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                                                                     Frankfurt/Main, 22.November 1862

Lieber Sigmund!

Dass mich Deine lieben Zeilen vom 3. dieses Monats sehr erfreuten, 

bedarf wohl kaum der Erweaehnung.. Ich entnehme diesem ausser

der Mitteilung Deines Wohlbefindens aus jeder Zeile die treue Liebe

 eines Freundes. …

Deine Anfrage ueber den Gang Eures (?) Institutes freue ich mich

mit immerhin erfreulichen Berichten beantworten zu koennen.  - Es war

freilich nicht gestattet mit eigenen Augen zu sehen und zu pruefen, aber

ich entnehme Gespraechen & Unterhaltungen bei meinen freilich nur

kurz sein koenenden Besuchen immer doch den wichtigsten Theil; ich

gebe mir immer Muehe …..  der Beurtheilungen auf die

 kaelteste (?) Basis zurueckzufuehren (?) ; & so bin ich denn heute im Stande

dir zu sagen, dass vor der hand Alles im Institute seinen geraden

regelrechten Gang geht. Bis Weihnachten wird die Zahl der

ganzen Pension auf 7  angewachsen sein, und dann  faengt das

Institut schon an zu rendieren, indem es die laufenden (?) Ausgaben

an Haushaltung,  man darf getrost sagen schon um 1/4  à 1/3

reduziert.

Die ½ Pension … decken die Spesen; Es ist

mithin der Anfang sehr befriedigend & wenn das Sprichwort

sagt aller Anfanmg ist schwer, so liegt gewiss darin ausgedrueckt

dass der weitere Verlauf wesentlich leichter ist & so hoffen wir denn,

dass diese Erleichterungen auch hier nicht ausbleiben werden.

&.  (??? several illegible words, one crossed out??) mitbringen werden.

Wegen der Freikarten habe ich das Noetige besorgt &. Ich

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 glaube nicht daß irgend etwas vergessen wurde. - Die Zahl der Sub-

scribenden zu den Vorlesungen hat alle Erwartungen uebertroffen

& der Saal ist so gefuellt, dass  dass im … … kein Plaetzchen

mehr frei.-

Die ersten Vorlesungen haben recht angesprochen, nur waren

sie etwas zu subjeciv gehalten.   Ich habe alle meine betreffenden

Bemerkungen  nach den ersten Vorlesungen deinem lieben Vater

offen ausgesprochen &. solche groesstentheils schon in der zweiten berücksichtigt gefunden.

Die zweite Vorlesung war nach dem Urtheile aller

wesentlich schoener als die erste, indem die erste zu

weit ausholte (?),  waehrend die zweite, obwohl immer noch

Einleitung, doch schon  (2 words crossed out) dem Gegenstande naeher

war.    Ich spreche Dir meine Ansicht offen aus, weil

ich es fuer meine Verpflichtung halte Dich von allem auf fact (?)

zu halten in der Weise wie ich es  … ... Ich kann Dir sagen,

dass dein l. Vater erst meine Bemerkungen die doch nur die

Form (?) betrafen, anfangs nicht gerne annahm sich auch

sehr ungehaltten zeigte. -  Ich habe ihm ganz glatt darauf

aber (?) gefragt, ob er mir erlaube oder nicht ihm die Bemerkungen

zu machen die sich mir aufdraengen und so hat er mich noch

gerade darum ersucht, & ich werde meiner Pflicht nachkommen.

Weniger nahe stehende Leute waren  jeddoch vollkommen

Befriedigt, & da koennen wir es auch sein. -

Auch der Cyclus fuer die Damen spricht sehr an

&. hoffe ich dass es weiter gut gehen wird.

Von meiner lieben Mutter soll ich Dir noch ausrichten,

dass sie sehr boese darueber sei dass du Louis’s   Hose (neue

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 schwarze) u. diverse Hemden mitgenommen habest u. laesst

dich ersuchen solche schleunigst mit erster Gelegenheit zurueck

zu senden.

In der Einlage erhieltst du ncoh fl 200,  als das bewilligte

Stipendium seitens der  …;  ich habe darueber quittiert;

zeige mir gef. Deren Empfang an.

Da ich nun auch  von Dir rede, so erlaube mir

meinem treuen Freunde noch eine offene  freie

Bemerrkung zu machen, die du so aufnemen magst wie

ich sie dir biete. -

Es ist die Aufgabe u. gar die erste eines Freundes 

Fehler die er an seinem Freunde wahrnimmt ihm vorzu

fuehren u. so will ich dich denn fuer heute auf … Dinge

aufmerksam machen, die nicht nur von mir als wichtig

erkannt wurden, sondern auf die ich selbst noch

durch dritte aufmerksam gemacht wurde.

Nun … ...   halten dich verschiedene hiesige Leute,

mit denen du freilich nur selten verkehrst, fuer einen

Aufschneider, u. mußt ich zugeben dass  du zum

Mindesten ein … erber bist.  Es ist nicht der

Weg zu einem Renomé wenn man renomiert.  Ich

beschwoere dich darum dir dies abzugewoehnen u. ich glaube

der zweite Fehler den ich an dir finde haengt eng damit

zusammen, es ist eine selbe Eitelkeit, die Dich eben

...  mit unter auch arrogant erscheinen laesst.  –

Du siehst ich nehme mir kein Blatt vor den Mund

u. bin ueberzeugt dass du zum mindesten,  die gute

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Absicht  nicht verkennen wirst in der ich Dir das schreibe. 

Dass ich gerne jede Bemerkung die Du mir ueber mich

u. meinen Charakter zu machen haben magst annehme

bedarf nicht erst der Versicherung.

Die Nummer des  badischen (?) houses (?) ist 7377 / 368831

Hoffentlich schreibe ich sie nicht dir allein, wird

sie fortuna auch sehen  u. sich sie nicht auf zu lange Zeit

bemerken, sondern meiner u. deiner Einladung folge

gebend sich mit dem großen Preis auf den Stuhl

setzen, den wir fuer sie extra freigehalten haben.

Neues giebt es hier nichts, ich kann daher jetzt (?)

schließen u. bin mit herzlichsten Gruessen und Kuessen

                                                                            Dein treuer Julius Stein (?)

 

Ich füge meine herzklichsten Gruesse bei u. hoffe baldigst

von dir etwas zu hören

                                                                                                    Dein  treuer

                                                                                                                                                                                                                                        Philipp