Magisterarbeit im Fach

Jüdische Philosophie und Geistesgeschichte

 

 

an der

Hochschule für jüdische Studien Heidelberg

 

 

vorgelegt von

 

Elena Goldbaum

 

 

Betreuer

Professor Dr. M. Hayoun

 

Heidelberg, Mai 2003

Inhaltsverzeichnis
Einleitung..............................................................................................................................S.5

2. Einleitende Bemerkungen..................................................................................................S.7

3. Historischer Rahmen..........................................................................................................S.9

3.1 Die nationale Bewegung in DeutscMand.........................................................................S.9

3.2 Deutsch-jüdische Verhältnisse und allmähliche gesetzliche Gleichstellung

der Juden im deutschsprachigen Raum..................................................................................S. 10

3.2.1 Am Anfang des 19. Jahrhunderts bis zur Revolution 1848... .................................. ....S. 10

3.2.2 Die Revolution 1848 und ihre Auswirkung auf die deutsch-jüdischen Verhältnisse

und auf die allmähliche formale gesetzliche Gleichstellung der Juden in Deutschland.. .....S. 10

I. Entstehung der Reformbewegung in Deutschland..................... ................ .................S. 12

1. Voraussetzungen................................................................................................................ S.12

1.1 Die Fragenach den Vorläufern der Reformbewegung....................................................S.12

1.2 Versuch einer Definition des Begriffes „jüdische Reformbewegung"............................S.13

2. Prozess der Anpassung des Judentums an die Moderne als historischer Hintergrund

der Entstehung der Reformbewegung in Deutschland...................................................... ....S. 14

2.1 „Äußere" Gründe - gesetzliche Bestimmungen der westeuropäischen Gesellschaft

für die Juden............................ .................................................. ............................................S. 14

2.2 Öffnung des Judentums nach außen und die „inneren", ideologischen

Veränderungen im traditionellen Judentum..........................................................................S. 15

2.2.1 Aufklärung und kulturelle Integration seit dem Ende des 18. Jahrhundert..................S.15

2.2.2 Nationale und politische Identifizierung der aufgeklärten Juden als Begleiter

der Assimilation..................................................................................................................... S. 17

2.2.3 Das Ideal der besonderen „jüdischen Mission" als eine Rechtfertigung

der Gleichberechtigung und eine Antwort auf die Vorurteile der christlichen Welt

gegenüber dem Judentum......................................................................................................S. 1 8

3. Die Entwicklung der Reformbewegung in Deutschland....................................................S.19

3.1 Neue Konzeptionen des Judentums als Herausforderung an die jüdische Tradition -
Salomon Steinheim, Salomon Formstecher, Samuel Hirsch............. ....................................S. 19

3.2 Erste reformistischen Gedanken, erste Reformvorschläge unter Maskilim

seit dem Ende des 18. Jahrhunderts........ ..................................................................... .........S. 22

3.3 Die erste Reformer-Generation der radikalen Laien................. ................................... ...S. 23

3.4 Reform in den deutschen Gemeinden............... ............................................. ..................S.25

3.4.1 Das Aufkommen einer neuen Rabbinergeneration.......................................................S.25

3.4.2 Ein historisches Judentum: Zacharias Frankel und Abraham Geiger.. .........................S.26

3.4.3 Reformrabbiner setzen sich gegen radikale Laien durch.

Zum Unterschied zwischen der ersten und zweiten Reformergeneration.............................S.28

4.

II. Rabbiner Leopold Stein. Kurzer Abriss seines Lebens und seiner Werke, wie seiner Rabbiner -Tätigkeit an der Gemeinde Frankfurt am Main...........................................................S.32

1. Vorfrankfurter Jahre... ...................................................................................................... ..S.32

1.2 Talmudische Ausbildung und Jahre des Studiums.............................................................S.32

1.3 Steins erste Anstellung als Rabbiner in Burgkunstadt (Bayern).........................................S.33

2. Die Zeit in Frankfurt........................................................................................ .....................S.35

2.1 Leopold Stein in seinem Amt als Rabbiner in Frankfurt amMain......................................S.35

2.1.1 Die innerjüdische Entwicklung, die Verbreitung der Reformideen und der Einfluss
der radikalen Laien in der Gemeinde Frankfurt am Main zum Zeitpunkt des Amtsantrittes
von Rabbiner Leopold Stein (1843) ..........................................................................................S.35

2.1.2 Bedingungen für die Anstellung von Rabbiner Stein in der Gemeinde Frankfurt am
Main seitens des Gemeindevorstands.................................................................................... S.37

2.2 Rabbiner Stein als Gemeinderabbiner in der jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main. .S. 38

2.2.1 Beziehungen zwischen Rabbiner L. Stein und dem Gemeindevorstand.... ..................S.38

2.2.2 Beziehungen zwischen dem Reformrabbiner Stein und der Orthodoxie in Frankfurt........................................................................................................ ........................S.39

2.3 Liturgische Reformen, eingeführt von Rabbiner L. Stein an der Hauptsynagoge in
Frankfurt am Main................................................................................................................. S.40

