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                                    München am 16. Sept. 60

 

            Lieber Freund!

 

Schon lange wollt’ ich Deinen Brief be-

antworten, aber das Mißgeschick riß

mich immer vom Schreibtisch; Du wirst

Schönes von mir denken; auch war Dein

Brief schon einige Tage in München als

ich von meiner Gebirgstour zurückkam;

daraus kannst Du entnehmen wie gut

ich mich unterhielt in Schneizelreit, denn ich

war 3 Wochen dort; unerklärlich war

es mir Anfangs, als ich in Deinen Briefen

etwas von gewissen Liebessticheleien las,

wie Du das weißt, überhaupt wissen

konntest, - als ich erst von Rombus er-

fuhr, daß Metzler durch Frankfurt

reiste. Wohl wird Metzler Dir

ein Bild über meinen Aufenthalt in

Schneizelbreit mit etwas krellen Farben

 

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vorgemalt haben od. gar mit erlogenen,

denn wahrlich andere sehen in diesem Punkte

immer mehr, obschon ich nicht leugnen kann

daß Liebe blind ist. Ich jedoch such nichts

als Freundschaft, und die ist mir

meistens lieber als die sogenannte

Liebe, u. sie kann mich an Jemanden

mehr fesseln, als die letztere. (Bitte

aber die Sache streng logisch zu nehmen.)

Liebe mag herrlich schön sein; ich weiß

es eben nicht, denn ich fand für mich

noch kein Mädchen. -  Wenn Du vielleicht

glaubst ein Mädchen für Deine Liebe gefunden

zu haben, so wisse daß das Frl. Neubauer

für ihre Liebe ein Männchen gefunden hat,

u. das Neustätter Land für sein Herz

ein Weibchen fand u. zwar in Person

der jüngeren Wechles (?). Es ist doch schreck-

lich wie sich die Leute ändern. „Es gibt

Dinge Horatio für die unsere Schulweisheit

nicht taugen“ sagt Hamlet u. er hat Recht.

Was indessen Laura thut, weiß ich

nicht, grämen schwerlich; vielleicht studiert

sie Mythologie u. bittet den gefälligen

Apollo sie bei dem Bock u. Ziegenhirten

                                                            Pan

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zu empfehlen. Mir kommen diese Mädchen

sonderbar vor, manchmal vergleiche

ich sie mit Griechen die von Olympiade

zu Olympiade zählten u. sie zählen von

Museumsball zu Museumsball, bis zu

ihrem Untergange. Dir mag ich wohl

ekelhaft scheinen mit solchem Geschreibsel

aber ich bin so; Dich trieben freilich

heiße Südstürme nach Norden, und

mich ein ganz gewöhnlicher Boreas

nach Süden in die Berge; und hier such (?)

ich mit ruhigem Blick die unübersteig-

baren Hindernisse, die steilen Pfade, während

Du in den Ebenen Dein künftig Glück

sahst, weit, weit um Dich her bis

es im Horizonte verschwamm.

Seelige Augenblicke! ich hatte auch welche,

aber sie waren wie der Blitz, - sie

leuchten zauberisch helle, verschwinden u.

später vielleicht werd ich das Grollen des Donners hören,

und im Gebirge ist das Wetter sehr

veränderlich. Sehr begierig bin ich wenn

Du hierherkommst, und ich Dich wieder

besuche, Deine Bilder u. Photographien

besehe ob ich wirklich ein neues Bild

 

 

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finde, u. ob ich nur ein Bild finde –

oder mehr?! –

Jetzt hätte ich auch eine Bitte, wenn

Du falls noch ein übriges Exemplar

von den Hasmonaern haben solltest,

so bringe es mir mit. –

Deine Schuld bezahlte ich u. übersende

Dir die Quittung.

Rautenbergs Adresse wirst Du wissen

er wohnt Löwengrube 5/1(?).

            Lebe wohl u. verlebe die kurze

Zeit in Deiner lieben Heimath recht

fröhlich und vergnügt u. schreibe

bald    

                        Deinem Freund

                                    Moriz Röhrer

Viele Grüße von meinem

Bruder u. Eltern

 

Adresse:

Oberer Anger No. 1