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  Orientalische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)


Salomon ben Jehuda Ibn Gabirol
(lateinisiert Avicebron oder Avencebrol)
(1021-1058)


 

Königs-Krone


Segen schaffe, Tugend lehre
Mein Gesang dem Menschensohne!
Wunder Gottes, des Lebend'gen,
Rühm ich mit verhalt'nem Tone:
That's auf meiner Lobgesänge
Haupt, und nannt es: Königs.Krone

Esther 2,17


Gott

Erstaunlich groß sind deine Werke,
Und meine Seel' erkennt es wohl!

Psalm 139,14


I.

Dein, Herr, ist die Größ' und die Macht,
Die Majestät, die Dauer und die Pracht.

Dein, Herr, ist das Reich, die Allerhabenheit,
Die Fülle und die Herrlichkeit.

Dein ist das Zeugniß aus den Tiefen und den Höhen,
Daß all ihr Heer vergeht, und du nur wirst bestehen.

Dein ist die Macht; wo sie geheimnißvoll sich barg,
Dringt unser Geist nicht hin: denn du bist uns zu stark.

Dein ist der stille Gang allmächtiger Gewalt,
Das Weltgeheimniß dein, und dein die Grundgestalt.

Dein ist der Name, den die Weisen kennen nicht;
Die Kraft, die ohne Stütze trägt das Weltgewicht,
Und die Gewalt, zu führ'n Verborgenstes an's Licht.

Dein ist die Gnade groß zu deiner Werke Heil,
Das Gute wohlverwahrt, als deiner Frommen Theil.

Dein sind Geheimnisse, Lob und Gedanke schweigt;
Und Lebenskräfte, die kein Untergang erreicht.
Der Thron, der alle Höh' unendlich übersteigt,
Die Wohnung, welche dort erhab'ne Still' umzeucht.

Dein ist das Dasein, dessen Licht das Sein entronnen,
In dessen Schatten wir zu leben sind gesonnen.

Dein sind, du hast sie wohl geschieden, die zwei Welten,
Die erste für das Thun, die zweite dem Vergelten.

Dein ist Vergeltungslohn, Gerechten aufgesparet,
Du sahst wie schön er sei, und hast ihn wohl verwahret.


II.


Du bist einzig! -
Der Anfang aller Zahl,
Der Grund der Frommen all'.

Du bist einzig.
An deiner Einheit Räthsel werden Weise scheu,
Denn nicht versteh'n sie, was es sei.

Du bist einzig.
Und ab und zu nimmt deine Einheit nicht,
Die nie zu viel hat, und der's nie gebricht.

Du bist einzig.
Nicht Eins der Zahl und Gleichbeschaffenheit:
Da dich nicht Mehrheit und Verschiedenheit
Und nicht Benennung trifft und Eigenheit.

Du bist einzig.
Zu leih'n dir Ziel und Schranke,
Ermüdet mein Gedanke.
Drum geb' ich wohl auf meine Wege acht,
Daß meine Zunge keinen Irrgang macht.

Du bist einzig.
Hoch über Fall und Sturz thronst du alleine!
Denn sollte fall'n der Eine. -



III.

Du bist! -
Und dich erreichet Ohr und Auge nie;
Vergebens fragt der Geist: warum? wann? wie?

Du bist.
Doch dir allein,
Kein Anderer kann mit dir sein.

Du bist.
Und eh' die Zeit war, warest du,
Und ohne Raum schon hieltst du Ruh'.

Du bist.
Verhüllt ist dein Geheimniß, wer kann's finden!
O tiefste Tiefe, wer kann sie ergründen!


IV.

Du lebst!
Doch nicht seit fester Frist,
Nicht seit ein Zeitpunkt kundbar ist.

Du lebst.
Doch nicht durch Geist und Seelenhauch,
Denn du bist ja der Seele Seelenhauch.

Du lebst.
Kein Menschenleben mit der eitlen Frist,
Deß Ende Mott' und Würmer ist.

Du lebst.
Wer deinem Wesen naht, holt ew'ge Wonne sich,
Genießet und lebt ewiglich.


V.

Du bist groß! -
Vor deiner Größe beugt sich jede Größe,
Und jeder Vorzug zeigt die Blöße.

Du bist groß.
So weit bleibt der Gedanke hier zurück,
Als Sphärenschönheit hinter deinem Blick.

