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Leopold Stein [Rabbiner der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main] Was ist das Wesen des Christlichen Staates? Eine zeitgemäße Frage. Frankfurt a. M.
Literarische Anstalt. (J. Rütten.) 1852


(2) "Und rückwärts ging das Recht, und das Heil stand von Ferne; auf der Straße kam
Wahrheit zum Fall, und Billigkeit konnte nicht herantreten. — Und als nun die Wahrheit war
abhanden gekommen, und wer vom Bösen wich, sich beeinträchtigt fand, da sah es der
Herr, und es mißfiel ihm, daß kein Recht sei! — Und als er sah, daß kein Mann da war, und
sich erstaunte, daß Niemand der Sache sich annahm, da half ihm sein Arm, und seine
Gerechtigkeit ward ihm zur Stütze."
Jesaias 59, 14 —16.
Druck von C. Adelmann.
(3)"Der Geist des Herrn, Gottes ruhet auf mir, denn mich hat gesalbt der Ewige, den
Gedrückten frohe Botschaft zu bringen; mich hat er gesendet, die gebrochenen Herzen zu
heilen — auszurufen für die Gefangenen Freiheit, und für die Gefesselten öffne den Kerker!"
Jesaias 61, 5.
Das zunehmende Licht, der aufdämmernde Morgen einer besseren Zeit erfüllte in der ersten
Hälfte des Jahrhunderts den Menschenfreund mit den schönsten Hoffnungen für eine
bessere Zukunft unseres Geschlechtes. Die dunklen Gestalten mittelalterlicher Nacht traten
mehr und mehr in schattigen Hintergrund; über unseren Häuptern hörten wir erweckende
Morgenstimmen die Ankunft der allerwärmenden Mutter verkünden; bald hofften wir sie
selbst in ihrer Glorie zu sehen die große Sonne, „Liebe" genannt, wie sie allen von dem
Einen Gott gleichgeschaffenen und gleichgeliebten Wesen ohne Ausnahme ihre belebenden
Strahlen zusende. Wer wollte sich dieses herrlichen Morgens nicht freuen, im Namen
Gottes, im Interesse der Religion? — Da erwachten die strebenden, lange in
Schlafesbanden gefesselten Kräfte; da rüttelte der Genius des Jahrhunderts auch den
Schläfer „Israel wach," daß er sich die Augen rieb und rief: „ist er nahe jener Morgen, von
dem einst meine Seher sprachen, wenn er sich auch versäumt, harre sein, er kommt gewiß,
er bleibt nicht aus?"1 Und der Genius sprach: „er ist nahe! auf, gürte und rüste Dich zum
Wettlaufe auf der Bahn des (4) sich erneuernden Bürgerthums! viel Zeit hast Du
verschlafen; viel hast Du nach- und einzuholen; auf, und sei nicht träge!" — Und wir erhoben
uns, nachdem der Genius die Bande zerschnitten hatte, freudig von dem sodomitischen
Streckbette, auf welchem wir in einer Jahrhunderte langen Nacht festgehalten waren; wir
rührten und regten die verrenkten Glieder und rüsteten uns zu dem edelsten Kampfe,
welchen die Menschheit kennt, zum Wettkampfe auf dem Gebiete der Wissenschaft, der
Kunst und erhebender Menschenbildung. Denn des neuaufgegangenen Tages wollten wir
