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19/10/2008

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                        Theurer Sohn!                                     (Fft. 1.12.59)

 

Dein lieber Brief, welchen wir an der guten Mutter Geburtstag

richtig erhalten haben, hat, wenn dieses noch nötig war, die letzte

Spur des Schmerzes & der Wehmuth über frühere Dinge aus unseren

Herzen getilgt & der Hoffnung vollen Raum gewährt, an Dir jene

Freude zu erleben, wozu Dein früheres Streben & Lernen uns

so sehr berechtigt hat, daß den Kummer, uns durch das letzte

Semester getäuscht zu sehen, desto größer sein mußte! – Doch

das ist jetzt vorbei! – Dein glühender Eifer für die edle

Scientia, diese teuerste Freundin unserer Jugend, deren

innige Liebe uns bis zum höchsten Alter entzückt, ist nun in Dir

erwacht; Dein herrlicher Freund Cohn, den Du mit Recht als

Ideal (?) eines Freundes betrachtest, wird auch aus der Ferne

Dir den Genuß des theilnehmenden Herzens gewähren, doch

sehe ich mit größtem Verlangen dem Zeitpunkte entgegen, wo

Ihr beide wieder, ein Herz & eine Seele, auch in leiblicher

Erscheinung Euch nahe sein werdet.Unterdessen wirst Du, na-

türlich unter Berücksichtigung des mens sana in corpore

sano(?) – freilich hat das Nichtfleisigsein schon mehrere Gesund-

heiten zu grundegerichtet als das Fleisigsein, & das „Gesund-

heit“ trinken hat oft die Gesundheit zum leidenten Gegen-

stande des Zeit....... „trinken“ gemacht – ich sage unterdessen wirst

Du in der Wissenschaft Dich tüchtig umgesehen & vorbereitet haben,

sodaß Euer Zusammensein in Wien eine doppelte Freude für Euch

beide werden wird. Kohn schreibt uns, Du habest ihn noch

nicht geschrieben & fürchtet, Du möchtest über ihn böse sein. Gewiß

hast Du ihm diesen Irrthum be ........... & längst geschrieben, wir

selbst haben von dem prächtigen Menschen wiederholt Briefe

empfangen & mir schickte er zum (?) Geburtstage Taback, extra

fein, den sein Herr(?) Vater in Breslau choisiert hat, & der

l. Mutter schickte er terra marique, der zur Shillerfeier (?)

ein Stück(?) in Heidelberg war, sehr schöne Blumen, Alles von herzigen(?)

Worten begleitet. Kohn wird Weihnachten zu uns kommen. -

 

 

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Unser hiesiges Schillerfest(?) war brilliant, nobel(?), sehr schön, leider

konnte ich dem geistigen, dem Festmahl, aus nahe-

liegenden Gründen nicht beiwohnen. Du wirst die betr.

Sonsen(?) erhalten; Pfarrer Steitz(?) hat in seinem Troste(?)

exelliert. Unterdessen wirst Du auch  . . .     . . . . . . predigt er-

halten haben. Bei Abgabe der Ex. an die Herren Cohn &

Merzbacher (?) sage beiden unsere(?) herzlichsten Grüße & meinen besten

Dank für die Dir gewordene(?) freundliche Aufnahme. Herr Moritz

Hirsch ist stolz auf seine „ St..= TS(?), ach dieses „St. . .Ts kann,

in Sachsenhausen urdeutlich, kräftig & treffend, etwas ganz anderes

bedeuten; sein Großvater hat mit Geißen gehandelt! Bar. v. 

