clip_image002_0001.jpg

Stein, Leopold, Dr. phil., Rabbiner

 

geboren: 5. 11.1810 in Burgpreppach (Unterfranken)
                [
Über das Geburtsdatum gibt es abweichende Angaben, so z. B. Kohut
              (Allg. Ztg. d. Ju­dentums): 18. 11. 1810. Sterberegister und Grabstein
              des jüdischen Friedhofs Rat-Beil-Straße nennen den 5. 11
].


gestorben 2. 12. 1882 in Frankfurt a. M.

Leopold Stein dürfte eine der inter­essantesten Persönlichkeiten im Am­te eines Rabbiners in Frankfurt im 19. Jahrhundert gewesen sein, des­sen Amtszeit historisch mit bedeut­samsten Ereignissen verbunden war. Stein war in Burgpreppach in Unter­franken im Jahre 1810 geboren, zu einer Zeit, als dieses Städtchen als Stätte der ultraorthodoxen Gelehr­samkeit galt und eine Jeschiwa behei­matete, die später allgemein als „Präparandenschule"   bekannt war.  

 

Im 18. Jahrhundert befand sich dort ein Bezirksrabbinat. Von 536 Einwohnern waren dort (1816) 32,5% Juden, und selbst 1933 war der jüdische Anteil im­merhin noch 15, l % der Gesamteinwohnerschaft. In diesem ultrakonservativen Milieu wuchs Leopold Stein auf.

Sein Vater war Oberlehrer in Burgpreppach in der Jeschiwa dort und wurde 1815 nach Adelsdorf (Oberfranken) als Rabbiner berufen. Leopold Stein wurde schon früh von seinen Eltern für das Talmud-Studium bestimmt und konnte als Barmizwah eine talmudische Abhandlung (Draschä) vortragen. Er besuchte die Elementarschule von Adelsdorf und erhielt von dem katholi­schen Ortspfarrer Privatunterricht in Latein. Nach seinem 15. Lebensjahr kam er in die Jeschiwa (talmudische Hochschule) des Rabbiners Wolf Hamburger zu Fürth. Er kam dort auch in Verbindung mit dem greisen Gelehrten und Schüler Mendelssohns A. Wolffsohn. Mit 17 Jahren erwarb Leopold Stein gründliche Gymnasialkenntnisse in Erlangen und Bayreuth und trat 1831 in die Oberklasse des Gymnasiums von Würzburg ein. An der Würz-   __ burger Universität studierte er dann philosophische Wissenschaften.  und wurde zum Dr. phil. in Tuebingen 1861 gerufen..  Zwischendurch hielt er Predigten in den Israelitischen Gemeinden Dietenhofen Landkreis Ansbach / Mfr.und auch im Andachtssaale des Philanthropin in Frankfurt a. M. (1834).

In den Jahren 1835 bis 1843 war Leopold Stein (mit Unterbrechungen) Rabbi­ner in den oberfränkischen Orten Burgkunstadt (mit einer jüdischen Bevöl­kerung von über 400 Seelen) und Altenkunstadt. 1839 heiratete er Eleonore Wertheimer.

 

Leopold Stein galt als Rabbiner der gemäßigten Reform mit stark traditionel­lem Einschlag, als er 1844 einen Ruf nach Frankfurt a. M. - als Stellvertreter des Oberrabbiners S. A. Trier — erhielt.

 

