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                                                            Heidelberg, 4. März 60

 

Herzliebster Freund!

 

Wenn gleich mit Recht Entschuldigungen

der Federfaulheit am Eingange eines

Schreibens trivial klingen, so kann ich doch

diesmal Dich, alter Junge, nicht damit

verschonen. Wie sehr ich jetzt, am Ende

des ersten großen Theiles meiner akad.

Karriere, beschäftigt bin, kannst Du Dir wohl

um so eher denken, als Du ja selbst im

2. Semester, horibile andit. . (?), über

Mangel an Zeit klagst. Bei aller

Beschäftigung jedoch habe ich stets, so viel

ich konnte, das Vergnügen auch im Auge

gehabt, so machte ich, wie Dir wohl bekannt,

den verehrten Deinigen am Mekkab(?)-

feste einen 3tägigen Besuch.Auch ver-

fehlte ich nicht, den Carneval, der bei uns

„im hohen Norden“ gar still vorüberschleicht,

an dem Ort kennen zu lernen, wo er

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glänzendsten u. großartigsten began-

gen wird, indem ich auf 2 Tage nach

Mainz spritzte. Was soll ich Dir, mein

Lieber, der gewiß zu wiederholten Malen

den närrischen Trubel in Magnetia(?)

Romanorum(?) mitgemacht, erzählen?

Nur so viel kann ich Dich versichern, daß

ich an diesen 2 Tagen mehr süddeut-

sches Volksleben habe studieren können,

als während meines einjährigen

Aufenthaltes in Süddeutschland.-

            Nach Weihnachten sah ich wohl ein,

daß meine Arbeit über das Silberoxydol(?)

nicht so ergiebig ausfallen würde, als

daß sie mich Zeit u. Geld kostete, auf B. . . . . . ,

des hochgeehrten Lehrers Rath, begann

ich also eine neue Dissertation, von der

ich vermuthen konnte, daß ich, wenn ich sehr

angestrengt arbeite, wohl bis Ostern

gute, neue u. viel Resultate liefern

werde. Ich unternahm es, die CHLO4

auf jedometrische Mengen zu untersuchen.

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Es ist Dir jedenfalls bekannt, wie äußerst

explosiv dieses Gas ist u. welche Unan-

nehmlichkeiten daher das Arbeiten mit

demselben hervorruft. Namentlich ist

das condensirte Gas äußerst gefährlich,

da es heftiger als Chlorstickstoff(?) explo-

dirt. Ich sah bald ein, daß das diffuse

Tageslicht die Explosionen wesentlich

provocirn(?), u. bat B . . . . . . .(?), bei Nacht

das Gas entwickeln zu können. Er

gestattete es mit Vergnügen. So ar-

beitete ich dann wohl 24 Nächte im

Labor, in denen mich .B. . . . . stets

besuchte u. nach dem Fortgang sich er-

kundigte. Alles ging bei Nacht gut,

nur  vor einigen Zeugen, .resp(?) Nächten

wollte es das Unglück, daß da(?) ein(?)

Condensationsaggregat plötzlich an einer

Kautschukligatur Luft bekam, ich sprang

zu Hülfe, jedoch eine furchtbare Explosion

trat ein, in Folge daran mein ganzes

Gesicht, mein Hals, mein Kopf mit kochen-

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der SQ2 überschüttet wurde. Wenn ich auch

sofort alle erdenklichen Gegenmittel

anwandte, so habe ich doch viele schmerzhafte

u. entstellende Wunden davon-

getragen, u. mein holdes Antlitz hat,

gerade keinen adonisartigen Charakter,

der ihn in der That zu wünschen wäre,

erhalten. Zum Glück waren

die Augen durch die Brillen geschützt.

            Meinen Zweck hatte ich jedoch

erreicht, ich hatte das Gas condensiert

und kann es nun untersuchen, in Folge

dieser Schwierigkeiten aber bin ich mit

meinen Analysen etwas hingehalten

worden u. werde noch März  u. den

halben April fleißig zu arbeiten haben,

um in den nächsten Semester promovieren

zu können; jedoch gibts der Arbeit sehr

interessante Resultate, die ich auch in

den Au(a)len(?) der Chemie v. Wöhler zu

veröffentlichen gedenke.

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Du siehst nun wohl, lieber Freund, daß

ich jetzt dringenderes zu thun habe, als

was mir freilich mehr Vergnügen

machen würde, mit Dir zus. die Deinigen

am Ende dieses Monats zu besuchen. –

            Liebster Lithov(?), sei aber Du nur kein

Narr, benütze die günstige Gelegenheit

der Synag. Einweihung, um die Dei-

nigen wieder zu sehen, u. bringe hübsch

die Osterferien in Ffurt. zu. Apropos,

wie steht es denn mit Deiner jetzt statt-

finden sollenden Mensur? Hast Du

den Schan.(?) . . . .  . . glücklich aufgegeben?

Oder willst Du in diesem Monate hier

paucken?

            Mehrländer hat Offenbach für immer

verlassen u. befindet sich augenblickl. in

Breslau, er hat mich schriftlich beauf-

tragt, Dich zu grüßen. –

            Berolph(?) sendet Dir beiliegende Zeilen

u. läßt Dir auf sein Ehrenwort versprechen,

daß er in den Weihnachtsferien an Dich

geschrieben, der Brief aber verloren gegangen

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sein müsse; er ist jetzt durch Vangerous(?)

Vorlesung über Randekten(?) sehr in An-

spruch genommen; wir kommen nur sehr

wenig zusammen. Das nächste Semester wird

er in Erlangen zubringen. –

            Auerbach hat ebenfalls an Rentlinger

ganz bestimmt geschrieben, doch muß auch

sein Brief verloren gegangen sein.

            Daß Du alles aufbringst, um Deines

l. Vaters Drama zur Aufführung  zu

bringen, finde ich nicht mehr wie billig,

u. wünsche Deinen Unternehmungen

recht herzlich einen guten Erfolg. Von

der interessanten Audienz, die Du bei

den beiden Königen gehabt, möchte

ich wohl gerne etwas Näheres wissen. –

            Nun, liebster Junge, innigen Dank

für Deine Photographie; getroffen finde

ich sie nicht. Du müßtest Dich denn seit unserer

Trennung äußerlich wie innerlich geän-

dert haben. Wenn Du nach Hause reißt, so

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komme über Heidelb.(erg), wo wir noch einmal

auf lange Zeit Abschied nehmen müssen, da ich

künftigen Winter wahrscheinlich nicht nach

Wien werde gehen können. Sei herzlich gegrüßt

von Deinem alten treuen Freunde      

 

                                                Hermann

 

Strenge Dich nicht zu

sehr an!