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Altenkunstadt d. 12.9.58

 

Mein lieber Sigmund!

Kaum ausgeruht von den Mühen dreier

aufeinanderfolgender Feiertage, die ich

mit Essen, Trinken u. Spazierengehen ver-

brachte, beeile ich mich, Dir meine Bester, die

Antwort auf Deinen jüngsten Brief, auf

den Versuch der Rechtfertigung auf die

darin gemachten Anklage zu schicken.

Freund Seeligsberge, der heute früh abge-

reist ist, wird Dir in kürzester Zeit von

der Reise aus schreiben. Derselbe hat

sein Gesicht indirekt durch Dich am letzten

Mittwoch durch einen unglücklichen

Fall in eine Mistgrube so bedeutend

verkratzt u. beschädigt, dass er einen

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Tag lang fast unkenntlich war.

„Durch Dich, sagte ich, am letzten

Mittwoch“. An diesem Tage, am

Vorabend des Neujahrs, hatten wir

7 junge Leute, darunter Stud. Rothlauf

u. Stud. Deuerling, mein Leonhard

u. die übrige Altenkunstädter Jugend

eine Champagnersuite, veranlasst

dadurch, daß ich die bewusste Flasche

loslegte, der dann noch durch die

Prostwuth der 6 anderen Herrn

7 i.e. sieben Flaschen folgten. Seeligsberg

in seinem Eifer trank unter Tränen

u. Schreien den Wein aus dem Bierkruge

und wurde dadurch so total

betrunken, dass ihm obiges Malheur

zustieß. Beim ersten Glase

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brachte ich einen Toast auf das Wohl

unseres l. Stein aus, dem alle mit

Freude beistimmten. Daß auch meine

Wenigkeit, sowie Rothlauf, der bei mir

übernachtete, etwas benebelt waren,

brauche ich nicht speziell anzuleihern,

wenn ich sage, dass während des

Champagnertrinkens ein Jeder noch

4 Glas Bier trank. So viel davon

und nun zum Hauptthema meines

Briefes! – Du zeihest mich in

Deinem Jüngsten der Rücksichtslosigkeit,

weil ich ohne Dein Wissen einen

Brief von Dir an die große Glocke

gehängt hätte. – Du hättest ein Recht

dazu, der Indiscretion mich zu zeihen,

wenn Du nicht zu gleicher Zeit, in

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der Du jene allerdings unzarten

Ausdrücke gegen die Damen Altena(?)

u. Bgkstd. brauchtest, an meine Emma

einen so schönen, liebenswürdingen

Brief geschrieben hättest. Müßte ich

da nicht soviel Rücksicht gegen meine

Schwester haben und sie von der Meinung,

die Du von unseren Damen hast, in

Kenntniß setzen?  Ist nun diese

ihrer Freundin Lina R. nicht schuldig,

ihr Aufklärung über Deine Gesinnungen

gegen dieselbe zu verschaffen? Gewiß

mußte ich, sicherlich mußte auch sie so

handeln. Aber bei Frl. L. R. haben

nicht diese Ausdrücke allein Dich in

Ungnade gesetzt. Dein zweiter Brief,

den Du ihr durch Mich. Rothschild sandtest

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Dir versichern, daß zur Zeit als Du hier warst,
von einer Verlobung unseres Leonhard gar
keine Rede war, daß überhaupt wegen dieser
Karten(?) erst am Sonntag dem 8.ten Aug., dem
Tage Deiner Abreise, der erste Antrag von
Seite des Schwiegervaters des Leonhard
gemacht wurde.
Frl. Louise Rothschild erwiedert Deine Grüße
bestens. Grüßen läßt Dich: Seeligsberg, Lauer,
Pletzer(?), Jack. Mack, Onkel Mich. Hahn mit Fam.,
Blanch, Krauhs, Fellheim  etc. etc. etc.-
Onkel Ullmann mit Fam., Leonhard u. Emma
grüßen Dich, sowie Deine l(ieben) Angehörigen,
(deinen)? sich auch bestens empfiehlt.
 
                        Dein Freund & Cousin
 
                                    Heinr. Hahn
cand.jur.

 
Seeligsberg benützt die Gelegenheit, Dir
eigenhändig, tausend (oder einen) Grüße zu senden;
er erwartet Antwort auf sein jüngstes Schreiben.
Ist der "Freitag-Abend" noch nicht erschienen?