21031861_01_heyse

Abschrift eines Briefes von PAUL HEYSE, Schriftsteller (1830-1914)

 

Lieber Herr Stein, Sie strafen mich hart dafür, dass ich allzu
sicher darauf rechnete, aus Frankfurt Ihre Wohnung zu erfahren,
oder Sie aus freien St
ücken wieder bei mir vorsprechen zu sehen.
Da Sie heut Nachmittag schon die R
ückreise antreten, weiss ich es
nicht einzurichten Sie vorher noch zu treffen, da sich ein Durch-

reisender auf 3 Uhr nachmittags bei mir angemeldet hat. Wenn es
irgend m
öglich ist, suche ich Sie doch noch einen Augenblick zu
sehen und Ihnen herzliche Empfehlungen an Ihren verehrten Herrn
Vater und Gr
üsse an die Meinigen mündlich mit auf den Weg zu geben.
Muss ich es mir versagen, so m
öchte ich Ihnen wenigstens in diesen Zeilen mein aufrichtiges Bedauern aussprechen, dass Sie mich den

ganzen Winter hindurch vergessen haben.  Ich selbst war leider durch

fortdauerndes häusliches Ungemach und eigenes Unwohlsein nicht gerade
in der Lage, Ihnen sonderliche gesellige Freude in meinem Hause zu bieten. Aber einem Freunde meiner lieben Frankfurter Verwandten
h
ätte ich es zugemuthet, mit unserer Einsamkeit freundschaftlich
vorlieb zu nehmen. Nun bin ich fast der Meinung geworden, dass meine freim
üthige Kritik der liaerchendichtung, die Sie mir mitgtheilt,
Ihnen missfallen habe.

          Lassen Sie mich hoffen, dass Sie mich in gutem Andenken behalten und mir später Gelegenheit geben wollen, Ihrer etwas mehr habhaft zu werden, als bisher geschehen. Sie kommen doch für den
Sommer wieder nach M
ünchen und ich darf mit einem "Auf Wiedersehen"
von Ihnen Abschied nehmen.

M. 21. März 6l.     Ihr Paul Heyse

21031861_02_heyse.jpg
21031861_heyse_laube_what.jpg