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                                    Frankfurt a/M 15. März 1861

 

Lieber Sigmund!

 

Mit jener großen Freude, womit Eltern das geistige

Wachsen & Gedeihen ihrer Kinder begrüßen, &

wovon der alte Weise sagt:

ben_chacham.jpg(Ben Chacham Yesamach Av = Ein kluger sohn
                                                           erfreut seinen Vater) [Prov. 10,1]

habe ich Deine briefliche Excursion auf dem Gebiete

der Zoo-Botanik begrüßt. Ich habe daraus manches

mir noch Unbekannte gelernt & eine größere Lust

gibt es nicht, als dies vom eigenen Sohn sagen

zu können. Nach den Sprüchen der Väter (VI,3) muß

man Einem, von dem man auch nur ein Iota in

der Wissenschaft profitiert hat, pesach.jpg kavod.jpg (Kavod = Ehre) anthun, & so laden

wir Dich dazu auf pesach.jpg (= Pesachfest) ein, bei uns den seder.jpg (= Seder= die Mahlordnung)

geben zu helfen. In den zehn Plagen Aegyp-

tens wirst Du für mikroskopische Untersuch-

ungen manchen Stoff finden. Gott gebe, daß

auch Du bei der Wonne der Naturforschung mir

versprichst jenes unsterbliche:

ezba.jpg (Ez’ba Elo’him hie = es ist der Finger Gottes)  (Exod.8,15.)

     

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Deine Mittheilung, mit den sehr dankenswerthen

veranschaulichenden Zeichnungen, scheint mir,

gehörig ausgearbeitet & mit obligater Sauce

versehen, für ein populäres Blatt sehr geeignet,

etwa die Gartenlaube. Du könntest das, wenn Du

hierher kommst, ausarbeiten. – Aufrichtig gesagt,

habe ich mir Deine correspondenzlichen Mit-

theilungen aus Deinem jetzigen Studienkreise

mehr intensiv als discriptiv dargestellt & allein

der Empfänger darf nicht rechten mit dem Geben.

Nun aber wird es bald Zeit sein, Dich

nach einem ergiebigen Stoff für Deine Dis-

sertationsarbeit umzusehen & dazu Deine

Ferien zu benutzen. Hast Du daran schon

gedacht? Ich bin begierig, darüber recht bald

etwas von Dir zu lesen, oder noch lieber, zu

hören, denn da wir durch Deinen, jetzt auch

unseren Freund Straus – es ist doch ein famos

gescheidter Jüngling, der jüngst bei uns (er

las den Perin in Donna Diana mit

ebensoviel Geist als glänzenden Humor), reiche

Lorberen gesammelt hat – vernommen haben,

Du wollest, horrible dutu! einen Theil Deiner Ferien

in Nürnb. zubringen, so lange wir gegen diesen

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höchst unpractischen Gedanken feierlich Protest

ein. Auf die Tage in Nürnb. haben wir näheren

Anspruch, welchen Deine Eltern & Geschwister

Liebe hiermit geltend macht. Vor der Hoheit  der

Wissenschaft, wenn diese mächtige Gebieterin

Dich an den Isarstrand fesselt, treten wir ehrer-

bietig zurück; sonst nicht. Hast Du 5 – 6 Wochen

Ferien, so wird es auch Deinen Finanzen (?)

wohlthun, im Elternhaus auszuruhen. Wir

wollen dann über Dich – oder vielmehr, im 2.ten

Stock unter Dir – wohnen, daß Du rechtzeitig

aufstehst & den Vormittag tüchtig arbeitest,

für Niemanden, selbst für uns nicht zuhause,

& dann wollen wir Nachmittags excursiv &

discursiv desto nerg . . gter (?) sein. – An

Onkel Gutmann habe ich

                        pro Nov.- bis incl. März

                        5 Monate a fl. 40 = fl.200.-

jüngst berichtigt. Rechnung & Gegenrechnung

machen:           Einnahme:       fl. 420.-

                        Ausgabe:         „   416.30

                                                ------------

            sodaß Du . . . . . . . .     fl. 3.30       (resp. ich)

bei mir gut hast. Am 1. April wirst Du, nun

vermittelst Dr. Schwarzschild weiteres erhalten. -

 

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Ueber uns Angelegenheit ist bereits die ganze Meute

der Journalistik hier los, & die Hunde kläffen, „Hierarch!

Hierarch!“ und mir lautet’s wie: „Hier arg! Hier arg!“ –

Es bleibt mir nichts übring, als öffentlich die ganze Misere

der Vorstandsdespotin aufzudecken. Mündlich oder

schriftlich mehr; die Sache steht jetzt sehr ernst – ant, ant –

Doch ist mein Pfad von Ehre & Gewissen genau vorgezeich-

net; das gibt mir die Ruhe des Helden vor der Schlacht.

Mein . . . .  Schaffen geht trestlich(?) von Statten. Der freudige

„Carpentras“ macht – ich habe ihn schon mehrmals vorge-

lesen – hier viel Sensation. Er wird im Laufe des

Sommers gewiß im Druck erscheinen. Was ich noch -

unter der Feder bereits 1. Act , unter der Mütze 4 Acte –

habe, darüber kann ich nur mündlich mit Dir reden, da ich

damit sehr geheim thue, um, so Gott will, meinen lieben

Freund damit zu überraschen. -  Von Deinem l. Freund

Cohn haben wir die Anzeige der Verlobung s. Schwester

erhalten. Er klagt - & gewiß mit einem Rechte, das zahl-

lose Ausrufungszeichen rechtfertigen würde – daß Du ihm

noch nicht einmal auf die Zusendung seiner Dissertation

geschrieben habest!! und thue es doch sofort!! –

Alle Freunde & Geschwister grüßen Dich herzlich. Isaak

haben wir heute geschrieben, es geht im passabel &

man ist zufrieden mit ihm. –  In der Hoffnung, bald jetzt

Antwort zu erhalten, zeichnet in Liebe & Treue

                                                Dein

                        Dich an sein Herz schließender Vater

                                                Leopold Stein