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Hofrath Dr. S. Th. Stein                Wien, den 16.9,83.

Liebe gute Thekla!

             So waeren denn die ersten 2 Tage in der

Ferne entschwunden, wiche mich von meinen Lieben trennen.
Vor allem Dir meinen innigsten Dank fuer die wiederum
brillante Versorgung meiner Beduerfnisse, wofuer ich - beim
Auspacken - waehrend Herausnehmen der Stuecke, bei jedem Gegen­-
stand Deiner segnend gedachte!

          Wenn nun auch der gestrige. Empfang beim Kaiser mir insofern

nichts Neues bot, als ich Derartiges zu schon mitgemacht hatte-
(waenrend meiner Militaerzert) - so war es doch hoechst interessant
und amuesant zu sehen, wie die groessten Kapazitaeten des Geistes
wie solche hier versammelt waren - immer nur menschliche Narren
sind und jeder Einzelne danach schnappt von einem Hochstehenden
angelaechelt zu werden. "Mein Kaiser hat mich angelacht und mir
ein Kompliment gemacht" - daran zehrt mancher sein Leben lang. -
Zur Sache selbst habe ich zu bemerken, daas  auch ich die Oehrbe
hatte - wie einige dutzend anderer, vorgestellt und mit einigen
Worten beurgrunzt zu werden. - Seine Majestaet sind uebrigens
ein aeusserst freundlicher und fideler Herr und war er sichtlich
froh, als ihn nach etwa 1½  Stunden des Rundgangs die dreimalige
Zeichengebung des Oberhofmeisters von dem „offiziellen“Empfange
erloeste. Bei einer solchen solemnen Feier stehen naemlich alle
Eingeladenen rings um die Waende des Saales je nach Stand und
Stellung gruppiert. Im vorliegenden Falle war der Empfangssaal
etwas groesser als der kleine Koncertsaal im Saalbau. Erst stand
das Praesidium der Ausstellung, dann kamen die Vertreter fremder
Staaten, aufgestellt nach dem Alphabet. Belgien, England,
Frankreich, Italien, Russland, Vereinigte Staaten; dann kamen die
Maenner der Wissenschaft, unter denen auch ich meinen Platz hatte,
und dann geladene Herren aus Wien, z.B. der Magistrat, das
Gemeindekollegium etc. In der Mitte befand sich das gesammte
Ministerium des Innern, das Unterrichtsministerium, der Handels­-
minister etc. Alles in grosser Galla. Im Ganzen duerften es

ungefaehr 400 Geladene gewesen sein.

 

 

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Dass auch ich mein ganzes „Geschluwwerts“ umgehaengt hatte, brauche

ich wohl nicht besonders zu betonen. Ich sah mindestens wie ein
General aller unentdeckten Wissenschaften aus. - Drei Schlaege des
Oberhofmeisters mit dem Oberhofmeisterstabe an dem mit persischen

Teppichen belegten Fussboden verkuendete das Herannahen des

Kaisers. „Seiner Majestaet wie Salomon Feisenberger in Koenigl. Hohheit in unserer
Familie, dem ich beilaeufig bemerkt nebst seiner Eschette Mojil
herzlichsten Gruss sende, zu sagen pflegen, waren gefolgt vom

Kronprinzen,  den Hofmarschaellen und einigen Generalen. Nach
Beendigung des oben erwaehnten Rundganges zogen sich Seine Majestaet
zurueck – etwas um 10 Uhr - es eroeffneten sich 2 grosse Fluegel-
pforten und die Gaeste traten in einen grossen, weiseen, mit Gold
drapierten, von vielen tausenden von Kerzen beleuchteten Saal ein,
woselbst eine Unzahl kleiner Tische aufgestellt war, an deren
jedem 8 Herren Platz nehmen konnten. Es wurde ein kaltes Souper
serviert - was die Erde an seltenen Gourmandisen bietet, wurde

hier gespendet, die Tische und Bueffets bogen sich unter der Last
der auf das wunderbarste aufgetuermten Speisen. Die seltensten
und feinsten Weine sowie Moet und Chandon & Roederer flössen in
Stroemen, dutzende uniformierter Hofdiener, in goldbrokatenem
Gewande, ein Schwert an der Seite, boten die Atzung. Hinter
jedem Gaste standen wenigstens zwei Lakaien, die die Teller mit
Speisen belegten, sobald solche geleert und welche die Glaeser
fuellten. - Was hier "gefressen" und "gesoffen" wurde, spottet
aller Schilderung. Dabei spielte die Hofkapelle von Strauss
80 Mann stark in roter Galla-uniform, dirigiert vom grossen
Walzerkoenig, die wunderbarsten Weisen. In diesem Taumel nun ging

es bis etwa 11 Uhr fort, zu welcher Zeit sich allmaehlig der Saal
leerte. . Der Kaiser selbst hatte sich schon um  ½10 in seine
"Gemaecher" zurueckgezogen. -   .

Ueber die Ausstellung und meine Beziehungen zu derselben
in meinem naechsten Briefe.