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Altenkunstadt den 14. Oktober 1858

 

Lieber Stein!

 

Meinen letzten Brief suchst du auf einer Seite zu beantworten und bedienst dich darin
einer so kleinen Schrift, dass ich mich fast zum Lesen einer Brille hätte bedienen müssen, jedenfalls um mein gewöhnlich große Schrift zu verhöhnen; doch heute will ich mich rächen und dein Auge recht anzustrengen versuchen. Da es
dein Wunsch ist von dem Thema mit Frl. L. R. abzubrechen, so melde ich in diesem
Brief davon gar nichts, halte die Sache für abgethan und schreibe dir andere, wenn auch weniger interessante Neuigkeiten und Tagesbegebenheiten Altenkunstadts.

Vorerst muß ich noch ob meines langen Stillschweigens entschuldigen, anhaltender Besuch von Seite meiner l. Schwägerinnen, eine von mir nach Nürnberg u. Fürth unternommene Reise, worauf ich später zurückkommen werde, Concerte, Kirchweihen u. Tanzunterhaltungen, in deren Gefolge der unvermeidliche Katzenjammer sich einstellte, und endlich Vorbereitungen zur Hochzeit des Leonhard haben mich verhindert, dir vor heute deinen ebenso liebenswürdigen als schönen u. großen Brief zu beantworten.

 

Meine Reise nach Nürnberg, die das Hauptthema meines Briefes bilden soll, hatte einen solch guten Eindruck auf mich gemacht, dass ich noch am Mottwoch, den 6.ten d. Mts., gerade an jenem Tage, an dem dein Herr Papa von unseren äußerst liebenswürdigen Verwandten erwartet wurde, genaue Ankunft in derselben Sekunde, in der dein Besuchen die durch Geschäfte hervorgerufene Verhinderung des Besuches deines Herrn Papa anzeigte.

Die Aufnahme bei unseren Verwandten, die ich doch da erst kennen lernte, war so freundlich, dass ich glaubte bei Geschwistern einen Besuch gemacht zu haben, so dass ich mich dort auch ganz heimisch fühlen und ungern mich von ihnen trennte.

Am ersten Nachmittage machte ich gleich einen Abstecher nach Fürth, wo gerade Kirchweihe war. Wenn auch dieses Nest einen angenehmen Eindruck auf mich gemacht, so ergötzte ich mich doch bei dem Anblicke so vieler Schönen und blieb, da ich mit Collegen, die ich theils von Würzburg aus kannte, theils erst hier kennen gelernt, bis 11 Uhr kreuzte, daselbst über Pracht, machte Donnerstag einen 2stündigen Besuch bei Frau Löwenhaar mit der ich größtenteils von Sigm. Th. Stein und von dessen Erlebnissen in Bgkst. gesprochen habe.

Daß du bei deiner Anwesenheit in Fürth den bestmöglichsten Eindruck auf dieselben gemacht hast, brauche ich dir nicht besonders zu schreiben, da du überhaupt auf jeden, mit dem du nur einigermaßen Umgang zu haben Gelegenheit hast, einen solchen Eindruck machst.

Am Donnerstag Mittag nach Nürnberg zurückgekehrt, begann ich hier oberflächlich die Sehenswürdigkeiten der Stadt in Augenschein zu nehmen, betrachtete mir die Burg mit allen Einrichtungen derselben, besuchte einige Bekannte, worauf ich dann im Kreise unserer Familie den Abend sehr vergnügt zubrachte. Freitag kam noch, auf der Durchreise nach München begriffen, Freund Deuerling, in dessen Begleitung ich nun die Kirchen, Rathaussaal, Bratwurstglöcklein, das Fuchs’sche Haus auf dem Ägidienplatz, Cafe Noris und noch einmal die Fürther Kirchweihe besuchte, so dass auch dieser Tag sehr vergnügt vorüberging. Abends ging ich mit unserer schönen, liebenswürdigen Cousine Emilie ins Theater, um hier die „weiße Dame“ zu hören, die 

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nebenbei bemerkt, ziemlich gut aufgeführt wurde.

