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                                             Altenkunstadt, Oktober 1838

Mein lieber, treuer Freund!

„Wir sind die Alten wieder“ – das  

ist ein Wort, wie so recht aus tiefinnersten Grunde der Seele

gesprochen! Ich wollte, ich könnte Dir um den Hals fallen

und Dich recht herzen und küssen, dann würdest Du mich doch

besser verstehen und meine Freude besser zu beurtheilen wissen,

als wenn ich’s versuche, Dir mit mageren Worten einen satten

Dank auszusprechen. Ja, vergeben und vergessen sei

Alles, und dieses leidige Missverständnis, hervorgerufen

durch meine unbesonnene Klatscherei und Deine allzu scharfe

Auffassung derselben, lassen keine andere Folge zurück, als

uns nur enger und fester aneinander zu ziehen, um, wenn

so wieder eine Wolke des Zerwürfnisses unserer Freundschaft ver-

düstern sollte, sie sogleich durch die Strahlen innigen Vertrauens

und gegenseitiger Erkennens zertheilen zu können. Erhebt

ja auch die Blume, die beim nahen Ausbruche eines

Unwetters die Blätter schlaff hängen lässt, die Blüthen-

kelche schließt und den Duft verliert – nachdem der Sturm

über sie hinweggebraust, das Haupt nur noch stolzer, als

zuvor da! So die noch zarte und jugendliche Blume

unserer Freundschaft!

Wiederholt muß ich Dich um Ver-

kindisch, wenn ich mich heute schon darauf freue? Doch

mein?

Die Broschüre, die Du an Heinrich über die Auf-

führung des zweiten Theils des Faust geschickt, habe ich

nicht gelesen, hingegen habe ich auf meiner Reise lang-

weilige Stunden, die ich fahrend verbracht, damit ausge-

füllt, den zweiten Theil selbst, diesen unverdaulichsten

aller literarischen Klöße hinabzuwürgen. Satt bin ich

nicht geworden, oder richtiger, übersatt ohne zu wissen, was

ich gespeit. Solche Brocken sind zu fein für meinen rohen,

und an Rohes gewöhnten Gaumen!

Meine Schwester ist auf dem Wege der Besserung. Dem

Herrn sei Dank. Theuere Personen werden uns theuerer in

Augenblicken, wo wir ihr Leben gefährdet und sie zu verlieren

fürchten. – Du scheinst, Deinem Schreiben nach zu glauben,

dass Lina die Erkrankte, nein es war Maria, meine ältere

Schwester, die in Kronach ist. Lina ist gestern nach

Fürth und Nürnberg zu mehrwöchentlichen Besuch bei

den dortigen Verwandten abgereist.

Schreibe mir oft und viel; in der öden Wüstenei

des Lebens das ich hier zu führen verurtheilt bin, sind

Deine Briefe fruchtsprudelnde Oasen, die mich erquicken

und stärken, Lichter ..., die das Dunkel dieses Lebens

erhellen und beleben.

Alle von Dir Gegrüßten lassen auch Dich

Grüßen: empfehl mich Deiner Frl. Schwester, von der ich

Schon so viel Liebes und Schönes gehört, und auch

Durch Complimente über [.....] Schrift ich nicht wenig stolz bin.

Bleibe immer gut

 

Deinem treuen Moritz

 

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Altenkunstadt, Oktober 1838

 

Mein lieber, treuer Freund!

 

„Wir sind die Alten wieder“ – das

ist ein Wort, wie so recht aus tiefinnersten Grunde der Seele

gesprochen! Ich wollte, ich könnte Dir um den Hals fallen

und Dich recht herzen und küssen, dann würdest Du mich doch

besser verstehen und meine Freude besser zu beurtheilen wissen,

als wenn ich’s versuche, Dir mit mageren Worten einen satten

Dank auszusprechen. Ja, vergeben und vergessen sei

Alles, und dieses leidige Missverständnis, hervorgerufen

durch meine unbesonnene Klatscherei und Deine allzu scharfe

Auffassung derselben, lassen keine andere Folge zurück, als

uns nur enger und fester aneinander zu ziehen, um, wenn

so wieder eine Wolke des Zerwürfnisses unserer Freundschaft ver-

düstern sollte, sie sogleich durch die Strahlen innigen Vertrauens

und gegenseitiger Erkennens zertheilen zu können. Erhebt

ja auch die Blume, die beim nahen Ausbruche eines

Unwetters die Blätter schlaff hängen lässt, die Blüthen-

kelche schließt und den Duft verliert – nachdem der Sturm

über sie hinweggebraust, das Haupt nur noch stolzer, als

zuvor da! So die noch zarte und jugendliche Blume

unserer Freundschaft!

