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Lieber Sigmund!                    

                                                Fft. 11.3.60

 

Wir alle rechnen mit unbedingter Gewißheit

darauf, daß Du zu unserem sal. . . . . (?) Synagogen-

Einweihung hierher kommst. Dies geschieht

natürlich auf besondere(?) Kosten & darf da-

durch weder durch Her-und Hinreise, Dein

sonstiges Einkommen geschmälert werde. Ich

unterlasse daher für heute, wie Du Dir

denken kannst, überaus beschäftigt, alles

Andere, wieder Dich bald an sein Herz

zu schließen hofft,     

                        Dein Dich zärtlich liebender Vater

Fft. 11.3.60                             Leop. Stein

 

 

(Dieses Datum steht links

vom Wort:Einweihung, 3.Zeile

von oben:

Freitag, den

23ten d.M)

 

P.S. Wenn Du vor Deiner Abreis(e)

Herrn Cohn [??Cohen] besuchst, so grüße ihn herzlich

von mir & entschuldige mich, daß ich seinen liebens-

würdigen Brief noch nicht beantwortet. Bei einer

gestrigen Soireé hatte ich das Vergnügen, mit dessen

edlen Frau Tante Saling mich viel zu unterhalten

& der allgeliebte Neffe war natürlich der Gegen-

stand unserer sehr angenehmen Unterhaltung. –


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                                    Frankfurt a/M 11.März!

 

            Mein lieber Sigismund!

 

Ich und wir alle, rechnen mit

Sicherheit darauf, daß Du zu

unserer Einweihung, welche „ mirz

haschem“*** nächsten Freitag

über acht Tagen stattfinden wird,

hier in unserer Mitte sein wirst.

Ich verspreche Dir wirklich großar-

tige Genüsse. Unser Synagogen-

chor ist etwas großartiges. Es

vereinigt in sich die besten Kräf-

te aus der Gemeinde. Herr Brei-

tenstein, ist wie Du Dich ja

selbst überzeugt hast ein ausge-

zeichneter Organist. Und Hecht

gibt sich alle nur erdenkliche

Mühe, u. macht einen ausgezeich-

neten Dirigenten. Nächsten

Sonntag, [18 Mar 1860 ] hält unser l. Vater die

Abschiedsrede in deren Andacht-

saal, ich wollte Du wärst schon

hier u. könntest sie hören. Heu-

te habe ich von Deinem liebenswür-

digen Freund Cohn einen herrlichen

Brief erhalten, u. ein netter ge-

preßtes Sträußchen aus Veilchen

u. Schneeglöckchen, welche er selbst auf

dem Schloßberg in Heidelberg suchte,

beste Hand erhalten. Es hat mir


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diese kleine Aufmerksamkeit,

große Freude bereitet.

Doch nun mein theurer Sigis-

mund muß ich schließen, mündlich

mehr von Deiner Dich innig liebenden

                                    Herrttin (??... lein)

 

 

            Lieber guter Sigmund!

Auch ich kann den Brief nicht abgehen lassen,

ohne Dir ein paar Zeilen zu senden. Wie Du

schon wissen wirst, bin ich bereits für fünf

Wochen hier u. es gefällt mir außerordentlich

in Deinem schönen Vaterstadt. Der liebe

gute Onkel u. die gute Tante sind außer-

ordentlich gütig gegen mich, mit einem

Wort ich hatte noch kein Bißchen Heim-

weh, was doch sehr viel ist, wenn man zum

ersten Male vom elterlichen Hause ent-

fernt ist. Wie ich in Deinem letzten

Briefe vernehm gefällt es Dir sehr gut

in München, u.ge. . tlich(?) freue ich mich

sehr, wenn Du mir (muendlich) das Theater-

stück, welches Du gedichtet hast, mündlich

erzählen wirst. Hoffend dich sehr bald

zu sehen, bleibe ich

                                    Deine

                                        Dich innig liebende

                                                Cousine

                                        Emilie Werheimer ?? Warheimer ?? Wertheimer

 

N.B. Viele Grüße an

die liebe Frau Dr.

Martin u. deren

Mann, u. an den

guten Robert.-

Vergeße es nicht auszurichten.

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Auch ich will den Brief diesmal nicht abgehen lassen,

ohne Dir mein lieber Sigmund ein Grüßchen zu schicken.

Wie freue ich mich auf Dein baldiges Wiedersehen,

worauf wir alle sicher hoffen. Daß Herr Mehrlander fort

ist ohne es bei uns zu erwähnen und ohne Abschied zu nehmen,

was uns sehr wunderte, wirst Du vielleicht schon von Deinem

Freunde Cohn, von welchem die l. Thea auf ihrem

Geburtstage einen sehr liebenswürdigen Brief erhielt,

gehört haben. Unsere liebe Schwester hat sehr schöne Ge-

schenke erhalten, nur fehlt das Deinige noch, welches weil

es zuletzt kommt auch das Schönste sein wird. Doch nun

            adieu l. Siegmund, es freut schon lange auf

                                          Dich Deine treue Schwester

                                                            Bella

 

 

Lieber Sigmund!

 

Heute hat der Herr Cohn mir einen

Brief geschrieben, der ist brafer(sp.?),

denn Du schreibst mir nie. Ich

freue mich aber sehr wenn Du

kommst. Adieu liebes Brüderlein

             Es küßt Dich Dein Bettinalein

 

*** mirz haschem“ = korruptes Hebraisch fuer "Im yir'ze ha'shem" = so Gott will