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                                                Heidelberg, 6. April 1860

 

            Theurer Freund!

 

Bunsen’s Laboratorium wird im Inneren jetzt

renoviert, daher kann ich jetzt einige Zeit nicht mei-

ne Untersuchungen fortsetzen. Das Material

hat sich jedoch bisher schon so gehäuft, daß ich nun

ernstlich daran gehen muß, meine Beobachtun-

gen in das wissenschaftliche Gewand zu kleiden,

ohne das eine gelehrte Arbeit keinen Werth hat.

Das ist nun, wie ich sehe, keine kleine Arbeit,

da alles chronologisch geordnet, eines aus dem

anderen entwickelt und mit mathematischer

Schärfe begründet werden muß. Daß aber auch

dieses rein Theoredische von großem Interesse,

brauche ich Dir kaum zu sagen. Seit einigen

Tagen habe ich mich nun in diese Tätigkeit recht

eingearbeitet und habe mir vorgenommen, nicht

eher einen kleinen Bummel zu unternehmen,

bis ich meine ganze Arbeit, so weit meine

Forschungen bis jetzt reichen, für den Druck fer-

tig gemacht habe. Darüber wird aber noch die

ganze nächste Woche hingehen, und ich werde

meine Odenwaldparthie noch bis zum 16. verschie-

ben. Es würde mir viel Freude machen, Dich

 

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in einer noch näher zu bezeichnenden Nation alsdann

zu treffen. Du wirst mir glauben, daß ich viel

lieber nächsten Montag mit Dir u. den l. Dein-

igen sus. feiern möchte; allein, Du weißt, sobald

habe ich nicht wieder Laboratoriumsferien, und

ich kann, da der praktische Theil meiner Unter-

suchungen so sehr viel Zeit beansprucht, während

im Labor gearbeitet wird, an das Ausarbei-

ten meiner Resultate nicht kommen. Daher muß

ich jetzt bei Tage wahrnehmen u. studieren. –

            Das Wetter ist so reizend, daß ich den gan-

zen Tag in u. Gärtchen zubringe, indem

schon sanftes Grün die Augen erfreut; die präch-

tigen blaun Annemonen, die in allen Farben-Nuan-

cen blühenden Crokus-Arten, die schönen Primus-

. . . . . . .  die jungen Blattknospen der Ilex-Arten(?)

sind ein gar anmuthiges Intermezzo in dem Auel-

len(?) Studium. Selbst der Wein macht seinen

Namen Ehre, denn er weint entsetzlich; ich kann

mir zwar gar nicht erklären, warum, denn es ist

so schön, daß selbst der Himmel lacht. -

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            Impromptus für Stammbücher

                        von Jean Paul

 

In einer großen Stadt zum Fenster hinaussehen, gibt

eine epische Stimmung; in einem Dorfe, nur eine

satyrische oder auch idylische. –

 

Die Erinnerung ist das einzige Paradis, aus wel-

chem wir nicht getrieben werden können; sogar

die ersten Eltern waren nicht daaus zu bringen. –

 

                        Die Zeiten.

Die Vergangenheit u. die Zukunft verhüllen sich

uns, aber jene trägt den Wittwenschleier,

diese den junfräulichen.

 

                        Die Tränen,

Wir haben alle schon geweint, jeder Glückliche

einmal vor Weh, jeder Unglückliche ein-

mal vor Lust.

 

            Fragmente aus Hochgenus.

Wenn jemand bescheiden bleibt, nicht beim

Lobe, sondern beim Tadel, dann ist er’s. –

Man lernt Verschwiegenheit am meisten

unter Menschen, die keine haben – u. Plau-

derhaftigkeit unter Verschwiegenen. –

 

                        Fortsetzung erfolgt in

                        der nächsten Nummer.

 

                        Wo? sagt die Expedition

                        dieses Blattes.

 

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Herrn Dr. Oppenheimer werde ich Deinen Brief

sogleich zustellen; hoffentlich hast Du kein

Geld beigelegt, sonst: Anos ego!

Da ich Dir momentan nach Empfang Deines

lieben Briefes antworte, so kann ich nur auf

eigenes Risiko den Grüßen an Hill u. Dr. Schrö-

der erwiedern, da sie mir noch keine Voll-

macht dazu ausgestellt. Hiller ist heute in

Mannheim, um Präger’s Predigt zu hören und

sich einen neuen Gifthut zu kaufen. Das

ist doch wahre Frömmigkeit! Schröder sucht

in Ziegelhausen . . . . . . . . . . . . . .  Ich

aber hülle mich in mein Plaid(?) u. gehe

zur Felix(?); Denn ubi bene, ibi Hand . . . . . .

heim!(?)

            Indem ich Dich bitte, Deiner Frl. Schwester

die umstehenden aus Jean Paul abgeschriebenen

Aphorismen(?) mitzutheilen, u. Deine

werthen Eltern, Geschwister, Freunde u.s.f.

bestens zu grüßen, wünsche ich Dir:

                        „Gut Jontef“!

                                    Dein HLCohn