Wiederholt muß ich Dich um Ver-

zeihung bitten, darob, dass ich Dir die Antwort auf Deinen

vorletzten Brief gar so lange vorenthalten. Du wirst mir

Sie gewähren, wenn ich Dir sage, dass ich ohne Schuld daran,

zur Zeit, als ich den Brief empfangen, war mein Onkel

gerade von einer Geschäftsreise zurückgekehrt, und hatte so

viel der Arbeit mitgebracht, dass ich bis zu meiner höchsteigenen

Abreise vollauf beschäftigt war; während meines commis-

voyageur’lichen Streifzuges war ich nie in geeigneter Stimmung

einen Brief schreiben zu können, und nach Beendigung des-

selben, bis zu dieser Stunde, musste ich mich wieder so sehr

in harten Diensten herum quälen, dass mir wirklich kein

Minütchen Zeit übrig blieb, auf dem Altare der Freundschaft

ein Opfer zu bringen. Der Teufel möchte eine solche

Wirthschaft länger ertragen, ich einmal nicht! –

Über alles Neue und Interessante,

was während der Zeit, in der ich Dir nicht geschrieben, hier und

in Burgkunstadt sich ereignet, hat Dir Kahn (?)

schon ausführlich berichtet. Dur weißt also auch, dass die Flasche

Champagner für mich, besonders für mein holdes Antlitz

so üble Folgen gehabt. Es scheint, dass der Stern, in

dessen Foren sie mir erschienen, ein Komet gewesen:

wenigstens in der Schweiß des Unheils nicht aus geblieben.

So gut man ein Messer als Geschenk ver-

weigern kann, aus Furcht, es möchte die Freundschaft

zerschneiden, ebenso gut kann man es hinwiederum an-

nehmen, in der gegentheiligen Voraussetzung, dass es

nur die Kurven zertrennen soll, die sich an der bindenden

Schnur des freundschaftlichen Verhältnisses bilden könnten.

Immerhin beruhige Dich darüber und betrachte das „nette“

Instrument als einen Ehrensäbel, den Dir Fräulein Lina

gewidmet, in richtiger Anerkennung und Würdigung Deiner

tapferen und erfolgreichen Angriffe auf die Festung ihres Herzens.

Aber sowie man einen Ehrensäbel nur bei festlichen Gelegen-

heiten trägt, so solle man auch ein Messerchen – wann auch

immer bei sich führen – doch seltener gebrauchen und nicht

so personisiren, dass man Butterbrod damit schneidet.

Merk’ Er sich das!

Über meine Reise will ich Dir nicht schreiben, ich wüsste am

Ende auch wenig davon zu erzählen. Eine Geschäftsreise

ist gar ein uniformig, unschön Ding. Wenn es möglich meine

Abneigung gegen das Fach, das man mir zugewiesen, noch

zu vermehren, so hat’s diese Reise gethan.

Die Aufzählung, der Collegia, die Du im nächsten Winter

hören wirst, habe ich mit lebhaftem Interesse verfolgt. Wer

doch mit Euch sich an dem immerfrischen Born des

Wissens laben könnte! Ich bin sonst ein guter Kerl und

gönne jedem gern das Seine; aber wenn ich höre, wie

Andere ihren Durst und Wissen befriedigen und ihre Lieblings-

neigungen leben können, während ich auf meinem Dorfe

versauern muß, ohne jede geistige Anregung, ohne etwas

Anderes treiben zu dürfen, als nur die Jagd nach materiellen

Gewinn, dann kann ich mich einer leisen Regung

von Neid nicht verwehren, und ich verwünsche mein Geschick!

Nur Schade, dass es nichts hilft!

Ich habe es mir fest vorgenommen, Dich im nächsten Jahre

In der deutschen Kaiserstadt aufzusuchen, hälst Du es für

kindisch, wenn ich mich heute schon darauf freue? Doch

mein?

Die Broschüre, die Du an Heinrich über die Auf-

führung des zweiten Theils des Faust geschickt, habe ich

nicht gelesen, hingegen habe ich auf meiner Reise lang-

weilige Stunden, die ich fahrend verbracht, damit ausge-

füllt, den zweiten Theil selbst, diesen unverdaulichsten

aller literarischen Klöße hinabzuwürgen. Satt bin ich

nicht geworden, oder richtiger, übersatt ohne zu wissen, was

ich gespeit. Solche Brocken sind zu fein für meinen rohen,

und an Rohes gewöhnten Gaumen!

Meine Schwester ist auf dem Wege der Besserung. Dem

Herrn sei Dank. Theuere Personen werden uns theuerer in

Augenblicken, wo wir ihr Leben gefährdet und sie zu verlieren

fürchten. – Du scheinst, Deinem Schreiben nach zu glauben,

dass Lina die Erkrankte, nein es war Maria, meine ältere

Schwester, die in Kronach ist. Lina ist gestern nach

Fürth und Nürnberg zu mehrwöchentlichen Besuch bei

den dortigen Verwandten abgereist.

Schreibe mir oft und viel; in der öden Wüstenei

des Lebens das ich hier zu führen verurtheilt bin, sind

Deine Briefe fruchtsprudelnde Oasen, die mich erquicken

und stärken, Lichter ..., die das Dunkel dieses Lebens

erhellen und beleben.

Alle von Dir Gegrüßten lassen auch Dich

Grüßen: empfehl mich Deiner Frl. Schwester, von der ich

Schon so viel Liebes und Schönes gehört, und auch

Durch Complimente über ..... Schrift ich nicht wenig stolz bin.

Bleibe immer gut

 

Deinem treuen Moritz