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19/10/2008

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                                    München den 14ten Juni 1860

 

                        Theure Eltern! Gute Geschwister!

 

Eure lieben Briefe, die ich mit Sehnsucht erhalten hatte, habe

ich stets zur bestimmten Zeit richtig erhalten, und war

der einzige Grund, weshalb ich mit einer Beantwortung zöger-

te meine Absicht, das wir wieder in das Geleise unserer alten

Schreibordnung kämen, uns von 14 zu 14 Tagen gegen-

seitige Nachricht zu kommen zu lassen; vor Allem Dir theuerer Va-

ter meinen innigsten Dank für Deinen wiederum äußerst liebens-

würdigen Brief, dem ich nur die Bitte anfügen möchte, ähnliche geistige

Verbindung zwischen uns recht bald zu wiederholen. Die größte Freude

bereitete mir die Kunde von Deiner wieder völlig erworbenen

Gesundheit, welche s.G.w. von nun an stets andauern möge & nicht

mehr durch äußere unangenehme Einflüsse verletzt werde. –

Daß die Confirmationsfeier so glänzend ausgefallen , hat mich einerseits

sehr erfreut, andererseits thut es mir wieder ungemein leid, gerade dieses

Mal, wo das Fest uns so innig am Herzen lag, demselben nicht

beiwohnen zu können; Dr. K. . . . .  S. . . . . . scheint übrigens, aus Deinem

l. Brief zu schließen, immer noch der alte zu sein. – Was meine Stipendien-

angelegenheit in Bezug auf die Harmonie betrifft, so ist es mir, ebenso wie Euch

ein Rätsel, daß Dr. Schw. noch nichts hat hören oder vielmehr sehen lassen, ob-

wohl er mir ausdrücklich die Übersendung durch Euch versprach. – Natürlicher-

weise darf hierüber gar nichts gesprochen noch gehandelt werden und wird

sich der Grund bei meiner Anwesenheit zu Fft. im künftigen Herbst darlegen. –

 

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Jedenfalls genehmige meinen innigsten Dank für

die mir vorgestreckte Summe von 50 fl., welche mir

für die verflossene & die nächsten Wochen hinreichendes Mittel bieten.

Daß mir Dein Besuch, theurer Vater, während Deiner Sommerreise nicht

vergönnt ist, thut mir sehr, sehr wehe! Ich schwelgte schon Monate

lang in der süßesten Hoffnung Dich hier durch die Hallen der Kunst

geleiten zu dürfen, um Deinen Cicerone zu bilden; ich beschäftigte

mich an freien Stunden hie u. da speziell mit der hiesigen Kunst-

geschichte; ich studierte(?) Carriere’s Collegia über neuere, speziell

Münchner Kunst, um die erworbenen Kenntnisse im Gespräche

mit Dir verwerthen zu können; und siehe da, alle

meine Erwartungen u. Luftschlösser sind in Schaum aufgegangen!

Doch vielleicht kannst Du, durch ein incognito Reisen trotzdem

Dir einen Aufenthalt dahier verschaffen, vielleicht, woran ich nicht

zweifele, durch ein Gardegesuch Dir das herrliche Bajerland wieder

erschließen? Es ist in der That jetzt ein herrlicher Aufenthalt hier,

und der Gedanke schon in einer solch’ h . . . . . (?)Musenstadt ver-

herrlicht durch alle höheren Genüsse, sich den Studien hingeben zu dürfen,

ungestört u. frei, in den Tempeln der Kunst u. der Natur, macht

dem Studenten München zu einem paradisischem Aufenthalte. – Denn

jetzt wo die Natur ihr neues Kleid angethan, die Bäume im

üppigen Grün schwellen, jetzt „lassen wir die Stube, u. der Stadt

verdungstes(?) Grab“, und begeben uns in die grünen Haine, welche mit

den herrlichen Statuen, aus des großen Meisters Schwanthaler Hand her-

vorgegangen, geschmückt, lassen uns in den herrlichsten Andenken im

Gönner oben(?), von dem Pinsel eines Cornelius & Rottmann & Raul-

bach al fresco geschmückt, nieder, um hier von der göttlichen Muse

 

 