uns würdig machen; von Vorurtheilen und absperrenden Meinungsketten uns selbst
1 Habak. 2, 3.
befreien; winkte uns ja der höchste Preis, welchen für uns das Jahrhundert auf hoher Fahne
befestigt hatte, unser von Gott geheiligtes Menschenrecht aus den Händen unserer
menschlichen Brüder. Der Genius aber des im rosigen Morgenlichte aufblühenden
Jahrhunderts ermunterte uns fortwährend: „ringet, strebet! am Ziele empfanget ihr den
Lohn." Wir rangen; wir strebten; der Genius freute sich, ein losgebrochenes Glied wieder in
die Reihen der Gesellschaft eingefügt zu sehen; wir empfingen das hohe Gut, unsere volle
Gleichberechtigung ward in Zeiten des Aufschwungs und schwellender Lenzeshoffnung von
den Völkern ausgesprochen, von den Regierungen besiegelt — da freuten wir uns als
Israeliten; da freuten wir uns noch mehr als Menschen; denn in der Gewährung jenes hohen
Gutes an uns, die Schwachen, die Minderzähligen, feierte die Religion, feierte das
Menschenthum seinen schönsten Sieg, den Sieg des Geistes über rohe Gewalt, den Sieg
der Liebe über niedere Selbstsucht. —
Und im Namen der Religion — welch eine Entweihung ihres heiligen Namens! — soll uns
jenes hohe Kleinod wieder entrungen, geschmälert, seines schönsten Juwels beraubt
werden? — Der neue Morgen einer besseren Zeit (5) verdüstert sich wieder; die Sonne
reiner und allgemeiner Menschenliebe, welche wir schon am Horizonte freudig begrüßt
hatten, rief ihre Feinde, die düsteren Nebel wach aus den Gräbern der Nacht; auf's Neue
rüstet sich das Vorurtheil zum Kampf und thürmet seine Wolkenburgen am Himmel auf, und
wie Hagelschauer am Aerndtetag fällt der Gedanke eines „christlichen Staates" auf unsere
Saat verderbend nieder. —
„Christlicher Staat!" was ist Das? ein Wort, gleich anderen Worten mehr, hinter welchen
sich, das ist gewiß, Tendenzen zu verbergen suchen, mit denen die Religion in ihrer Hoheit
und Würde am wenigsten zu schaffen hat. Allein wir haben zu viel Hochachtung und
Verehrung für die Religion, als daß wir schon als Menschen diesen Mißbrauch ihres
erhabenen Wesens gleichgültig mit ansehen dürften; und wir sind bei dem, was jetzt hinter
dem Schilde ihres Namens beabsichtigt wird, zu sehr betheiligt, als daß wir nicht als
Israeliten den wieder erstandenen Gegner vor die Waffe des Geistes fordern müßten, daß
er uns Red' und Antwort gebe, daß er mit offenem Visir sein wahres Wesen kundgebe und
erprobe; und so verfinstert ist die aufgegangene Morgensonne doch noch nicht, daß nicht
der ungetrübte Sinn unterscheiden sollte zwischen Recht und Unrecht. — Worauf also
beruht das Wesen des christlichen Staates? —
Diese Frage, auf welche Alles ankommt, muß vor Allem beantwortet werden; und wir
wenden uns daher mit derselben an unsere christlichen Mitbrüder, damit sie uns, damit sie
sich selbst die Phrase vom christlichen Staate recht deutlich machen mögen. —
Worauf, also beruht das Wesen des specifisch-christlichen Staates? —
Ist es etwa das christliche Dogma, der Lehrbe- (6) griff der Kirche, welcher den Genuß der
staatsbürgerlichen Rechte bedingen soll? — Es ist schon tausend und aber tausendmal
gesagt worden, kann aber nicht oft genug wiederholt werden, daß politische Rechte von
Glaubenssätzen abhängig machen, den Staat ein Sacrilegium am Heiligthume der
Gewissensfreiheit begehen läßt, was stets zu seinem eigenen Unheil ausschlagen muß.
