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                                                            Fft. 21.6.60

 

Mein Sohn!

 

Mit der größten Betrübnis sitze ich hier, um an Dich zu

schreiben, indem Dein jüngster Brief & was ich sonst von

Reisenden aus München höre, mich leider in der längst

gehegten Ansicht & Furcht bestätigen, Du seist auf dem

Heidelberger Schlenderwege um Zeit und Geld zu

verschleudern, in unverantwortlicher Weise. Längst schon

haben mir in Deinen Briefen die ewigen Schilderungen

von dem, was auf der Münchner Universität an

den Wänden für gemahlte Begeisterung sei, nicht ge-

fallen wollen – ich bin jetzt zu der Überzeugung

gelangt, daß dies Redensarten  sind, um Deinen Mangel

an ausdauernden Fleiß zu verkleistern. – Doch

zur Sache: ich muß Dir offen sagen, was mir an Dir

& Deiner Lebensweise mißfällt:

 

1)Hältst Du nicht Rath mit Deinem Geld.-

 

Sehr oft habe ich Dir schon zu Gemüthe gefürt, daß

Du von anderer Leute Geld, & zwar von Stiftungs-

geldern, die heilig sind, studierst. Jeden Kreuzer,

den Du unnöthing ausgibst, müßte Dir aufs Gewissen

brennen, denn ein Fleisigerer könnte in besser brauchen.

 

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In Heidelberg – im ersten Semester & bei unserer Lebens-

weise – war Dein Fehltritt entschuldbar, daß Du

nicht mit Dir gerechnet hast, obwohl den blauen

Dunst, welchen Du uns damals in Deinen Briefen

vorgemacht hast, unentschuldbar bleibt. Jetzt in München  -

im dritten Semester & bei so billiger Lebensweise – ist

Dein Nichtauskommen unverzeihlich. Was soll daraus

werden? Deine Stipendien betragen über 600 Gulden;

der Onkel gibt Dir Fl. 100 – Damit mußt Du aus-

kommen – das ist sehr viel Geld! – Statt dessen haben wir

für Kleider über Fl. 30 für Dich ausgelegt; Du

bist Ihnen Fl. 30 schuldig; Fl. 50 mir – willst Du, um

Dein Leben fortzusetzen, Schulden machen? – Leicht-

sinniger Mensch! Es ist höchste Zeit, daß Du mit Dir rechnest! –

 

2) Hältst Du nicht Rath(?) mit Deiner Zeit.-

Frühmorgens stehst Du früh auf, & die letzten Stunden

verträumst Du. So wird man kein tüchtiger Mensch!

Wozu jeden Morgen 2 Stunden im Hofgarten spa-

zieren gehen? Stehe Du um 5 Uhr auf & studiere

tüchtig zu Hause mit einem stärkenden Spaziergange,

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beginnt ihn aber nicht damit. „Du . . . . . . . . „? – Larifari! –

Redensarten! – Junger Mann, wir begreifen Dich. – Es ist

Zeit, Dir mit trokenen Worten zu sagen: wir sind

überzeugt, Du verschläfst die kostbaren Morgen

alle & bist kein fleißiger Student! –

 

3) Sagen mir Reisende, Du gehest mit farbigen . . . . . . . .

das leider erklärt uns alles! – Du bist in eine

Verbindung gegangen & das verschweigest Du uns! –

Also das s.g. Turnuss bedeutet den Fechtboden(?), nur

das eine Glass Bier, womit Du Dich abends für einen

„nützlich“ verlebten Tag belohnst, ist wahrscheinlich mit

einem bedeutenten plus zu multiplizieren, denn cum

sodalibus muß man eine Facon entwickeln! –

Ich sage Dir, lieber Freund, daß ich dieses Dein Betragen

im höchsten Grade mißbillige, & daß Du von mir

nicht eher wieder eine Zeile erhalten wirst, als Du

mir, & das umgehend, auf Dein Ehrenwort ver-

sicherst hast, Du seiest in keiner Verbindung oder

aus derselben wieder ausgetreten! – Diese

Geschichten kosten Zeit  und  Geld! Du hast noch

Schulden, . . . . . . . .  & moralische, von Heidelberg

her zu zahlen; Zeit & Geld, die Du dort verschleu-

dert, müssen eingebracht werden – also mache Dich


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auf, thue Deine Pflicht. – Ich finde es nicht nöthig, alle

4 WochenDich für einen wohlverlebten Monat durch

einen Ausflug ins Gebirge zu belohnen – wenn – wenn man

nicht weiß, wovon man es bezahlt. Teusche Dich nicht

selbst . . . . . . – uns teuscht Du nicht! Denke an Deinen

Bruder Isaak – denk an Deinen Bruder Louis – wer ist

die Hoffnung unseres Hauses wenn nicht Du? –

 

Lieber Sohn! Schreibe mir keine Entschuldigungen &

schreibe mir keine Beschönigungen – denn meine

Überzeugung steht unerschütterlich fest: Du gehst mit

Geld & Zeit nicht gewissenhaft um! Ändere

Dich! – Setze mehr Stolz darein, ein fleisiger, als ein

lustiger Student zu sein! Stehe jeden Morgen um

5 Uhr auf & studiere!Zähle Deine Sechskreuzer-

stücke, statt sie für Gebirgsausflüge in den  . . . herigen

Kosten Deiner Sparsamkeit zu legen! – Tritt sofort aus

der Verbindung! – Schränke Deine Bedürfnisse ein, daß

Du mit siebenhundert Gulden!! jährlich auskommst – dann sollst

Du wieder unsere Freude & Stolz sein. – Doch willst

Du nicht; verharrst Du in Deinem Leichtsinn – es ist Deine

Sache! Ich werde . . . . . .  trauern, über unsere von Dir

gehegten Hoffnungen! – Lebe wohl! – Es ist dies die schwerste,

aber wahre, wie ich Dich nochmals am Schlusse versichere,

                        unwandelbare Meinung Deines über & um

                        Dich(?) schmerzlich bewegten, tiefbetrübten Vaters

                                                            Leopold Stein

 

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