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Altenkunstadt den 24ten August 1858

 

 

Mein lieber Stein!

 

Vor Allem sollte meine Entschuldigung darüber, dass

ich der Verlobungsanzeige meines l. Leonhard

nicht einige Worte an Dich, mein Lieber,

beigefügt, folgen, wenn Du in Deinem mir

so lieben Briefe den Grund nicht selbst schon

eingesehen hättest. – Du bist nun jedenfalls

in Deiner alten Ordnung, studierst fleißig

und denkst vielleicht kaum mehr an die

Altenkunstädter, während wird fortwährend

unseren l. Sigmund, dazu so vielen vergnügten

Tagen und Abenden uns Veranlassung

gab, bei uns wünschten. Doch wozu jetzt

diese Wünsche! Interessantes will ich Dir

mittheilen, da dich jedenfalls das, was in

Altenkunstadt oder wenigstens in Burgkunstadt

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vorgeht, interessieren dürfte. Durch die

Verlobung meines Bruders, der ein

allerliebstes Weibchen bekommt, war

ich in letzter Zeit sehr in Anspruch

genommen, da ich die Correspondenz

besorgen und in Abwesenheit des Leonh.,

der fast mehr bei seiner Braut in

Lichtenfels als in Altenkunstadt ist, den

Haushüter machen musste. Aus diesem

Grund war ich seit Deiner Abwesenheit

blos 3mal in Bgksdt, darunter

einmal im Hause Deiner l. Lina

(nicht „meiner“, wie Du fälschlich in

Deinem Briefe schreibst), ohne sie zu

sehen u. zu sprechen. – Sie mit ihrem

liebenswürdigen „Backschüsseln“ war

Samstag zur Feier der Vorkirchweihe

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in Hirschendorf (?), wo ich mich sehr gut

mit der „Lavi“ (?) unterhielt, da ich von

meinem Freunde Stein wenige Stunden

mit ihr sprach. – Am Donnerstag

nach Deiner Wegreise war ich mit Rothschild,

Seeligsberg u. Deuerling auf einem

Balle in Kronach, auf dem ich 3 Touren

getanzt u. mich dann dem stillen

Suffe ergeben habe. – In Lichtenfels

habe ich an der Seite meiner liebens-

würdigen und wirklich schönen Schwägerinnen

einen sehr fidelen Tag verbracht u.

warte auf Fortsetzung. Mittwoch

oder Donnerstag daselbst wieder großer

Ball mitmachen, wozu auch meine

Emma und Leonhard, dann mehrere Lichtenfelser

Herren als Herz usw. ..

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Ich bitte mich Deinen l. Eltern und Geschwistern

bestens zu empfehlen und denselben vielmals von

mir u. meinen Verwandten zu grüßen.

Was macht Deine liebe Rosa? Hast Du

schon Besuche bei ihr gemacht? Sind

deren Eltern wieder ausgesöhnt?

Was machen die Verwandten in Offenbach?

Bes. Ida u. Philippine ? Wirst Du

in diesem Semester nach Heidelberg

gehen? Diese Fragen ....

mir in ... Kräften, das ich

bald wie möglich schon durch Rothschild

erwarte. :- Meine l. Emma grüßt dich

vielmals, ebenso Leonhard, den du

jetzt entschuldigen müsstest. Er wird

dir von der nächsten Woche, wenn

es ihm die Zeit erlaubt, einen ausführlichen

Brief schreiben. Er ist überglücklich.

Lebe wohl und denke oft an Deinen Freund

u. Cousin Heinr. Hahn can. jur.

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hatte sie, die doch nur freundschaftliche

Gesinnungen gegen Dich als den Sohn

des besten Freundes ihres Vaters

gesagt, zur Überzeugung gebracht,

dass Du durch schwärmerische Liebeser-

klärungen u. durch den Ausdruck

mehr als man schließlich Sehnsucht nach

ihr, die darin in Menge enthalten

sind, mit ihr keine freundschaftliche

Correspondenz unterhalten willst, sondern

Sie zu deinen vielen Pirsch..., von

Denen du ihr ...

Als ich daher ganz deinem Wunsche

gemäß deinen jüngsten Brief ihr

zum Lesen übergab und sie mit der

ganzen Kraft meiner Beredsamkeit

für dich zu gewinnen suchte

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... sie mir darüber, dass ich ihr

zur Fortsetzung eines Briefwechsels

anthun könnte, der doch für sie von

keinem guten Ausgang sein könnte.