2.4 Der Konflikt mit dem Vorstand der Gemeinde in Frankfurt als Grund für Steins
Amtsniederlegung......... ................................................................................... ......................S.42

2.5 Teilnahme und Rolle von Rabbiner L. Stein, eines gemäßigten Reformers, in den Rabbinerversammlungen 1844/1845/1846 und sein Platz in der

2.5.1 Erste Rabbinerversammlung (1844). ................................................................. ..........S.45

2.5.2 Zweite Rabbinerversammlung (1845) unter dem Vorsitz von Rabbiner L. Stein.......S.46

2.5.3 Dritte Rabbinerversammlung (1846): der öffentliche Auftritt von Rabbiner L. Stein
 gegen die radikalen Reformer...............................................................................................S.47

2.6 Die späteren Frankfurter Jahre.. ......................................................................................S.47

3. Rabbiner Dr. Steins Werke........................................................... ....................................S.48

3.1 Theologische Schriften...................................................................................................S.48

3.2 Allgemeine Schriften........ ............................................................................................. .S.49

III. Bibelauslegung in den Schriften von Rabbiner Dr. Leopold Stein..........................S.51

1. Wissenschaftlich-kritische Auslegung der Schrift bei den deutschen Reformrabbinern
Geiger und L. Stein..... ..........................................................................................................S.51

2. Die Bibelauslegung in den Werken von Rabbiner L. Stein als Begründung für die
„Umgestaltung des religionsgesetzlichen Lebens"...........................................................         ....S.53

2.1 „Ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde." (Jesaja 66, 22) Auslegung der
Verheißung an das VolkIsrael...............................................................................................S.53

2.2 „Der Sinai steht auf Wahrheit, Recht und Frieden". Die moralische Essenz der Lehre des Judentums. ......................................................................................................................... ....S.56

2.2.1 Göttliche „Einheit im Sinne der Ewigkeit" . L. Steins Auslegung der Einheit Gottes. .S. 56

2.2.2 Idee der „jüdischen Mission" bei Stein:  „Von der Einheit Gottes zur Einheit der
Menschheit"............ ........................................................................................................... ....S.51

 

IV. Die Beziehung zur Halacha in den Werken von Rabbiner Dr. L. Stein...................S.61

1. „Der Weg des Lebens ist die Führung zur Sittlichkeit. " Das Judentum als Sittengesetz.......S.61

1.1 Drama „Haus Ehrlich oder: Die Feste". Kurze Zusammenfassung des Inhaltes des

1.2 Die Gestalten der Drama: Kaufmann Ehrlich und Rabbi Schwarzmantel - zwei

gegensätzliche Charaktere, die zwei Kräfte symbolisieren: das „alte" Judentum und das aufgeklärte................. ............................. ...............................................................................S.62

1.3 Das Thema des Dramas - das Aufkommen einer neuen Generation der reformatorisch

gesinnten Männer in einer jüdischen Gemeinschaft in Deutschland............... ......................S.63

1.4 Steins Ideal des Rabbiners im Drama................ .................................................. ............S.63

2. Die reformerische Haltung Steins zum Gesetz im Drama............................. ....................S. 66

2.1 Die „Reformierung des religions gesetzlichen Lebens" in Steins Auffassung

Beurteilung einzelner Satzungen... .................................................................................... ...S.66

2.1.1 Liturgische Reformen (Auswahl)............................................ .................... .................S.67

2.1.2 Speisegesetze (Auswahl)............................................................................. ................S.69

3. Kritik an dem „willkürlichen" Vorgehen der Rabbinen in den Werken L. Steins...........S.72

 

V. L. Steins Beitrag zur Erneuerung des jüdischen Denkens in Deutschland...............S.76

VI. Ausblicke....................................................................................................................... S.79

VII. Literaturverzeichnis....................................................................................................S.8

 

Einleitung

 

Doch Engeln nicht gegeben ward die Lehre;

Nicht zu erhaben liegt sie uns, zu fern -

Sie ward uns nahgelegt in Mund und Herzen,

Und unsere Vernunft und Weisheit soll

Sie sein vor allen Völkern auf der Erde.

Drum beten täglich wir zuerst um Einsicht,

Erkenntnis und Vernunft — und „ Wer nicht denkt,

Ist gleich dem Götzendiener", spricht der Talmud! - Wahr! Wahr!

Weh uns, wenn wir das Forschen bannten!

Was ist dann unser Vorzug vor den Völkern,

Die, von geheimnißvollen Schauen trunken

Und sich berauschend in Mysterien,

In Unverstandenem suchen den Verstand,

Und die misshandelte, gefolterte

Vernunft zum Seufzer nöthigen: „ ich glaube!"

