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CODIZIL

 

Eingang:

 

Preis dem allmächtigen Gott, der mich bis zu meinem 70. Lebensjahre, in Ehrfurcht vor ihm und in Achtung bei der Welt, klaren Sinnes erhalten hat. Er gab mir Brod zu essen und ein Kleid zum Anziehen und Frieden in meiner geliebten Familie. Er schenkte mir, dem einst unbemittelten Manne, ein reichliches Auskommen aus seiner großen, weit geöffneten Hand, daß ich nicht bedurfte der Gaben von Fleisch und Blut. In seine Hand befehle ich meine Seele .Er wird mir ein gnädiger Vater sein im ewigen Leben, wie er mich väterlich geführt hat in diesem irdischen Dasein. Sein Name sei gelobt! Amen, Amen

 

Mein Vermächtniß

 

§ l Ich vermache vor Allem meiner braven und würdigen Häusverwalterin Frau Emilie Brüning, die mich in schwerem Leidenszustande so treu gepflegt, die Summe von Mk.1000.- in Worten Eintausend Mark unter der Voraussetzung, daß sie mir bis an das Ende

stein_leopold_codicill_02.jpg Ende meines Lebens als sorgsame Pflegerin zur Seite stehen wird. Diese Summe von 1000 Mk, soll von meinem geliebten Schwiegersohn Herrn Ludwig Dann derart verwaltet werden, daß sie derselbe bei hiesiger Sparkasse anlege, und Frau Brüning die jährlichen Zinsen behändige. Wenn dieselbe sich wieder verheirathet oder bei deren Ableben fällt jene Summe der Leopold- und Leonorenstiftung zu (§12). Auch mein kleines silbernes Schreibzeug soll ihr als Andenken verbleiben. Außerdem empfehle ich diese wackere Dame meinen sie schützenden Kindern zu treuer Fürsorge, daß sie keinen Mangel leide alle Tage ihres Lebens.

 

§2 Ich vermache meiner geliebten Enkelin Emmy Dann, der ältesten Tochter meiner (Wort unterstrichen) geliebten ältesten Tochter Thea die Voraussumme von Mk.3000, in Worten Dreitausend Mark.

Meine geliebten Kinder werden dieses Legat natürlich finden. Ich habe nämlich um diese Summe meine Lebensversicherung an die respective Versicherungs­gesellschaft Alliance in London zurückverkauft, und dies nun sei  meine Lebensversicherung nach Kräften Fürsorge für meine älteste geliebte Enkelin zu treffen.

 

§3 Ich vermache 200 Mk. in Worten zweihundert Mark nach meinem geliebten

Heimathsorte Adelsdorf in Oberfranken und zwar der dortigen israelitischen Gemeinde.

Ich bitte den Vorstand derselben, dafür den Grabstein meiner seligen Eltern in Stand zu halten.

 

§4 Mein in Gebrauch habendes silbernes Schreibzeug werde an Fräulein Rosalie Levi, zur Zeit in Crefeld, zum

stein_leopold_codicill_03.jpg zum Andenken aufrichtiger und warmer Freundschaft nebst meiner Photographie mit der Bitte, mir ein geneigtes Andenken zu bewahren, übersandt.

§5 Meinen Dreikönigsbecher hinterlasse ich meinem lieben theueren Enkel, dem

Stammhalter meines Hauses, Albert Stein zur ferneren Bewahrung als

Familienstück.

Meine Rothschildsche Tasse empfange als väterliches Andenken mein theuerer ältester Sohn Siegmund.

 

§6 Alle religiösen Utensilien, als Kidduschbecher, Chanukkaeisen, silberner Brodkorb usw. erhalte als Andenken mein theuerer Schwiegersohn Ludwig Dann. Er soll der religiöse Obmann unseres Hauses bleiben. Ich vermache ihm insbesondere einen Kidduschbecher, den ich von der frommen Bruderschaft zu Burgkunstadt empfangen. Er möge alle Freitag- und Festtagsabende das familienverbindende Kiddusch sprechen, namentlich am heiligen Sederabende. Meine silberne kleine Suppentasse empfange mein liebes süßes Lorchen Feisenberger zur Erinnerung an den sie so innig liebenden Großpapa.

 

§7 Ich bitte meine hochverehrte Freundin Freifrau Therese James Edouard de Rothschild in Paris zum Andenken an mich mein, zur Erinnerung an unsere verewigte, unvergeßliche Schwester und Freundin, Fräulein Clementine von Rothschild mir gegebenes Conversationslexikon geneigtest annehmen zu wollen. Ich danke der Edlen noch im Tode für die herrlichen Beweise ihrer freundschaftlichen Güte, womit sie mein Erdenleben so reichlich verschönert und verklärt hat. Gott segne sie!

 

§8 Nachdem ich oben §§2 und 6 meiner geliebte Tochter Thea Dann dankbar gedacht, vermache ich, gleichfalls aus Dankbarkeit für ihre kindlichen Leis­tungen, meiner geliebten Bella die von Frau Baronin von Rothschild mir verehrte Blumenvase (von 1875).

 

§9 Ebenso, mit gleichem Gefühle, vermache ich meiner geliebten Tochter Bettina meinen Perez-Becher, mit der Bitte, daß mein theuerer Schwiegersohn Heinrich denselben zum Kiddusch-Becher erheben wolle.