Denn sobald das Dogma das politische Recht bestimmt, wo wollt Ihr da die Grenzen der
Ausschließung setzen? — Die katholische Kirche hält sich für die allein seligmachende. Wer
nun in Ewigkeit verdammt ist, für dessen Seelenheil zu beten als eine Sünde erscheint2, darf
Der — sobald das Dogma in politischen Dingen maßgebend ist — eine obrigkeitliche Stelle
bekleiden? darf man den ewig Verdammlichen ein Wort mit reden lassen in dem geheiligten
christlichen — d. h. katholischen Staate? — Und die Katholiken haben lange genug die
politischen Rechte der protestantischen Ketzer verkürzt, und selbst nachdem Ströme des
edelsten deutschen Blutes den westphälischen Frieden zu theuer erkauft hatten, wurden die
Rechte der Protestanten in katholischen Ländern oft verkümmert, war die durch jenen
Frieden freilich schlecht genug versorgte Gewissensfreiheit oft mehr als in Frage gestellt3**).
Hinwiederum haben die Protestanten die Katholiken der unverantwortlichsten Entstellung
des christlichen Lehrbegriffs beschuldigt, haben Das, was jenen als das Heiligste und
Göttlichste gilt, als Teufelswerk, Belialsdienst, Abgötterei bezeichnet, und in Folge dessen
(7) hat bis in unsere Zeit herein, bis vor wenigen Jahrzehnten, das freie England acht
Millionen Katholiken in ihren theuersten Rechten gekränkt, ja, hat die freie Reichsstadt
Frankfurt lange genug nicht blos die Katholiken, sondern selbst die Christen reformirten
Bekenntnisses in stiefmütterlicher Ungleichheit erhalten, bis jene göttlichen, weil menschenverbrüdernden
Ideen der Neuzeit, die man jetzt wieder bannen und dämmen will, zum
Durchbruch kamen, bis die gottesgewaltigen Folgen der französischen Staatsumwälzung
Katholiken und Reformirte allhier emanzipirt haben. — Und an uns Juden wollt Ihr den
allverderblichen Grundsatz, politische Rechte von kirchlichen Lehrsätzen abhängig zu
machen, wieder geltend machen? Das köstliche Gut der Gewissensfreiheit — und diese ist
angetastet, wenn wieder politische Rechte zu religiösem Lohn und Köder werden — dieses
Gut, Euch selbst so kostbar, uns, den Schwächeren, wollt ihr es verkümmern? und habet
keine Furcht, daß solcher Frevel Euch selbst zu Schaden gereichen könne? und seid so
sicher, daß nicht, sobald das Dogma im Staate wieder eine Rolle spielt, auch Euere
Confessionsverwandten dort, wo sie die Minderheit bilden, in ihren Rechten werden verkürzt
werden, so gut wie der Türke durch das Recht, resp. Unrecht der Gewalt Christen verfolgt
und austreibt? —
Darum, christliche Mitbürger! stimme überall eine vernünftige Staatslehre mit einer
vernünftigen Gotteslehre in dem Grundsatze überein: beurtheile den Menschen nach seinen
Handlungen, nicht nach seinem Glauben! Das Judenthum weiß deßhalb nichts von einer
allein selig machenden Religion; auch seine orthodoxesten Anhänger bekennen sich zu
dem glorreichen Satze: „die Edlen aller Nationen haben Antheil an der künftigen Welt4."
2 Vergl. den Artikel Baden in der Religionsgeschichte der neuesten Zeit.
3 Auch die jüngst — anno 1852 — in Florenz erfolgte Verurtheilung des Ehepaares Madiai zur Galeerenstrafe, weil sie die
römisch-katholische Religion mit der protestantischen vertauscht haben, ist ein interessantes Beweismittel für die
beneidenswerthen Zustände des „christlichen Staates." [Das Ehepaar Madiai war von Florenz aus in der Toskana missionarisch
tätig gewesen und wurde zunächst verurteilt und gefangen gesetzt, durch den internationalen Protest der Evangelischen Allianz
aber wieder frei gelassen. Insbesondere konnte Agénor Étienne de Gasparin (1810-1871), ein reformierter Publizist, den König
von Sardinien als Vermittler gewinnen.]
4 Talmud Sanahedrin 105, a. – Maimonid. von den Königen cap. 8, 11. "Chasside Umoth haolam jesch lahem chelek leolam
habbah."