 

 

Rabbi aus Haus Ehrlich (1861) von Leopold Stein

 

1.   Vorwort

 

In dieser Arbeit wird die Tätigkeit des Rabbiners Dr. Leopold Stein unter einem besonderen Blickwinkel erleuchtet. Rabbiner Stein als einen deutschen Reformrabbiner zu charakterisieren bedeutet seine Auffassung des Judentums auf dem großen Kontext der Aufklärung als einer hauptsächlichen geistig-kulturellen Bedingung der Epoche und den

5

 

historischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen zu sehen. Das heißt, man muss die Verbindung und den Einfluss der deutschen Realität der damaligen Zeit auf die innerjüdische Entwicklung zeigen.

Die Reform im Kontext der Krise zu verstehen ist wichtig für das zu behandelnde Thema. „Krise" sollte man im weiteren Sinn verstehen als Krise der Gesellschaft, in der die Juden lebten, sowie die innerjüdische, die mit der Assimilierung der Juden an das nichtjüdische Umfeld verbunden war, und die eine Loslösung der Juden von ihrer Religion zufolge hatte. Darum sind die Anfänge der Reformbewegung im deutschsprachigen Raum zu finden. Es entwickeln sich seit dem Ende des 18. Jahrhundert unterschiedliche Strömungen innerhalb des Judentums: reformistische (Gründung durch Rabbiner A. Geiger), konservative (Rabbiner Z. Frankel) und neo - orthodoxe (Rabbiner S. R. Hirsch).

Die Frage der Beziehung zwischen der Religion und dem Staat ist eine der wichtigsten Fragen der jüdischen Philosophie. Sie äußert sich in unserem Zusammenhang in der Frage nach der Bedeutung der Religion im säkularen Staat. Die Rolle der jüdischen Religion im säkularen Staat beschäftigte die jüdischen Aufklärer und später die Reformbewegung, wobei die deutschen Reformer diesen als Heimat der Juden sahen. Rabbiner Dr. Stein hat in vielen seiner Predigten und Werke den gerechten deutschen Staat als Heimat für die deutschen Juden bezeichnet (siehe U. und III. Kapitel); zum Beispiel in der Predigt, die von ihm bei dem am 21. Mai 1848 zur Feier der Eröffnung der deutschen konstituierenden Nationalversammlung in der Synagoge zu Homburg abgehaltenen Gottesdienste vorgetragen wurde, sprach Rabbiner Stein unter anderem darüber, dass die Israeliten dem deutschen Vaterland ihre Kräfte widmen wollen.

Rabbiner Stein beschäftigte sich mit dem Problem der Rolle und den Aufgaben eines Rabbiners. Ein Reformrabbiner sollte seiner Meinung nach den aufgeklärten Juden ein „Führer" und ein Vorbild sein. Die Frage der Beziehung zwischen den Gelehrten (Rabbinen) und dem Volk gehört auch zu den Hauptproblemen der jüdischen Philosophie. Die Aufklärung brachte nach der reformerischen Auffassung der Mehrheit Kenntnis der Gesetze, wobei das religiöse Gesetz allen verständlich werden sollte. Besonders hervorgehoben von Rabbiner Stein wurde die Bedeutung der jüngeren Rabbiner-Generation. Ihre Vertreter 

 

 

 

 

 

6


'Vgl. L. Stein, Predigt, vorgetragen bei dem am 21. Mai 1848 zur Feier der Eröffnung der deutschen constituirenden National - Versammlung in der Synagoge zu Homburg abgehaltenen Gottesdienste, Homburg, 1848.

besuchten die altrabbinischen Hochschulen (Jeschibot) und besaßen gründliche Kenntnisse des Talmuds. In den reiferen Jugendjahren studierten sie an den deutschen Schulen und Hochschulen Philosophie. Sie wollten das Judentum mit der Wissenschaft, und somit auch

mit den Anforderungen der vorangeschrittenen Gegenwart aussöhnen.

 

2. Einleitende Bemerkungen

 

Die historischen Fakten zur Geschichte Deutschlands im 19. Jahrhundert und die deutsch­jüdische Verhältnisse werden im historischen Rahmen kurz zusammengefasst. Rabbiner Dr. Stein war im Amt eines Rabbiners in Frankfurt am Main in den Jahren 1844-1862. Diese Zeit war mit bedeutenden historischen Ereignissen verbunden. Frankfurt am Main war durch die Ereignisse der Jahre 1848/49 einer der Zentren der deutschen Revolution. In der Frankfurter Nationalversammlung in der Paulskirche setzte sich Gabriel Riesser, der erste jüdische Richter, für die Gleichberechtigung der deutschen Juden ein.

 

Das I. Kapitel beschäftigt sich hauptsächlich mit der Entstehung und Entwicklung der

Reformbewegung   in   Deutschland.   Es   werden   die   Fragen  beantwortet,   unter  welchen

Voraussetzungen die Reformbewegung im Judentum entstand. In diesem Kapitel konzentriere

ich mich primär auf zwei Werke, die von M. Meyer und H. Ben-Sasson. M. Meyer hat andere

Autoren rezepiert und in „Antwort auf die Moderne. Geschichte der Reformbewegung in

Deutschland", Wien, 2000, diese Rezeption zusammengefasst.