So wäre der Freitag vorüber gegangen, während  ich Samstag den ganzen Tag im Hause unserer Angehörigen zubrachte.

An diesem Tage war ein so fürchterlicher Sturm und Regen, dass es rein unmöglich war das Haus zu verlassen, so dass ich mich entschloß, noch an jenem Abende um 7 Uhr meine Rückreise anzutreten, zumal, da ich bis Bbg. die Begleitung unseres Vetters Wertheimer benützen konnte.

Nachdem ich nun eine Nacht in Bamberg, und eine zweite Nacht in Lichtenfels zugebracht hatte, kam ich Montag um 3 Uhr Nachmittag hier an, um im Kreise der Meinigen bis zum 10. November, dem Tage nach der Hochzeit des Leonhard zu verweilen.

Welche Freude du uns machen würdest, wenn du dieses Familienfest durch deine Gegenwart verherrlichtest brauche ich dir nicht zu sagen, ich begnüge mich damit dir zu schreiben, dass es der sehnlichste Wunsch unserer ganzen Familie ist, dich bei der Hochzeit hier zu sehen.

Bei gewissen Burgkunstädter Damen stellte ich zu deren größter Freude die Verwirklichung unseres Wunsches in Aussicht. Wie fidel wollten wir da zusammen leben!!

Herz, den ich seit seiner Rückkehr von seiner Reise nur ¼ Stunde sprechen konnte, hätte dich gerne wieder besucht, wenn es ihm die Zeit erlaubt hätte.

Er blieb so schon 3 Tage über seinen Urlaub aus, und hatte, angestrengt von der Reise, in Frankfurt bis nach 10 Uhr geschlafen, so dass er fast den Zug versäumt hätte.  Er lässt dich vielmals grüßen und dir für die Aufmerksamkeit, die du ihn bei seinem Besuche geschenkt, herzlich danken. 

 

Seeligsberg, von dem einige Zeilen beifolgen, ist derart beschäftigt, dass es ihm in der That unmöglich ist, einen Brief zu schreiben.

Er ist erst vor einigen Tagen von seiner Reise zurückgelehrt und konnte wegen seiner großen Anstrengung sich noch nicht einmal die Zeit nehmen, seine Schwester Marie, die in Kronach nicht unbedeutend erkrankt darniederliegt, zu besuchen. Sobald er nur einigermaßen Zeit hat, wird er dir, wie er mir versichert, einen großen, ausführlichen  Brief schreiben.

Von seiner Reise hat er mir ein prachtvoll geschliffenes Glas mit einem herrlichen Deckelgemälde mitgegeben, das ich jetzt bei sehr feinem, alten Bier in der Gesellschaft „Eintracht“ benütze.

Das Tagesgespräch bildet gegenwärtig hier der Untergang des Schiffes „Austria“, auf welchem sich „Sigmund Kupfer, Emma Friedmann und noch 5 Burgkunstädter Jünglinge und Jungfrauen im Alter von 14 – 18 Jahre befanden, die leider sämtlich ihr Leben dabei verloren.

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Dieselben werden sehr bedauert und die Hinterbliebenen derselben befinden sich in trostlosem Zustand. Der genannte Kupfer ist derselbe, der unsere Ebnether und Banzer Seite so fidel machte und der überhaupt durch seine Gemüthlichkeit hier so allgemein beliebt war. Auf diesem Schiffe befand sich auch ein Cousin der Braut meines Leonhard, der als Compagnon seines Cousins denselben in Amerika ablösen wollte.

Er fand seinen Tod leider auch in den Wellen, weshalb wir dann einen Hochzeitsgast, den Schwager des Leonhard, den Compagnon des Verunglückten weniger haben.

Leonhard, der sich mit deinem Briefe unendlich gefreut, wird dir selbst schreiben. Ob er viel schreibt, möchte ich sehr bezweifeln, da er sehr zerstreut wegen der Nähe seiner Hochzeit ist. Zur Abwechslung reist er heute wieder einmal nach Lichtenfels, wo er schon seit Samstag nicht mehr gewesen ist.