Du bist groß.
Keiner Größe ersteigbar,
Und allem Lobe unerreichbar.


VI.

Du bist stark! -
Und Keines deiner Schöpf- und Bildungswerke
Schafft Ähnliches wie du in deiner Stärke.

Du bist stark.
Und dein ist wahre Stärke nur,
Nicht Wechsel kennend und Veränd'rungsspur.

Du bist stark.
Dein hoher Sinn verzeihet in des Zornes Zeit,
Und steckt des Grimmes Ziel den Sündern weit.

Du bist stark.
Und dein' Erbarmungen umfassen deine Welten,
Das sind die ew'gen Helden.


VII.

Du bist Licht! -
Der reinen Seele Blick gelangt zu dir empor,
Dich birgt dem Seelenaug' der Sünde Nebelflor.

Du bist Licht.
In dieser Welt entrückt;
In künft'ger Welt entzückt,
Auf Gottes Berg erblickt.


VIII.

Du bist erhaben! -
Des Geistes Auge schaut, sehnt sich nach deinen Höh'n,
Es mag wohl einen Theil, doch nie das Ganz' erspäh'n.



IX.

Du bist der Götter Gott! -
Und alle Geschöpfe sind deine Zeugen.
An jenes Geschöpf die Mahnung geht,
Als Knecht sich dir zu beugen.

Du bist Gott.
Und Diener ist dir, was entsteht,
Und kann den Dienst nicht fliehen;
Nichts nimmt es deiner Majestät,
Wenn sie vor Andern knieen:
Denn Alle treibt das Streben an,
Zu kommen bis zu dir hinan.

Die Königsstraße woll'n sie zieh'n,
Doch irr'n sie ab wie Blinde:
Der stürzt in offne Gruft dahin,
Der sinkt in tiefe Gründe; -
Sie wähnen All' ihr Ziel gekrönt,
Indeß dem Wahn ihr Mühen fröhnt.

Doch deine Diener schauen klar,
Sie wandeln nur gerade;
Nicht rechts, nicht links weicht ihre Schaar
Von dem gewissen Pfade:
So kommen sie am Schluß der Bahn
Am Hof des Königshauses an.

Du bist Gott.
Mit deiner Allmacht die Gebilde schützend,
Mit deiner Einheit die Geschöpfe stützend.

Du bist Gott.
Und keine Grenz' ist zwischen deiner Macht und Einheit
Und deinem Sein und deiner Ewigkeit!
Denn alle sind nur Ein Verein:
Und mögen sie im Namen unterschieden sein,
Es treffen alle an dem Einen Orte.


X.

Du bist weise! -
Aus deinem Urquell springt der Weisheit Lebenskraft,
An deiner Weisheit bricht sich Menschenwissenschaft!

Du bist weise.
Vor allem Frühesten noch früher,
Warst du von je der Weisheit ein Erzieher.

Du bist weise.
Von keinem Andern wurdest du belehrt,
Und Niemand außer dir hat Weisheit dir gewährt.

Du bist weise.
In deiner Weisheit reicher Arbeitsstätte
Trafst du des Schöpfungsurstoffs Meisterwahl;
Dem Nichtsein zu entzieh'n die Wesenkette,
Wie sich dem Augenborn entzieht der Strahl:
Ohn' Eimer schöpfend aus des Lichtes Quelle,
Und ohne Werkzeug Alles wirkend schnelle.

In Weisheit-Schacht grub Er und forscht' hinunter,
Und läuterte und sichtete den Fund;
Und rief dem Nichts, auf that es sich voll Wunder,
Und rief dem Sein, da stand's auf festem Grund,
Und rief der Welt, und siehe, ihr Gebäude
Steht da auf seinen Will'n, gedehnt in's Weite.

Und mit der Spanne maaß er Himmelsräume,
Und seine Hand verband das Sphärenzelt,
Und einte durch der Allmacht Schleifensäume
Die Zeltenteppiche der Schöpfungswelt:
Aus reicht die Kraft, das Ganze festzuhalten,
Bis zu des äußern, letzten Teppichs Falten.


Übersetzt von Leopold Stein (1810-1882)

Aus: Königs-Krone von Salomo ben Gabirol
Metrisch übersetzt von Leopold Stein
Frankfurt am Main 1838
 


Biographisches:

siehe:
http://de.wikipedia.org/wiki/Solomon_ibn_Gabirol



 

 


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