Zum 100laehrigen Geburtstag  unseres lieben Vaters

RABBINER DOKTOR LEOPOLD  STEIN

Geboren 5.November 1810

Gestorben 2.Dezember 1882

 

[ geschrieben von Bettina LANDAUER nee STEIN, seine Tochter. ]

 

[ Einladung ]

 

Unser lieber Vater Leopold Stein wurde am 5.November 1810 zu

 Burgpreppach, einem Markflecken  in Unterfranken. geboren.  Sein Vater, Abraham Loeb Stein, war ein grosser  Gelehrter und Lehrer des Talmuds; seine Mutter , Gella Stein, war eine milde, kluge Frau, an der unser Vater, so lange er denken konnte,  mit warmer Liebe und tiefer Verehrung hing. Von seiner Liebe zum Elternhause und seiner Anhaenglichkeit an seine Eltern erzaehlen besonders  die tief ergreifenden Gedichte “Im Elternhause” und “Segen eines alten Rabbi an seinen Sohn”.  Diese Gedichte, meine Lieben, muesst Ihr lessen, auch , um das warme Gemuet  und die tiefen Gedanken  unserer Grosseltern kennen zu lernen!  Abraham Loeb Stein wurde  als unser Vater 5 Jahre alt war, in Adelsdorf bei Bamberg  zum Rabbiner gewaehlt, wo er 39 Jahre lang das Lehramt treu verwaltete; er wurde 90 Jahre alt.

 

Schon bei seiner Konfirmation  (Bar Mizwa) hielt unser Vater einen selbstverfassten Vortrag nebst Disputation ueber eine Stelle im Talmud; 14 Jahre alt , kam er nach der rabbinischen Hochschule  zu Fuerth, wo er beruehmte Talmudlehrer hoerte.  Dort lebte damals der beruehmte juedische Gelehrte U. Wolfsohn,  ein Schueler Mendelssohns, emeritierter Inspektor an der k.Wilhelmsschule zu Breslau.  An diesen schrieb der Junge, nachdem er  bei einem juedischen Privatlehrer  in seinem 16. Lebensjahre den ersten Unterricht im Deutschen empfangen hatte und bat, der Gelehrte moege ihm weitere Anleitung geben, da er keine Freude an den talmudischen Disputationen habe, womit die juedischen Studenten  so viele Zeit vergeudeten!  Diesen an Wolfsohn geschriebenen Brief  lasset Euch zeigen,  und bewahret ihn wohl auf, denn selten wird ein 15jaehriger Junge,  selbst wenn er in der Schule gut vorgebildet wurde, einen solchen Brief zu schreiben imstande sein.

 

Nachdem nun Vater in Erlangen und Bayreuth sich mit Gymnasialkenntnissen versehen hatte,  widmete er sich zu Wuerzburg, wo er Professor Johann Jakob Wagner-s Vorlesungen hoerte,  den philosophischen Wissenschaften und uebte sich in einem  von ihm gestifteten Rednervereine im homelitischen  Vortrage! Hier legte er fruehzeitig Proben ab und bewies, dass er zum Redner geboren sei.  Schon in seinem 17. Lebensjahre wurde ihm die fuer dieses Alter so seltene Gelegenheit  gegeben,  im Auftrage  seines aelteren Freudendes, des s.Z.gefeierten Rabbiners Doktor Loewi zu Fuerth, die neue Synagoge der fraenkischen Landgemeinde Diedenhofen mit zwei Predigten einzuweihen;  dieser Tag blieb ihm unvergesslich  Zwei protestantische Geistliche,  der greisse Dekan und sein junger Vikar begleiteten den jugendlichen  Prediger im feierlichen Zuge zu dem neuen Gotteshause und bewiesen dadurch, wie fruehzeitig im schoenen Frankenlande Toleranz und Naechstenliebe  Wurzel geschlagen!