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            uns leiten lassen, uns durch eifriges Studium

    in die Gänge und Schachte der Wissenschaft einführen zu lassen. –

Es ist das reinste Athonische Leben, und könnte ich mir ein

antikes Studienleben nicht anders vorstellen, als ich es hier führe. –

Wieviel Gelegenheit mir hier in den die Stadt umgebenden

Parks geboten ist, in der freien Natur, meinen Naturstudien

nachzugehen, zu vegetieren & zu forschen kann ich Euch nicht mit genug

lebhaften Farben schildern. O, wenn ich nur Dich, theurer Vater,

einmal hier umarmen dürfte, um Dich von meiner herrlichen

Zufriedenheit zu überzeugen; ich habe noch nie ein so

wonniges Semester(s?), mit mir selbst zufrieden, erlebt; bei guter

Witterung begebe ich mich des Morgens von 6 – 8 Uhr in den soge.

„Englischen Garten“,  der sich bis zur Universität hinunter zieht, u. in

nächster Nähe meiner Wohnung sich befindet, um hier die im letzten

Wintersemester gesammelten Notizen & Kenntnisse zu wiederholen &

meinem Geiste als ein ganzes, zu vergegenwärtigen. – von 8 – 11 Uhr

habe ich Laboratorium, u. bin ich mit meinem Professor, der ein

äußerst liebenswürdiger Mann ist, sehr zufrieden; ich habe daselbst

meinen eigenen Platz, mehrere mir zu Gebote stehende Schränke Apparate etc, etc,

sodaß ich mich hier ganz heimisch fühle. Um 11 Uhr ließt Liebig täglich

organ. Chemie im Laborat. der Akademie der Wissenschaften. Ein höchst

schwieriges Fach, welches alle Kräfte in Anspruch nimmt, da sowohl Thier-

als Pflanzenkunde aufs mannigfachste in diesem College ineinander über-

spielen, u. sehr viel Stoffe zum Lernen geboten ist. – Dann ließt Robell

allgemeine Mineralogie, ein weniger schwieriges Feld, das wiederum die Mathematik

im Bezug auf die K. . . .lehren(?) in Anspruch nimmt, sodaß alle Wissenschaften der

Natur, wie ihr seht, auf’s Mächtigste ineinander greifen. – Des Nachmittags habe

ich bei meinem Freunde Rautenberg und noch mehreren anderen Freunden offi-

 

 

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zielles Repetitorium. – Hier wird das Liebigsche Colleg ganz genau

täglich, Wort für Wort durchgesprochen & abgehört, so daß die Schwierigkeiten

durch die verschiedenen Kenntnisse, welche die Verschiedene mitbringen,

und durch gegenseitige Aufklärung gehoben werden. – Und das wieder

im Tempel der Natur, da R. in einem Landhause dem „Diana-

Bade“ – in einem der schönsten Theile der Umgebungen der Stadt

mitten in einem herrlichen Parke wohnt. Des Nachmittags habe

ich hie u. da noch einige kleine philosophische Collegia, wie ich

Euch schon früher gemeldet. – Zwischen 5 u. 7 Uhr besorge ich zu

Hause meine schriftlichen Ausarbeitungen, wonach ich mich einige

Male die Woche zu meiner körperlichen Stärkung in die Turnschule

begebe, nach welchen gymnastischen Übungen, ein Glas echten(sic)

Münchner Bieres, im Hinblick auf einen gewissenhaft durch-

lebten Tag, trefflich mundet. –

            Meine leiblichen Bedürfnisse habe ich jetzt ziemlich eingeschränkt,

da ich einestheils für mein theures Studium viel Geld brauche, an-

dererseits, täglich meinen Sechser für einen allmonatlichenAusflug ins

Gebirg, ich einer besonderen Büchse einverleibe. – So konnte ich am

Schlusse der letzten Pfingstferien, da mich mein Freund Cohn, der

nach der Schweiz gereists war, verlassen hatte, eine ausgezeichnete Partie

ins Bairische Hochland nach Rosenheim & Reichenbach machen,

welche Orte zu den schönsten Punkten der Tiroler Berge

gehören. Die Reiseverbindungen & Virtualien sind im Gebirge noch

viel billiger wie in München selbst, sodaß mich die ganze Tour

bis zum Chiem-See auf ca. 5 – 8 fl gekommen ist. Es sind jedoch

hiervon die Ausgaben für Virtualien abzurechnen, welche ich in München

auch gehabt hätte, so daß mich die ganze Reise auf ca. 3 – 4 fl.