(8) Sollen wir für dieses gewiß ächt menschliche und wahrhaft religiöse Dogma bestraft
werden? und weil wir Euch, als Folge des Glaubens an einen ewigen und einzigen
Weltenvater, Antheil an unserem Himmel gönnen, deßhalb wolltet Ihr uns den Antheil an
Euerer Erde verkümmern? — Unbeirrt durch Euere dogmatischen Streitigkeiten, und trotz
unsäglichen Druckes, welchen Ihr uns auferlegt, halten wir nun Jahrtausende hindurch treu
und ausdauernd fest an jenem Glauben an den einigen und einzigen Gott; könntet Ihr uns
mehr achten, wenn wir's weniger thäten? — Und wie ist dieser Glaube in Eueren
Bekenntnißschriften bezeichnet? — Oeffnet einmal das Evangelium Marci, im 12. Cap. B.
28, und leset: „und es trat zu ihm der Schriftgelehrten Einer und fragte ihn: welches ist das
vornehmste Gebot vor Allen? Jesus aber antwortete: das vornehmste Gebot vor allen
Geboten ist das: Höre Israel, der Herr unser Gott, ist ein einiger Gott! und Du sollst Gott,
Deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen u. s. w." — So sprach vor zweitausend Jahren der
Stifter Euerer Religion! — und fraget nun heutigen Tages irgend ein Kind aus Israel:
„welches ist die vornehmste Lehre der jüdischen Religion?" und ohne anzustehen, wird es
antworten: „die vornehmste Lehre unserer ganzen Religion ist das: höre, Israel, der H err
unser Gott ist ein einiger Gott!" (5. B. Mos. 6, 4.) — Daß wir nun diesen Satz ungetrübt und
unverändert erhalten haben, wie ihn uns Moses aufgezeichnet, und wie ihn Euch Jesus
wiederholt hat, dafür sollen wir bestraft werden? deßhalb, weil wir am Höchsten treu und fest
gehalten, deßhalb wolltet Ihr uns den Genuß der höheren Rechte entziehen? — Das kann
nicht sein! so niedrig wollen und dürfen wir von Euch nicht denken; das Dogma ist es in
Wahrheit nie und nimmermehr, weshalb Ihr uns die gewährten politischen Rechte wieder
schmälern könntet! —
(9) Dann ist es aber vielleicht die Handlungsweise, wozu die Religion antreibt? Das Wesen
des christlichen Staates ist vielleicht die Liebe, „die christliche Liebe", und deßhalb gebühre
uns in demselben kein voll- und gleichberechtigter Platz? — Wenn freilich das
unterscheidende Merkmal der christlichen Liebe die Ausschließung des Andersglaubenden,
die Beeinträchtigung des schwächeren Theils in den höchsten Rechten der Gesellschaft ist
— ja dann! — Aber ist das Merkmal der christlichen Liebe Entsagen, Dulden, Leiden,
Hinreichen der anderen Wange, wenn die eine geschlagen wird — wie dann? — Und wenn
jetzt Euer Meister unter Euch träte, und fragte: ist es denn wahr? übt Ihr die Liebe, die ich
Euch anempfohlen, wirklich der Art, daß Ihr für Euch die besten Rechte und Vortheile im
Lande voraus nehmet, und diejenigen, die meines Blutes sind, auszuschließen gedenket —
was wolltet Ihr ihm antworten? ihm, der gesagt hat, mein Reich ist nicht von dieser Welt? —
Und worauf beruft sich der Stifter der christlichen Religion, wenn er die Liebe über Alles
anempfiehlt, nicht wieder auf die Lehre Mose's? Führt er nicht als zweites Hauptgebot (Ev.