 

Gleiche Anerkennung wurde unserm Vater  nach Vollendung seiner Studienjahre im Herbste 1834 zu Frankfurt a.M. zuteil, als er im Andachtssaale eine Predigt abhielt, die mit solchem Beifalle aufgenommen wurde,  dass der dortige Vorstan   ihn zu einem zweiten Vortrage aufforderte. Hier war es auch,  wo sein erstes poetisches Werk, seine “Stufengesaenge” mit wahrem Enthusiasmus aufgenommen wurden.  Noch nach vielen Jahren erzaehlten die damals Mitlebenden von dem Vortrage des  Vierundzwanzigjaehrigen,  wie er durchgeistigt,  mit blonden wallenden Locken, ein Bild des jugendlichen Feuers, die Menge begeisterte und mit sich fortriss. - - Erwaehnt muss hier noch werden,  wie knapp seine Mittel bemessen waren.  Sowohl in der Lernezeit in Fuerth, wie waehrend der Studienjahre in Wuerzburg,  bestanden seine Mahlzeiten meist nur aus Nuessen und Brot;  an Samstagen und Sonntagen hatte er Kosttage in verschiedenen Familien!

 

Im Fruehjahre 1835 wurde unser Vater zum Rabbiner und Prediger zu Burg- und Altenkunstadt, zwei gewerktaetigen Orten in Unterfranken,  berufen.  Die dortigen Israeliten,  schon  der aufgeklaerten Richtung angehoerend,  waren in einer Gemeinde von zusammen 200 Mitgliedern zu grossen Wohlstande emporgeblueth. Stein wirkte daselbst  insbesondere auf die religioese Bildung der Jugend;  die heranwachsenden Soehne und Toechter, zahlreich nach Amerika ausgewandert, ,  und dort zu Ansehen und Reichtum gelangt,  bewahrten dem teuern Lehjrer bis zu seinem Tode Liebe und Anhaenglichkeit!  In Burgkunstadt legte Stein den Grund  zu seinen reformatorischen Bestrebungen auf dem Gebiete des Synagogenkultus;  hier veroeffentlichte er sein liturgisches Werk  “Chissuk habajith”, welches  “Bausteine” zur Reform in deutschen Gebeten und Gesaengen darbot. Er liebte es insbesondere  aus dem Schatze der alten Synagogenmelodien die schoensten zu waehlen  und ihnen deutsche Texte unterzulegen.  Die bekannteste dieser Arbeiten ist die Uebersetzung der ergreifenden Tonweise, womit der Vorabend des Versoehnungstages (Col Nidre) eingeleitet wird,  “O Tag des Herrn”, ein Lied, das in den meisten deutschen und amerikanischen Synagogen eingefuehrt ist und alljaehrlich die Herzen vieler Andaechtiger ergreift und erhebt!  Durch dieses Lied allein hat er sich ein Denkmal gesetzt! 

 

Von seinem laendlichen Rabbinatsitze aus besuchte Vater oft Friedrich Rueckert,  der dem jungen poetischen Rabbi die herzlichste Teilnahme zuwendete und in seinen  Alamanachen mehrere Gedichte aufnahm.  Die bezueglichen vereinzelten Verbesserungen,  die Rueckert eigenhaendig beifuegte,  blieben Stein ewig teure Reliquien!

 

Im Jahre 1838 lernte Vater in Wuerzburg unsere Mutter Eleonore Wertheimer,  die dort zur hoeheren Ausbildung einige Zeit verbracht hatte, kennen und lieben. Ein Brief an seine Freunde schildert ihre Schoenheit,  ihren Liebreiz und ihre hervorragend trefflichen Eigenschaften. Diesen Brief,  meine Lieben,  muesset Ihr lessen,  wie auch besonders “die Briefe Steins an seine Leonore” und den Liederkranz, der waehrend der Brautzeit enstanden.  Sie kuenden das grosse Glueck,  das er in seiner Braut gefunden und sein tiel poetisches Gemuet!  Im Juni 1838 verlobten sich unsere geliebten Eltern und am 2.Maerz 1839 verbanden sie sich zu gluecklicher Ehe!  Unsere Mutter war die Tochter von Sandel Wertheimer aus Mitwitz und seiner trefflichen Frau Getta, geb. Kuenstler,  aus Burghasslach.  Mutter hatte eine Schwester und einen Bruder.   Ihre Eltern zogen spaeter nach Bamberg, wo der Vater ein grosses Hopfengeschaeft besass,  das sein Sohn, Ignaz Wertheimer, in den fuenfziger Jahren nach Nuernberg verlegte;  dort waren sie und noch eine Familie die ersten und einzig geduldeten Juden.  Unsere Mutter war geboren am 26.November 1820 zu Mitwitz; ihr ganzes Leben und ihr ganzes Denken  war nur fuer andere bestimmt; sie war dabei so klug und tuechtig, was    fuer unseren Vater, der nur allzu ideal  angelegt,sehr  noetig war!  Unsere Eltern hatten acht Kinder, vier Knaben und vier Maedchen,  die mussten ernaehrt und erzogen werden.  Diese kluge und edle Frau,  die an allem Denken und Streben ihres Mannes dabei vollen Anteil nahm,  setzte waehrend ihres ganzen Lebens ihr Ich in den Hintergrund,  nur fuer Mann und Kinder lebend,  wacker mit ihm kaempfend.  Sie war ein Bild edelster Weiblichkeit!