Der Historiker Haim Ben-Sasson liefert die historischen Fakten zum Thema, wie die

Reformbewegung in Deutschland entstanden ist.

Die jüdische Reformbewegung ist die erste moderne Interpretation des Judentums. Sie ist als

eine Antwort auf die veränderten politische und kulturelle Bedingungen der Juden entstanden,

die vor allem durch die Emanzipation der Juden hervorgerufen woeden waren .

 Die Entstehung des Reformjudentums war ein langer und allmählicher Prozess, der in der Zeit begann, als die Haskala den Weg zu ideologischen Veränderungen und zur Integration in das nicht-jüdische Umfeld öffnete.

 

Das II. Kapitel umfasst einen kurzen Abriss des Lebens des Rabbiners L. Stein, seiner Tätigkeit und seiner Schriften. Für die biographischen Angaben verwendete ich die folgenden

 

 

 

 

 

 

 

 

 

7

Vgl. Stein, Schrift des Lebens, Bd.2, Straßburg, 1877, S.447.

Vgl. Encyclopaedia Judaica, subject: Reform Judaism, Bd. 14, Jerusalem, 1972, S.24.

Quellen: Die Festschrift „Zum 100jährigen Jubiläum unseres lieben Vaters Rabbiner Dr. Leopold Stein" und L. Stein: Briefe und Gedichte, gesammelt von H. und B. Landauer, Augsburg, 1916.

Die Reformbewegung ist ursprünglich aus einer Laienbewegung entstanden und wurde von Fachleuten, nämlich akademisch ausgebildeten Gemeinderabbinern und Gelehrten fortgeführt. Einer von diesen war Leopold Stein (1810-1882), der als Rabbiner amtierte; von ihm stammen viele religiöse und poetische Schriften, Gebetbücher, Predigten, religionsphilosophische Werke und am bekanntesten sein Lebenswerk „Schrift des Lebens".

 

Im III. Kapitel werde ich auf die Quellen Rabbiner Dr. Leopold Steins eingehen, die seine Hauptgedanken zur Bibelauslegung enthalten.

Das Ziel der Reformbewegung war eine Erneuerung des Judentums aus seinen tradierten Quellen heraus. Dabei orientierte sie sich an den Forschungsergebnissen der jüdischen Gelehrten. Die neugegründete Disziplin „Wissenschaft des Judentums" hat sich dabei maßgeblich betätigt: durch sie wurden die Quellen des Judentums nach historisch­wissenschaftlichen Punkten analysiert.

 

Im IV. Kapitel werden die Aussagen Steins über die Halacha und ihre Reformierung

erläutert. ^__

 

Im V. Kapitel beschäftige ich mich mit der   Bedeutung des Rabbiners Dr. Stein für die

Erneuerung des jüdischen Denkens in Deutschland.

 

Im Teil Ausblicke wird kurz aufgezeigt, wie und ob die Reformen des Rabbiners L. Stein

weiter Bestand hatten und wie sich die Gemeinde in Frankfurt nach dem Rücktritt Steins

entwickelt hat.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

8

3. Historischer Rahmen.

 

In dieser Arbeit begrenze ich mich auf die Zeit von Anfang des 19. Jahrhunderts bis Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland, die Lebens- und Wirkungszeit von Leopold Stein (18 IQ-1882).

 

3.1 Die nationale Bewegung in Deutschland

 

L. Stein lebte im 19. Jahrhundert: das war einerseits die Zeit der Fortsetzung der nationalen Bewegungen und Bildung der Nationalstaaten, andererseits eine Zeit der Revolution und der Kriege in Europa. Eben Deutschland als eine „verspätete Nation" hat im 19. Jahrhundert diesen Prozess der Bildung eines nationalen Staates durchgegangen.

Der 1815 in Wien beschlossene Deutsche Bund entsprach nicht den Forderungen der Liberalen nach Volkssouveränität. Wie der deutsche Nationalstaat aussehen sollte, war 1848 eine der zentralen Fragen der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche. Die Abgeordneten entschieden sich für eine konstitutionelle Monarchie mit einem Erbkaisertum. Die Revolution von 1848 erfasste mit Ausnahme Englands und Russlands alle große europäischen Staaten. Auch in Deutschland stellte die liberale Bewegung Forderungen nach politischen Reformen und erhielt immer breitere Unterstützung.

Die Revolution misslang wegen der Angst der Bürger vor dem revolutionären Radikalismus, aus Mangel an politische Erfahrung und durch das Eingreifen des Auslands. Als Folge: der nationale Wunsch nach Einheit blieb lebendig.

 

Die Konfrontation zwischen Preußen und Österreich mündete in den deutschen Krieg von 1866. Nach diesem Krieg gab es eine Neuordnung Deutschlands. An der Stelle des Deutschen Bundes, der letzten politischen Zusammenfassung Mitteleuropas unter deutscher Führung, war durch die Kriegsentscheidung von 1866 eine Aufspaltung Deutschlands in drei politische Bereiche getreten. Es wurde 1866 der Norddeutsche Bund gegründet. Österreich wurde selbständig durch das Ausscheiden aus dem Deutschen Bund. Die dritte Gruppe der Staaten bildeten die souveränen Staaten Bayern, Hessen, Baden und Württemberg. Die Sieger des Deutsch-Französischen Krieges - Preußen mit dem Norddeutschen Bund, Bayern, Württemberg und Baden gründeten am 18.1.1871 in Versailles das Deutsche Kaiserreich.

