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                                                            Heidelberg, 25. Aug. 1859

 

Hochgeehrter Herr Doktor!

 

Genehmigen Sie, hochzuverehren-

der Herr, Daß ich nochmals Ihnen

meinen ergebensten und tief-

gefühltesten Dank ausspreche

für die so liebevolle und so herz-

liche Aufnahme, die Sie mir in

Ihrem Hause bereitet. Es war

mir nicht nur vergönnt, Ihre be-

lehrende und interessante Unter-

haltungmehrere Tage zu genießen;

auch einen Blick in das innige

Zusammenleben zu thun, das un-

ter den Gliedern Ihrer lieben

Familie herrscht, gestatteten Sie

mir. All die süßen Erinnerungen

an das ferne theure Elternhaus
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wurden auf das Lebhafteste in mir

wach gerufen, als ich die schönen

patriarchalischen Einrichtungen,

den frommen, hingebenden und

liebenswürdigen Ton in Ihrer

werthen Familie fand, jenen Ton

der in so grellem Contraste steht

mit der eisigen Kälte, welche dem

Freunde(n) den Gedanken, daß er in

der Fremde ist, oft recht fühlbar

macht. Gestatten Sie mir daher aus-

zusprechen: Ich fühlte mich heimisch

bei Ihnen und so wenig ich zu mein-

ne Heimat vergessen werede, so un-

auslöschlich wird die Erinnerung an

die herrlichen Tage, an denen mir

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die Thore Ihres gastlichen Hauses

geöffnet waren, in  mir bleiben.

Nur das Bewußtsein, wie wenig

ich Ihre freundliche Aufnahme ver-

dient habe, wird stets die Erinnerung

an meinen Aufenthalt in Ihrem

Familienkreise trüben, und nur

die freudige Hoffnung, daß mir

und den Meinigen irgendwann

und irgendwo wird Gelegenheit ge-

boten werden, die große Schuld des

Dankes, zu dem Sie, hochgeehrter Herr,

mich verpflichtet, zum Theile wenig-

stens abzutragen, mildert dieses Ge-

fühl ein wenig.

            Mit größtem Vergnügen hätte
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ich bereits heut den kleinen Ar-

tikel über Herrn Prof. Cohn nie-

dergeschrieben, wenn nicht aller-

lei unangenehme Besorgungen

und Gänge, wie Aufsuchung einer

Wohnung u. dgl., gewissermaßen

das Kleingewehrfeuer, mit dem der

junge Mann zu kämpfen hat,, mich

den ganzen heutigen Tag von wis-

senschaftlichen Arbeiten zu der Art

zurückgehalten hätten. Ich bin da-

her so frei, Ihnen die Abhandlung

künftige Woche zu senden.-

            Indem ich nochmals meinen er-

gebenen Dank ausspreche, zeichne ich

                                    hochachtungsvoll

                                    Joh. L. Cohn