 

Im Jahre 1844 wurde Stein zum Rabbiner und Prediger nach Frankfurt a.M. berufen,  wo seine Kanzelreden stets mit grossen enthusiastischem Beifall aufgenommen und in der Sammlung  “Kohelet” veroeffentlicht wurden; Spaeter erschienen  “Unsere Wuensche”  und noch viele Predigtsammlungen, besonders in dem 1851-1860 erschienenem  “Volkslehrer”,  einer Zeitschrift,    die Stein ausser dem 1859 - 1860 herausgegebenen Familienblatt  “Der  Freitagabend”   redigierte und die von allen juedischen Angelegenheiten jener Zeit interessanten Bericht gibt.  Im Jahre 1845 praesidierte er die Rabbinerversammlung zu Frankfurt a.M., deren bedeutungsvolle Beschluesse die Reform des Gottesdienstes unter den deutschen Juden begruendete.

 

1848 beteiligte er sich an der grossen deutschen Bewegung, wie er auch Zeit  seines Lebens mit ganzem Herzen Demokrat war und zum Wohle des Volkes wirkte. 

 

 Seine hohe dichterische Begabung,  die er urspruenglich in den Dienst des synagogalen Kultus und des Judentums gestellt hatte, erweiterte sich spaeter und zwar meistens mit gluecklichem Erfolge.  Wir nennen das fuenfaktige Drama   “Die Hasmonaeer, welches im Jahre 1859 auf der Nationalbuehne zu Mannheim aufgefuehrt  wurde und reichen Beifall erntete.  Spaeter folgten die Dramen  “Der Knabenraub zu Carpentras “ (1862),  “Haus Ehrlich oder die Feste”  (1863),  “Des Dichters Weihe”,   dramatisches Bild aus Shakespeares   Jugendleben (1864),  “Sinai”,  ein Lehrgedicht ueber die zehn Bundesworte  (1868),   “Laura oder Gold und Ehre”  (1877), sowie viele andere poetische  Arbeiten!  Wissenswert ist wohl auch seine Vorliebe fuer Schiller;  er legte sich nie zur Ruhe, ohne seine Psalmen und seinen Schiller mit sich zu nehmen und vor dem Einschlafen ein Gedicht oder einen Psalm zu lesen.!

 

Neben fleissig ausgearbeiteten fast allsabbatlichen  Kanzelvortraegen und neben unablaessiger Arbeit fuer das Wohl der Gemeinde,  war sein Blick zugleich auch auf die Interessen des Gesamtjudentums gerichtet.  Allein trotz seiner weit umfassenden Taetigkeit in seinem Amte und seinen theologischen Arbeiten nahm er an den allgemeinen Kulturstroemungen  und wissenschaftlichen Erscheinungen regsten Anteil,   Dies bewiesen u.a. folgende Veroeffentlichungen:  “Rede beim  Fichte Jubilaeum “ (1862,  “ Rede zur  fuenfzigjaehrigen  Jubelfeier der Leipziger  Voelkerschlacht” (1863) , “Friedrich Rueckerts Leben und Dichten”  (1866),  “Orient und Occident”, Rede zur Mendelssohn-Feier (1866)

 

Zehn Jahre war Vater aus seinem lieben Bayernlande verbannt, da er allzu freimuetig gegen den Judeneid und  die Zuruecksetzung der Juden in Bayern aufgetreten war!

 

1860 wurde die Synagoge in Frankfurt a.M. eingeweiht,  die Hauptsynagoge in der Bornheimergasse;  die Orthodoxie trennte sich von der Hauptgemeinde.  Vater hatte die Synagoge foermlich hergepredigt; - die Gemeinde  liebte ihren Rabbiner  und namentlich die Jugend hing mit inniger  Verehrung an ihrem Lehrer;  er war aber auch Lehrer der Jugend mit ganzem Herzen und inniger Freude!

