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                                    Frankfurt 1. Juni 1860

Lieber Sigmund! Theuerster Sohn! Was lange dauert, wird gut,

u. so denke ich, wird auch dieser Brief gut werden und lange!

Auch mein Unwohlsein hat lange gedauert u. ist am Ende, gottlob,

wieder gut worden – möge die Besserung von Dauer sein! –

Dein Lamentabile war diesmal vollkommen gerecht; Du hast aber

keine Ahnung, in welche Misere ich steckte – keine Lust, keinen

Trieb zur Arbeit – keinen Appetit, keinen Schlaf, meine Kraft wie

gelähmt, das Organ meiner Thätigkeit schwer auf mich drückend,

das Gehirn der Zentralpunkt lästigen Schmerzes-Kanapen(?) u. best

meiner Zukunft, u. nach dem Schlafe immer wüstes (?) Gefühl u. Unmuth –

das war mein Zustand in den letzten sechs Wochen! Gott sei ge-

lobt u. gepriesen tausendmal – es ist vorbei! – Du kannst Dir

denken, wie schwer mir unter solchen Zuständen der tägliche

Unterricht wurde, u. mit welchen Empfindungen ich an dreitägige,

schwere Berufsarbeit ging – Samstag Prüfung, Sonntag Fasten-

zeit, Montag Confirmation – allein der Allerbarmender

läßt die Federn nach der Kälte wachsen & es ging alles herr-

lich von Statten, & ich habe meine Leiden weggepredigt. Es

war ein herrliches Fest, das wir begingen; unser trefflicher

Synagogenchor hat, wie die Deutschen bei Leipzig, die drei tage

siegreich gewirkt – es war eine wahre Lust & Freude! Besonders

war die erste Confirmation in unserem schönen Gotteshause –

ein wahrer Triumpf der guten Sache. – Das Haus, die Versamm-

lung, die Gesänge, & mein nachsichtiges (!!) Publikum sagte,

auch meine Vorträge haben dem Feste die Bedeutung vindicirt,

die ihm in so hoher Weise bebührte; für mich war der Tag

die eigentliche Synagogen-Einweihung, die leider so schmählich

für uns verloren ging! Auf unseren beiden lieben Kinder,

die mitconfirmirt wurden, hat die Handlung einen tiefen Eindruck

hervorgebracht – Gott segne & erhalte ihn! – Beide sind auch sehr

beschenkt worden & waren glückselig. – Auch unser l. Onkel von

Nürnberg war hier, & ich glaube, er ist ein bißchen mitconfirmirt

worden. Du kannst Dir denken, wie wir uns, um uns erst & der

lieben Emilie willens, seiner Ankunft gefreut haben. Leider

war er einige Tage bei uns unwohl, was sich aber zum Con-

                                                                        firmationstage

 

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Confirmationstage wieder gebessert hat, und war unser l. Patient (fußleidend) soweit

wieder hergestellt, daß er der Handlung ungestört folgen konnte, & er war,

zu meiner nicht geringen Genugthuung von derselben nicht nur hoch- , sondern

was mehr bedeuten will, tiefbefriedigt. Ich glaube nun sicher, daß

auch unsere l. Rosa confirmirt wird, was der l. Onkel vor der Con-

firmation entschieden verweigert hatte. Auch hat er selbst – incredible! –

bestimmt, Emilie müßte über Yom-Kippur hier bleiben. Du wirst Dich dieses

Erfolges besonders mit uns freuen, da Du weißt, wie wenig

Judenthum leider im Hause unserer lieben Verwandten zu N.

gepflogen wird, & doch lebt es noch mächtig in den Herzen der Eltern!

