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                                                            Altenkunstadt, 6. Mai 1859

Mein Lieber Freund!

 

                        Auch in unser stilles, friedliches Thal ist der

Ruf und der Lärm von dem lauten, bewegten Treiben, daß

sich jetzt draußen in der Welt verbreitet, gedrungen und

hat Alles und Alle in Aufregung und Ekstase versetzt. In

den stürmischen Sitzungen des englischen Parlaments oder

des französchischen corpo legislatif mag’s kaum lebhafter

zugehen, als in diesem  Augenblicke in unserem Wirtshaus-

lokalen. Wo sonst nur Tag für Tag die gewöhnlichsten

Kapitel, die nächstliegenden Fragen aus dem alltäglichem Leben,

aus Geschäft und Haushalt, bewegt wurden, wagt man

heute über die wichtigsten Zeitereignisse zu debattieren und

referieren. Itzig greift mit beisender Schärfe die Politik

des französischen Kabinets, die Proklamation des Kaisers,

die bürgerliche Haltung des Moniteurs(?) an, Tekvo anderer-

seits bekrittelt das rasche Vorgehen Österreichs und findet

es ehrenwert, daß Preußen nach dem alten Motto, „Nur

langsam voran!“, handelt, Schmuel endlich breitet in

langer Rede erstaunliche Kenntnisse von Taktik und

Strategie aus und entwirft einen Operationsplan, der

Gyulai(?), wenn er ihn genau befolgt, zum Siege über den

Erstürmer des Malakoff verhelfen muß! Wahrlich, man

möchte aus der Haut fahren, wenn man das Kunter-

bunte Gewäsche(?) mit anhören muß. Ich will einmal

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die Politik – die übrigens, ich muß es gestehen, auch mich

recht gepackt, auf ein halbes Stündchen aus dem Kopfe

bannen und zu der stillen und reinen Freude zurück-

kehren, die mir der briefliche Unterhalt mit den fernen

Freunden jederzeit gewährt. –

            Habe besten Dank für Dein liebes Briefchen, das, so

winzig es auch ausgefallen, mich doch wahrhaft erquickt

hat, indem es mir die Gewißheit bringt, daß

Du mir auch in der langen Zeit, in der ich Dich ohne irgend

ein Lebenszeichen von mir gelassen, treu und unver-

ändert Deine Liebe und Freundschaft bewahrtest. Und habe

ferner Dank Dein liebenswürdiges Conterfei, das

ich mit Freuden zu den Bildern der Wenigen geselle,

die ich mit Stolz meine Freunde nenne und deren Freund-

schaft den Lichtpunkt, die Würze meines einsamen Lebens

bildet. –

            Freund Hahn hat sich mit mir an Brief und Bild

ergötzt, er wird Montag oder Dienstag wieder von hier

nach Würzburg reisen und Dir, unmittelbar nach

seiner Ankunft dort, ausführlich nach Heidelberg schreiben.

Emma sollte ihn begleiten, um sich zu ihren Verwandten

nach Frankfurt und Offenbach zu begeben; doch scheint

in neuester Zeit den Plan wieder bei Seite gelegt. –

Selbst noch imVollgefühl tiefster Reue und Zerknirschung

ob der eigenen Schuld, muß ich es Freund Hahn über-

lassen, in höchsteigener Person Alles, was er bis jetzt

von Advokatenkniffen und vabulistischer(?) Spitzfindigkeit

aufgefangen hat, anzuwenden, um Dich zu überzeugen,

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daß sein hartknäckiges Schweigen gegen Dich eigentlich gar

keinen Grund hat. Ich zweifele durchaus nicht, daß der

gelehrte Anbeter des heiligen Justinian diese Aufgabe zur

Genüge lösen wird, und habe nur noch Dich zu bitten, doch auch

nicht allzustrenge ins Gericht zu gehen, und zu denken, daß

Schmollen nur Weibern (resp. solchen, die erst ihre Flitterwochen

zurückgelegt) ziemt, und daß, wenn auch die Rache süß,

Vergebung doch noch gar viel süßer ist. –

            Wie beneide ich Dich (weißt Du kein gelinderes, schöner

lautendes Wort) darob es Dir vergönnt ist, an dem

Kampfe gegen Deutschland’s alten Erbfeind theil-

zunehmen! Was Du mir darüber geschrieben hat mich wirklich

gepackt, hat mir Flügel gegeben, in Gedanken auch den

kühnen Flug zu wagen – aber ich mußte sie bald sinken

lassen, wenn ich meine Lage betrachtet. Ihr sammelt Euch

Ehre und Namen – ich muß hinter dem Ofen sitzen und

ruhig zusehen,  ich muß die Hände in den Schoß legen

und die besten Feuerkräfte austrocknen lassen. Aber

wozu winseln? warum in Klagen mich ergeben, die mein

Geschick doch nicht fördern? Es lebt noch etwas in mir;

wenn der entscheidende Augenblick naht, mag’s zum Durch-

bruch  kommen und die drückenden Fesseln sollen mit

Gewalt abgestreift werden! Geduld!

            Heute ist in Burgkunstadt die Nachricht eingetroffen,

daß Herz als Soldat hat eintreten müssen. Den bedauere

ich, und seine Luise auch. Aber sie weiß sich vielleicht zu

trösten. Ein Mädchenherz ist ein gar wunderlich, seltsam

Ding. – Von Lina – die, nebenbei gesagt, sich mit Deinem

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Briefe und Deinem Bilde, das ich ihr gleichfalls gezeigt, recht

gefreut – höre ich, daß es Dir gelungen, Dich in Frank-

furt, von der Landwehr (etwas Anderes ist’s doch wohl

dort nicht) loszumachen und daß  Du Deinen Entschluß,

unter das Heidelberger Freicorps zu gehen, ausgeführt. –

Alles Glück dazu, sowie nachträglich noch zu Deinem Einzuge

in Heidelberg selbst. – Schreibe mir recht ausführlich,

um so mehr, da Herz,  der jetzt wohl schon im Soldatenkittel

steckt, und doch den versprochenen Brief nicht geben

kann.

            Ich lese jetzt wenig, . . . ich habe keine Ruhe

keine Geduld dazu. Nur die politischen Tageblätter durch-

lese ich täglich mit Begierde; zuweilen lasse ich auch, um

nicht ganz aus dem Geleise zu kommen, einige belletristische

Zeitschriften die Revue passieren. – Wenn Hahn fort

ist, bin ich wieder ganz allein, und mag zusehen, wie

ich meine politischen Anschauungen mit denen unserer

philistrofen (?) Altenkunstadter in Einklang bringe!

Gut, daß jetzt das herrliche Maiwetter zum Gunste

der Natur ladet und daß man in ihrem Tempel die Arm-

selikeiten und Unerquicklichkeiten des Kleinlichen

Menschenlebens vergessen mag!

            Genug für heute! Schreib mir ja recht bald,

recht ausführlich über Dein Thun und Treiben. Alles,

Alles interessiert mich.

 

                                    In Liebe & Aufrichtigkeit

                                    Dein ganz  untereinanderer(?)

                                   

                                    Moritz Seeligsberger