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                                                                  Heidelberg, 27. Oct. 1859

                                    Bester Freund!

 

Hätte ich nicht die beiden Rapieren mit dem bekannten

L.Th.St. auf Deinem lieben Schreiben bemerkt,

ich würde es wahrscheinlich nicht angenommen haben, da

Du es in Deiner übergroßen Liebenswürdigkeit

an einen Doctor Joh. L. Cohn adressiert hattest, ein

solcher aber Friedrichstraße 11 meines Wissens

nicht wohnt. – Doch nun, es ist da, und das freut mich

überaus, da ich jetzt sehe, daß Du, geliebter Freund,

trotz unserer räumlichen Trennung doch mit mir

verkehren willst u. das alte Sprichwort, „aus den

Augen aus dem Sinn“, als ein von uns nicht gelten-

des betrachtest. Du siehst, daß ich sofort antworte,

obgleich ich wahrhaftig jetzt täglich mir nur noch drei

Minuten Zeit zum Athmen, vier zum Essen

und 10 zum Spatzierengehen gönne. Du mußt näm-

lich wissen, daß sämtliche Collegia bereits in der

vorigen Woche begonnen haben u. unsere Professor-

ren nicht so faules Volk, wie die Herren Münch-
ner sind. –

 

Daß Du Dich in Nürnberg nur kurze Zeit aufhiel-

test, thut mir recht leid, da Du gewiß bei Deinen

l. Verwandten eine so wohlthuende Aufnahme

gefunden, als ich in dem Hause der lieben Dein-

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igen. Besonders wurmt es mich nun, daß ich

gerade Schuld daran habe, daß Dein Herr Vater

Dich antrieb, baldmöglichst nach Nürnberg zu gehen,

da ich voraussetze, daß die Collegia überall noch

im Oct. beginnen, mich konnte mir in der That nicht

vorstellen, daß die Münchner so lange zögern.

Du kennst mich jedoch, wie ich hoffe, so gut, daß

Du wohl nicht gleuben wirst, ich hätte blos um

Deinen Herrn Vater vielleicht nach dem Mun-

de zu reden, gerathen, daß Du bald auf die Uni-

versität gehen möchtest, - nein, nein, es war

mein aufrichtigster Freundeswunsch, daß Du

den Beginn der großen Vorlesung von Liebig nicht

versäumen mögest. Denn die Grundbegriffe

der Chemie
gut zu regieren(?), ist das Wichtigste; wenn Du

diese nicht genau kennst, wird Dir das ganze Be........-

bände der Chemie unklar sein. Also aus ganz

reinem, warmen Interesse für Dich rath

ich zur Eile. Unter seltsamen Umständen aber

bedauere ich recht herzlich, daß Du Nürnberg, in dem,

wie ich aus Deinen Zeilen hereauslesen zu können

glaube, Du ein Mädchen gefunden haben mußt,

daß Dich ganz entzückt, so schnell verlassen mußtest.

Aber hättest Du nicht Deinen l. Vater die Sache

auseinandersetzen können? Freund, Bruder,

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laß mich einmal ganz frei reden, nimm es mir

nicht übel, wenn ich in etwas herben Worten

Dir einen Vorwurf machen muß, aber als

Dein aufrichtiger Freund kann ich Dir nur sagen:

So, wie Du es in letzter Zeit gethan, kann

u. darf sich kein Sohn gegen seine Eltern beneh-

men! Ich kenne Dein Herz viel zu gut, als

daß ich voraussetzen sollte, daß Du mit Hohn

u. Spott diese Zeilen, in denen ein entfern-

ter Freund die Moralpredigt, bei Seite

legtest u. mich vielleicht ob dessen verlachtest

nein, nein, Du wirst mir Gehör schenken,

mir, von dem Du überzeugt sein kannst, daß

ich Dir gewiß nur stets zu Deinem Allerbes-

ten rathen werde. Ich beschwöre Dich, Sig-

mund, bei allen was Dir im Leben werth

u. theuer ist, bei unserer Freundschaft beschwöre

ich Dich: Schlage einen anderen Ton gegen

die Deinigen an! Thue es um Deiner selbst

Willen, thue es wenigstens um meinet-

willen! Freund, ich würde mich ja schämen,

noch einmal Dein elterliches Haus zu betre-

ten, wenn ich wüßte, daß diese wahrlich

nicht in eine so ausgezeichnete Familie wie

die Deine, gaffende Verhältniss zwischen Dir

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u. den Deinen noch bestände. Du mußt ja nicht

