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                                                            New York, 19 Juni

                                                                                    1861(?)

            Theure Eltern, liebe Geschwister!

 

Ich muß meinen Brief mit einem

gerechtfertigten Vorwurf an Euch

beginnen denn dies ist nun

der dritte Brief, der an

Euch ohne die geringste Zeilen

als Antwort abgeht. Ich schrieb

Euch am 29. April einen großen

wichtigen Brief als Antwort auf

Euren lieben Brief vom 4te April &

hätte ich darauf um so schneller eine

Antwort erwartet als ich Euch drin-

gend darin bat mir für Herrn

Dr. M. Mayer früher in Charlestown

der ungemein liebenswürdig & in jeder

Beziehung dienstfreundlich für mich ist

ein Buch unter dem Titel „Der Bauern-

könig & die Jüdin“ von Czinsky(?) übers. von

Friedr. Dinkl(?), Frankfurt bei Gust. Oehlen(?)(Pehlen(?)

zu besorgen; sollte dies noch nicht

 

19061862-0203           Seite 2

 

geschehen sein, so bitte ich Euch

dies umgehend zu thun; im Falle

Pehlen(?) das Buch nicht mehr zum

verkaufen haben sollte, so bitte

ich Euch auf meine Kosten von

Seite 48 – 97 . . . . abschreiben

zu lassen & baldigst einzusenden.

Mein zweiter Brief vom 15. Nov. wird wohl von

Euch nun beantwortet sein &

und erwarte ich sehnlichst etwas von

Euch zu hören. Doch nun genug

von Vorwürfen und von etwas Wichtigem

die Adresse unseres lieben Isaaks,

ist mir trotz aller möglichen

Mühe noch nicht zu gekommen &

doch höre ich fast wöchentlich von

Personen die ihn im Westen

noch vor einigen Wochen an

verschiedenen Plätzen getroffen

haben ohne daß einer im Stande

wäre mir seine Adresse oder Wohn-

ort anzugeben, so hörte ich von

unserer Cousine Brandisin(?)

daß er dort war nun 7(?) Wochen . . . . (?)

Tage war & sich von da nach St. Louis

 

19061862-0203           Seite 3

 

begeben wollte; ich werde mich nun sogleich

von Dr. Einhorn der eine Tochter dort

verheiratet hat & dessen Schwiegersohn

sich sogleich volle Mühe gab ohne Etwas

Sicheres aus finden zu können; so viel

ist jedoch sicher daß sich unser lieber

Isaak in irgend einen Platz & im

Westen momentan wohl & mun-

ter befindet denke ich daß wir

ganz zufrieden sein können wenigstens

zu wissen daß derselbe wohl & munter

ist, denn es ist in einem so

großen Land wie Amerika &

in einer Entfernung von 2½ Tage

reisen (zwischen hier und der West) mit der Bahn keine Kleinigkeit

war einer einzelnen Person Näheres zu

erfahren; ich hielt es deshalb für das

Beste beifolgende Annonce sowohl in die hiesigen

gelesensten(?) englischen Blättern als auch

in die Hauptzeitungen der Woche ein-

rücken zu lassen, dies geschah 3 mal

vorige Woche am 7 – 9 & 11 Juni & wird

19061862-0104           Seite 4

 

die nächsten 4 Wochen 1 mal

wiederholt werden; sollte nun

Isaak wirklich den Wunsch haben

mit mir eine Zusammenkunft zu

haben was ich für sehr wahrschein-

lich halte, da derselbe doch wo er

Verwandte von uns findet, dieselben

aufsucht, so denke ich, daß dies der

Weg war ihn ganz auszu-

finden; es wäre mir jetzt doppelt

angenehm etwas Sicheres von Isaak

zu vernehmen, als ich nächste Saison

für mein Geschäft noch einen Mann

brauche & wir uns dann zusammen

assavieren(??) könnten; doch nun werdet

ihr fragen wie es für (mich möglich

ist noch jemand) zwei Personen möglich

ist sich von meinem Geschäft zu ernähren(,)

ich sage Euch darauf daß ich mit dieser

Saison ungemein zufrieden war.