Ich habe in meiner Anrede (über den kostbaren Text:Deuteron 32, 9 – 12)

an dieses aus dem Elternhaus in uns allen wurzelnde jüdischreligiöse

Gefühl appeliert, & ich darf annehmen, daß diese Erinnerung auf das

gute Gemüth unseres l. Onkels besonders gewirkt hat. – Auch

meine edle Gönnerin Frau Baronin v. R. war, mit meiner Schülerin

Clementine, gegenwärtig, & sie hat mir nach der Handlung, da sie den

Weg durch mein Zimmer nahm, die Hand herzlich & dankbar gedrückt

für die erhobende(?) Feier, & gestern noch sagte sie mir, in ihrem

Hause, sie habe mich nie so gut sprechen hören als bei der

jüngsten Confirmation. Ich freute mich dieser Äußerungen deshalb

insbesondere, weil ich sicheren  Grund habe anzunehmen, daß es ihr &

den Kinder innigster Wunsch ist, das letztere in der Synagogen

confirmirt würden, Clementine im nächsten Jahr – wenn – wenn ! –

Doch Gott lenkt ja auch die Herzen der Könige – vielleicht ist es

sein Wille, auch das Herz des Geldfürsten in dieser Sache zu wenden! –

Für unsere Synagoge wäre dieses ein Großer Gewinn, aber

der B. ist kein Freund unseren Synagoge! Nun denn, wie Gott will! –

Vor  Shavuot (hebr.Wort) hat die B. auch die Angelegenheit des Honorars

geordnet, & die Stunde auf fl.3.- festgesetzt. Ich habe bereits

über 100 Stunden gegeben, sodaß diese Summe, da wir für

die Haus-Renovation noch sehr bedeutende Rückstände haben, mir

sehr zu Statten kommt. Von den Confirmanten insgesammt habe ich

eine sehr kostbare Ankeruhr zum Andenken bekommen & von den

einzelnen  Kerginim (?) respectables Honorar, sodaß wenn, s.G.w., meine

Instruction-& Gehaltsverbesserung geordnet, wir hoffentlich sorgenfreier

 

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freier leben werden als es bisher der Fall war. – Beifolgend sende ich

Dir, auf Dein Stipendium von der Harmonie, fl. 50.- als Vorschuß.

Der l. Onkel sagte uns, er habe Dir vor den Osterferien, auf Dein

Gesuch(?), fl. 50.- gesendet, die er Dir für den Sommer bestimmt hatte;

so konntest Du nicht für den Winter ohne diesen Zuschuß fertig

werden, & trägst Du immer noch die Folgen des materiell

& geistig leider verlorenen Jahres von Heidelberg, & wird Dich

dieses um so mehr anspornen, in beiden Beziehungen Deine Mittel

& Deine Gaben, Deine Gulden , & Deine Tage zählend, haushälterisch

anzuwenden & zu nutzen. – Ein Stachel in unserem frohen Herzen,

& ein Wermutstropfen in dem Kelch unserer Seligkeit,

war am Feste der Gedanke an unseren Isaac. Er hat nun

wieder mehrere Monate nicht geschrieben, & Gott weiß, wo

er ist & wie es ihm geht! Der einzige Trost ist, daß er nur

gebessert werden kann, wenn es ihm schlecht geht. Die Noth

wird ihn arbeiten lehren, & dann, will’s Gott! ist er gerettet. –

Louis geht zu Dr. Rademacher (bei Beckenheim). Er ist da gut

aufgehoben, läßt aber in Fleiß & Betragen noch viel zu wünschen

übrig. -  Vetter Wertheimer aus Cincinnati war bei uns & hat

uns von Isaacs Trägheit & Naseweisheit haarsträubende Dinge

erzählt. Übrigens glaube ich, daß er am Wenigsten an I. gethan,

denn er ist ein horrend geiziger Mensch. Der l. Onkel ist eine Batterie(?)

von Roges(?) gegen ihn (er hat weder Emilie noch Bella eine kleine Auf-

merksamkeit erwiesen), & wenn er ihm begegnet, so wird der kleine

Yankee von schweren elekterischen Schlägen getroffen werden. Der

Onkel geht nach Schweden – denke Dir! – nach Stockholm & Gothenburg –

wie gerne wäre ich mit ihm gegangen! Meine Reise nach der

Schweiz wird wahrscheinlich zu Wasser von Vorstandsberathungen über

den II. Rh. des Geb.(?) Buches(?), worüber die verwässerten (statt verbesserten)

Reformbeschlüsse erst Ende d.M. „herab“ gelangen werden. Es ist

hier – Du kannst Deinem befreundeten Gönner, Herrn Dr. Maier

in Nbg. schreiben – eine Emendatine in Schiller vorzunehmen; nämlich:

