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                                                                        München 8.IV.60. Sonntag

 

                        Theuerster Freund !

 

Soeben erhalte ich Deinen lieben Brief und schließe

aus seinem Inhalt, daß Du meinen am 2ten Aprill bereits

Dir abgeschickten Brief noch nicht erhalten hast. Ich

habe ihn nämlich an Deinen lieben Vater adressiert,

ohne Straße und Hausnummer, die ich nicht kannte, anzugeben,

es wäre daher möglich, daß er bis auf jetzige Stunde auf

der Post in Frankfurt liegt, weshalb ich Dich bitte, ihn von

dort zu holen, wenn es Dir an ihn gelegen ist.

Du wirst aus dem erwähnten Schreiben ersehen, daß

ich, in Erwägung der Gründe, die Dich vom correspondieren abhielten,

Dein langes Stillschweigen nicht im Geringsten übel

nehme, um so weniger kann ich es jetzt thun, da ich genau die Um-

stände kenne, die es verursachten.

            Mit Unrecht beschuldigst Du den Arzt, welcher Dich während

Deines Unwohlsein, von welchem Du unterwegs leider

ergriffen wurdest, behandelte. Nach dem strengen Mittel (Hg2CL)

zu urtheilen, das er Dir verordnete, mußte in der Form jener

Dir so unbedeutend erschienenen Symptome, eine sehr ernste

Krankheit, d.h. nicht mehr, nicht weniger als ein Typhus

im Anzuge gewesen sein, und Du kannst Dich glücklich

schätzen, daß jenes her. . .  Mittel, gegen welches Du

so erzürnt bist, so gut bei Dir anschlug.

Daß Du im Kreise der lieben Deinigen die angenehmsten

Stunden verlebst, kann Niemand so gut begreifen, wie ich, dem

noch lange, lange das Glück nicht beschieden sein wird, das

väterliche Haus, nach welchem sich jedes fühlende Herz sehnt, wie-

derzusehen. Ich könnte Dich faßt Deines Glückes wegen beneiden!

 

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doch nein, ich freue mich recht herzlich, dass dir die Zeit auf

rosigen Schwingen, so genussreich entfleucht und finde keine

Worte um dir meinen Dank auszudrücken, für die Freund-

lichkeit, mit der du mich aufforderst Theil an deinen jetzigen

Freuden zu nehmen. Doch, wie gerne ich auch die Osterfe-

rien mit dir verleben möchte, wie sehr ich deine aparthe

Gesellschaft entbehre, wird es mir kaum möglich werden,

deine freundschaftliche Einladung nach Frankfurt zu kommen,

Folge zu leisten. Offen gestanden, ist meine Trägheit, meine

Antipathie gegen das Eisenbahnreisen, neben der Furcht vor

übermäßiger Aufregung, der triftigste Grund, der mich

von einer Reise nach Frankfurt abhält. Dieselbe Ursache

war es, die mich auch den beabsichtigten Ausflug nach Stuttgart in Gesell-

schaft von Barensfeld und Herz entsagen ließ.

Wie du schon aus meinen vorigen Schreiben ersehen haben

wirst, geht meine Zeit ziemlich einförmig dahin. Die zwei

ersten Pessach-Abende war ich bei Herrn Merzbacher zum Se-

der eingeladen, wobei ich mich aber wie du dir längst vorstellen

kannst, trotz der Liebenswürdigkeit des Hausherrn, in Gesell-

schaft seiner übrigen Tischgäste nicht besonders gut amüsiert

habe. Röhrer sehe ich sehr selten, desto öfter aber besuche

ich Fräulein M., der ich heute, als den ersten Osterfeier-

tag, ein hübsches Ei zusenden werde. Heute Abend bin

ich bei Prager’s eingeladen, wo ich mich zu amüsieren

hoffe. Deinen Brief werde ich bei dieser Gelegenheit

selbst überbringen.

 

Ich bitte dich, das jenige, was ich im vorigen Brief in

Betreffs des Dr. Kappel gesagt habe, nicht für baare Münze

aufzunehmen. Er ist wirklich kein großer Geist, sondern nur,

unter uns gesagt, ein horrendes Rindvieh, wofür ich neulich


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wieder einige hübsche Belege aus seinem interessanten Umgang ge-

schöpft habe. Ich hatte nämlich das Glück einen Abend in seiner

gelehrten Gesellschaft zu verbringen. Es war ein köstlicher

und unvergesslicher Abend, den ich mir vornahm einst unter

dem Titel „Ein Abend in Gesellschaft eines Jecken “ auf’s Papier

zu bringen. Wenn du wieder in München sein wirst, werde

ich das Nähere unserer interessanten Unterhaltungen mit-

theilen. Bis dahin folgendes: Ich erzählte ihm (freilich ohne

einen Namen zu verrathen) von dem stattgefundenen

Bratwurstduell. Dr. Kappel schüttelte bedächtig das Haupt

und sprach, als ich die Erzählung beendet: „Aber bedenken Sie, wie

schädlich eine solche Ueberladung sein kann; der ungeheure Druck

auf den Magen!“ „Freilich, erwiderte ich, aber durch eine Ex....

Ration ist dem Allem abgeholfen.“ „Gut, gut, sprach er dann

in seiner Redeweise; aber der Druck, der Druck!! Sie wissen ja,

der Druck ist abhängig von der Höhe der Säule und dem specifi-

schen Gewicht der Flüssigkeit!“ etc. etc.

Versäume ja nicht, wenn du K. sehen wirst, ihn zu bitten, er

möchte dir sein von Hirschfelder gemaltes Porträt zeigen.

Es ist kostbar, und ich muß dem Maler als solchen schätzen,

der es verstand so ausgezeichnet den Charakter eines

Menschen im Bilde auszudrücken.

Doch genug davon! Lebe recht wohl, theurer Freund, amü-

siere dich auf’s Beste und erfreue mich, wenn die Zeit es dir

gestattet mit einigen Zeilen. Deine Aufträge sollen

auf’s Pünktlichste besorgt werden.

 

Noch Gruß an deine liebe Familie

verbleibe ich

dein treuer

W. Rautenberg