Ich fing ganz klein an, indem

ich herumging in Detailgeschäften &

meine Hutformen bei Putzmacher-

innen ausbot; nach 3 Wochen hatte

ich mir schon so viele Kundschaft erworben,

daß ich nicht mehr alleine meine Waren

tragen konnte sondern mir zwei Jungen

a. 7 Dollar die Woche angagieren

 mußte, wie ich Euch bereits in meinem

19061862-0508           Seite 5

 

letzten Briefe mitgetheilt; seit 4 Wochen

nun habe ich mir alle Putzmacherartikel

Blumen, Bänder . . . . . . .(?) etc. etc, zugelegt

& mir Pferd & Wagen ange-

schaft & mir in den letzten 4 Wochen

$ 750 (oder 7.50?) Dollar erspart bei  10 Dollar

Ausgaben den Tag was für diese

Saison die allenthalben sehr schlecht

war sehr befriedigend ist. Da ich nun

aber nicht an zwei Plätzen zu gleicher

Zeit sein kann, ich kann unmöglich nicht

Einkäufer & Verkäufer sein, so brauche

ich einen Partner, der  auf  Auction für

mich geht & einkäuft; die Waren (?) die

ich gebrauche, werden nämlich fast ausschließ-

lich auf Versteigerung verkauft & auf

diesen Versteigerungen, die 4 mal jede

Woche stattfinden & den ganzen Tag an-

dauern muß fortwährend jemand gegen-

wärtig (sein) um die Artikel möglichst billig

einzukaufen; wenn nun der liebe Isaak

19061862-0607           Seite 6

 

nicht zu stolz wäre durch mich eine

Gelegenheit zu finden um sich selbst-

ständig nächstes Frühjahr ein Geschäft

mit mir zu eröffnen, so wäre das

nach meiner Ansicht der beste und einfach-

ste Weg, um Alles wieder ins alte

Geleise zu bringen; möge der liebe

Gott mein Bemühen unterstützend

segnen & mich bald auf die richtige

Fähre(?) bringen um Euch meine Lieben

& mich aus unserer Ungewißheit

zu ziehen & uns Allen ein liebes Glied

unserer Familie wiederzugeben. –

Mein erstes Geschäft wird nun sein

mir anstatt jeden Tag 5 Dollar

fl. 12.30 (Gulden?) für ein Pferd & Wagen

auszugeben ein schönes gutes Pferd

& Wagen zu kaufen; man kann

sich wirklich vom Geschäft in New York

keinen Begriff machen, wenn man

nicht selbst darinnen ist, denn nehmt

nur an, daß sich meine Geschäfts-

& Privatausgaben diese Saison auf

19061862-0607           Seite 7

 

70 Dollar die Woche belaufen haben

das macht also für 12 Geschäftswochen

circa 800 Dollar oder fl. 2000, rechnet

ferner, daß ich noch in der nächsten

Woche die letzte dieser Saison mir

80 – 100 Dollar ersparen werde, also

daß ich mir in dieser einen ersten

Saison circa 800 Dollar erspart haben

werde & ich mit 1600 Dollar Ausgaben

& Gewinn nur für circa 6500 Dollar

Waren verkauft habe, so könnt Ihr

Euch einen Begriff von dem ungeheueren Verdienst

im Geschäfte machen. So kaufte ich zum

Beispiel vor 6 Wochen auf Auction ein

Lot (Haufe von verschiedenen Waren in einem

. . . . . . . . ) Verzierungen für Damenhüte

hauptsächlich in der modernen gelben

Bernsteinfarbe die fashonable (?) zu werden

schien für $ 250.00. An den ersten

5 – 6 Tagen verkaufte ich für circa 50.-

Dollar davon & hatte circa 100 Prozent

Nutzen alleine die Farbe wurde nicht

modern(?) & ich legte den Rest der Waren

ein Betrag von $ 200 wieder auf Auction

19061862-0508           Seite 8

 