                        „Soll das Werk den Meister loben,

                        kommt der Segen nicht von „oben“ ! –

Beiläufig auch eine et..cologische(?) Bemerkung! Das Wort „oben“ scheint

 

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nur von „ob“ zu stammen, indem die Regierungen, & zu denen

gehört obenan unser wohllöblicher Vorstand, zu allen guten Wünschen

& Vorschlägen ihrer Unterthanen, immer nur „ob“ in Bereitschaft

haben. – Wenn der Vorstand mir meine Schweizerreise ver-

wässert, so muß ich – und das will viel sagen! – größeres

Wasser sehen. Ich bin dann gesonnen, mir auf einen kleineren

Ausflug den Anblick des Meeres zu verschaffen, worauf längst

meine Seele dürstet. – Der Lieblings- & Augenpunkt meiner

Ferienreise, München, wäre mir doch verschlossen gewesen, indem ich

jeden Augenblick die Nachricht von meiner Verurtheilung in Zwei-

brücken* erwarte. Die dortigen, befreundeten Advocaten haben

alle abgerathen, hinzugehen, & so wird’s halt in contumaciam kommen! –

Der Weg der Gnade stünde mir dann offen – nous verrons! – Jeden-

falls werde ich die Sache in einer Broschüre klar legen. – Und

nun, theurer Sigmund, Gott befohlen. – Sei fleißig; fürchte Gott,

& achte auf die Gesundheit Deines Leibes & Deiner Seele, damit

Du uns so viel Freude machst, als für Dich innige Liebe fühlst

 

                                    Dein

P.S. Diesen Brief wohl                     treuer Vater

        verwahren – Niemanden          Leopold Stein

        zu lesen geben! -

                                   

 

Lieber guter Sigmund! Es thut mir sehr leid, Daß Du

Dir unnöthige Sorge(n) gemacht hast, Du weißt ja wie es bei

uns geht, wie man oft zu dere keinsten Kleinigkeit

nicht zur rechten Zeit kommen kann. – Ich bitte Dich

lieber Sigmund suche Dir ein Haus, wo man

Dir nur dann eine Anweißung schicken kann, denn

es macht immer unnöthig Porto das direkte Geld schicken. –

Wie gefällt Dir Hr. Dr. Schwarzshild(?). – Alle sind

wir wohl und munter, es grüßt Dich allerherzlich,

lebe wohl, das nächste Mal mehr – von,

                                    Deiner Dich zärtlich liebender Mama

                                                            Leonore Stein

 

 

 

 

 

 

*
Kommentar Rainer Domke:

Es gibt eine Broschüre zu diesem Fall, wie ja auch im Brief steht, ist auch bei der Bibliografie zum Rabbi aus dem Rabbinerlexikon aufgeführt.
Es geht konkret um die von Bettina im Vorwort des blauen Buches [L. Stein Briefe und Gedichte
] erwähnte „Verbannung aus dem lieben Bayernland“ wegen seiner offenbar von den Behörden als „beleidigend“ eingestuften kleine Schrift gegen den sogenannten Judeneid (Seite IV = " Zehn Jahre war Vater aus seinem leiben Bayernland verbannt, da er allzu freimuetig gegen den Judeneid und die Zuruecksetzung der Juden in Bayer aufgetreten war" );
Zweibrücken, heute Rheinland-Pfalz, wurde über Jahrhunderte von den bayerischen Wittelsbachern (als Herzöge, bekanntlich nach 1806 Königen von Bayern) regiert, gehörte eben zu Bayern – bis 1946, als die britische Besatzungsmacht das „Kunstobjekt“ Rhld.-Pf. erst „kreierte“!
Verhandelt wurde wie zu lesen „in Abwesenheit“ (contumacia) Leopolds (?? Es drohte evtl. sogar Haft…); von 1860/70 war er dann gezwungen, nicht bayerischen Boden zu betreten! (Das bedeutet, daß er z.B. nach Prag = Bewerbung als Rabbi der Meisel-Syn
agoge (1863) offenbar über Sachsen einreisen musste!!)