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                                    26.6.61

 

Lieber Sigmund! Beifolgend sende ich Dir mein

curiculum vitae; Du wirst mir zu geben,

daß nachdem ich den Schülerschuh bereits

30 Jahre vertreten, es genug ist, noch soviel

Latein aus uns alten Kopf heraus zu-

schlagen. Zu jeder Correcturae und Ame-

liorationi gebe ich Dir ex animo voll-

kommen veniam dicendi atque docendi. –

Ich will mich noch nach Göttingen wenden &

werde zu diesem Behufe auch an Professor

Möhler schreiben, dessen Name durch den

Begründer unserer „Gesellschaft“ hier

verewigt ist, daß er uns Sohn unter-

stütze. An den Decan Nipperdag werde

ich das specifische Gesuch richten & als

Dissertations-Arbeit mein „Keser-Mal-

chuss“, das eine lange Vorrede, resp.

Abhandlung über jüd. Sternkunde & Astro-

logie, mit sehr interessanten Notizen, ent-

hält -  beilegen. Ich hoffe man wird

mich nicht weiter quälen. Sende mir

das curriculum umgehend zurück,

                                                   denn

 

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ich darf jetzt nicht länger säumen voran-

zugehen. Das Institut mußten wir errichten –

es ist besser, Dasselbe geht auf meinen Namen

in die Welt raus, als auf Thea’s , & für

diese ist es unbedingt nöthig, da sie 20 Jahre

zählt & die Männer, welche „magnanim“ Mädchen

ohne Heirathsgut nehmen, sind sehr selten, jeden-

falls kann man nicht auf sie warten. Und ich

muß für unsere Töchter sorgen. Bis einer meiner

Söhne ein mal so weit sein wird, mitzusorgen, könnten

sie alt & grau werden. – Bereits ehe Dein de-

taillierter Brief – zu welchem Du sehr lange Zeit ge-

braucht hast – hiere eintraf, hatte der Vorstand

beschlossen, die Rabbiner-Stelle auszuschreiben. Uebri-

gens kannst Du ruhig sein; wir werden unser

Institut mit bequemem Uebergang einrichten können,

denn die Besetzung der Stelle wird einige Mühe

verursachen. Was ich, nachdem ich bereits soviel

nachgegeben, in Ehren nachgeben kann, kannst Du

versichert sein, werde ich thun. Je  . . . . . . . , mit(?)

in directem Widerspruch mit meiner Schrift, nach-

geben wirst, sollst Du, als so frühzeitig practischer

Mann, nicht von mir verlangen. – Was ich von Dir ver-

lange ist, daß Du nicht Partei gegen mich er-

 

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greifest. Der Herr Präses Ulmann, der vor

Pfingsten bei mir war & mir nichts weniger

zumuthede, als meine . . . . . . . . pure zurück zu nehmen,

resp. er wolle mir das betr. Schreiben gnädigst zurück-

geben – fragte mich unter Anderem: „ist denn auch Ihr

Sohn mit Ihnen einverstanden?“ Du kannst Dir vorstellen,

welches bittere Gefühl mir diese Frage verursachte, &

ich mußte erwiedern:“ mehr als der Sohn fühlt mit

Einem die Frau, & uns Frau, die uns bisheriges Leiden

tief mitempfunden, ist vollständig eines Sinnes mit mir“. –

Was ich weiter von Dir erbitte, ist, wenn es Deine

Studien erlauben, einige kleine Artikel über den

Gegenstand zu schreiben, deren Quintessenz ist,

daß ich die Stelle noch profisorisch verwalte & Hoff-

nung zur Ausgleichung immer noch da ist. Zweck: damit

nicht sonst ein Anderer die Stelle annehmen kann. Die

Blätter mögen sein: Der . . . . . . .(?) , v.& f. D(?), & besonders

die allg. Zeit. Ich glaube, daß es sehr gut sein

würde, wenn Du selbst nach Augsburg gereist & mit

der Redaction sprächest. – Wie steht es mit Deiner

Kasse? & soll ich wieder für Dich an Gutmann be-

zahlen? wann & wie viel? – Herr Horkheimer  hat die

Rechnung für Dich gesandt – soll ich bezahlen – ganz –

halb – gar nicht? Von unserer l. Thea empfangen

 

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wir herrliche Briefe – Gott wird sie gewiß

segnen & beschützen – sie ist, Dir nicht zu nahe

getreten, unser herzigstes Kind. Was ihr noch

an Beherrschung des Gemüthes fehlt, dazu wird der

herrliche Aufenthalt in H. gewiß . . . . . . .   . . . . . . .

beitragen. – Ich werde diesen Sommer nicht

reisen; meine Reise aus der Synagoge in die

Schule ist Reise genug. Hast Du Dich bereits

für eine Universität entschieden, wohin

Du im Winter gehen wirst? – Sonntag war

ein . . . . . . . . . . der R.G (Religionsgemeinde), in Berlin bei mir,

der mir wiederholt, und unter sehr günstigen

d.h. in Sigmundart pecuniären – Bedingungen

die dortige Stelle angeboten. Da mir aber die

principiellen Erbensbedingungen höher stehen, so habe

ich ihn mit sehr geringen Hoffnungen entlassen. Jeden-

falls bin ich entschlossen, keine andere Stelle anzu-

nehmen, bis die hiesige besetzt ist. Ich darf das Terrain

nicht preisgeben. -  Schimpf & Schande regnet’s auf Deinen

Vater in den hiesigen soi-disant liberalen Blättern. Thea

fragt, ob noch Niemand für mich geschrieben? – armes

Kind! Wer soll für Deinen Vater schreiben! Adios,

l. Sohn! Gott behalte Dich in seinem Schutz, . . . . .

. . . . . .  innigsten Gebete Deines Dich innig liebenden Vaters

                                                Leop. Stein

 

Mutter & Geschwister grüßen herzlich.