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                                                                        Heidelberg, 19. Mai 1860

 

                                    Viellieber Freund!

 

In größter Eile theile ich Dir, lieber Lithos(?) mit,

daß ich die Absicht habem künftige Woche nach

München zu kommenm u. bitte Dichm mir gefälligst

                        umgehend

anzuzeigen, ob Du während der Pfingstferien

in M. bleibst u. ob ich Dich nicht stören wür-

de. Dein zweimonatliches Schweigen hätte

mich eigentlich hinlänglich überzeugen sollen,

daß Du, jeden Verkehr ebenso wie Deine

l. Eltern, mit mir abzubrechen wünscht,

allein in Rücksicht auf Deine weltbekannte

pigritia scribendi(?) wage ich, durch diese Zeilen

noch ein (unleserlich. . . . .) an Dich zu stellen.

Du würdest mich sehr verbinden, wenn Du

mir umgehend mittheilst, ob Liebig

jetzt Vorlesungen hält u. bis zu welchem

Tage es in nächster Woche noch liest u. von wel-

chem Tage nach den Ferien er wieder beginnt..

Denn wenn ich auch die in München aufgehäuften

Kunstplätze so genau als möglich während

meines Aufenthaltes kennen zu lernen beab-

sichtige, so will ich doch auch gerne das utile

cum dulci verbinden u. Liebig, Zolly, Nägeli u.

andere Capacitäten hören. -

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Mir ging es bisher recht gut, meine Dissertation

ist bis auf wenige Versuche beendigt u. bereits

für den Druck fertig, ich bin zu höchst sonderbaren

Resultaten gelangt, u. muß schließlich Bunsen

selbst angreifen. Meine Hauptebeschäftigung

bildet daher jetzt das Studium der Osteologie (Knochenstudie)

bei Nuhn(?), welcher in jeder Hinsicht vortrefflich

liest, u. der Physiologie bei Hebeholtz(?). Die Ferien

nun will ich zu einer Reise benützen u. es kommt

auf ein oder zwei Tage für mich jetzt nicht an,

die ich am Anfange oder am Ende der Ferien

zugebe; darum will ich meine Reise nach München

so einrichten, daß ich Deine berühmten Lehrer

hören kann. –

Hoffentlich hast Du Dich von Deinem letzten

Unwohlsein in Heidelberg wieder ganz erholt, u.

wir wollen die trüben hier erlebten Stunden

durch recht gemütliche in München wieder gut

machen. Wolltest Du mir auch eine kleine

Mittheilung machen, wieviel mich ein Aufent-

halt in München während 10 oder 11 Tagen kosten

kann, so würdest Du mir einen großen Gefallen

erweisen. –

Alles andere mündlich; lebe wohl! Schreibe

mir nur zwei Worte, aber umgehend, ich bitte sehr

 

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darum. Grüß die Deinigen, wenn Du nach

Ffurt schreibst!           

                                    Stets der Deinige

                                               

                                                Hermann

 

N.B. Bitte genau um Deine Adresse.

         Hiller grüßt bestens.

             Viele Grüße an Huber  

 

                                   D.L. (?)