zu stehen kam. – Frisch gestärkt von den Eindrücken jener göttli-

 

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chen Naturschönheiten kehrte ich zu meinem Studium

zurück, mit den besten Vorsätzen zu wieder neuem

Fleiße, um mich nach 4 Wochen wieder belohnen zu dürfen. –

Das nächste mal gedenke ich an den Asturm (?)– See nach Starnberg

u. Umgebung zu gehen. – Denkt Euch! um 42 xx(Kreuzer?-Hugo) bekömmt man

ein Hin u. Retourbillet nach diesem Eldorado, u. für diesen

geringen Preis können allwöchentlich hunderte von Touristen

in dieses herrliche Gebirgsland, dessen prachtvoll abgrenzende

Gipfelreihen uns in glänzendem Schneeschimmer täglich von hier

aus schon sichtbar sind. –

            Nicht nur in Bezug auf die Natur habe ich in der letzten

Zeit Neues kennen gelernt, auch das hiesige Leben bot

mir des mannigfach originellen Vieles, wovon ich Euch nur

von den großartig pompösen . . . . . assionszug am Frohn-

leichnamstage erinnern will; die Pracht & der Luxus, welche

bei diesem Zuge, welchem die goldenen u. silbernen Götzen

einverleibt waren, ob. . altete(?), läßt sich kaum schildern. – Alles

Militär war ausgerückt & bildete durch die ganze Stadt,

deren Straßen mit . . . . . . . (?) belegt, welche mit Blumen

bestreut waren, Spalier; Alle Häuser & Staatsgebäude

mit den kostbaren seidenen & sam(m)tenen Teppichen behängt

und durch Kränze-Schmuck reich verziert. – Durch alle Straßen

eine ungeheure Allee von riesigen Maien-bäumen,

welche alle zu diesem Zwecke frisch gefällt waren, wie

gesagt ein pompöser, nie gesehener, nicht zu schildernder An-

blick; der Zug war allein 2½ Stunden lang u. mußte

schon um 4 Uhr morgens anfangen sich aufzustellen. – Er

wand sich wie eine, alles . . . . . . .  . . . . . . , durch ihr Gift abtödtente

 

 

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Schlange durch alle Straßen der Stadt, u. war so

groß, daß ein Theil, in den Vorstädten, das Vorrücken

der Uebrigen abwarten mußte, prächtige Musikchöre

begleiteten, die aus allen Zünften, geistlichen Gesell-

schaften, Regierungsorganisationen(??), Lehrern & Professoren,

Geistlichen Personen, dem Hofe, der Geistlichkeit, allen

Schülern der 3 Gymnasien, Volks & Realschulen, etc, etc. bestehende

Zugsmasse, Männerchöre wechselten mit Frauengesängen. –

Dazwischen den ganzen Tag über das Donnern der Kano-

nen & Flinten, ein riesiges Fest, welches an auf den

öffentlichen Plätzen erbauten prachtvollen Altären ge-

feiert wurde. – Wieviel nothleidenden Armen könnte

durch die Kosten solch prunkvollen Unsinns geholfen

werden; wäre dies nicht mehr seinem Gott gepriesen? - - - -

            Von Besuchen etc. ziehe ich mich in der letzten Zeit etwas zurück, da

freie Zeit, in der freien Natur zuzubringen vorziehe; Paul

Heyse(?) ausgenommen; wo ich schon zweimal war; ich habe

demselben letzthin Deine . . . . . . . . (?) , l. Vater zum Lesen

gegeben, u. bin auf sein gewiß günstigst lautendes

Urteil sehr begierig; er nimmt mich stets höchst liebenswürdig

auf, beauftragt mich stets, Dich innigst zu grüßen, bedauert

nur sehr, Dich im Sommer nicht hier sehen zu können. –

Das Stück, „la tirense des cantes, woraus ich Dir l. Vater

eine Übersetzung für den F.A. versprach habe ich nun

ganz durch studiert; es ist ziemlich schwer geschrieben; jedoch nach

meiner Ansicht nicht für unseren Zweck geeignet, indem

es mehr ein Familienstück ist, u. von religiösen

Anspielungen, oder die Kirche, geiselnde Stellen, keine

 