Marci a. a. O. Vers 31. Matth. 22, 39) aus der alten Lehre das göttliche Wort auf: „du sollst
deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst?" (3. B. Mos. 19, 18). – Oder meint Ihr vielleicht, es
sei die Wichtigkeit dieses Satzes als Grundlage der Religion erst durch das Christenthum
zum vollen Bewußtsein gekommen? — Wenn dies der Fall wäre, dann müßtet Ihr Euch
doppelt und dreifach beeifern, diesen Satz auch zur vollen Wahrheit zu machen. — Allein
auch das Judenthum hat stets den hohen Rang jenes Sittengesetzes in seiner ganzen
Bedeutung anerkannt. Ich theile Euch hierüber eine Geschichte aus dem Talmud 5 mit, die
Euch vielleicht noch nicht be- (10) kannt ist. Es kam nämlich einmal ein Heide zu einem
Schriftgelehrten Namens „Schamai", und begrüßte ihn spottend: „lehre mich doch den
ganzen Umfang der Thora, so lange ich auf Einem Fuße stehe, dann will ich Jude werden!"
„Schamai", ein heftiger Mann, trieb ihn mit dem Stocke zur Thüre hinaus. Da kam er zu
einem anderen Lehrer, dem sanften und duldsamen „Hillel", dieser nahm ihn auf, indem er
sagte: „was Dir mißfällt, das thue nicht deinem Nächsten — das ist die ganze Lehre, alles
Andere nur Commentar." — Also: das ganze Leben eines religiösen Israeliten sei nichts als
ein Commentar des göttlichen Gebotes: „liebe den Nächsten wie dich selbst!" — kann die
Grundlage des religiösen Lebens schöner, tiefer, sittlicher gelegt werden? — Dieser „Hillel"
aber, Großvater des Euch aus dem neuen Testamente bekannten milden und schonungsvollen
R. Gamaliel, lebte vor Stiftung der christlichen Religion, und wir glauben seinem
Ausspruche einen Vorzug vor dem oben augeführten aus den Evangelien Matth. und Marci
deßhalb einräumen zu dürfen, als hier die Nächstenliebe als zweites Gebot aufgeführt wird,
während Hillel ihr als Gebot6 den ersten Platz in der ganzen Religion einräumt, indem selbst
die Liebe zu Gott erst ihre Bedeutung empfängt, wenn sie in der Liebe des Nächsten sich
bethätigt. — Doch über den Vorzug der Religionen und der Bekenntnißschriften zu streiten,
ist stets eine müssige Sache. Unsere alten Lehrer sagten: „nicht die Auslegung der Bibel ist
die Hauptsache, sondern die werkthätige Uebung." Das Leben, nicht die Lehre entscheide!
— „An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen!" — Wollen wir nun etwa all das (11) Große und
Herrliche, was das Christenthum in der Menschheit gewirkt, all die glänzenden und
unsterblichen Stiftungen, welche es als Denkmale der Liebe für die leidende Menschheit
errichtet hat, in den Schatten stellen? — Nimmermehr! — Allein das gedrückte, in den Staub
getretene Judenthum, bei dessen Schicksalen es nicht hätte Wunder nehmen dürfen, wenn,
seine Bekenner bis zur Entmenschlichung und Entsittlichung herab gesunken wären, dieses
unmenschlich behandelte Judenthum hat seinen Bekennern ein menschliches Fühlen gewahrt
durch die Kraft des göttlichen Liebegebotes, welches sie werkthätig übten! — Sorgen
wir etwa für unsere Armen, für unsere Kranken, für unsere hilflosen Greise, für unsere
Heimathlosen weniger liebevoll denn Ihr? — Oder wollet Ihr uns zum Vorwurfe machen, wir
sorgten nur für unsere Armen? „die Kraft des Steines wirke nur zurück?" wir liebten nur uns
selbst? — Darauf könnten wir wohl erwiedern, wir hätten Solches von Euch gelernt! — Doch