Unstreitig galt Leopold Stein als moderner, jüdisch völlig gebildeter Mann, von dem man sich in Frankfurt a. M. einen integrierenden Faktor zwischen den auseinanderstrebenden Richtungen von „alt" und „neu" versprach. (Man wußte allerdings, daß Stein gemäßigt „modernistisch" war.) Das gelang Stein nicht, obwohl er am 24. Mai 1844 in der alten „Hauptsynagoge" eine sehr ge­mäßigte und kompromißbereite Rede hielt und versprach, nichts im Sinne des Herkömmlichen Wesentliches zu ändern. Aber die Wirklichkeit verlief an­ders, denn die Devise Steins war „Erhaltung — durch Reform [ Allg. Ztg. d. Judentums, 24. 5. 1847, Nr. 22.] , womit er gemäßigte Reformen anstrebte, um gerade dadurch den historisch traditio­nellen Kern zu erhalten. Darin sahen die Altfrommen das Überschreiten des „Rubikon" von seiten Steins. Das Haus Rothschild kam nach mehreren Be­sprechungen zwischen dem Baron Amschel Mayer von Rothschild und Leo­pold Stein endgültig zu einer Contra-Stein-Haltumg. Waren die Rothschilds schon vorher gegen die Berufung von Stein, so wurde jetzt die Spannung zwi­schen den Rothschilds und der „Gemeinde" unüberbrückbar. Der alttradi­tionelle letzte Oberrabbiner Salomon Abraham Trier hatte von Anfang an ge­gen die Berufung eines neologen Unterrabbiners Einspruch erhoben. Trier mußte nach Brauch und Sitte und nach einem Vertrag des Hauses Rothschild mit der Israelitischen Gemeinde den neu berufenen Stein „approbieren", und dieser hatte sich dem Oberrabbinat zu einer „Prüfung" zu stellen.

 

Zu einem schriftlichen Expose war Stein bereit, aber eine mündliche Prüfung durch Trier lehnte er ab. Nach dem Vertrag der Gemeinde mit A. M. von Rothschild vom 12. Mai 1843 hatte der zweite Rabbiner gemäß § 6 „persona grata" für den alten Rabbiner Trier zu sein: „Er muss in Eintracht und Ein­klang mit dem Rabbiner Trier handeln." Der Senat der Stadt Frankfurt griff ein und erteilte Stein eine Dispens von der- auch im Regulativ vorgesehenen -Prüfung. So wurde Stein am 26. Dezember 1843 endgültig und ohne Ein­schränkung im Amte bestätigt, das er nun am 24. Mai 1844 in der alten Hauptsynagoge antrat. Schon vorher am 22. April 1844 hatte der Oberrabbi­ner seine Demission eingereicht und auf sein Gehalt verzichtet. Er starb bald darauf, im Jahre 1846. Das Haus Rothschild kündigte die Zusage von 250000 Gulden zum Bau einer neuen Hauptsynagoge wegen Vertragsbruch der Ge­meinde.

 

Unter diesen Umständen trat Leopold Stein sein Amt an: den Strenggläubi­gen zu liberal, den Reformern zu gemäßigt. So begann zwangsläufig der Weg Steins zur Reform. Schon am 26. Oktober 1844 ließ er in der fast ältesten deutschen Synagoge (zehn Jahre später wurde sie abgebrochen) eine Orgel in­stallieren und schuf so einen klaren Präzedenzfall des radikalen Kurswechsels in der Liturgie. Man muß fairerweise bei diesem besonders begabten, aber ex­trem eigenwilligen Stein die besonderen historischen Umstände seiner Amts­zeit in Frankfurt a. M. beachten.

 

1845 wurde Leopold Stein zum Vorsitzenden der II. Rabbinerversammlung (15.-28. Juli 1845 in Frankfurt a. M.) gewählt, mit der knappen Mehrheit von 14 gegen 15 zersplitterte Stimmen.

 

Damals stand er in diesem Treffen der liberalen Reformrabbiner der positiv­historischen Richtung des Dresdner (nichtliberalen) Oberrabbiners Zacha-rias Frankel ziemlich nahe und stimmte für die Beibehaltung des Hebräischen als Gebetssprache. Ohne Erfolg, denn 15 Stimmen — die Mehrheit — votierten für das Deutsche als Gebetssprache, mit nur einzelnen hebräischen Interpola­tionen als Ausnahme.

 

Leopold Stein bewegte sich immer mehr nach links, war aber ein entschiede­ner Gegner des Creizenachschen Reformvereins (später „Verein der Reform­freunde").