Die Grüße, die du dem Leonhard zur Besorgung geschrieben, habe ich gestern bereits während eines 2 ½ stündigen Besuches, den ich bei Rothsch. machte, besorgt.

Frl. Louise, das an Größe und Schönheit wachsende Backschuß.... erwidert die Grüße bestens, und ersucht dich, die Briefe mit einer guten Gelegenheit hieherzuschicken oder an der Hochzeit des Leonh. Selbst mitzubringen, was das angenehmste wäre.

Als Ersatz hat sie von Herz einen herrlichen Agat-Armreif als Andenken bekommen, den sie natürlich hoch in Ehren hält.

Die ganze Jung-Mannschaft, besonders Blank, Lauer, Deuerling und Pletzer lassen dich vielmals grüßen und freuen sich mit uns auf dein Erscheinen bei der Hochzeit.

Dein l. Eltern und Geschwister grüße ich bestens. Sehr angenehm wäre es uns, wenn dein Herr Papa von Nürnberg aus uns auf einige Tage besuchen würde. Rede ihm zu, vielleicht vermagst du es ihn dahin zu bringen. Daß deine ... Frl. Schwester Dorothea, die ich besonders herzlich grüße, uns auf längere Zeit besucht, brauche ich nicht zu bezweifeln, da du es bei deinem Hiersein uns so sicher versprochen.

[ es fehhlt hier etwas !!!  ] ... Emma .... nebst Deiner Frl. .... .... .....

 

 Dieselbe freut sich schon jetzt darauf, deine ganze Familie kennen zu lernen, wozu sich bald bei ihr Gelegenheit bietet.

Zum Schlusse ersuche ich dich noch, mir recht bald zu schreiben
und mich nicht so lange warten zu lassen, wie ich dich habe warten lassen. Ich verspreche dir, deinen nächsten

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Brief in möglichst kürzester Zeit zu beantworten und zwar jedenfalls noch vor meiner Abreise nach Würzburg.

Dein Auge kannst du bis jetzt genug angestrengt haben, entschuldige mich, wenn ich dich mit dem vielen leeren Gewäsch zu lange in Anspruch genommen habe und empfange viele Grüße von Familie Ullmann, Onkel Michael Hahn mit Familie, Jak. Mack usw. durch deinen aufrichtigen Freund und Cousin

 

Heinrich Hahncam jung

 

PS: Meine Schwägerin sowie Leonhards Schwägerinnen beauftragten mich, deine Grüße zu erwidern. Was dir Herz von einer Schwägerin „Rosa“ gesagt haben mag, ist ihr wie mir unerklärlich.

Von dem Simchoth-Thora Ball, sowie von einem Sonntags darauf stattgehabten Concert mit Tanzunterhaltung, bei welchen Suiten ich mich stets gut amüsierte, will ich dir bloß mittheilen, dass weder bei dem Balle, noch bei dem Concerte Frl. L. R. anwesend war, was für dich sehr interessant sein dürfte.

An der Fürther Kirchweihe habe ich eine einzige Tour getanzt, da es bei dem schrecklich angefüllten Hause lächerlich geschienen, viel zu tanzen.

Wie ich dabei merkte, hörte Frau Löwenhaar während des ganzen Abends nicht auf zu tanzen, was ein Zeichen für die große Gunst ist, in der sie bei allen Bewohnern Fürths steht. Ich begnügte mich damit, mich mit ihr während der Pausen zu unterhalten, wobei ich dann mir manch Viertelstunde höchst kurzweilig machte.

Sollte ich noch was zu schreiben vergessen, werde ich es in meinem Nächsten einholen, so wie ich mir auch die Beantwortung mehrerer Stellen deines jüngsten Briefes für meine folgende Briefe vorbehalte.

Sei zum Schluße nochmals gegrüßt und geküsst von

Deinem Cousin

Heinr. Hahn can. jur.