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Frankfurt a/M 12. Mai 1859

Theuerster Sohn! Bereits hat Dir unser lieber Isaac mitgetheilt,
wie sehr wir mit Deinem Schreiben uns gefreut haben. Wir wollen es,
nach altgewohnter Schweigessitte immer so halten, daß wir Dir am
Donnerstag schreiben & Du, als Freitagabenderinnerung, unseres
Briefes am Freitag erhältst; ebenso wollest Du am Donnerstag
darauf antworten, sodaß wir von 14 zu 14 Tagen aus schreiben,
jede Woche aber, schreibend oder lesend, uns im Geiste mit-
einander unterhalten.- Freilich ist dies bei uns, gewiß
auch mit Dir, auch ohne Schreiben der Fall. Wir brauchen
Dir nicht zu sagen, Daß Du oft der Gegenstand unserer
Unterhaltung seißt, & Dein Platz am Tisch mit Bedauern
von uns leer gefunden wird! Die Entfernung weckt die
Liebe u. jedes Lebensverhältnis; nicht blos dann wenn wir
eine theuere Seele(?) auf ewig verlieren, auch bei nur
zeitweiser Trennung sehen wir über die Fehler derer
uns Geschiedenen hinweg, & nur wie lieb & werth sie uns
gewesen seien, als sie noch mit uns in einem Raum geathmet
& an einem Tisch gesessen, das nur fesselt unser Verlangen,
& thut uns im Herzen wohl, um der Liebe, & zugleich wehe,
um der Trennung willen! – Für den von uns getrennten aber,
der nun allein & auf sich selbst gestellt ist, erwächst daraus
der besondere Vortheil, daß er dadurch auch zum Be-
wußtsein & zur Betrachtung seiner selbst kommt u. er
bestrebt ist, sich zu erkennen & wo Fehler an ihm haften,
sich zu bessern & dieselben abzuschleifen. Denn in der

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Familie dringen die Ecken ins Fleisch, aber in der Welt draußen
stoßen die Ecken auf Ecken, u. das ist gut, da müssen
sie sich abstoßen.- Gebe Gott der Allmächtige, daß der
Aufenthalt in der Welt, als deren Bürger Du nun in
einer Pewing?? des Menschenlebens, welche man das Paradis
der Erde nennen darf – wo es aber auch nicht an gefährlichen
Schlangen fehlt – jugendfrisch & froh eingetreten bist, Dir
zum Segen gereiche, & das Elternhaus, in welchen
Du ein sicheres Capital an Liebe & Treue(?) angelegt hast, zu
welchem Du immer & immer wieder es genießend & seines . . . . . ?
. . . . . . . . . , zu ent. . . . . magst, Dich stets aber am
Fragen & reicher am Geiste in sich . . . . . . . . . kann.
Ich selbst fühle mich wieder jung in u. mit Dir, u. Dich
bald in Deinem Heidelberger Eldorado aufzusuchen
& die Schätze des Geistes & der Natur genießen zu
sehen, ist mein sehnlicher, aber nur frommer Wunsch,
denn Du weißt ja, mit wie mancherlei Bande ich an
der Arbeitshilfe & das Arbeitszimmer gefesselt bin! – Sehr
hat es mich gefreut, daß die Frau(?) Schroder sich
so freundlich & gastlich gegen Dich erwiesen hat u. ist ein
Freund auf Universität das höchste Gut, so bekommt dieses
noch einen besonderen Werth, wenn es ein älterer
Freund ist, welchen der Neuling (ich will ihn nicht bei den

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nomine adioso nennen) sich orientieren & einbürgern hilft. Grüße
Herrn Schrader freundlichst von mir.- Ebenso erwiedere
die Grüße von Herrn Restendorfer(?) freundlichst, dessen . . . . . . . .
Du belegt haben wirst.- Über Deine andere Collegia
wirst Du nunmehr entschieden haben. Die von Dir ausgewählten
billige ich vollständig, doch scheinen sie mir nicht hinreichend, Deine
Zeit auszufüllen & bin ich begierig, hierrüber ein näheres
Schema(?) von Dir zu empfangen. – Wie steht es mit Deiner
Cassa? – Dr. . . . . . schild war bei mir & hat die Angelegen-
heit auf eine ganz noble Weiße bestellt. Sobald
Du voraussichtlich Geld nöting hast, schreibe mirs, so
werde ich eine Summe für Dich anweisen lassen, bei welchem
Hause (?) dort es Dir am Liebsten ist. Ich glaube, bei Hrn.
Canter; da Du bei diesem, wie mir Freund Bonn(?) sagte –
der & dessen ganzes Haus Dich herzlich grüßen läßt – eine
besonders gute Aufnahme erwarten dürftest. – Im
„Museum“ magst Du wahrscheinlich schon sein, daß man dort
die armen(?) Eclaistische(?) Zeitung, weil sie nicht ganz in den
Zwang. . . . . . . . Tun der meschuggenen deutsch-
thuerei., welche durchaus nur Berserker gelten läßt,
einst mit, in den Bann gethan, hat mir ein mitleidiges
Lächeln abgewonnen. Sie werden Louis Napoleon
den Gefallen(?) thun, ihn durch das popular „jusqu’an
Rhin“ in Frankfurt populär zu machen! – Im Übrigen
warne ich Dich, in der Anschauung Deiner politischen

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Ansichten nicht unbedacht zu sein. Es ist jetzt faßt gefährlich,
etwas gegen Österreich zu sagen; die Gestalt(?) ist wild,
& der Talmud sagt, man solle im Nisan=Monat dem
Stier aus dem Wege gehen! – Unser armes deutsches
Volk hängt mit seinem edlen Patriotismus sich an jeden
Zwirnsfaden & baut jetzt seine Einheitsbestrebungen auf die
Sympathien für einen Start, welchen dieses stets am feind-
lichsten gegenüber trat. Aber jetzt herscht die Leidenschaft;
& man wird, besonders als Jude leicht des Mangels an
vaterländischem Gefühle angeklagt, was namentlich, beim
Bewußtsein des Gegentheils, in jugendlichen Gemüthern Reiz
& Gegenreiz hervorrufen kann. Ich bitte Dich nochmals,
l. Sigmund, in dieser Beziehung die Klugheit walten zu
lassen, um nicht in einer Zeit in Handel zu gerathen, wo die
rothe Farbe leider wieder sehr anders zu werden droht. –
Schreibe uns ja Alles, was Dich bewegt & anregt, wir
nehmen an Allem, was Dich interessiert, den innigsten
Antheil. Grüße mir Prägers(?), wenn Du nach Mann-
heim kommst, herzlich; derselbe möge mir das Programm
der dortigen Synagogen-Einweisung senden. Auf.............
ist erstaunt/verstimmt(?) – ich auch – daß Freund Präger nicht mehr
nach „Tora u'miziva“ unterrichtet. Erkundige Dich, ob
an dieser Sage etwas sei. – Lies . . . . .. unverändert(?) Deine
. . . . . . ich gebe Dir einen solchen in . . . . . . .für den
kleinen Elias Hahnenpräger von dem prophezeit wird, daß er ein
lieber Mensch wird - - „a chiddusch!“ - Und nun sei selbst herzlich
gegrüßt & geküßt von uns allen, & vor Allem von Deinem
Dich ewig liebenden & sorgenden Vater

Leopold Stein