 

 

 

 

 

 

9

Vgl. Grundwissen Geschichte, Frank Ausbüttl u.a. (Hrsg.), Stuttgart, 1998, S.153-155.

Vgl. dtv-Atlas zur Weltgeschichte, Bd.2, München, 1996, S.59.

 

Otto von Bismarck wurde zum ersten deutschen Reichskanzler ernannt. Man erwartete eine glänzende wirtschaftliche und politische Zukunft.

 

3.2 Deutsch-jüdische Verhältnisse und allmähliche gesetzliche Gleichstellung der Juden im deutschsprachigen Raum

3.2.1 Am Anfang des 19. Jahrhunderts bis zur Revolution 1848

 

Zu Anfang des 19. Jahrhunderts bedeutete die neue politisch-gesellschaftliche Situation eines aufgeklärten Mitteleuropas für die jüdische Bevölkerung eine enorme Herausforderung: mit der Emanzipation waren die Ghettomauern gefallen, den Juden politische Rechte verliehen und Zutritt zum gesellschaftlichen Leben gewährt. Am Anfang des 19. Jahrhunderts haben die Regierungen in Deutschland die gesetzliche Stellung der Juden neu geregelt. Das preußische Emanzipationsedikt war wohl das liberalste in Deutschland. Das „Edikt über die bürgerlichen Verhältnisse der Juden in den preußischen Staaten " wurde im März 1812 erlassen. Allerdings hatte diese Gesellschaft ihre antijüdischen Vorurteile dadurch keineswegs abgelegt, sie verlangte von den Mitbürgern jüdischen Glaubens, die in führenden Positionen waren, Assimilation durch Nivellierung ihrer Tradition. Die liberale Gesellschaft des 19. Jahrhunderts bot für die europäische Juden eine Chance und ein Verhängnis zugleich, ein Dilemma, aus welchem man verschiedene Auswege suchte. Einen Mittelweg zwischen der Assimilation und religiösem Anderssein beschritt die Reformbewegung.

 

3.2.2 Die Revolution 1848 und ihre Auswirkung auf die deutsch-jüdischen Verhältnisse und auf die allmähliche formale gesetzliche Gleichstellung der Juden in Deutschland

 

Die Reformbewegung entwickelte sich in der ersten Hälfte des  19. Jahrhunderts, als in

Deutschland die vorrevolutionäre Aufbruchsstimmung herrschte.

Die Revolution 1848-1849 in Deutschland hatte eine große Wirkung auf die deutsch-jüdische

Geschichte. Mit der deutschen Revolution war ein großes emanzipatorisches Streben des

deutschen Volkes verbunden. Zum festen Bestandteil des Programms der Liberalen gehörten

Forderung nach voller Gleichberechtigung (Emanzipation) und Eingliederung der Juden in die

deutsche Gesellschaft.

Die aufgeklärten Juden erhofften auch die für sie positiven Ergebnisse der Revolution. Es gab

einige jüdische Abgeordnete, der bekannteste war Rechtsanwalt Gabriel Riesser (1806-1863)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

10

Vgl. Grundwissen Geschichte, S.154-155.

Vgl. Kratz-Ritter, Bettina, Salomon Formstecher, Hildesheim, 1991, S.9-10. 10

aus Hamburg. Er war ein Deputat in der Frankfurter Nationalversammlung in der Paulskirche und der erste jüdische Richter. Gabriel Riesser wurde 1848 in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt. Er bemühte sich, „die liberalen Abgeordneten davon zu überzeugen, dass die, von ihnen geforderte Freiheit und Gleichheit von dem Gesetz

o

notwendigerweise auch die Gleichberechtigung der Juden einschließen müsse". Er setzte sich für die Gleichberechtigung der deutschen Juden ein. Deutschland sei die Heimat der deutschen Juden; die deutschen Juden hätten gegen den deutschen Staat Pflichten zu erfüllen. Eben der politische Kampf für die Emanzipation der Juden und nicht Konversion oder Emigration bedeutete für Gabriel Riesser den Ausweg für die Juden. Es ist seinem Einsatz zu verdanken, dass in die „Grundrechte des deutschen Volkes" während der Revolution 1848-1849 folgende Emanzipationsklausel aufgenommen wurde: „Durch das religiöse Bekenntnis wird der Genuss der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte weder bedingt noch beschränkt. "

 

Nach der Niederlage der Revolution 1848-1849 folgte die Zeit der Reaktion und teilweise ein Verlust der in der Revolution für die Juden erworbenen Rechte. Die demokratische Aufbruchsstimmung, die vor der Revolution 1848 herrschte, endete mit der Niederlage der Revolution. Danach gab es die Reaktion, den Abbau der Demokratie und, teilweise als Folge, den Antisemitismus. „~

