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Mein lieber Freund!

 

Ich arme Kaufmannsseele bin nicht so von

den Musen begünstigt, als dass ich auf die herrlichen, prächtigen Verse,

die Du Deinem Briefchen an mich vorgesetzt, mit gleichen erwidern

könnte. Mein Gehirnkasten ist trotz der umfassenden Münz-,

Maaß- und Gewichts-Vereinfachungen, welche die neueste Zeit

geboren werden ließ, immerhin noch so stark mit kauf-

männischen Plunder der verschiedenen Art angefüllt, dass

für poetische Ideen wirklich kein Plätzchen übrig bleibt. Be-

gnüge dich daher mit den einfachen, in prosaischen Worten

gegebenen Ausdrucke meines innigsten und aufrichtigsten Dankes

für die Freundlichkeit, mit der Du mir vom ersten

Augenblicke unseres Bekanntwerdens an, entgegengekommen,

für die freundschaftlichen Gefühle, die Du für mich hegst und

immer hegen mögest, und insbesondere auch für die liebens-

würdigen Zeilen, die Du mir von Deiner Heimat aus gesandt.

Soll ich dir auch noch sagen, dass ich mich wahrhaftiglich

schätze, Dich Freund nennen zu dürfen, dass ich stets streben

werde, Deiner freundschaftlichen Gesinnungen gegen mich werth

zu sein, und dass ich Dir Liebe für Liebe, Treue für Treue,

Vertrauen für Vertrauen geben will? – Ich denke, es ist

unnöthig; Du magst’s wissen, ohne dass ich es sage. -.-.-.

Unwichtig ist auch, Dir zu sagen, dass ich ein

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wenig unartig bin; das weiß Du auch schon und wirst es neuer-

dings bestätigt finden, wenn ich, nachdem ich im Eingange meines

Briefes Dir Complimente über den Deinen gemacht, nunmehr

kühn genug bin, auch zwei Dinge an ihm, als mir missfällig

zu rügen.

Das ist seine Kürze, ein Fehler, den ich dieses

Mal nur deshalb hingehen lasse, weil ich annehmen muß,

dass Du bei der Rückkehr von einer sechswöchigen Reise

gar manches Wichtigere (verstehst Du mich?) zu besorgen hattest und

überhaupt Zeit und Ruhe brauchtest, um ins alte Geleise wieder

hineinzugerathen.

Das zweite, das Unser Allerhöchstes Missfallen er-

regt hat, ist der Umstand, dass Du mir gar so viele, viele

unverdiente Elogen machst. Laß das hier darhin bleiben;

Grund gebe ich Dir so nicht dazu.

Du glaubst mir’s wohl, wenn ich Dir sage,

dass ich mich noch immer nicht recht in Deine Abwesenheit

fügen kann und stets die schöne Zeit Deines Hierseins vor

Augen habe. – Es geht auch anderen Leuten so, in deren

inneren Gefühle anderer Art, als die meinen, für Dich

schlagen, und manche Thräne mag der Wimper gewisser

blauer Augen schon entflohen sein, darob, dass der

„Stein“ nicht mehr in Burgkunstadt.

Um die Mädchen an des Mannes Strande

Winselt er sein falsches Ach.

Du verlangst, Neuigkeiten, die Dich interessieren könnten,

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von mir zu wissen. Ich bedauere sehr, nicht damit aufwarten zu

können. – Kahn, der nebenbei gesagt, heute nach Bamberg

reiste, um der Prüfung seines kleinen Bruders beizuwohnen,

steht noch auf gespannten Fuße mit der schönen, blauäugigen Lea

und er, wie sie selbst, machen mir wenig Hoffnung, dass die

Flasche Champagner mein sein wird.

 

Frl. Rothschild habe ich seit Deiner Abreise mehrmals gesprochen;

Es versteht sich von selbst, dass unsere Conversation sich stets nur um

Dich allein drehte. Sie zeigte mir auch einen vierseitigen Brief,

großen Formats, von Dir an sie gerichtet; aber nur sehen

durfte ich ihn, lesen nicht. Wie ist’s doch möglich, einer Dame

einen vierseitigen Brief zu schreiben; ich glaube, mir käme

die Reinigung eines Augiasstalles leichter vor.

 

Die Hasmonäer habe ich empfangen, noch immer mit Jean

Paul beschäftigt, einer Lectüre, in der ich nicht gerne unter-

brochen sein möchte, konnte ich bis jetzt noch nichts daraus lesen:

Ich werde mich tummeln, bald dazu zu kommen, und

die Broschüre dann, Deinem Wunsche gemäß, an Ullmann,

Kahn, Frl. Lina Rothschild übergeben.

 

Für noch etwas habe ich Dir zu danken: für das Albumblatt –

Eine harte, unauflösbare Nuß! – der darin beregte Gegenstand.

Da es denn einmal „Ansicht“ bleiben muß, neige ich mich

mit Freunde der Deinen zu, die doch wenigstens einen

Haltpunkt – freilich in einem unerreichbaren Etwas -

bleibt. Positives lässt sich einmal nichts darüber sagen,

und der strenge Gottesglaube bleibt ebenso wie der grellste 

 

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Materialismus nur persönliche Ansicht, die nicht einmal mit triftigen

haltbaren Bundesgründen belegt werden kann. (Mein ich,

fragt der Bajazzo, und als Karikatur möchte ich Dir schon erscheinen,

wenn ich philosophiere).

Mein Onkel hat gestern Morgens eine vierzehntägige Ge-

schäftsreise angetreten; nach seiner Rückkunft werde ich

eine mehrwöchentliche nach Altbayern unternehmen, und dann

könntest du sehen, wie derselbe Seeligsberg, der heute

froh genug ist, über das schwierigste Gebiet der Philosophie

zu plappern, demüthiglich einen altbayerischen Krämer die

Hand küsst und ihn unter Bücklingen und Reverenzen

bittet, ihn ein paar Ellen „echten waschbaren Cathun“

abzukaufen. Muß man da nicht zum Materialisten

werden!

Darf ich am Schlusse meines Briefes den süßen Wunsch aus-

sprechen, mir vor meiner Abreise eine Antwort zukommen

lassen, damit ich Dir dann noch ein paar Orte angeben könnte,

an denen deine schriftliche Hand mich erreichen wird.

Seid barmherzig und es wird Euch barmherzig ergehen.

Meine Verwandten, meine Schwester und meine Cousinen erwidern

Deine Grüße, wie auch ich, als unbekannt, mich Deiner

werthen Familie empfehle und Dir und Guste einen

freundschaftlichen Kuß, und auf dem Papier einen Gruß

zuwerfe.

 

Altenkunstadt, 23. Aug. 1858

 

Moritz Seeligsberg