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                                    Frankf. 5.8.61

 

Lieber Sigmund! Dein jüngster Brief hat mich  sehr

gefreut, insbesondere daß mein Abrathen vom

Doctoriren nicht zu spät gekommen ist. Aber ge-

wundert hat mich’s freilich, daß Du mir über

meinen Doctor, resp. über den Namen des

Decan der philos. Facultät zu Tübingen nicht

geantwortet hast. Wahrscheinlich hast Du

bei Deiner Antwort meinen Brief nicht

wieder zur Hand genommen. Die Sache wird

für mich brennend. Eine Aussicht zur freund-

lichen Ausgleichung ist nahezu gar nicht

mehr vorhanden. Der Präses Hr. Olmann,

war jüngst, auf Freundes Vermittlung

bei mir, ich habe ihm einen neuen Vor-

schlag gemacht, welchen der betr. Freund,

sowie der Hr. Präses selbst, für durch-

aus annehmbar bezeichneten. Hr. O. sagte,

er habe alle Hoffnung, daß re durch-

gehe. In dieser angenehmen Erwartung

 

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wiegten wir uns 3 Wochen. Jetzt höre ich,

daß Dr. Mannheim aufs Endschiedenste gegen

den Vorschlag ist & derselbe gewiß durchfallen

wird. Eine Commission zur Wiederbesetzung

des Rabinats ist ernannt, & Dr. Mannheim,

Philip, Allisson (?) & Dr. Schwarzschild – drei

fulminante Gegner – bilden die Mayorität.

Aber ab der Hauptsache wirds fehlenm woher

einen richtigen Mann bekommen! – Dr. Schwarz-

schild, dieser Erznarr, grüßt mich nicht

mehr, & gibt sich das Ansehen, als säße er auf

dem, über den Olymp aufgestülpten „Parneß“,

um als „Parness“-Jupiter über einen armen

Sterblichen zu richten! Welch ein Glück wird

es sein, diesem elenden Paryneus (?), die sich

stets mehr als unsere Wohlthäter wie als

unsere Freunde betrachten, nicht mehr

unterthan zu sein. Nur darum, l. Sohn

sei recht fleißig, & gib keinen Kreuzer

umsonst aus, damit Du sobald als

möglich aller Wohlthat dieser Menschen

bar sein kannst(?) – O, hätte ich die

 

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Kraft, Dich au suns Mitteln studieren

zu lassen! – Ich würde aber an

Deiner Stelle, wie ich Dich schon oft er-

sucht habe, alles Aufsehen vermeiden.

Nach einer sehr schönen Reise hast Du jetzt

wieder, wie man hier erzählt hat, mit

großer Studentengesellschaft einen Aus-

flug ins Münchner Gebirg gemacht – für

das Geld dieses miserablen Schwarz-

schild! – Denn Du kannst darauf rechnen,

daß er Dein Stipendium mir hoch

anrechnet! – Bescheidenheit, l. Sigmund,

keinen Eclat, nicht von Dir reden machen,

außer in Betracht Deiner wissenschaftlichen

Tüchtigkeit. – Auf uns Angelegenheit zurück

zu kommen, so bin ich fast mittellos,

mein Institut im Oktober zu eröffnen.

Ich . . . . .  dazu, st. . . . . . .  . . .   st. . . . . .

darauf gegeben habe, mundo immando (?)

gegenüber, den leeren . . . . . . .  nothwendig.

Dabei fürchte ich, daß während der

Ferien die Sache Umstände macht.

Also, wenn ich bis Samstag keine Nachricht

 

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von Dir wegen Tübingen habe, so werde ich

mich nach Jena wenden. Tübingen aber

wäre mir lieber. Vielleicht würdest Du

auf uns Kosten, den weg über Tübingen

machen, um die Sache mündlich einzu-

leiten! Also jedenfalls umgehend Ant-

wort. Du erhältst deshalb diesen

Brief  . . commandiert.(?)

 

Mama ist noch in Heroldsbach, Bella geht es

gut. Louis ist recht lieb & brav. Franz

& Beteteinchen grüßen Dich. In Liebe

                                    Dein

                                       treuer Vater

                                          Stein