Erst 1869 nach dem Gesetz des Norddeutschen Bundes wurden Juden den Christen rechtlich gleichgestellt. Dieses Gesetz wurde 1871 nach der Gründung des Kaiserreich ins Reichsgesetz übernommen. So gab es in Deutschland mehrere Gesetzgebungswellen bis die rechtliche Gleichstellung der Juden erreicht wurde. Die rechtliche Gleichstellung war eine formale. In der Wirklichkeit sah es anders aus: die Beschränkungen waren nicht aufgehoben. Trotz formaler Rechtsgleichheit wurden Juden im öffentlichen Leben durch offenen oder verdeckten Antisemitismus diskriminiert.

 

 

 

 

 

 

 

11

Vgl. Grundwissen Geschichte, S.157.

Grübel, Monika, Judentum, Köln, 1996, S. 149.

Ebd.

Vgl. Grundwissen Geschichte, S.157.

I. Kapitel: Entstehung der Reformbewegung in Deutschland

 

1. Voraussetzungen

1.1 Die Frage nach den Vorläufern der Reformbewegung

 

Historiker Michael A. Meyer in seinem Buch „Antwort auf die Moderne: Geschichte der Reformbewegung im Judentum " untersucht die Frage der Entstehung der Reformbewegung in Deutschland. Er unterstreicht, dass die Reformbewegung eine spezifische Antwort auf neue historische Umstände war; sie ist ein Novum in der Geschichte, obgleich ihre Prinzipien und Praktiken in früheren Epochen der jüdischen Geschichte belegt werden können. Die Reformbewegung ist ein Novum, weil sie aus der Konfrontation mit dem geänderten politischen und kulturellen Umfeld entstand.

 

Die Reformbewegung selbst sucht nach Vorläufern, denn ihre enge Verbindung mit der Vergangenheit   war   immer   ein   Objekt   der   Bemühungen   ihrer   Vertreter   und   ihr charakteristisches Merkmal.

Man warf der Reformbewegung vor sektiererisch zu sein, sich aus der Tradition zu lösen. Darum bemühten sich ihre Vertreter zu zeigen, dass sie nur weiterentwickelten, was in der jüdischen Geschichte schon vorhanden war. Das Hauptargument der Reformer war: die Reformbewegung war seit der frühersten Zeit eng mit dem Judentum verbunden. Die Idee, dass die Reformbewegung nur die Weiterentwicklung der jüdischen Tradition ist, ist in den Werken und Schriften von Rabbiner L. Stein anwesend. Besonders in seinem Hauptwerk die „Schrift des Lebens".

 

Die radikalen Reformer sahen die historischen Persönlichkeiten aus der jüdischen Tradition als frühere Reformer an. So, zum Beispiel, Rabbiner Samuel Holdheim hielt Jochanan ben Sakkai für einen Reformer, denn der Letztere erkannte die Notwendigkeit das Judentum umzugestalten, um es den neuen Umständen der jüdischen Existenz anzupassen. Aber nach der Meinung M. Meyers war Jochanan ben Sakkai kein Reformer, und das prämoderne Judentum kein Reformjudentum. Also, wie entstand dann die Reformbewegung, welche waren die Triebkräfte, die die Reformbewegung hervorgerufen haben?

Die Reformbewegung ist durch das Zusammenwirken externe und interne Elemente entstanden, so M. Meyer.

 

 

 

 

 

 

 

 

12

Vgl. Meyer, Michael A., Antwort auf die Moderne. Geschichte der Reformbewegung im Judentum, Wien, 2000, S.23, 30.

Vgl. a.a.O., S.22.

Vgl. a.a.O., S.23.

Die Triebkräfte, die von außen auf das jüdische Leben einwirkten, das heißt die Veränderung der äußeren Bedingungen, waren entscheidend nach der Auffassung M. Meyers. Es gab aber auch innere Faktoren. M. Meyer bringt an dieser Stelle die Beweisführung von Gerschom Scholem, den er einen großen Gelehrten des jüdischen Mystizismus nennt. Scholem versuchte nachzuweisen, dass die Kausalkette, die zur Reformbewegung führte, bis ins 17. Jahrhundert zurückgeht, und dass die Ursprünge sowohl der jüdischen Aufklärung, als auch der Reformbewegung, im Sabbatianismus lagen. Denn der Letztere spaltete seiner Meinung nach die jüdische Welt viele Generationen hindurch. Die Gemeinden seien zum Streitplatz geworden. Als ein Beispiel dient der Streit zwischen zwei führenden rabbinischen Autoritäten Jacob Emden (1697-1776) und Jonathan Eybeschütz (1690/1695-1764), der zur Spaltung der jüdischen Gemeinden führte.

