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                                                                                    Altenkunstadt, 18. November 1858

 

Mein lieber Freund!

                         Ich habe es seit Empfang Deines liebes-

würdigen Briefes mehrmals versucht, an Dich zu schreiben, nie

war ich in geeigneter Stimmung. Wenn mir sonst die Gedanken

haufenweise in die Feder strömten, wenn ich den geringfügigsten

Gegenstandt aus meinem Leben, der Dich interessieren könnte, in

langathmiger (1) Erzählung abhaspelte, wenn ich mit Freude und

Lust Dir von Freudigem und Lustigem sprach, - seither will’s

nimmer recht gehen. Ich habe schlimme Tage durchlebt, Tage

quälender Angst und Sorge um das Wohl meiner Schwester.

Und auch heute ist’s nicht anders. Haben wir auch aus dem

Munde bewärter Ärzte die feste Versicherung, daß die

Symptome, die sich bis jetzt gezeigt, keinerlei Anlaß zu

ernstlichen Besorgnissen geben, immerhin ist es schmerzlich

die gute Seele so leiden zu sehen, schmerzlich zunächst für

sie, schmerzlich für die sie liebender Umgebung, am schmerz-

lichsten für den zärtlichen Vater, der im tiefen Schatze seines

ärztlichen Wissens nicht entdecken kann, was dem eigenen

Kinde Linderung verschaffen möge!

                                    Dieses vorausgeschickt bedarf es wohl

keiner weiteren Entschuldigung, wenn ich mit Beantwortung

Deines Briefes etwas länger gezögert, als dessen herzlicher

und schöner Inhalt es verdiente.- Ich will’s heute nocheinmal

versuchen, die trüben Gedanken, von denen ich erfüllt, auf

Augenblicke zu bannen und dafür Dein liebes Bild vor

 

 

 

(1) th=alte deutsche Schreibweise

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meiner Phantasie treten zu lassen. Des Menschen Kopf

ist ja ein wunderlich Ding, er hat Platz für traurige,

wie für freudige Gedanken, er heißt die einen gehen und

läßt die anderen dafür einziehen. -.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-

-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-

Zuerst von dem Ereignisse, das unsere Altenkunstadter Welt

seit so langer Zeit in Schwung gehalten, das den größten ,

wie den kleinsten Klatschbasen unseres Dorfes, vorher

und nachher, so viel des Stoffes zu allerlei Bemerkungen gegeben,

zuerst von Leonhard’s Hochzeit. Die Gründe die mein

Schreiben an Dich verzögert, sie haben mich auch abgehalten,

dem Feste beizuwohnen. Nur Abends war ich auf wenige

Augenblicke dort, meinen Glückwunsch darzubringen,

und mich bei Heinrich, der gleich nach der Hochzeit ab-

gereist, zu verabschieden.- Leonhard ist glücklich,

und mit Recht, er hat ein liebes, geistig, wie körperlich,

gleich anmuthiges Weibchen. -  -  -

Die beiden Fräulein Dellmann(?) habe ich auch kennen

gelernt. Meine Erwartungen von diesen Damen waren

durch Deine, und Freund Heinrich’s Erzählungen auf’s

Größte(?) gespannt u. doch sind sie befriedigt worden. Ich

habe den großen Unterschied zwischen Land- und Stadter-

ziehung bei dieser Gelegenheit wieder so recht deutlich und

auffallend gesehen. Welchen Takt, welche Ruhe, welche unge-

künstelte Naivität(?) in dem Benehmen dieser Mädchen! (#)

...........ganz anders bei unseren Landpommeränzchen!

Die einen wie die anderen (wie überhaupt alle

Mädchen)  gesellsüchtig(?) und coquett(?), wissen doch jene(?)

 

#Ausnahmen    !

verstehen sich   !

von selbst         !

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es so geschickt zu verbergen, und diese platzen immer so

plump damit heraus.-Wenn es wieder weniger wüst und

wirr in meinem Hirnkasten aussieht, will ich einmal ein

ausführliches Wort über diesen – wichtigen oder unwichtigen?

Gegenstand sprechen. Ich habe in der Zeit meines Hierseins,

Gelegenheit genug gehabt, Betrachtungen darüber anzustellen.

                                    „Das ewig weibliche zieht uns heran(?)“

sagt Göethe; nur schade, daß das echt(?) weibliche sich eben

so selten findet.-----------

                                    Die Inlage(?) habe ich an Fräül. R. übergeben,

nachdem ich sie zuvor behutsam geöffnet, den Inhalt gelesen,

und sie wieder sorgfältig geschlossen hatte.Du wirst

diesen Eingriff in die Rechte freundschaftlichen Vertrauens

(die Du zwar, wie Exemplar beweisen, vom strengsten

Standtpunkte nimmst) entschuldigen, wenn ich sage daß

ich mir ihn nur erlaubt, in der sicheren Überzeugung, daß

mich L. das Gedicht doch nicht lesen lassen würde, und ich

es für zweckdienlich hielt, um dessen Inhalt zu wissen.

Gesprochen habe ich sie seitdem nicht; durch listige Fragen

habe ich von anderen vernommen, daß sie das Gedicht, oder

die Art, in der Du darin sprichst, sehr ungnädig auf-

genommen habe. --- Hab’ kein Herzleid darum! Ich

rufe Dir Heine’s Wort zu:

                                    Theuerer Freund, was soll es nützen,

                                    Stets das alte Leid zu leiern?

                                    Willst Du ewig brütend sitzen

                                    Auf den alten Liebeseiern?

Wenn das zarte Püppchen den gar so spröde, wenn

 

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es so durchaus unerbittlich ist und sich das

komische Ansehen beimißt, als könne es

Gnade und Ungnade verhängen --- ei dann, scher Dich nicht

darum! Liebe oder Freundschaft, die erbettelt werden

muß ist nichts werth. - - - Verberg diese Zeilen ja sorgfältig,

ich käme in den Bann, wenn jemand von hier oder

von Burgkundstadt davon erführ! ------

                                    Deine Einladungen sind doch wohl noch

unterhaltender, als unser Hocken im dampfigen, schmutzigen

Bierdimpfel(?)! Klage nicht darüber; ich wollte Dir

ein anders Liedlein vorpfeifen.----------

                                    Genug für heute!Es fehlt mir die

Ruhe; schon meine Schrift mag Dirs beweisen. Ich

hätte Dir noch vieles zu sagen, wenn die Luft um(?)

mich etwas reiner ist, wird alles kommen.

                                    Lebe wohl, halte mich immer lieb, wie

ich Dich lieb und werth halte.            

                                    Dein treuer

                                                            Moritz

 

Wenn Du nach Offenbach kommst, grüße in meinem

Namen die liebenswürdigen „Kinder“.

 

Längstens binnen 6 Tagen erwarte ich Brief.