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Altenkunstadt, 10. April 1859

Mein guter Freund!

 

Wann im Frühling die Eisdecke schmilzt,

die der starre Winter über die Erde ausgebreitet, wenn Wald

und Flur aus langem Schlafe zu neuem Leben erwachen und

mit frischem Grün sich schmücken, dann fällt auch von des

Menschen Herz die düstere Hülle, die in der dumpfen, beengen-

den Atmosphäre der „vier Wände“ sich darum gelagert,

dann zieht auch in die menschliche Brust neues Leben ein

und sie umgürtet sich mit dem heiteren Grün frischerwachter

Hoffnung. – Während der Wintermonate habe ich ein gar

traurig einsam Leben geführt: Immer im Laden oder

im Comptoir, den heiligsten Gemächern der edlen Krämerei,

als Staffage um mich herum nur Cattun und Baumwoll-

biber, ausgeschriebene Handlungshäuser und alte Briefe,

seufzend und fluchend über Journal und Hauptbuch, und

die ganze trockene Zahlenwelt zum Teufel wünschend –

so habe ich einen um den anderen Tag verbracht! Dazu

noch der immerwährende Kummer, den das, vom Oktober

bis in den Februar anhaltende Leiden meiner Maria

bereitete – Umstände genug, die mich abhalten konnten

mit den fernen Freunden auf brieflichem Wege zu ver-

kehren.

Es muß alles wieder gut werden! Der erste

 

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Sonnenschein, um nochmal auf das obige Bild zurückzukommen –

lockt ins Freie und wenn des Menschen Auge sich äußerlich

an einem schönen Bilde freut, so mag auch das innere,

das geistige Auge den Blick nach Ehrbarem und Schönem

wenden.

Gedacht, dessen brauche ich Dich, mein guter Stein,

wohl nicht zu versichern, habe ich Deiner auch während des

Winters gar oft in treuer Liebe; ich bin Dir nicht fremder,

als ich dies war, wenn ich auch nicht an Dich geschrieben und

auch Nichts von Dir gehört. Unser Freundschaftsbündnis

hatte sich so schön und schnell erschlossen – dürfte, könnte es

so bald sich wieder lösen? Nimmermehr! Wenn wir

persönlich auch in räumlicher Beziehung etwas ferne stehen,

der Geist, Liebe und Freundschaft, die edelsten Perlen des

Geistes, sie sind ja nicht an Raum gebunden, sie kennen

keine Zeit und keine Entfernung! Drum reiche

freundlichst von Neuem die Hand zu einem Briefwechsel

und werde nicht müde mir zu sagen, dass du mein Freund bist.

 

Zwei Briefe von Deiner Hand liegen unbeantwortet

vor mir: einer vom 18. Dec. des vorigen und ein anderer

vom 11. Januar d. Jr. Jener kam mir richtig zu

diesen erhalt ich erst nebst einer Beilage für Frl. Lina

Rothschild und dem Dir geliehenen .....,10041859_mis03_125.jpg am

23. März nach meiner Rückkehr von einer Geschäftsreise,

die ich in der zweiten Hälfte des Februar nach Alt-

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baiern, dem gelobten Lande der bairischen Commis-

.......... 10041859_mis04_125.jpgunternommen hatte.

Ich hatte mich so innig gefreut, deine Fräulein Schwester, von

deren reichen Geiste und nicht minder reichen Liebenswürdigkeit

ich schon so viel, unendlich viel erzählen hörte, kennen zu lernen,

meine Freude sollte sich nicht verwirklichen. Wie ich höre und

wie ich auf der Außenseite des an Frl. Lina R. adressierten

Briefchens gelesen, wurde Frl. Thea unerwartet schnell aus

der altehrwürdigen Noris abgerufen, und wir Hefenklöße

mussten gänzlich auf das Vergnügen verzichten, sie hier be-

grüßen zu können. Schade darum!