Freund Seligsberg, der nicht gegen

seine Überzeugung bei Frl. R. für

Dich sprechen mag, ließ, trotzdem ich

ihn darum bat, seinen Brief, den ich gelesen,

Frl. L. doch nicht lesen, wiewohl er den ersten

ans Fräulein über den großen

Triumph, den wir dadurch errungen,

meiner Erna u. meiner Schwägerin

vorlesen. Auch ich hätte es so ge-

macht, wäre ich nicht in Aner-

kennung deiner freundschaftlichen

Absicht dir zu diesem Gegendienst

verpflichtet gewesen. Versuch

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übrigens dem Glück noch mal selbst,

schreibe ihr selbst einen schönen Brief,

vielleicht kannst du sie dann, wenn

sie ihn überhaupt annimmt, besänftigen.

Dies sei für heute abgethan. Nun

zu anderen Kleinigkeiten!

An der Burgkunstädter Kirchweihe

war ich so überaus fidel, wie ich

es hier seit lange nicht gewesen.

Am Montag habe ich von 3 – 11 Uhr

fast ohne Unterbrechung getanzt

u. zwar größtentheils mit Frl. Lina

u. Louise Rothschild, darunter mit Frl.

Lina 2 Touren auf dein Wohl, bei

welchen wir nur von Dir sprachen

u. Deiner liebend gedachten, wie ich

Frl. L. das „Auf eines Wohl tanzen“

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erklärte. Mein Leonhard, der dich

vielmals grüßen lässt, war Freitag

und Samstag bei seiner Braut und

ist heute auf dem Markte in Weismain.

Derselbe wird mit jeder Stunde ver-

liebter oder besser gesagt, verrückter

u. das mit Recht, da er eine so liebe

Braut, u. ebenso liebe Schwägerinnen

hat. – Dieselben erwidern Deine

Grüße und die Gratulationen zum neuen

Jahre bestens u. freuen sich den Mann

kennen zu lernen, der mit so vielem

Glücke die Gänse an der Nase

herumführt.

Mein Onkel Ullmann

ist heute auf einige Tage nach Bamberg

abgereist. Derselbe sowie dessen Frau

u. Schwiegermutter grüßen Dich

sowie Deine ganze Familie bestens.-

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Lauer, Deuerling, Süßengut, Krauß,

Pletzer, Blanck, Rothlauf, Tellheim

u. Herz grüßen Dich vielmals.

Herz kömmt nächsten Sonntag 19ten d.

Mittag um 1 Uhr 35 Min nach Frankfurt.

Wenn du mir noch im Laufe dieser

Woche schreibst, erhältst du durch ihn

von mir Nachricht. Derselbe freut sich

schon darauf, dich am Bahnhofe sprechen

zu können, da er sich in Frankfurt selbst

nicht aufhält. - Die Broschüre über

den zweiten Theil von Goethes Faust

habe ich durchgelesen; es sind, wie ich

daraus ersehe, auf der Bühne die

schönsten Scenen gestrichen, was

auch deine Recension schon besagt. –

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Zu Deinen literaren historisch-topographischen

Arbeit wünsche ich Dir viel Glück, ebenso

Zu Deinen Studien über Logik.

„ Mit der Ornithologie laß dich nicht ein,

Es könnte das Dein Unglück sein.

Mit Anthropologie, da halte dich

Mineralogie laß nicht im Stich.

Logik, die studiere recht.

Mit Geschichte kommst du schon zurecht.

Die Poesie gehört auch dazu,

Die ja sehr oft bei Dir spricht zu.“

 

Entschuldige, dass ich dir diese Worte, die mir eben

Einfallen, zu schicke. Am letzten

Dienstag habe ich auch bereits ein

28zeiliges Chorstücken (?) gemacht, das

für L. Album bestimmt ist. Natürlich

sind es auch bloß prosaische Verse, so

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eingerichtet, dass sie unseren Damen

gefallen müssen.

Frl. Louise Rothschild beauftragte mich,

Dich herzlichst zu grüßen. Ich komme

mit ihr fast täglich zusammen.

Herr Wolfg. Rothschild, sowie Frl.

Mathilde R., ingleichen meine

Schwester erwidern bestens Deine

Grüße.

Lebe wohl, empfange von mir die besten

Grüße, faste am Versöhnungstage

recht gut, grüße von mir deine l.

Eltern u. Geschwister, sowie unsere

l. Verwandten in Frkft. u. Offenbach

u. schreibe bald Antwort, deinem

aufrichtigen Cousin & Freund

Heinrich Hahn can. jur.

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P.S.

Die Hasmanaeer konnte ich von Seligsberg

noch nicht erhalten, da er noch einige

Blätter zu lesen hat. In der letzten

Zeit war er so beschäftigt, dass er

kaum in den Abendstunden unser

dem bewussten Mittwoch ausgehen

konnte.

Deine Pfeife hat Krauß von der

Gesellschaft „Frohsinn“ mit nach Hause

genommen u. lässt sich seinen Tabak

darum gut schmecken.