nein! — So schlimm steht's nicht mit uns, so schlimm nicht mit Euch! — Der Hauch
allerwärmender Liebe, welcher im vorigen Jahrhundert schon vom Munde jener glorreichen
Sendboten des Lichtes in die Menschheit erging, deren hohe Namen: Dohm, Jakobson,
Herder, Lessing, Mendelsohn herrlicheren Klang haben und behalten werden, als die
Namen der finsteren Sendboten des Hasses, welche jetzt die Völker und Konfessionen
wieder trennen wollen — jener Liebeshauch hat auch das israelitische Herz erwärmt, zur
Bethätigung einer allgemeinen Menschenliebe geöffnet; und wir stehen bei der Förderung
5 Traktat Sabbat 31, 1
6 Es ist hier wohl zu unterscheiden zwischen Lehre und Gebot. — An der Spitze aller Lehren steht das: „höre, Israel" (S.8). —
Ein Gebot des Glaubens kennt das Judenthum nicht. —
keines gemeinnützigen Werkes zurück; unsere Herzen und unsere Hände sind zum
Wetteifer im Guten stets freudig bereit; und wenn es aufgezeichnet würde, ob mehr arme
Juden von den Thüren der Christen, oder umgekehrt abgewiesen würden, so dürfte auch
dadurch die jüdische Wohlthätigkeit nicht in den Schatten gestellt werden. — (12) Doch es
gibt noch andere sittliche Gebiete, wo die Religion ihre heiligende Kraft bethätigt, Gebiete,
an deren Pflege und Obhut dem Staate, wenn er doch ein religiöser sein will, sehr viel, Alles
gelegen sein muß — lasset uns sehen, ob sie uns der unbedingten Gleichstellung unwürdig
erscheinen lassen, ob durch sie der ausschließende „christliche Staat" sich rechtfertigen
lasse. Reden wir zunächst von der Familie! Müßte derjenige Staat nicht ein Musterstaat
sein, bei dessen sämmtlichen Angehörigen ein musterhaftes Familienleben bestünde—
nirgends Ehebrecher; nirgends Trunkenbolde, die ihre Frauen mißhandeln; überall hohe
Verehrung der Eltern; überall gute Erziehung und sorgfältige Ausbildung der Kinder — welch
ein trefflicher Staat, welch ein herrliches Gemeinwesen müßte Das sein! Denn von unten auf
erbauet sich alles dauerhaft Gute; die Familie ist die Grundlage aller menschlichen
Wohlfahrt. — Und nun saget an, ist das Familienleben, diese heiligste Gottesanstalt unter
den Menschen, bei uns schlimmer bestellt als bei Euch, daß wir dadurch nicht ganz in den
heiligen Staat paßten? — Dann weiter: ist nicht die Sittlichkeit des weiblichen Geschlechtes
eine heilige Grundfeste der guten Ordnung in den Familien und Gemeinden und dadurch in
der größeren Staats-Gesellschaft? und nun saget wieder, wenn in manchen sehr
christlichen Staaten das Verhältniß der unehelichen Geburten zu den ehelichen in der That
der christlichen Moral kein sehr günstiges Zeugniß ausstellt; wenn uns ein Land genannt
wird, in welchem nur Christen wohnen, wo das Verhältniß jener zu diesen sich in
schreckenerregender Weise, wie 1 zu 1 ergibt:7 (13) meint Ihr nicht, daß dann das
Judenthum mit einigem Selbstgefühl auf seine Bekenner hinweisen darf, in deren Mitte,
auch unter der ärmsten Klasse, sittliche Vergehen dieser Art zu den äußersten Seltenheiten
gehören? – Gehet dann in die Strafanstalten, und fraget an, ob Zucht- und Arbeitshäuser
mehr von jüdischen oder christlichen Staatsangehörigen bevölkert werden; gehet an die
Gerichtsstätten und fraget die Richter auf ihr Gewissen, ob sie die moralische