§10 Dankbar für die vielen Beweise seiner kindlichen Liebe und unermüdlichen Mühewaltung, vermache ich meinem geliebten Schwiegersohn Ludwig Dann meine goldene Uhr nebst Kette. Möge er diese bis zu hundert Jahren in Freude und Gesundheit tragen,

§11 Alle oben nicht specifizierten silbernen Geräthschaften aus meinem Nach­lasse sollen als Familieneigenthum bewahrt bleiben und bei Familien- oder reli­giösen Festen die Tafel schmücken, um bei meinen geliebten Kindern mein Andenken sichtbar zu erhalten und das Gefühl ihrer fortdauernden Familiengemeinsamkeit zu pflegen.

§ 12 Mein literarischer Nachlaß der mannigfaltigsten Art, meine Predigten und Gedichte usw.

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sollen auf Subscription herausgegeben und von dem Erlöse eine „Leopold- und Leonoren-Stiftung" gegründet werden, für den Zweck, studierende Jünglinge aus der Familie zu Rabbinern und Lehrern ausbilden zu helfen.

Diese Wohlthat kann auch anderen Jünglingen zu Gute kommen, wenn der Familienrath solches bestimmt. Der Familienrath bestehe aus meinem geliebten Sohn Dr. Siegmund Stein, meinem theueren Schwiegersohn Ludwig Dann und meinem werthgeschätzten Schwiegersohnes Salomon Feisenberger. Diese können ihren Kreis durch Adoption erweitern und bei eintretenden Vacanzen ergänzen. In diese Stiftung fließe auch die Summe von 350 $ in Worten Dreihundert und Fünfzig Dollars, berechnet zu dem Course von 95 3/8, die auf den Namen der seeligen Fräulein Clementine von Rothschild von der edlen Familie gestiftet werden. Die Zinsen dieser Stiftung sind zu vergüten vom Jahre 1874 an.

 

§ 13 Ich untersage jede gerichtliche Mitwirkung bei der Auseinandersetzung und Vertheilung meines Nachlasses, insbesondere verbiete ich die gerichtliche Obsignation und Inventarisation meiner

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Hinterlassenschaft. Zu Vollstreckern meines letzten Willens ernenne ich die in §12 als Familienrath bezeichneten Personen. Diese mögen meinen Nachlaß, für dessen Beerbung im Übrigen die hierorths geltenden gesetzlichen Bestimmungen maßgeblich sein sollen, nach bester Einsicht und gewissenhaftester Gerechtigkeit vertheilen und erwarte ich, daß meine geliebten Kinder den Anordnungen des Familiertraths getreulich Folge leisten werden.

Für den Fall, daß sich bei meinem Ableben unter meinen Erben unter Vormund stehende Minderjährige befinden sollten und demgemäß eine Mitwirkung des Vormundschaftsgerichtes gesetzlich nicht vollständig ausgeschlossen werden kann, so will ich doch, daß den Vormündern die weitgehendste, nach den Gesetzen zulässige Freiheit eingeräumt werde; ich untersage daher für diesen Fall die Offenlegung des Vermögensverzeichnisses, die Einreichung der Übersicht des Vermögensstandes und die Rechnungslegung während der Dauer der Verwaltung, sowie jede Sicherheitsleistung,

Endlich befreie ich die Vormünder von der Notwendigkeit der Genehmigung des Vormundschaftsgerichtes zu den in den § 41, 42 nt, 4-14 und 44 der

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Vormundschaftsordnung bezeichneten Handlungen.

 

§14 Die auf meinen geliebten Enkel Franz, den Sohn meiner unvergeßlichen Tochter Franziska, verehelichte Wiesenthal, entfallende Theil meiner Hinter­lassenschaft soll während der Minderjährigkeit von seinem Vater, meinem geliebten Schwiegersohn Moses Wiesenthal und meinem theueren Schwieger­sohn Ludwig Dann als gemeinsamen Vormündern, unbeschadet des seinem Vater an diesem Erbtheile gesetzlich zustehenden Nießbrauchrechtes verwaltet werden.

 

Gott segne Euch Alle, meine geliebten Kinder mit Frieden! Ichsegne Euch in

Liebe und Treue, die ewig ist wie Gott.

Ich danke Euch (unterstrichen) namentlich, meine geliebten Töchter für die

Förderung, die ihr mir bei meinen mannigfaltigen Lebensstellungen habt

angedeihen lassen.

 

Meine Grabschrift

 

Statt eitler Lobeserhebungen bitte ich die Quintessenz meiner Lehre auf den

Denkstein zu setzen;

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Grabstätte des Rabbiners Dr. Leopold Stein

Geboren den 5. November 1810

Gestorben den.,.

„Mein Vermächtniß; "

„Ich verkündete die weltverbindende, weltverbrüdernde Lehre des einigen

Gottes, sein Name sei gelobt!

Diese Lehre schließt jede Ausschließung aus, während sie alle Menschen in den

einigen Bruderbund einschließt.

Ein einziger Gott und eine einzige Menschheit, diese Verkündigung war mein

Ziel im Leben, ist mein Erbe im Tode, "

Dessen zur Urkunde habe ich diesen Aufsatz vor Notar und drei besonders erbetenen Zeugen als mein Codizill anerkannt, und in gesetzlicher Weise vollzogen.

Frankfurt a. M., den 29. Juni 1880        L. S.

 

Abschrift des Testaments des Rabbiners Leopold Stein Collection Machol-Stein im Leo-Baeck-mstitut New York AR-C. 1301 3263

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