 

Da Vater darauf bestand, den Religionsunterricht in der Schule unter seiner Leitung zu haben und bei Beratungen  synagogaler Angelegenheiten  Sitz und Stimme  im Synagogenrate forderte,  ein Verlangen, das jetzt jedem Rabbiner anstandslos gewaehrt wird,  truebte sich, da der Vorstand auf diese Bedingungen nicht einging,  das Verhaeltnis zu demselben.   Unser Vater hatte schwere Kaempfe zu bestehen;  es wurde ihm schwer,  sehr schwer,  aber er konnte nicht nachgeben!  1862 legte er sein Amt nieder.  Die Gemeinde liess ihn nur schwer ziehen, kaempfte lange fuer ihn, hoffend,  dass auch kein anderer Rabbiner auf diese Forderungen verzichten,  und dass ihr dann Stein doch erhalten werde!

 

Unser Vater war mit ganzem Herzen Jugendlehrer,  so gruendete er nach Niederlegung seines Amtes mit Hilfe seiner Toechter eine Unterrichts-  und Erziehungsanstalt fuer Maedchen,  die schnell emporbluehte;  die Schuelerinnen  alle haengen  in warmer Liebe noch heute an dem Andenken des geliebten Lehrers! _  Unser Haus,  Schuetzenstrasse 10,  wurde zur Schule hergerichtet;  hier war unsere Mutter Seele des Hauses;  wie sie fuer ihre Kinder von jeher gesorgt, so pflegte sie jetzt die ihr anvertrauten Zoeglinge.  In der Schule unterrichtete Vater Religion,  Literatur,  Mythologie und Aufsatz in selten geistvoller, populaerer Weise;  die Schuelerinnen hingen begeistert an seinem Munde!

 

Im Hause hielt er an einem Abend jede Woche  Vortraege,  um die Schuelerinnen mit den laufenden  geschichtlichen und politischen Ereignissen bekannt zu machen.  Die Literaturabende,  an welchen viele Freunde, Gelehrte und Kuenstler teilnahmen,  waren gesucht und sehr beliebt.  Es wurden mit Rollenverteilung  die Klassiger und gure neue Literaturerzeugnisse gelesen und besprochen;  zur Einleitung und nach Beendigung des Werkes hielt unser Vater oder einer der Gelehrten erlaeuternden Vortrag! -  Wer Vater  Freitag abends  am Familientische gesehen,  voll Gemuetlichkeit und Frohmut, der konnte sein Wesen so recht kennen und lieben lernen. Ihn allsabbatlich seine Freitagabendlieder singen zu hoeren war eine Herzensfreude!  Die meisten dieser Lieder entstanden  waehrend der Schweizerreisen und sind den alten juedischen Melodien nachgedichtet. -  Vor allem aber hat er sich grosses Verdienst erworben duch zeitgemaesse Umgestaltung  einer deutschen Sederfeier;  er hat die Hagada umgearbeitet und die Lieder nach den alten  juedischen Sedermelodien umgedichtet.  Wer je einen Sederabend mit unserm Vater verlebt,  dem blieb sicher diese Feier unvergesslich!  Vor dem Schlussgesange hielt er einen  Rueckblick ueber alle frohen und ernsten Familienereignisse des Jahres! – Die Weihe  des Seder und der Freitagabende,  wie das eindringliche Gebet vor dem Verlassen des Hauses  am Versoehnungstagvorabende liess dauernden Eindruck  waehrend des ganzen Jahres bei den Kindern zuruck! –

 