Ueberzeugung haben, der Jude nehme es leichtsinniger mit dem Eide als der Christ? — Auf
allen diesen Gebieten der Sittlichkeit, in Betreff welcher die Religion allerdings mitwirken
soll, daß für den Staat nüchterne Männer, sittsame Frauen, rechtschaffene Menschen,
eidesgetreue Seelen herangebildet werden — wo sind wir schlimmer als die Bekenner der
herrschenden Religion? – wo? saget: wo? — Werden in unserer Stadt noch
Wuchergeschäfte getrieben? ich weiß es nicht! Aber daß dieses blutsaugerische Gewerbe,
wozu früher christliche Fürsten und Städte die Juden ausdrücklich autorisirt haben, aus der
Mitte unserer Gemeinde sich gottlob verloren hat, das weiß ich! — Wo also sind wir
schlimmer als Ihr? wo erweist sich das Judenthum durch die Handlungsweise der Seinigen
weniger heiligend für den Staat als das Christenthum? und Ihr redet von einem christlichen
Staate, worin uns kein gleichberechtigter Platz gebühre? — In der That! die
7 Vergl. die statistische Notiz im Frankfurter Journal No. 151 d. J. (Beilage). — Das oben erwähnte Land ist Kärnthen. — Im
ganzen österreichischen Kaiserstaate kommt durchschnittlich auf ungefähr acht eheliche Kinder immer ein uneheliches.
Handlungsweise kann das Wesen eines specifisch christlichen Staates wieder nicht
ausmachen. —
Ist's also nicht Dogma noch Handlungsweise, nicht Lehre noch Leben — was ist's denn? —
Wird vielleicht beim „christlichen" Staate etymologisch an den messianischen Staat
gedacht, worin Diejenigen nicht gleichberechtigt sein dürften, welche nicht an den
Messianismus dieses Staa- (14 ) tes glaubten? — Nun, in der That! das Messianische des
jetzigen Staates können wir lediglich in der Etymologie finden, sonst nirgends! — Auch wir
glauben an einen messianischen Staat, an einen heiligen Staat der Zukunft, in welchen,
nach der Bildersprache der alten Seher, „der Wolf wird neben dem Schaafe wohnen, der
Leopard neben dem Lamme ruhen; Kalb, Löwe und Widder werden beisammen sein, und
ein kleiner Knabe wird sie führen — sie werden nichts Böses thun und werden kein
Verderben anrichten auf meinem ganzen heiligen Berge, denn die Erde wird voll von
Erkenntniß Gottes sein, wie das Wasser, welches die Meerestiefe bedeckt." (Jesaias 11, 9.
6.)
Auch wir glauben an einen „messianischen" Staat, in welchem göttliche Erleuchtung die
Menschheit so erfüllen wird, daß kein Starker mehr seine Gewalt gegen den Schwachen
mißbraucht, in welchem die Religion endlich sich so bewähren wird, wie sie sich anfangs in
jenem niederen Dornbusche offenbarte, als eine Flamme, die erleuchtet, aber nicht mit dem
Gluthhauche des Fanatismus Menschen- und Völkerglück verzehret. Auch wir glauben an
einen messianischen Staat, worin das Heil der Welt dauernd wird gegründet und die
früheren Leiden werden vergessen sein;8 worin die Völker, seien sie mächtig oder schwach,
ruhen werden unter ihren Weinstöcken und ihren Feigenbäumen, und Niemand wird sie
aufschrecken9. – Leben wir wirklich in einem solchen "messianischen" Staate? O dann
müßte er sich ja gerade an uns erproben, die wir, wehrlos, nichts als die Wahrheit haben,
die für uns und alle Gedrückten so lange kämpfen wird, bis in der That die Zeit kommt, „wo
Volk gegen Volk nicht mehr erhebt das Schwert." — Ja, wir sind des (15) heiligen Glaubens
