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Würzburg, den 13ten November 1858

 

Lieber Freund!

 

Mehr den 60 Meilen von unserem lieben, schönen Alten-

und Burgkunstadt entfernt sende ich dir heute von

meiner schönen Musenstadt aus einige Zeilen, die dir

die letzten Tage meines Aufenthalts in der herr-

lichen Gegend meines Geburtsortes schildern u. dich

von meiner am 11ten des Monats glücklich erfolgten Ankunft

dahier in Kenntnis setzen sollen. Übergehe ich

ein Concert, das ich vor ca. 10 Tagen in Burgkunstadt

im „Frohsinn“ und in Frohsinn an der Seite der

schönsten u. liebenswürdigsten Dame der oberen

Maingegend mit anhörte u. wobei ich mich fast

wieder ausschließlich von dir unterhielt u. gehe

ich gleich zur Hochzeitsfeier meines l. Leonhard

über, die in Kürze gesagt, sehr einfach war.

Wie sehr ich mich mit unseren lieben Gästen, besonders

mit unseren gleich schönen als fein gebildeten

Cousinen Ida u. Philippine freute, kannst du dir

wohl denken. Dass sich auch hier unser Gespräch

fast ausschließlich um dich drehte, werden dir

dieselben selbst bestätigen. Ich bitte dich

mir in deinen Kräften darüber Auskunft

zu geben, was der Satz: „Wie wurdet Ihr

von ..... aufgenommen?“, der in dem

Brief deiner lieben Frl. Schwester an Ida

u. Philippine enthalten war, bedeuten soll, da

 

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unter den sieben Punkten, wie mir auch

Philippine zugestand, niemand anders als

ich verstanden war. Die jüngsten Tage

verbrachte ich zu Hause äußerst fidel

und munter, so wie es bei einer so

feierlichen und wichtigen Gelegenheit nun

immer möglichst, und zwar haben wir

nicht getanzt, wie du vermuthet, wiewohl

junge Leute genug anwesend waren, aber

an  Gesellschaftsspielen verschiedener

Art ließen wir es nicht fehlen. Genauer magst

du alles von Ida & Pilippine schildern

lassen, da der Raum zu klein ist und mir

die Zeit, es zu schreiben, mangelt.

Frl. Lina R. war nicht anwesend und in Folge

dessen musste Seeligsberg seines Auftrags

sich auf eine andere Weise zu entledigen

suchen. Du würdest mich sehr verbinden,

wenn du mir eine Copie des an Lina

geschickten Gedichtes, sowie der an Lina

geschriebenen Verse schicktest, da ich die-

selben noch nicht gelesen habe. Unendlich

 

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dankbar es zu Gegendiensten verpflichtet

wäre ich dir noch, wenn du mir den

von ihr erhaltenen Brief in Abschrift

zukommen ließest. Freilich viel ver-

langt; doch was kann die daran liegen.

 

Für dieses Semester habe ich täglich 5

Stunden Colleg, nämlich: 2 Stunden

Civilprozeß, 2 Stunden Privatrecht und 1

Stunde Staatsrecht, lauter interessante

Collegia von tüchtigen Professoren vor-

getragen. Für dieses Semester stelle ich

dir, trotzdem ich viel zu studieren habe,

auf Weihnachten einen Besuch von meiner

Seite in Aussicht, sollte mir aber daran

der Mangel an Zeit hinderlich im Wege

stehen, so wäre es mir lieb, wenn wir

uns zu einem Rendezvous in Aschaffen-

burg, das nur einen Tag in Anspruch

nähme, vereinigen könnten.

Da wollen wir uns dann einmal recht

ausschwatzen und ausplaudern über Alles

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was uns beide viel interessiert. Entschuldigung,

wenn ich heute wenig schreibe und dich

zum Schlusse noch bitte, deine Briefe, die

du von mir erhältst besser zu verwahren,

als bisher, da Philippine die meisten davon,

die offen auf deinem Studiertisch gelegen

haben sollen gelesen hat. Wer war die

Dame, mit der du dich jüngst in Bergen

So gut unterhieltest, dass du unsere Cousinen

.........?

Schreibe mir ja recht bald, da ich der

graue Nacht viel schreiben möchte.

Grüße deine werten Angehörigen, die

ich bei ihrer Durchreise gern sprechen

möchte, von deinem aufrichtigen

 

Freund Heinr. Hahn can. jur.

D. III. 92

Bruderhof

 

Beiliegende Karte, die meine Adresse ent-

hält magst du Dan. Ullmann übergeben u.

demselben nebst Familie vielmals grüßen:

 

# besonders deine Frl. Schwester Dorothea