Das Institut wurde mit den Jahren immer grosser, sodas die Raeumre in der Schuetzenstrasse nicht mehr ausreichten;  die Eltern kauften im Jahre1865 ein Anwesen mit Garten, Mainzer Landstrasse,  und unsere Mutter ueberwachte allein den ganzen Umbau und den ganzen Umzug;  unvergesslich bleibt  uns der Eindruck , als sie uns  am 20 November 1866 abends in das festlich  beleuchtetre, praktisch  und behaglich eingerichtete Haus fuehrte! Hier hatte sich die Gute ueberanstrengt (mittags  meist teilte sie  ihr Essen mit den Arbeitern, sich selbst vergessend);  dies war mit die Ursache ihrer spaeteren Erkrankung!  - Das neue Haus, der schoene Garten und die Pflege fuer Haus und Kinder, die alle, wie eine grosse Familie zum Hause gehoerten,  machte trotz Arbeit der geliebten  Mutter viele Freude! Waehrend der Ferien ging sie nach ihrem geliebten  Koenigstein , auf die Oelmuehle,  damals noch ein kleines Bauernhaus,  und sammelte Kraefte fuer ihr selbstloses,  tuechtiges,  nur allzu arbeitsames Leben!  Unser Vater  verbrachte seine Ferien seit 28 Jahren bis 1870 jedes Jahr  in einem anderen Orte und in einem anderen Teile der Schweiz;  rer liebte das Schweizerland und das Schweizervolk  ueber alles;  dort suchte er sich meist ein kleines  Huas, lebte freundschaftlich mit dem Volke und in demselben;  die Menschen verkehrten gerne mit ihm und verehrten ihn;  leider haben sich nur einige  Heftchen der so herrlichen  und geistvollen Schweizertagebuecher erhalten!  Wie sehr er mit der Natur verwachsen war,  zeigen seine bilddrreichen Predigten und seine so herrlichen Schweizergedichte!  Zum Freitagabend kam allwoechentlich  ein lieber Sabbatbrief mit gepressten Schweizerblumen an der Spitze voll Poesie!  Von 1870 an war Vater gesundheitshalber in Ragaz und Tarapsp;  in den letzten Lebensjahren  in Nauheim.

 

 

Unser Vater fuehlte sich in seinem neuen Berufe sehr wohl und frei von jedem Zwange konnte er nun seinen reformatorischen Geist entfalten;  er arbeitete fleissig an der Reform des Judentums,  war literarisch taetig und wirkte in Stadt und Gemeinde als Wohltaeter der Armen und Bedrueckten. Bekannt war seine Taetigkeit auf dem Gebiete der Wohlfahrt bei der von ihm mitgegruendeten  Polytechnischen Gesellschaft,  dem freien deutschen Hochstift,   als Begruender der Achawa,  als Mitbegruender des israelitischen Almosenkastens und mehrerer Lehrer-  und Unterstuetzungsvereine. –Im Hause hielt er allsabbatlich Privatgottesdienst, an welchem viele seiner Freunde teilnahmen.  Aus diesen Andachtsstunden entstand 1866 die Westend-Union,  eine Andachtsstaettte in der Niederau,  von mehreren amerikanischen und Frankfurter Freunden und Verehrern unseres Vaters gegruemdet und unterhalten.   Hier konnte er der    Reformbewegung freien Lauf lassen und errichtete einen Reformmustergottesdienst, an dem er stets Freude und volle Befriedigung fand.  Er verbesserte das Gebetbuch fuer Sabbat und Festtage und fuegte einen zweiten Band bei, Gebetbuch fuer Neujahr und Versoehnungstag,  welches uns alljaehrlich die Feiertage verherrlicht und den Geist des geliebten Vaters zu uns bringt.   (Dieses Gebetbuch,  schon seit drei Jahrzehnten in Dresden eingefuehrt, wurde in diesem Jahre von der Dresdner Gemeinde neu herausgegeben) . Ausserdem erschienen verschiedene Predigtsammlungen, “ Der Kampf des Lebens”, “Aus dem Westen” und andere mehr.

 

Am 21.Dezember 1869 starb unsere geliebte treffliche Mutter nach 10 Monate langer Krankheit!  Jetzt haette sie sorglos die Frucht ihrer Arbeit geniessen und wir Toechter,  die wir alle brave tuechtige Maenner gefunden,  haetten sie hegen und pflegen und ihr das Leben verschoenern koennen!  Sie war der edelsten, trefflichsten Frauen eine,  auf sie sollen Kinder und Kindeskinder stolz sein.  Haltet ihr teures Andenken in Ehren!