Die durch die Polemiken und die geistigen Auseinandersetzungen gespaltenen Gemeinden waren empfänglich für neue Ideen und machten es schwer Autorität aufrechtzuerhalten. Nach der Meinung M. Meyers war der Sabbatianismus ein Hintergrund für das Aufkommen der Haskala und der Reformbewegung, aber dessen Bedeutung war ehe gering. Das Hauptelement bei der Entstehung der Reformbewegung war die Öffnung des Judentums nach außen, das Eindringen europäischen Kulturelemente in bestimmte Schichten des mittel- und westeuropäischen Judentums.

Also, die geistige Auseinandersetzung im deutschen Judentum, die es vor der Zeit der Reformbewegung gab, bereitete den Boden für die Entstehung der Reformbewegung in Deutschland.

 

1.2 Versuch einer Definition des Begriffes „jüdische Reformbewegung"

 

Die jüdische Reformbewegung ist eine von Deutschland ausgehende religiöse Bewegung im Judentum zum Beginn der Neuzeit, d.h. einer Periode nach Moses Mendelssohn. Sie ist auf eine Umformung der jüdischen Religion, namentlich der äußeren Gestaltung, besonders des Gottesdienstes und der Liturgie gerichtet.

M. Meyer definiert die Reformbewegung folgendermaßen:

„Im weitesten Sinne kann die Reformbewegung so verstanden werden, dass sie all jene   Bemühungen   umfasst,   die   als   Folge   des   Kontakts   mit   der  modernen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

13

Vgl. a.a.O., S.31-32.

Vgl. Jüdisches Lexikon, Bd.IV, Stichwort: Reform, Frankfurt, 1987, S.1288-1289.

nichtjüdischen Welt entstanden sind und ein Judentum errichten wollten, das sich von den ererbten Formen und Glaubens grundsetzen unterscheidet. "

Nur in Deutschland gab es Voraussetzungen für die Entstehung der Reformbewegung, zu

ihnen gehört kulturelle Assimilierung an das nichtjüdische Umfeld:

„Die Anfänge und das frühe Wachstum der Reformbewegung innerhalb des Judentums vollzogen sich im deutschsprachigen Europa. Weder in Frankreich, wo die Juden zur Zeit der Revolution die bürgerliche Gleichstellung erlangten, noch im zaristischen Russland, wo die Juden diskriminierenden Vorschriften unterworfen blieben, war die Atmosphäre günstig für eine jüdisch-religiöse Reform. Nur Deutschland nährte die Hoffnung auf eine völlige Emanzipation, ohne sie im vollen Umfange zu gewähren, und ermunterte die Juden daher deutsche Sitten und Gebräuche zu übernehmen. "

 

2. Prozess der Anpassung des Judentums an die Moderne als historischer Hintergrund der Entstehung der Reformbewegung in Deutschland

 

Die Hinwendung zu religiösen Reformen tauchte erst auf, als tiefgreifende Veränderungen in der äußeren Situation der Juden und in ihrem eigenen Selbstverständnis stattgefunden hatten.

 

2.1 „Äußere" Gründe - gesetzliche Bestimmungen der westeuropäischen Gesellschaft für die Juden

 

Eben in Deutschland am Ende des 18. Jahrhunderts gab es historische Voraussetzungen für die Entstehung der Reformbewegung. Diese waren: erstens die sogenannten „äußeren Gründe", nämlich, die Veränderungen in der äußeren Situation der Juden - sie waren von der Politik der Landesherrn abhängig. Als Ergebnis dieser Veränderungen bekamen die Juden in Deutschland Hoffnung auf eigene Emanzipation.

Manche Regierungen waren an der Assimilation der Juden interessiert. Besonders in Preußen schienen sich große Möglichkeiten für eine politische und soziale Integration zu eröffnen. (Siehe historischen Rahmen) Darum wurden etwa in Preußen am Ende des 18. Jahrhunderts Maßnahmen zur Reduzierung der rechtlichen Autonomie der Juden vorgenommen, es wurden

 

 

 

 

 

 

 

14

Meyer, S. 18.

A.a.O., S.21.

Vgl. a.a.O., S.31.

das Recht der Bann verhängung und die religiöse Kontrolle innerhalb der Gemeinde abgeschafft.

Die aufgeklärte christliche Gesellschaft befasste sich mit dem Thema der Religion und ihrer Rolle im modernen Staat. Das Judentum war auch Objekt der Untersuchung der deutschen Aufklärer. In ihr integratives, universelles Ideal einer modernen Gesellschaft „passte" das Judentum nicht hinein. Sie wollten die jüdische Gemeinde an die christliche Gesellschaft anpassen.