Rotschild ist nicht hier; ich werde wegen Empfehlungen mit ihm

reden. Das Beste aber ist auch hier, nicht mit zu vielen Familien

in Verbindung stehen. Der Sommer hat Dich in die Natur & in viel

Gesellschaft verlockt; der Winter führe Dich zum Zimmer & zu Dir

selbst zurück. Es gibt keinen größeren Genuß, als in einem

traulich erwärmten Stübchen für das Studium warm(?)  werden &

mit dem Bewußtsein, seine Pflicht gethan zu haben, zur Ruhe gehen . -

Ich bin ganz damit einverstanden, daß Du den eigentlichen philo-

sophischen Studien, welche die Fortsetzung der humanioru (?) von  

der Schule bilden, in diesem Winter vorzüglich Deinen Fleiß zu-

wendest & werde ich Dir dankbar sein, wenn Du mir in jedem

Briefe, wie in dem erfreulichen jüngsten, Fortgang & theilweise

Inhalt Deiner Studien mittheilest, um an courant Deines geistigen

Lebens zu bleiben. An Lassauls (?) werde ich die Empfehlung von

Reissen(?) verschaffen. – Ich selbst bin in diesem Winter vielfach &

angestrengt geistig beschäftigt. Zuerst mit dem Gebetshause(?), dann

mit vielen anderen Vorarbeiten für die Einweihung, die im

Frühjahre, kurz vor oder nach Purim(?), stattfinden wird. Schreibe

mir genau, wann Deine Vorlesungen zu Ende gehen & Du kannst Dir denken,

wie herzl. gerne wir Dich bei jenem Feste hier sehen & haben möchten, &

dann . . . . .  muß vor dem höheren Zweck, daß Deine Studien nicht zu sehr

unterbrochen werden, Alles weichen. – Der „Freitag-Abend“ wird

vom Jan. an, als . . . . . . . . .  mit demVolkslesen(?) verbunden

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werden, wie ich es ursprünglich wollte & mich nur(?) von dem treu-

losen Formenwandler(??) anders bestimmen ließ. Mein „Knaben-

raub“ schreitet, wenn auch langsam, doch vorwärts, ich hoffe bis Neujahr

den zw. Act & bis Ostern den Dritten (letzten) fertig zu

bekommen. Die „Hasmonäer“ werden nächste Woche versendet; ich

werde Dir durch Auffarth(?) dieselben, nebst  z. . . . . .  & Freitag-Abend

senden. Ich hoffe, Du wirst dann am „Mysogyn“(?) Dich . . . . . . . . .  & auch

Hrn. Merzbacher, hoffe ich, wird es Freude machen. – Aber Samstag-

Abend haben wir einen liter. Abend, wo wir namentlich

Shakespeare lesen & erklären, auch andere Sachen kommen zum

Vorschein. Ich sende Dir ein solches „jüngstes Kind meiner Laune“, etwas

deutsches „Cholem“, doch denke ich, es wird Dir gefallen, wie es meinem Lise(?)-

abendländlern sehr gefallen hat. – Auch haben wir jüngst eine kleine Re-

union gestiftet, „die Gesellschaft der Sieben“ – Dr. Schwarzschild, Dr. Man-

hayn(?), Dr. Stern, Dr. Hehr, Dr. Lannenbein, & zwei . . . . . . . . . .  von: . . . . .