 

Im Jahre 1875 gab unser Vater das Pensionat auf und verkaufte das Haus Mainzer Landstrasse 53 (jetzt verlaengerte Westendstrasse und Durchgang  zum Bahnhof).  Er lebte nun vollstaendig seiner schriftstellerischen Taetigkeit und arbeitete ungestoert an der “Schrift des Lebens”,  einem religionsphilosophischen, reformatorischen Werke,  durch das er sich ein unvergaengliches Denkmal gesetzt!  Die Schritt des Lebens besteht aus drei Baenden.  Der dritte Band,  wir fanden ihn im Manuskripte vor, ist dieses Jahr durch die guetige Hilfe des Herrn Dr.Seligmann,  von uns herausgegeben worden.  Die beiden ersten Baende sind leider vergriffen;  wir hoffen bei Nachfrage sie bald neu erscheinen zu lassen.  “Die Schrift des Lebens”  so schreibt Dr.Seligmann in einem Artikel in der Frankfurter Zeitung am 2,Dezember 1907, “ist Steins persoenlichstes Werk,  ein Buch voll lebendiger Eigenart, voll Kraft  und Schoenheit,  ein Lebensbekenntnis,  in dem sich die Sturm- und Drangperiode der juedischen Reformbewegung wie in keinem andern spiegelt!” -  Ein kleiner,  gedraengter Auszug des zweiten Bandes der Schrift des Lebens “Thorat Chasim,  das juedische Religiosgesetz,  Anleitung, wie der Israelite der Gegenwart  sein Leben nach den Erfordernissen der Religion zu ordnen habe “   erschien 1877 und duerfte das kleine Schriftchen den heutigen Bestrebungen des libreralen Judentums sehr dienlich sein!

 

Im Jahre 1880 musste unser Vater wegen haeufiger Stoerung der Gesundheit seine Stelle als Prediger  der Westend-Union niederlegen.  Die Mitglieder der kleinen Gemeinde haengen noch heute mit Liebe und Verehrung an dem Andenken ihres Herrn Doktor Stein.  Er lebte nun zurueckgezogen im Kreise seiner Familie, sich seiner Kinder und praechtigen Enkel erfreuend! – Am 5.November 1880 hatte er noch einen Tag beglueckender Anerkennung, indem von seiten seiner Freunde und Verehrer sein 70. Geburtstag  und zugleich sein 50jaehriges Amtsjubilaeum festlich begangen  wurde.  Zahlreiche Deputationen  gemeinnuetziger Anstalten,  deren Mitglied und teilweiser Begruender er war,  zeichnete den Tag aus durch Adressen,  Ansprachen und durch poetische Widmungen!  Am meisten beglueckt war er  durch die warm verfasste und kuenstlerisch ausgefuehrte Adresse seiner getreuen Gemeinde zu Burgkunstadt!  Diese Feier bot  ihm eine erhebende und beglueckende Erinnerung fuer den Rest seines Lebens.

 

Unser geliebter Vater starb am 2.Dezember 1882! – Er hat gelebt und gekaempft fuer das Judentum,  dessen reine Lehre er liebte mit der ganzen Kraft seines trefflichen Herzens!  Er half dem Judentum einen neuen Fruehling bringen,  nach langer banger Winterzeit und trat in Wort, Schrift und Tat offen und ehrlich fuer seine Ueberzeugung auf!  Er hat Generationen zu frueh gelebt;  all die   Gedanken und Bestrebungen,  die kraftvolle Vorkaempfer des liberalen Judentums heute auf ihre Fahne stellen und fuer die sie ihre beste Kraft einsetzen,  hatte er schon in seinen Schriften niedergelegt und in seinem Wirken bestaetigt!   Schwere Stuerme hatte er dafuer zu bestehen,  aber er war als Prediger, Dichter und Schriftsteller sich selbst stets treu geblieben in alle Kaempfen und Stuermen bis in den Tod! – Die Teilnahme bei seinem Ableben zeigte, wie lieb er den Menschen,  nah und fern, gewesen!   Er war ein Mann in des Wortes vollster Bedeutung.  Nachfolgende Worte,  die er als Inschrift fuer seinen Grabstein hinterlassen,  sind fuer ihn das herrlichste Denkmal:

 

                        Mein Vermaechtnis:

“Ich verkuendete  die welterloesende, weltverbindende Lehre des einigen Gottes,  sein Name sei gelobt!  Diese Lehre schliest jede Ausschliessung aus,  waehrend sie alle Menschen in den einigen Bruderbund einschliesst!

Ein einziger Gott und eine einige Menschheit! Diese Verkuendigung war mein Ziel im Leben,  ist mein Erbe im Tode.”

   
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