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Altenkunstadt, 28. November 1858

 

Mit gehobenem, andächtigen Gefühle begrüße ich Dich,

... und geheiligter Sonntag! Aus der Tiefe meines Herzens stimme ich

Dir ein Lob- und Danklied an, Dir dem freundlichen Erlöser und Be-

freier von den Lasten und Nöthen der Woche! Du bist die erquickende

Ruhebank, die uns arme Erdenwürmlein gastlich zum Niedersitzen ladet,

nachdem wir uns sechs Tage auf der staubigen Heerstraße des Lebens

herumgewälzt. Das banale und triviale Treiben des Alltags-

Lebens ist Dir fremd und Du gibst uns Muse und Anregung zu

höheren Gefühlen, du pflanzest Ruhe und Frieden in die bewegteste

Brust, und umfängst Alles mit frommer Weihe. Mich speziell

befreist Du aus der drückenden Comptoirluft, und führst mich

heraus in den weiten Tempel der Natur oder weisest mich ins

stille Kämmerlein, mich da im Geiste der fernen Freunden zu

Nähern. Darum mehrmals Preis und Ehre, Ruhm und Dank Dir

O lieblicher, alles verschönender Tag!

                                     ==============

Bleibe hübsch ruhig sitzen, mein lieber Freund! Und fahre nicht

Entsetzt auf darob, daß ich, ein Sohn aus dem „auserwählten Volke

Gottes“, dem Sonntag ein solches Loblied singe! Es ist mir

gar wohl zu verzeihen, wenn man bedenkt, dass meine

Verhältnisse so beschaffen sind, mich vom Montag bis zum Samstag

nach ihm seufzen zu lassen, wenn man bedenkt, dass es der

einzige Tag ist, der mich aus dem Kothe der Markttagsbeschäftigung

herausführt, und mir Zeit gibt, mir und meinen Freuden zu leben!

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Bleibe aber auch wieder ruhig sitzen, wenn ich Dich ein
wenig schelte dafür, daß Du Dich bei mir entschuldigst
wegen der unordentlichen, wirren Schreibart Deines Briefes, da Du
es wagst, mir den freivelhaften Gedanken einzuflüstern, ihn, diesen
liebenswrdigen Brief zu vernichten. So Du Dich noch einmal eines
ähnliches Vergehens vermessen wirst, soll Dich meine allerhöchste Un-
gnade treffen. Ich weiß ja recht gut, daß meine Briefe, so ängst-
lich ich sie auch zusammenstopfele, so sehr ich mich auch mühe, ihnen
ein rechtschaffendes Ansehen zu verleihen, gegen die Deinen, die
Du spielend hinwirfst, unwürdige Machwerke sind.
"Weiß wohl, daß solch gelehrten Mann
Mein arm' Geschw
ätz nicht unterhalten kann",
oder so
ähnlich, sagt Gretchen. Weiß ichs ja auch recht wohl!
Schreib nur immer zu, was und wie Du willst, jedes Wort
ist mir lieb und recht, und schon deshalb, weils eben von Dir kommt.
                        Was Du mir an Rotschild aufgetragen, habe ich be-
sorgt, es sei ihm unmöglich gewesen, mehr zu Euch zu kommen.-
Die liebliche Blauugige sah ich gestern, ohne sie zu sprechen;
ich glaube eine tiefe Röthe auf ihrem Antlitze bemerkt zu haben,
eine Röthe die ihr weniger mein Anblick, als die durch diesen
erregte(?) Erinnerung an Dich hervorgejagt haben mag.
Ich hätte schier Lust, Dir wegen der Bemerkung ber Dein
früheres und späteres Verhältnis zu ihr, über die Reue, die in Dir
aufgestiegen, sie genarrt zu haben, einen tüchtigen Schweine-
hund zu blasen. Was sind das für Reden? Sie möchten
sich für einen sentimentalen, thrumerischen Jüngling mit
lockigen Haaren wohl schicken, für den Stein, für den
 
 
 
Bemerkung:  Dieser Brief wurde von Moritz Seeligsberg an
                      Stein geschrieben.

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Siegmund Don Juan, wie Du Dich mit Recht selbst nennst,
passen sie nimmermehr.Es fehlte nur noch, Du schreibst einen
recht rührigen Brief, bätest darin in den devotesten Ausdrcken
um  ...volle (?) Verzeihung, nachdem Du Dich als reuigen Sünder hin-
gestellt, schiebest die Schuld auf uns dann wäre das Lied
gar fertig! Sei stolzer; die Höflichkeit und den Dank, den Du
der Familie Rothschild schuldest, brauchst Du ja deshalb nicht
zu verletzen!
                        Glück auf zu der neuen Eroberung der schon lang
Eroberten! Doch wozu Euch Glück wünschen? Ihr, meine
Freunde, seid ja so glückliche Menschen, da Ihr Lust und
Gefallen an den Schönen findet, da ihre Huld Euch ergötzet
und Ihr Euch den wunderlichsten Launen mit niemurrender
Geduld füget! Wie anders ich! Wahrlich, ich bin in
meinem dreijärigen Alleinsein eine Art von Philosoph ge-
worden und habe gelernt ber solch' läppische Dinge lächelnd (?)
hinwegzublicken. Ich wiederhole, da nur die Furcht, nie
das zu finden, was ich suche, mich abgehalten, gleich Euch,
den Kammerherrendienst in Frau Venus Vorzimmer
auszu üben. Ich habe mir in meiner . . . . . . heit(?) ein
Ideal von einem Weibe geschnitzt,und Alle die ich bis jetzt
gesehen, sind ihm so wenige nahe gekommen, daß ich, ent-
muthigt, gar nicht weiter zu blicken wage. Immerhin
bin ich klug genug, um zu glauben, daß die Zeit mich wohl noch
vom hohen(?) Kothurne(??) dieser einfältigen Idee in den
schlichten Alltagsstiefel zwängen wird; solange ich aber mit
meinen Stelzen umher schreiten kann, werde ichs thun.

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Von Heinrich hatte ich erst nach Dir Brief, die

Art, in der ich mich über seine Saumseligkeit be-

klagt, hat er etwas allzuzart aufgenommen und dadurch

eine kleine Differung zwischen uns herbeigeführt, die

jedoch in diesem Augenblicke schon wieder beigelegt ist.

Meine Abende verbringe ich in der Regel an Gambrinus

Quelle, die leichte Unterhaltung, die da geführt wird, zer-

streut mich, und ich vergesse auf kurze Zeit die beschweren

Sorgen, die das Leiden meiner Marie noch immer

verursacht.

An die Ruralgemeinde in Würzburg habe

ich ein Fässchen Culmbacher Stoffes gesandt, wofür mir

eine Freude Adresse, des heitersten Inhalts, vom Ge-

neindeausschusse übersandt wurde.

Es ist sonst meine Art nicht, die Kürze

meiner Briefe durch Ausreden zu entschuldigen, heute

muß ich’s tun, indem ich wirklich noch an Deuerling

nach München und an Harzfelder nach Würzburg zu

schreiben habe.

Adieu, sei überzeugt, dass Dich innig

und aufrichtig liebt und verehrt

Dein braver

Moritz Seeligsberg

 

Kahns erwidern Deine Grüße aufs Beste.

 


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