. . . . . .  & ich, alles nebst Familien kommen alle Dienstag Abend im Hause

zu eines der Sieben zusammen & wenn der achte Abend – also zweimal

im Winter, ist große Reunion, mit ausgedehnter(?) Einladung (auf ge-

meinschaftl. Kosten), bei der zweiten hoffen wir dann auch Dich vorstellen

zu können, nachdem sich alle theilnehmendst erkundigen. Die Sache macht

mir Freude, ist von mir, unter Verschiebung  Steers/Beers(??) ausgegangen. –

Idee(?) des Dramas:“Durchbrechung des Familien-Kastenwesens durch

Annäherung unserer intelligenten Männer aus verschiedenen Verwandt-

schaftskreisen. Gelingts, wirds später erweitert. – Die Hasmo-

näer will ich auch den Mai(n)stäter(?) in München übersenden; des-

halb bin ich mit dem Gedichte „an den König“ noch unschlüssig,

ob ich nämlich beide zusammen senden soll. Was meinst Du dazu? –

Von unserem Isaak haben wir einen sehr schönen Brief erhalten; er

ist in Cincinati’ passabel placiert, doch bei einer Nichte von mir,

einer dort verheirateten Schwester unseres Ludwig, sehr gut logiert,

hat nämlich alles gratis, sodaß er seinen kleinen Gehalt. 12 Dollar

per Monat, nicht ganz aufbrauchen wird. Ich werde Dir den Brief

schicken, sobald ich ihn beantwortet. – Es ist Aussicht vorhanden, daß

unsere Emilie von Nbg. hierher zu Kiesh.(?) kommt & konfirmiert

wird, wenn der Herr Onkel sich nicht wieder eines Anderen besinnt.

 

 

 

 

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Etwas Religion könnte seinem l. Hause gar nicht schaden. – Daß Du  „Li’chvod Schabbat“[ = in Ehre des Schabbat] das Sabbath-Nachmittag-Colleg, mit Klopfen (?) & . . . . . . .  verbunden, aufge-

geben, ist sehr brav von Dir & sage ich Dir: „Yishar Ko’cha’cha“ [= alle Ehre Dir]. Die Büchter (?)

werde ich Dir gelegentlich schicken. Wende besonderen Fleiß auf

Arabisch; das kann Dir später, namentlich von Paris aus, wel-

ches Deinem dritten Gradum ad Parnessum bilden soll,

sehr viel nützen. Vielleicht erübrigt Hr. Merzbacher ein Stünd-

chen, um, vielleicht von“Schabosos = zu Nacht“, ein Cab. Hebr. Bibel

mit Dir zu lesen. Du bist freilich ein Kleiner (oder sit oenia verbo!(?)

ein großer) „Am hoorey“, doch die Verbanität des Herrn Merzb.

wird Nachsicht mit Dir üben. – Sobald Du die „Hasmonär“ haben

wirst, Mitte nächster Woche, schreibe einen Art. darüber & siehe, wie

Du ihn, durch Vermittelung, in ein gelesenes(?) Blatt  . . . . . bringst,

um das Puplikum darauf aufmerksam zu machen. Nöthige Frei-

exemplare stehen dir zu Gebote. Unsere l. Kinder, . . . . .  die

l. Großmutter, welche Mitte d. M. uns verlassen wird, grüßen

Dich herzlichst; Ihra(?) erwartet den versprochenen Brief über

Geist - & Kunstgenüsse in M., worauf wir uns alle freuen. –

Mit Hellmann sind wir nicht mehr auf gutem Fuße; dieser Mensch

hat Saloman durch Advokaten verfolgt wegen einer Schuld

von Fl. 200. – die er jenem aufhängte, weil er schlechte Ge-

schäfte (olim(?) als Weinreisender) für ihn gemacht! Die . . . . . .

treffliche Ide ! -  Unser Synagogen-Bau macht herrliche Fort-

schritte. Du wirst Dich freuen. Die Cantate von Jaqu. Rosen-

hain in Paris componiert, ist angekommen & ein prächtiges

Musikstück. Ich hoffe, Hr. Cohn(?) wird uns zur Syn. Einweihung

beehren & sich mit uns erfreuen – „venaschir le’fa’nav Halleluja“ =[wir singen vor Ihm Halleluja“. – Beifolgend

ein etwas altge. . .enes(?) Briefchen von Fr. Mehrlander(??); er ist

Mit-Leseabendländler(?). – Und nun, theurer Sigmund, geliebter

Sohn, adieu! – Lebe herzlich wohl! – Mehre den Reichthum Deines

Geistes; pflege die edlen Genüsse des Gemüthes; achte auf die

Reinheit Deiner Seele; schone die Gesundheit Deines Leibes –

damit Du einst als . . . . . . . . . . . . . (Lateinisches Wort?) uns & der Menschheit

Freude machst. – Dich umarmt & küßt im Geiste recht innig

& herzlich  

                                    Dein treuer, Dich im innersten Herzen tragenter Vater

                                                                        Leop. Stein

Fft. 1.12.59