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Theurer Sigmund!

Du hast ein Recht, über uns böse zu sein, denn Du hast auf

[hebr.] Schabbat keinen Brief bekommen. Es hat daran, daß dieser

[hebr.] Schabbat-Gruß Dir nicht zugekommen, der Freitagabend schuld,

nicht der gefeierte, sondern der vorbereitete,

da mir am Freitag das Manuscript ordnen, ist mein

manuscriptum an Dich, lieber Sohn, in die Bruehe

gekommen. – Übrigens geht der F.A. seinen guten, schönen

Gang; es ist eine wahre Wohlthat, daß ich den

Mann, der sich auf die gestochenen(?)Formen auf der

„Rentlech“ (?) besser versteht als auf die zu druckende

der deutschen Sprache, los habe.

[Hebr. ] Har'chek min Ha'ki'ur u'min ha'do'me lo

Entferne Dich von dem was hesslisch ist, sowie von dem was so scheinen kann


Laß Dir diesen Satz, ohne seine Veranlassung zu er-

wähnen, von Hrn. Dr. Imkendorfer/Reckendorfer(?) übersetzen, welchen ich

bestens grüße & um Mittheilung für den F.A. bitte.-

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Wie geht es mit Deinen Studien? – Ich wünschte, daß Du den

Unterricht des Hrn. Dr. R. & den Berath von Profess.

Weil(?) benutzest, um tüchtig arabisch zu lernen. Privat-

fleiß ist & bleibt auf der Universität die Hauptsache;

das ist ihre goldene Freiheit, daß man keinen Dränger

hinter sich hat, sondern nur einen in sich, den Trieb

und Durst nach Wissen! Die alten Sprachen darfst

& wirst Du dabei auch nicht vernachlässigen; jeden

Tag, aber pünktlich, wenn auch nur eine halbe

Stunde griechisch & eine halbe Stunde latein lesen, das

fördert. Im Hebräischen bezeichnet man dieses –

wieder etwas für Hrn. R.’s Assitenz! – mit:

„(hebräische Worte) "ko've'a i'tim la'to'ra" = legt fest die Zeiten zum Studium der Totah = sein“. -

Wie es mit meiner Schweizer-Reise wird – Gott weiß es. –

Dr. Neubürger drängt darauf – aber die Syna-

goge? Sie wollen es auf (hebräisches Wort) Rosh Haschana = Neujahr noch

fertig bringen – Glaub nicht daran! – Dabei ist ein

neuer Conflict mit unserem Halt- & prinzipien-

losen Vorstand vor der Theure. Denkt nur

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Sie haben endliche Reformen, welche die liturggy

Commission mit mir nach zweijähriger Mühe, ver-

einbart, genehmigt, aber gedruckt sollen sie nicht

werden, sondern in die stille Andacht verwiesen –

während sie doch kein Mensch kennt! – Ist Dir noch

eine solche Halb – oder vielmehr Achtelheit vorge-

kommen? Barer Unsinn! – Meine kleine Reise

nach Würzburg hat mir erlatante (?) Freude ge-

macht! – Lieber Junge! das waren herr-

liche Tage! – Wieder für Hrn. R! –

(hebräische Worte) "Meishein Olam ha'ba"
= so wie die naechste Welt !

Solche Tage wünsche ich Dir, mit solchen himmli-

schen Jugenderinnerungen, auch nach dreißig

Jahren zu feiern –

(hebr) "im yir'tse ha'shem, amen" =

Wenn Gott es wollen wird - Amen!


Nun, das wirst Du alleine fertig bringen! –

Lobrecht(?) von Niederwerren(?) war auch

da, der brave Kerl! – Neuermann war göttlich –

vergnügt – witzig & höchst liebenswürdig! -

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Dr. Rosenthal & Hatzfeld wichen nicht von uns,

ebenso waren unsere l(ieben) Anverwandten,

in deren Gasthof (Kronprinzen) ich superb und

. . . . . . . . - billigst logierte, stets in der lustigen

Compagnie. – Mit Issaak ist’s fest der geht,

so G. will, Anfangs Sept. – mit dem Vetter

Wertheimer nach Amerika – ist gut für ihn

& für uns! – Er freut sich auf hierüber, was

mir jedenfalls angenehm ist. – Die hol...... .

Evenemant (?) werden gewiß auch

Dich in große Theilnahme &

Erregung versetzen wir lernen

(zwei Zeilen hebräische Worte) : Elohin sho'fet
ze yash'pil ve'ze ia'rim

Gott beurteilt

Der wird erniedrigt, und der wird erhoben!


Hierüber frage keinen Professor, denn sie sind

gewöhnlich reactionär(r)isch(?) oesterreichisch ! –

Ich schreibe im Garten & sage Dir von allen

unseren Lieben herzl. Grüße.


Fft. 29.6.59         Dein Dich zärtlich liebender Vater

                                                           Leop. Stein


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