Aber Dich werd ich doch bald sehen und sprechen. Dein zweiter

Brief bestätigt, was der erste nur kurz berichtet und was

nur Heinrich lebhaft bestritten hatte: Daß Du die Absicht

hast Dich in diesem Sommersemester zur Universität München zu

begeben. – Ich werde jedenfalls auch im Lauf des Jahres,

wenn auch nur vierzehn Tage, nach der stolzen Isar-

stadt kommen. Da soll’s dann heitere Stunden geben!

Freund Heinrich ist seit verwichenen Sonntag wieder in

Altenkunstadt und wird bis gegen den 8. oder 9.

Mai hier verweilen. Ich höre von ihm, dass er fast

ebenso lange, als ich, nicht an Dich geschrieben. Ziehe,

ich bitte Dich darum, daraus keinen falschen Schluß.

Heinrichs Zeit ist geteilt zwischen Studieren und Soussieren

und er hat sich im abgelaufenen Semester auch mir

Gegenüber sehr lässig im Schreiben gezeigt, was mich 

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zur Unterbrechung unseres Briefwechsels gezwungen, habe

ich schon im Eingange des Briefes weitläufig erörtert.

Aber du bist doch ein rechter Zyniker! Welch

ein lüsternes Bild du von Deiner liebenswürdigen Cousine

entwirfst. Ich glaub Dirs gerne, dass Du, wenn es

gälte, gegen deren „Forts“ Sturm zu laufen, der

erste unter den Stürmern wärest.

Das Gedicht von Heine – wie kommst du auf

den Gedanken, einen Brief damit einzuleiten? - habe

ich noch nie gelesen. Ich möchte glauben, dass es dem

herrlichen Sänger des Buchs der Liebe von größerem

Nutzen ist, dass die gewissenhafte, oft auch allzu gewissen-hafte deutsche ...10041859_mis02_125.jpg es gestrichen. Heine hat sich

sehr geschadet durch den frivolen Ton, der in vielen

seiner schönsten Lieder waltet. Der reine, hehre Nimbus

der Schillers, der Goethes Gedichte verklärt, fehlt dem

Heinen. – Ich habe über derartige Dinge über-

haupt sehr philisterhafte Ansichten, was Dir erklär-

lich wird, wenn Du bedenkst, dass ich stets allein gelebt,

dass ich den Anfang froher, lebenslustiger Freunde

hier nur während eines geringen Theiles des Jahres

genieße, und dadurch etwas ... 10041859_mis01_125.jpg

geworden bin.

Die Einladungen, die Abendkränzchen, die Dir

in den beiden Briefen an mich so manch Seufzer

entlockte sind wohl jetzt vorüber. Ich mag mir’s

denken, wie oft man in Mitte des schnatternden

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Damenkreises in Versuchung kommen muß, den

Mund zu einem feuchten Gähnen zu verziehen. Vor

diesem Uebel sind wir hierorts, dem Herrn sei Dank,

bewahrt.

Frl. Lina Rothschild habe ich vorgestern

zum erstemal nach fünf Monaten wieder gesprochen;

Wenn’s möglich war, ist sie noch schöner und liebenswürdiger

geworden. Freund Heinrich weiß aber auch, das

zu schätzen (oder er weiß´es nicht?) Lina ist dir

nicht mehr böse; wie wäre es auch möglich, solch rührendes

Verhältnis, wie die mit denen du das liebliche Ora-

türchen über ....,10041859_mis05_125.jpg auf die Dauer zu widerstehen.

Du kannst ... 10041859_mis07_125.jpgund ... 10041859_mis08_125.jpg und Du wirst kommen,

wirst sagen und wirst wieder .... 10041859_mis09_125.jpg

Ist die Novelette, die jüngsthin am Freitag-

abend erschienen, aus der Feder Deiner Thea. Ich

hätte Grund, es zu vermuthen.

Was hätt ich Dich noch alles zu fragen,

was noch alles Dir zu berichten! Aber nicht Alles

in einem. – Schreib mir recht, recht bald und nimm

wiederholt die Versicherung, dass ich in trauauf-

richtiger Liebe bin und immer bleiben werde.

 

Dein Freund

 

Moritz SEELIGSBERG
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