voll, daß Gott uns über die ganze Erde, „als ein kleines Häuflein zwischen mächtigen
Völkern", deßhalb zerstreuet hat, damit an uns die starken Völker der Erde lernen frei sein,
d.h. die Selbstsucht besiegen und auch dem Schwachen sein Recht gönnen. Und das ist
unsere klar erkannte Aufgabe, mit der Wahrheit blanker Waffe zu kämpfen, bis klar wie der
Tag überall unser Recht feststeht, bis durch unsere Befreiung die Nationen allüberall zum
freudigen Bewußtsein gekommen sind, daß über allen Thronen und Kuppeln hoch erhaben
walte das göttliche Recht, und weiter als das Band der Confession und der Nation reiche
das Band der Menschheit. Dem Christenthum aber gebührt der Ruhm, daß es die Religion
aus den Fesseln der Nationalität und des beengenden Staates befreit hat — Frevler Ihr
gegen die eigene Religion, die Ihr das Christenthum wieder zu einer Staatsreligion
entwürdiget und den Glauben zum Schleppträger der Politik erniedrigt! — Auch das
Judenthum ringt sich los aus den Banden des Nationalen; überall wollen wir Juden uns
mehr und mehr in die Staaten und Völker einleben, wohin Gott uns verpflanzt; wo man uns
8 Jesaias 65, 16. —
9 Micha 4, 4.
korporativ wieder bevorzugen wollte, da wiesen wir dies Beginnen mit energischer Einstimmigkeit
zurück. — Kein Vaterland für uns, als das, worin wir so lange geduldet und
gelitten! Wir lieben es um so mehr, je länger wir es entbehrt. — Keine bessere Zukunft für
uns, die nicht auch wäre die freudvolle Zukunft des Menschengeschlechts! — Und nun, wir
wollen uns annähern, Ihr weiset uns zurück? wir streben nach brüderlicher Einigung, Ihr
begegnet uns mit unbrüderlichem Hohn — Sünder Ihr am „messianischen" Staate, dessen
Bedeutung ist: Einheit Aller durch Gott, und Ihr wollt einen „christlichen" Staat, dessen
Bedeutung ist: Trennung um der Religion willen! — (16) Darum, christliche Mitbrüder,
beantwortet uns, beantwortet Euch selbst die Frage nach dem Wesen des christlichen
Staates, und unser Recht und unsere Freiheit wird an Euch, je religiöser Ihr seid, desto
festere Stützen, desto begeistertere Fürsprecher haben. — Ihr aber, israelitische Mitbrüder,
stehet aufrecht, zaget nicht! — „Unsere Kraft liegt nur im Worte!" haben unsere alten Lehrer
gesagt; aber das Wort ist ein zweischneidig Schwert, das in Mark und Bein eindringt —
lasset es uns führen mit Gott; es führt uns mit Gott zum Ziele! — Und sollten uns noch
weitere Kränkungen und Verkümmerungen bevorstehen, wir wollen sie muthig tragen; denn
dulden und kämpfen für die Wahrheit — das ist der Messiasberuf Israels. — Einst kommt sie
dennoch die unaufhaltsame Zeit, wo in keinem Winkel der Erde mehr ein Mensch um seiner
religiösen Ueberzeugung willen wird in seinem bürgerlichen Rechte verkürzt werden. Dann
hat die Sonne der Liebe die herrschenden Nebel durchbrochen; dann ziehet der große Tag
des Herrn in seinem Glanze über die Erde hin; dann werden Selbstsucht und niedere
Mißgunst sich verkriechen in Felsenspalten und Erdhöhlen vor der erscheinenden Hoheit
Gottes10; dann wird in der religiösen Aufklärung sich wölben „der neue Himmel", und in der
herrschenden Humanität sich bilden „die neue Erde"11, die verheißen ist — das Reich
Gottes ist da! — Wahrheit, Liebe, Gerechtigkeit, Frieden — sie bilden dann das Wesen des
messianischen Staates. —
10Jesaias 3, 19. —
11 Das. 65, 17.