und es brachte . . . . . $ 27.50

das war also eine sehr verfehlte

Speculation(.) Allein(?) nun von etwas

Anderem; Ich bezahlte einem Manne

der sich mir anbot mir eine Quelle

zu verrathen wo ein kleiner unbe-

kannter Fabrikant Strohborden(?) &

Au. .sten fabrizierte, die dadurch daß

sie diese Saison nicht importiert

waren ungeheuer selten wurden

& auf Auctionen den 20fachen ur-

sprünglichen Werth der Waren brachten

35 Dollar & kaufte dann dem

Fabrikanten seinen ganzen Werth im

Betrag von 475 Dollar ab von

welchem ich nach Abzug von Unkosten

300 Dollar verdiente; so könnte

ich Euch noch hunderte Dinge vom Geschäfts-

leben hier erzählen alleine der Raum reicht

nicht aus. Soviel ist jedoch sicher, daß

dadurch, daß das Geschäft in der Saison sehr manig-

faltig, lebhaft, aber auch ziemlich aufregend

ist, ein wahres Vergnügen ist & daß ich

mich in meinem jetztigen, selbstständigen

Berufe sehr glücklich fühle.

Doch nun von der Freundin; ich wohne

bei Moses Schorborg dem Sohn von Eurer lieben

Schwester in Albany; derselbe kehrte vor 7 Monaten

19061862-0912           Seite 9

 

von California zurück & ist jetzt Theil-

haber von Aschmann’s Fabrik, er hat

eine wunderschöne liebenswürdige junge

Amerikanerin zur Frau & zwei

prachtvolle kleine Bebies Bube (??)&

Mädchen; ihr könnt Euch denken, wie

angenehm dies für mich ist bei

einer so lieben Familie eingebürgert

zu sein; ich habe zwei sehr schöne

Zimmer, ein kleines Schlafzimmer

& hübsches beque(h)m eingerichtetes

Wohnzimmer & zahle im Verhältnis

für Kost & Logis (Board) einen

(rai)? sonablen Preis $ 10.00 die

Woche & 10 Dollar für die Zimmer

extra, was also ungefähr 50

Dollar monatlich ausmacht & für die

. . . . . .  Preise die hier bezahlt

billig ist. – Die liebe Tante aus Newhaven

ist jetzt hier & gottlob sehr munter. –

Nach Albani werde ich in ungefähr 4 Wochen

19061862-1011           Seite 10

 

gehen & 14 Tage bei den Verwandten

bleiben. Warum habt ihr mir die

versprochenen Photographien noch nicht

geschickt; nichts ist in diesem Lande

unangenehmer, als etwas versprechen

& fortwährend daran erinnert zu werden

ohne es gehalten zu haben; ich hoffe

ich werde die Bilder bald erhalten. –

Dr. Mayer hat Deine Hasmanaer ins

Englische übersetzt, ganz prachtvoll

& wird Dir sobald dieselben ganz

übersetzt sind ein Exemplar abschrei-

ben lassen & übersenden. –

Nachdem ich gelesen habe, daß

der Pa(?) die Stelle in Berlin an-

genommen hat, bin ich froh, daß aus

der Stelle hier nichts geworden ist

denn ich hoffe oder bin überzeugt

lieber Vater, daß Du die Stelle

wieder erhalten wirst unter den

Bedingungen welche Du Dir

setzen muste.Über Einhorn habe

19061862-1011           Seite 11

 

ich in meinen ersten Brief ein

falsches Urteil gefällt, derselbe scheint

damals ein wenig zu beschäftigt gewe-

sen zu sein & ist sehr sehr freundlich

& liebenswürdig; ich verbringe meine

Sonntagabende immer dort im an-

genehmen Kreise; Einen anderen

alten aber biederen Freund von

Dir treffe ich dort immer Dr. Friedlein(?)

welcher immer die Studenten-

streiche zum Besten gibt, die ihr

in Fürth zusammen ausgeführt.