 

Sein Einfluß auf die Erziehungspolitik des Philanthropin war geringfügig, denn dem „Schulrat" dieser israelitischen Realschule war er zu konservativ. Ebensowenig hatte er Einfluß auf die radikal reformierte „Andachtsstunde". So wurde seine Hauptsynagoge immer weniger attraktiv für Betende, obwohl seine Kanzelreden geistvolle Leistungen waren und Anhänger heranzogen. In der letzten Predigt vor dem Abriß der alten Synagoge am 12. November 1853 sprach er für die Eliminierung des Ziongedankens. Nichtsdestoweniger war er dem Gemeindevorstand zu gemäßigt, und die Liberalen warfen ihm vor, er spreche zuviel hebräische Gebete selbst vor.

 

Das war alles in der Zeit der Wirren des Jahres 1848, bei denen am Anfang Stein selbst in die Politik eingriff und radikale Reden hielt, die damals als um­stürzlerisch galten. Schließlich war Stein für das Judentum sehr aktiv, das er gegen den Vorwurf des Umsturzes, den die Reaktionäre zu machen suchten, wirkungsvoll in Schutz nahm.

 

In seine Amtszeit fiel auch die Berufung Samson Raphael Hirschs durch die Israelitische Religionsgesellschaft (IRG) nach Frankfurt a. M. Das war die schwierige Zeit für die Gemeinde gegenüber einer immer mehr aggressiv wer­denden Trennungstendenz. Für das Gemeinderabbinat war das voller Pro­bleme und mit ihm für einen profilierten Mann — wie Stein — an der Spitze. Stein war nicht nur demokratischer Politiker, sondern auch Dichter. Litera­risch ist seine Predigtsammlung Koheleth (1846} von Bedeutung; es erschien eine Rede zum Fichtejubiläum und vieles andere. Sein Lebenswerk war die dreibändige „Schrift des Lebens". Er gab 1858 ein israelitisches Religionsbuch heraus. Auch drei Dramen waren von ihm verfaßt, u. a. „Die Hasmonaer" (l S59). [Bibliographie s. Morgenländische Bilder in Abendländischem Rahmen, von Rabbiner Dr.  Leopold Stein, aus den nachgelassenen Schriften des Verfassers, Frankfurt a. M. 1885.] Leopold Stein war Freund und Verehrer Friedrich Rückerts, und seine „Mor­genländischen Bilder in Abendländischem Rahmen" (1885) zeigen den Rük-kertschen Einfluß. Aus diesen Andeutungen — mehr sind es nicht — zeigt sich das Format Steins [Adolph Kohut, Zur Erinnerung an Dr. Leopold Stein, in: Allg. Ztg. d. Judentums,1910, S. 546, 548 ff., 561.]. Stein war Herausgeber der Wochenschriften „Der israe­litische Volkslehrer" und „Der Freitagabend".

 

1861 entwickelte sich zwischen Leopold Stein und dem Gemeindevorstand eine Kontroverse über die Instruktions-Kompetenz des Vorstandes, der sich eine Zensur anmaßte. Leopold Stein wurde im Verlauf dieses Disputes ge­maßregelt, worauf er sein Amt niederlegte [ Die Kontroverse zwischen Leopold Stein und dem Gemeindevorstand ging zurück auf die Predigt Steins bei der Neueinweihung der Hauptsynagoge im Jahre 1860. In dieser Predigt hatte Stein darauf hingewiesen, wie die Zeiten sich verändert hätten, daß in der früheren Ju­dengasse - nicht unweit der Synagoge - sich lichtscheues Gesindel nun herumtriebe. Die anwesenden Gäste der Stadt Frankfurt nahmen das schlecht auf — als Einmischung in Ange­legenheiten der Stadt. Der Vorstand erteilte daraufhin an Stein die Instruktion, daß derarti­ge politische Äußerungen nicht zu seiner Aufgabe gehörten. Politik sei Sache des Vorstan­des. Er habe nur Predigten erbauenden Inhaltes zu verfassen. ]. Eine Petition von 262 Mitglie­dern der Gemeinde an den Vorstand, die sich für Leopold Stein einsetzten, hatte keinen Erfolg. Stein wurde auch von Abraham Geiger, seinem „Freund", verlassen [Stein forderte Abraharn Geiger auf, die Berufung nach Frankfurt abzulehnen, da er eine ge­sicherte Stellung hätte und ihm seinen Posten nicht streitig machen sollte. Geiger akzep­tierte aber die „Instruktionen" des Vorstandes der Israelitischen Gemeinde Frankfurt a. M. und nahm die vakant gewordene Stelle seines „Freundes" Leopold Stein ein.].

