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(Watermarks:)

Dr. H.D. Cohn                        

 

                                                                Breslau, 18. Oct. 1860

 

                        Mein liebes altes Jüngelchen!

 

Es hilft Dir nichts; Du bist erkannt! Woher wüßtest

Du meine Wohnung in Breslau, woher, ob meine

Examen günstig oder ungünstig ausgefallen,

wenn Du nicht mein im August nach Frankfurt

gesandtes Paquet Briefe an die lieben Deinigen

u. Dich erhalten u. gelesen hättest. Nur, Du hast

ihn gelesen, warst aber pignirt* auf mich und

wolltest erst meinen zweiten Brief von mir haben.

Thut nichts! Darum keine Feindschaft!

Da ich aber in meinem ersten Schreiben bereits

Dir meinen besten Dank für die schönen

Photographien gesagt, die Du mir aus München

am Tage meiner Abreise nach Heidelberg

schicktest, so wie für die Schnadahüpfl u. Dein

Lied, so erspare ich mir jetzt die Wiederholung

desselben. Die Bilder verzieren jetzt mein

Studierzimmer sehr und meine Freunde benei-

den mich um dieselben.

Was Linnemann (?) plötzlich einfällt, Dir zu sagen, daß

ich erst in diesem Semester u. zwar in Berlin

mein Examen machen würde, begreife ich

nicht. Mein Haupttrumpf war der, daß ich mei-

nen l. Eltern zeigen wollte, daß ich trotz

der persönlichen Feindschaft mit Prof. Löwig

 

 

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doch ein recht gutes Examen hier machen

könnte.

Übrigens will ich Dir nur bemerken, daß un-

ter uns durch den Grad, den ich erreicht, und

den Du ja wohl bald erlangen wirst,

der alte Ton gemütlicher Brüderschaft nicht

im Mindesten alterirt** wird u. daß ich

es mir durchaus nicht gefallen lassen werde,

wenn (u. das sind Deine eigenen Worte)“Du

zu mir jetzt mit erfurchtsvollen Auge empor-

blikst“. Das ad notam!

Nun einiges Fachliche;

            Es hat mir viel Freude gemacht, Deine Notiz

über Essigsäureproben zu lesen. Ich glaube,

daß Du mir einen Correctur(?) Bayen(?) gesendet;

denn wenn das bayrische Gewerbsblatt Ar-

beiten mit so vielen Druckfehlern publizier-

te, so möchte ich keinem Menschen rathen,

auch nur eine Zeile hineinzugeben. Dei-

ne Arbeit, so klein sie auch ist, ist übrigens für

die Technik von ungleich größerem Werth, als

die meinige, die eben rein wissenschaftlich

gehalten. Ich habe hier ein Exemplar für

Dich beigelegt u. wünsche Dir guten Appetit

dazu, Dich durch dieses aieronische*** Latain durch

zu krabbeln. Ich habe, um nicht zuviel Druck-

kosten zahlen zu müssen, nur die Hälfte meiner

 

 

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von der hiesigen Fakultät mit summa cum laude

beurtheilten Untersuchungen drucken lassen.

Nächstens erscheint ja das Ganze im Edmann(?)

deutsch.

 

Was Deinen Lehrer, Prof. Vogel anlangt, so habe

ich über seine Leistungen in der Chemie Erkun-

digungen eingezogen und habe nichts Außer-

ordentliches erfahren. Er gehört zu den Deis

minorum gentium! Du würdest meiner

Ansicht nach sehr gescheut**** thun, wenn Du sobald

als möglich nach Göttingenm Heidelberg oder

Breslau gingest, wo Du jedenfalls

mehr realysieren lernen würdest, als in

München, da ja Liebig u. Pottenka sich mit

ihren Praktikanten nicht beschäftigen!

Man kann auch hier viel lernen!

Du frägst mich nach meinem Urtheil über Dr.

Kappel. So weit ich ihn kennenn gelernt, scheint

er mir ein ganz verständiger u. nicht mechani-

scher Chemiker; ich habe mich recht gut mit ihm

über Chemie auf der Reise unterhalten.

Sage ihm doch gefälligst, daß ich merkwürdiger

Weise nach der Trennung der felansauren(?)

von den tellursauren Salzen beim Doktor-

examen gefragt worden bin; es wird ihn

das interessiren, weil er noch auf der Reise

erst die Trennung gelehrt hat. – Über seine

 

 

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sonstigen etwaigen Talente oder Tugenden kann ich Dir

nichts berichten, da unser Gespräch spezifisch

chemisch war. Bitte, ihn zu grüßen und bei-

liegende Dissertation zu geben.

Hiller hat Dir bisher nicht geschrieben, weil er

eine famose Reise durch die Schweiz nach

Italien bis nach Genua gemacht; als er wie-

der nach Heidelberg kam, kannte er Deinen

Aufenthalt nicht mit Sicherheit. Jetzt habe

ich ihm geschrieben, wo Du Dich befindest u.

Du wirst wohl schon Brief von ihm haben.

Er bleibt das nächste Semester noch in Heidelberg.

Ich lege noch eine Dissertation für Rautenberg,

Huber, Schaeyer(?) u. Land(?) (oder wie er sich schreibt) bei, die

ich zu grüßen bitte. Nimm mir’s nicht übel,

daß ich Dir so viel Mühe mache u. schreibe

mir nur recht bald; ich will Dir auch schnell

antworten. Mit dem berühmten Motto

Deines großen Landmann’s Krenkel bleibe

ich Dein          

                                    alter treuer Freund

 

                                                Hermann

 

Kommentare:
pignirt (auf mich),  kann nach meiner Meinung nur soviel wie böse auf mich, oder verärgert auf mich, bedeuten

 

alterirt –(nicht im Mindesten alterirt)  -- soviel wie nicht im Mindesten verändert/geändert wird

 

. . . . ronische ---  Hermann schreibt „aieronische“, und ich kam zu den Entschluß, er meint ironische,  . . . .  durch dieses ironische Latein . . .

                          Ich denke es handelt sich um einen Schreibfehler, bzw. Sprachfehler , denn wenn das Wort „ironisch“ im Deutschen (Dialekt) etwas schlampig ausgesprochen wird,         

                           so stimmt es mit der Schreibweise von Hermann überein.

 gescheut . . .      hier scheint es genauso zu sein. Er meint mit Sicherheit „gescheit“, also: Du würdest nach meiner Ansicht sehr gescheit thun, wenn . . . . .