vergessen, daß Du nur der Sohn bist, der ja sei-

nen Eltern für die manichfachen (?) Qualen

u. Mühsale der Erziehung wenigstens durch

den unbedingten Gehorsam Freude zu

machen streben mußt. Sigismund, Du ahnst

gar nicht, wie namenlos Dich Deine Eltern

lieben, ich weiß es, ich habe oft mit Deinen

theuren Eltern über Dich gesprochen, ich habe

stets, so oft sie sich gegen mich über Dein

Benehmen beklagten, Deine Parthei ergrif-

fen, Dich sets in Schutz genommen, aber ich

nahm es mir auch fest vor, wenn

ich mit Dir einmal allein . . .reihen (?) werde,

(und dieser Augenblick ist jetzt gekommen) mit

allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln

Dich zu warnen, auf dieser Straße weiter

zu gehen. Solche Eltern, wie Du sie hast, muß

man sich auf alle Art hätscheln (?), - gestatte

mir dieses heimische Wort, es it so innig – von

den Augen mußt Du ihnen ablesen, womit

Du ihnen Freude machen kannst; sie haben ja jetzt

weiter kein Ziel u. keinen Zurück mehr, als ihre

Kinder in jeder Hinsicht gediehen(?) zu haben, die

eigentlichen Lebensgenüsse sind ja für sie

 

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                                                                      ***

in diesen Tagen per x band eine klare Schrift

über das Jubelfest. Bei allen Festlichkeiten, die

Du daselbst angeführt finden wirst, war ich

als Ehrengast zugegen, selbst bei der Extrafahrt

nach Fürstenstein, die der Oberbürgermeister,

eine furchtbare Rosche(?) gab. Ich bedenke

5 Tage u. 5 Nächte u. war daher am sechsten so

müde, daß ich von nachmittag 3 Uhr bis den andern

Morgen 9 Uhr en suite schlief.

Kaum hatte ich mich ein wenig von den Strapazen

der Comitégeschäfte erholt, so mußte ich an den

Vorbereitungen zu einem Vortrag denken,

den ich über das Mikroskop im Handwerkerverein

mit Demonstrationen zu halten aufgefordert worden war.

Ich lege Dir einen kleinen Bericht über denselben

aus der breslauer Zeitung bei. Dr. Lange kennst Du

doch noch aus Heidelberg u. Stud. Jacobson ist der

berühmte Verfasser des chemischen Witzgedichtes:

„Der Reaktionär in d. Westentasche“ Sollte Dir

diese reizende Analyse in . . . . . . . (?) nicht bekannt

sein, so schreibe es mir u. ich schicke Dir ein Exemplar.

Jetzt erscheint von Jacobson ein noch schöneres

Buch: „Zum . . . . . .    . . . . copicum ?“, oder die

Wunder der Harnanalyse für Strang . . .iker (?)

. . . . . . . . .  u. solche, die es werden wollen. Dein

Lehrer Prof. Vogel wird darin schmählich gemacht.

Jacobsen ist in diesem . . . . . . .  der . . . . . .  wirklich

genial; er ist so arm, daß er nur von dem Ertrag

dieser Broschüre (?) von dem die einen allerdings jetzt

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bereits in vierter Auflage erscheint, lebt und studiert.

Er ist kein Jude, aber Wertglind (?) der Dekantire (?),

die auch jetzt Linge (?) aufgenommen hat.

Meine Eltern warten seit Ende Juli im Seebad

Zoppot bei Danzig mit meinen Schwestern;

dort verlobte sich meine zweite Schwester Flora

mit Herrn Moritz Kühne aus Danzig, einem

Cousin meines Schwagers E. Hirsch. Gestern

sind nun die Meinigen wieder hierher zurück-

gekehrt u. es gibt viel Leben im Hause.

Allein ich muß jetzt den verbummelten Sommer nachholen,

ich arbeite fleißig  u. habe, um meine Kräfte nicht

zu sehr zu zersplittern, eine große Abhandlung

begonnen, über die ich hoffe, Dir im künftigen

Jahre erfreuliche Mittheilung (?) machen zu können.

Anfang Oct. werde ich meine Schwester Lina

in Danzig besuchen u. bei dieser Angelegenheit Zeuge

der Krönung in Königsberg zu sein. Wenn

ich nur . . . . . .  nicht  dort nobilisiert würde! Man

ist wahrhaftig nicht mehr sicher!

So viel über mein Leben u. Treiben seit Neujahr,

das Dir ja sicher den Beweis geliefert, daß ich an

meinem Stillschweigen sehr unschuldig gewesen.