 

Nach seinem Rücktritt gründete Stein 1861/62 eine auf hohem Niveau ste­hende jüdische Erziehungsanstalt (Blittersdorffplatz). Später, im Jahre 1869, wurde er der Prediger der „"Westend-Union", einer hauptsächlich aus deutsch-amerikanischen Juden bestehenden (Austritts-)Kongregation von Rückwanderern. Die Tendenz dieser Union (Emanu-El) war äußerst refor­merisch; an der Spitze stand der amerikanische Bankier Henry Seligman.

 

Leopold Stein glaubte nie ernsthaft, daß er tatsächlich aus den Diensten der Gemeinde entlassen sei, und er war dieserhalb sehr niedergeschlagen. Nichts­destoweniger gab er sich nach außen als sehr zufrieden, u. a. soll er gesagt ha­ben, daß er sehr froh sei, als Prediger der Westend-Union nicht mehr Heuch­ler sein zu müssen. Er brauche jetzt die Ritual- und Speisegesetze nicht mehr strikte einzuhalten und könne nun „treife" (= nicht koscher) essen, ohne sich deshalb in einem geschlossenen Zimmer zu verbergen.

 

1866 gab Stein den ersten Teil der „Bilder aus dem altjüdischen Familienle­ben" des Frankfurter Malers Moritz Oppenheim heraus; 1868 folgte der zweite Teil.

 

Nach kurzer Krankheit starb Leopold Stein am 2. Dezember 1882 — nach ei­nem eminent tatenreichen Leben zum radikalen Reformer gewandelt. Seine Bedeutung im Frankfurter Gesellschaftsleben war groß. Er war der er­ste Jude, der in die bisher „judenfreie" Freimaurer-Loge „zur Einigkeit" des eklektischen Bundes im Jahre 1867 aufgenommen wurde. Dort gewann er Einfluß und Ansehen durch geistvolle Vorträge, die ihn auszeichneten. Die Entwicklung der Frankfurter Kehillah verlief anders, als Leopold Stein es sich vorstellte. Er verbrachte seine letzten Jahre in Zurückgezogenheit. Sein Nachfolger war Abraham Geiger — und dessen Antipode war Samson Raphael Hirsch! — mit den Anfängen einer völlig neuen Zeit.

Aus Steins Nachlaß "war im Jahre 1910 noch vieles im Besitze seiner Tochter, der Frau des Kommerzienrates Landauer aus Augsburg, vorhanden, was Ewigkeitswert besitzt — auch heute noch:

 

              Geistiger Besitz:

                  Verschieb auf später nicht, mein Knabe

                  Zu lernen das Gelehrte.

                  Besitz stets besser ist, ich habe,

                  Als daß ich haben werde.

 

Leopold Stein hegt auf dem jüdischen Friedhof in Frankfurt a. M., Rat-Beil-Straße, begraben (Doppelgrab zusammen mit seiner Frau). Bemerkenswert ist die Einfachheit des Grabsteines, auf dem sich in deutscher Sprache ein „Vermächtnis" befindet: sein Bekenntnis zur Einheit und Einzigkeit Gottes. Im Nachruf auf Leopold Stein in der „Frankfurter Zeitung" vom 3. Dezem­ber 1882 wird neben der vorstehend ausführlich dargelegten Bedeutung des Verstorbenen für die Stadt Frankfurt a. M. seine dankenswerte unermüdliche Tätigkeit in der „Polytechnischen Gesellschaft" (Gesellschaft zur Verbrei­tung nützlicher Künste und deren Hilfswissenschaften) erwähnt. Leopold Stein war langjähriges Ehrenmitglied dieses Vereins. Der Nachruf der „Frankfurter Zeitung" schließt: „Seine Tage beschloß er in stiller Thätigkeit und ungetrübtem Alter, seiner Familie zum Tröste, seiner Vaterstadt zum Ruhme, der Mit- und Nachwelt zu ehrendem Andenken!"