Ich habe hier so unendlich viele Freunde

wo ich eingeführt bin, daß ich

wirklich nicht weiß, wie ich mit

Besuchen herumkommen kann.

Wilhelm Bonn (?) & Ignatz Lot. . . . . (?) werden

Euch wohl bei Empfang dieses schon besucht

& Näheres über mich mitgetheilt haben.

Ich bitte dieselben sehr freundlich auf-

zunehmen & ihnen womöglich einmal ein

Fest mir zu Ehren zu geben, da dieselben

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sehr freundlich auch gegen mich sich

benommen haben (in familiärer Be-

ziehung nämlich ich habe sie nämlich

G.s.d. in geschäftlicher Beziehung

nicht nöthig gehabt. Frau Kohn unsere

liebe Cousine hat sich von Euch in meinen

letzten Brief gemeldet(?) trotz aller Warnung

an einen jungen Polensohn verheiratet

& wird es, wahrscheinlich aber zu spät

zu bereuen haben, denn sie leben sehr

unglücklich & haben eine . . . . . . werthschaft (?).

Das Geld hat der liebe Mann scheints

beiseite geschafft und werden sich diesel-

ben wahrscheinlich scheiden lassen. –

. . . . .  trotz aller Abenden von

Seiten der Verwandten, nicht dazu

bewegen den Mann nicht zu heiraten, den

sie 7 Tage vorher durch eine

Schadtheute (??) kennen gelernt & ohne

Heller & Pfennig & ohne Geschäft

geheiratet, blos weil er ein gebilde-

ter Mann zu sein schien & sie keinen

. . . . . . . . . . .  heiraten mochte. –

Für die liebe Mutter werde ich durch

nächste Gelegenheit meine Photographie

senden & hoffe ich daß Ihr mir

die Euren alle dagegen umsendet/nachsendet(?)

19061862-13   Seite 13

 

Miss Fanny Polk eine Verkäuferin

von Mrs. Ehrirt (?) unsere Cousine

Store wird Euch im Juli besuchen

dieselbe wird im September wieder

hierher zurückkehren & könnt Ihr

derselben für die lieben Verwandten

irgend etwas mitgeben.

Ich werde nächste Woche auf 4 Wochen

aufs Land gehen & habe schon einen

prachtvollen Landsitz in einem

wunderschönen Ferienhause bei

deutschen 16 Meilen von hier aus-

gefunden, denn während des Monats

Juli ist es in New York der Hitze

halber unmöglich zu bleiben von

da aus werde ich mich auf 14 Tagen

nach Albani (Albany) begeben, um dann

Anfangs August mit neuer

Kraft & vielleicht verbunden mit

Isaak (mit Gottes Schutz),

19061862-14   Seite 14

 

ins Geschäft eintreten zu können.

Ich hätte Euch noch unendlich Vieles

zu schreiben, alleine es fehlt mir

an Raum; meinen nächsten Brief

werdet Ihr tagebuchförmig erhalten,

d.h. ich werde jeden Abend das

für Euch niederschreiben, was ich

Euch mit dem nächsten Brief mitzutheilen

gedenke.  –

Für heute lebet alle recht

wohl & seid im Geiste herzlich

umarmt & geküsst von Eurem

 Euch immer nur Gutes mitzu-

theilen hoffenden treuen Sohn &

Bruder Louis Stein

 

Antwortet recht bald, denn jeder

Brief von Euch macht mich bis zum

nächsten den ich erhalte glücklich. –

Lieber Siegmund, Ihr & Geschwister laßt bald

auch etwas von Euch hören denn Ihr wißt

nicht wie beglückend Zeilen von der

fernen Heimath sind. Grüßt mir alle

Freunde, bekannte Personen & Verwandte

etc. etc. , dem goldigen Elemmchen(??) einen fetten

Kuß auf  . . . .. . . ihm was schönes.