Nun, alter Junge, zunächst meinen aufrichtigsten

Dank für Deine Gratulation zu meinem Geburts-

tage, so wie für die Schnadahüpflen u. die beiden

Originalbriefe, welche letzteren namentlich mir

sehr viel Freude machen; alsdann aber meine

Gegengratulation als College. Ich glaube, Du hast

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gut daran gethan, zur Medicin überzugehen;

bleibe aber jetzt . . . . . . . . . ihr Jünger und

werde nicht gar schließlich noch . . . . . . . ! Den Nutzen

der Chemie wirst Du wohl schon schätzen gelernt

haben, laß sie ja nicht ganz liegen! Da Du Dich

gerade der Chirurgie zuneigst, so möchte ich Dir den

aufrichtigen Rath geben, nach Breslau auf ein

Semester zu kommen, wo der geniale Middeldorp (?)

der Erfinder der Galvanokanostik, die chirurgische

Klinik leitet. Auch Leberts & Betsohler sind tüch-

tige Männer. Ich werde noch diesen Winter hier,

nächsten Sommer in Wien und nächsten Winter in

Berlin studieren, wo ich Dich sicher zu treffen

hoffe u. wo ich meine lange akadem. Laufbahn

abschließen will.

An Deine lieben Eltern u. Frl. Thea habe ich vorge-

stern geschrieben; ich wünsche, daß die Lehrthätig-

keit Deinen H. Vater erfreulicher sein möge,

als das Rabbinat. Ich hoffe, daß Deine Frl. Schwestern

schon wieder in Ffurt sich befinden u. wohl sind.

Du wünscht J . . illers(?) Adresse. Ja, wenn ich die

wüßte. Ich schrieb ihm das letzte Mal im Juli, da

wohnte er hótel des e’trangers, rue Racine 2.

Inzwischen hat ihn sein Vater besucht u. dieser erzählte

seinem Bruder, daß J . . iller(?) jetzt im Leivre oder Levre

oder Laivre (ich weiß nicht), einem kleinen Orte

bei Paris, als Volontair in einer chem. Fabrik

unter gekommen sei. Die Adresse weiß ich nicht,

er soll noch an mich schreiben.

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Hast Du passenden Umgang? Ist Tohuber (?) und

Rankenberg noch in München? Was macht H. Dr. Neu-

hoefer? Dürfte ich Dich um seine Adresse bitten? Er

hatte die Güte mir im Nov. vor. Jahres ein äußerst

schmeichelhaftes Schreiben als Antwort auf meine

Dissertation zu senden, ein Schreiben, das mir

mehr Artigkeiten sagt, als ich verdiene. Ich konnte

dem Herrn Dr. noch nicht antworten, da ich keine

Adresse kannte. – Riss(?) ist munter, studiert in Zürich,

mein Schwager u. meine Schwester sprachen ihn dort,

u. . . . . . . . . meine klaren Schild (?) bei ihm. –

Meine Dekandenfreunde (?) sind faßt alle jetzt im Amt

in München. Littorkow (?) ist pr. Arzt in Grabow,

Sander (?) ist Frauenarzt in Liegburg(?) Köbner ist hier

pr. Arzt, Landsberg vel (?) Rano ist Militärarzt in

Posen, Lagneur ist Assistenzarzt bei Graefe in Ber-

lin; nur die Chemiker Lange u. Epstein suchen noch

eine Stellung.

Nun, theuerster Freund, herzlichen Gruß und

Kuß u. die Versicherung meiner innigsten

Freundschaft. Schreibe, sobald es Dir Deine

Zeit erlaubt Deinem

                                           Hermann

 

            Prosit Neujahr!

Herrn Dr. Neuhofer einstweilen meine Empfehlung.

 *** Newspaper cutting:

Breslau, 22 Aug. [1859] Die gestrige Abend-

Versammlung wurde durch den sehr intertessanten Vorrag Hern. Dr. Cohn’s

Ueber Mikroskope, welche die Vorzeigung einiger solcher Apparate nebst

Einer Reihe mikroskopischer Praeparate begleitete, ausgefuellt. Der Vortrag

Wurde mit grossem Beifall angenommen und die Tische, worauf he. Dr.

Cohn, unterstuetzt von hrn. Dr. Lange und hrn. Dr. Stud. Jacobsen die Beschauun-

gen leitete, waren aufslebhafteste bis lange nach 10 Uhr von Schaulustigen

umdrangt. – Ausserdem machte der Stellvertredende Vorsitzende einige Mit-

theilungen besonders auf die Beschluesse der letzten Repraesentanten-Veramm-

lung (vergl. Unser letztes Referat) aufmerksam. – Sonnabend dem 24. Findet

keine Versammlung, Sonntag den 26. Abends bei Pietsch geselliger

Abend statt.