig,

Deine Reisekosten zur Syn. Einweihung zahlen wollte; Du

hast solches abgelehnt, mit Entschiedenheit, denn Du scheinst

mit Geld voll versorgt. Umso überraschender mußte

es mir sein, Dich sofort von M. aus nach Geld schreiben

zu sehen. Da wäre es doch besser gewesen, Du hättest

es hier angenommen! Gerne schoß ich daher Deiner . . . . . .

. . . . . .  die für Dich bestimmt gewesenen fl. 30.- vor

29061860-0203 --- Seite 3

 

indem sei solches partout auf ihr Conto nehmen & es durch

Ersparnisse des volks . . . . . . & andere Wechsel auf den

lieben Gott sicher & gewiß abtragen würde. Herzlich gerne

habe ich Dir dann auch den Vorschuß von fl.50.- gestreckt, &

Du wirst es wohl mir in der Wallung des Herzens geschrie-

ben haben, daß ich mich jetzt, wo Du in solcher Ebbe watest,

bezahlt machen sollte. Demnach hast Du von mir jetzt

fl. 80.- bekommen; dazu fl.40.- Auslage für Kleider = fl. 120.-,

dazu die Rechnung von Hertheimer eventuell - - also

magst Du es nicht mehr rätselhaft finden, daß ich Dir über

die Sparsamkeit ein Privatissime gelesen habe! - -

 

Ich komme zum Zeitpunkt, resp. zu den Studien. Du erinnerst

Dich, daß Dein Nichtfrühaufstehen oft, auch während Deines

letzten Hierseins, zu unangenehme Szenen geführt hatte.

Da ich weiß, wie sehr Du uns liebst, wie viel Dir namentlich

daran liegt, mich froh & heiter zu sehen, da Du ferner

gesehen hast, wie viel, in der That bitteres einer Zeit

mir eingeschenkt hat, die mir den Kelch der Freude reichen

sollte & so durfte ich, in der gerechtfertigten Logik

schließen: wie tief muß die Neigung zur Trägheit, der

Mangel an Selbstüberwindung in meinem Sohn gewur-

zelt sein, wenn er seinem Vater in solcher Zeit einen

solchen Wunsch nicht zu befriedigen mag! – Dann hast

Du nur Zeuge sein lassen, wie Du zwei Monate faßt

gar nichts gethan hast. Ich dachte mir, dessen wäre

Dein Freund Kohn nicht fähig! – Solltest Du es bereuen

können, diesen ausgezeichneten Studenten, der mir

je vorgekommen ist, zum Freunde erworben zu

haben, weil er nur den Wunsch rege macht, Dein

Fleiß gleich dem seinigen? – Nimmermehr! Dann müßte ich Dich

nicht dafür halten, wofür ich Dich, obwohl ich weiß,

daß Du zuweilen der Aufstachelung bedarfst, immer

gehalten habe, nämlich für einen strebsamen Jüngling, dessen

Ehrgeiz auf höhere Dinge gerichtet ist. Nein! Im beruhigten

 

29061860_0104.jpg