 

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Rede. – Der Gang der Handlung ist, daß einer

Jüdischen Familie, das einzige Kind, die Tochter,

nachdem selbe von der Amme getauft ist, geraubt

wird, jedoch nicht der Kirche, sondern einem Zigeuner

übergeben wird, der das Kind einer Germanischen Fürstin, die es als

ihre Tochter aufnimmt & erzieht, überliefert. –  Der

Vater stirbt, die Amme stirbt im 1. Akt & die Mutter bleibt

allein übrig u. zieht als Wahrsagerin & Kartenschlägerin

in Oberitalien umher um ihr Kind zu finden, was sie nach

17 Jahren vollbringt. Sie findet ihr Kind, welches in der Fürstin

als christliche Fürstentochter eine zweite Mutter gefunden hat. –

Die Mütter kommen von ungefähr zusammen; es entsteht

eine Schauerscene zwischen beiden, die eine will ihr Kind,

die andere will es nicht lassen; die Tochter entscheidet sich für

die wahre Mutter; allgemeine Verzweiflung; der Sohn der

Amme kommt als Liebhaber & Freier der Tochter der

Fürstin, nachdem er (?) sehr viel geworden(sic); Unzufriedenheit

auf allen Seiten, die Tochter stirbt aus Gram & inneren

. . . . . . . . . . , die Mütter vereinen sich, der Vorhang fällt. –

Hier der Hauptinhalt der Handlung in Kurzem, es könnte

dies nach meiner Meinung jede andere Mutter & nicht

eine jüdische auch gewesen sein. – Von drastischen An-

spielungen ist keine Rede, obwohl sehr viel drastischer

Effekt vorhanden ist; ich werde Dir indeß doch eine Probe deren(?)

mittheilen, nämlich den Streit beider Mütter über den

Werth der Religion, was vielleicht brauchbar ist. –

      Allein ich will mich nun in Kürze fassen, da Zeit

& viel Raum schon geschwunden sind. – Der l. Thea

 

 

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meinen innigsten Dank für ihre lieben

Briefe. Ich werde demnächst antworten. An Cohn

habe ich nur(?) in künftiger Woche stattfindende Anwesenheit

in Mannheim gemeldet u. er wird nicht fehlen zu

erscheinen; an ihn habt ihr den besten Ciceron in

Heidelberg! – Dein letzter Brief liebe Thea enthällt

sehr viele Fragezeichen; dies ist ein Stilfehler. Ich will

Dich nicht an ein bewußtes Sprichwort erinnern. – Herr

Wertheimer aus Cincinnati war nicht bei mir. – Meinen

Freund J. Bonn meinen herzlichen Gruß. Antwort auf sein

l. Schreiben dieser Tage; ich bitte denselben sogleich zu

berichten, daß eine spezielle Offiziersliste von München

nicht existiert; ich also auch keine einsenden konnte; es gibt

ein allgemeines Militärhandbuch, was 2 – 3 fl. kostet, worin

auch die hiesigen Regimenter & deren Häupter aufgeführt sind,

ein solches könnte ich auf Verlangen beim Kònigsministerium

besorgen u. auf Postvorschuß einsenden; ich erbitte mir hier-

über von Julius Nachricht. –

            Zum Schlusse Euch Allen(?), Familien(?), sowie dem ganzen

Hause, Bekannten & Freunden meinen innigsten Gruß. –

Für Eure nächstwöchentliche Landparthie (?) wünsche ich mir(?)

guten Humor & günstige Witterung.

            Nehmet führlieb mit diesem flüchtigen Schreiben

und erfreuet bald durch einige Zeilen wiederum.

 

                        Euer treuer & stets Euren Wünschen

            nachzukommen suchenden, gehorsamen Sohn

            und innigstliebenden Bruder & Vetter

 

                                                            Sigmund

Der l. Mutter für Ihre l. Zeilen meinen

besonderen Dank; über die Art & Weise der

Zusendung künftiger Gelder, s.G.w., das

nächste Mal.-

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