Diese äußeren Gründe brachten Veränderungen innerhalb des traditionellen Judentums. Die jüdische Institutionen wurden immer schwächer, die höhere jüdische Bildung hörte in Deutschland praktisch auf; Rabbiner wie auch Lehrer kamen fast ausschließlich aus Polen. Besonders in Preußen, während die meisten Juden, vor allem in kleinen Städten, an ihrem Glauben und der Tradition festhielten, sah das jüdische Leben in den großen Städten anders aus. Selbst in den Familien gab es keine Übereinstimmung mehr zwischen der jüngeren und älteren Generation, was die religiösen Werte betraf. Derart individuelle Freizügigkeit in den religiösen Belangen hatte es früher nie gegeben. Die Gemeinden waren aufgespalten, sie waren nicht einheitlich, was die Fragen der Ausübung der religiösen Tradition betraf

 

2.2   Öffnung    des   Judentums    nach    außen   und    die   „inneren",    ideologischen

Veränderungen im traditionellen Judentum

2.2.1 Aufklärung und kulturelle Integration seit dem Ende des 18. Jahrhundert

 

Zu den allgemeinen Veränderungen im traditionellen Judentum des 19. Jahrhunderts gehörte

vor allem die Integration in das nichtjüdische Umfeld. Es gab verschiedene Wege dazu.

Einige, aber nur wenige Juden, wählten Konversion oder vollständige Assimilation, also die

Ablösung von den religiösen Bindungen. Die Mehrheit der Juden aber, versuchte die Treue

zur Religion mit der Loyalität zum Staat zu vereinbaren.

Anfang  des   19.  Jahrhunderts  nahm  die  Konversionsrate  als  Mittel  sich  voll  in  das

nichtjüdische Umwelt zu integrieren zu.

Von Mitte des 19. Jahrhunderts an war die kulturelle Assimilation anstatt der Konversion ein

Mittel  zur Integration  der Juden  in  die  europäische  Gesellschaft:  Juden  nahmen  am

Kulturleben auf den Gebieten der Literatur, Musik und Kunst teil:

„Von der Mitte des 19. Jahrhunderts an verlor der Glaubenswechsel seinen ersten Platz als Mittel zur Integration der Juden in die europäische Gesellschaft. An seine

 

 

 

 

 

 

 

15

Vgl. a.a.O., S.33-34. 15

Vgl. Geschichte des jüdischen Volkes, Haim Hillel Ben-Sasson (Hrsg.), Bd.3, München, 1980, S.126-127.

Stelle trat die kulturelle Assimilation sowie die Identifizierung mit dem Staat und der Staatsnation. Diesem Prozess ging voran die Erkenntnis der Landessprache und der einheimischen Kultur der Aufklärer."

 

Die Veränderungen im traditionellen Judentum ab dem Ende des 18. Jahrhunderts wurden von den Ideen der Haskala und besonders denen von M. Mendelssohn (1729-1786) hervorgerufen. Der erste Schritt in diese Richtung war mit seiner Bibelübersetzung erreicht: Mendelssohn lehrte Juden die Sprache des Landes, in dem sie lebten. Er lehrte sie deutsche Klassiker lesen zu können und sich im Land heimisch zu fühlen. Die Kenntnisse der deutschen Sprache ermöglichten nach seiner Meinung den Juden die aktive Teilnahme am Leben der deutschen Gesellschaft.

Die von M. Mendelssohn „gestiftete" jüdische Aufklärung (Haskala) bedeutete für die meisten aufgeklärten deutschen Juden kulturelle Integration, obwohl Mendelssohn selbst die Integration anders verstand als die jüngeren Generationen der Aufklärer, denn sein Ideal war es an den Riten und Gesetzen der jüdischen Tradition festzuhalten und gleichzeitig voll an der Kultur der Umwelt teilzunehmen. Für die nächsten Generationen der Aufklärer bedeutet die Integration in die westliche Kultur außerdem noch den Bruch mit althergebrachten Überzeugungen und Riten.

So gab Mendelssohn den Impuls für die Entwicklung der Reformgedanken. Aber Mendelssohn war kein Reformer der jüdischen Religion. Denn der Einfluss der Moderne auf das jüdische Leben fing erst an sich bemerkbar zu machen. Das religiöse Gesetz war für Mendelssohn für immer offenbart worden und es konnte demnach keine religiöse Entwicklung durchgehen.

 

Mit dem Aufkommen einer aufgeklärten Schicht im Judentum fand die Haskala eine  große

Verbreitung:

 

„Als Folge der politischen Veränderungen, die sich in West- und Mitteleuropa vollzogen, der Integration der Juden in ihre Umgebung und der kulturellen Richtung dieser Tendenzen übernahmen die meisten Juden die Ideale der Haskala und begannen ihre Bemühungen auf die religiöse, soziale und kulturelle Sphäre, die auf

 

 

 

 

 

 

16

Vgl. a.a.O., S.129.

Vgl. Grübel, S. 142.

Vgl. Meyer, S.35-36.

Anpassung ihrer Organisationsstrukturen und ihrer Lebensform an die ihrer Umwelt

zu konzentrieren. "

 

Die Maskilim hofften, dass die Veränderungen, wie Integration, kulturelle Assimilation und die  Identifizierung   mit   der   Staatsnation,   die   Regierung   dazu   bewegen   würden,   die

Einschränkungen abzuschaffen, unter denen die Juden zu leiden hatten.

 

2.2.2 Nationale und politische Identifizierung der aufgeklärten Juden als Begleiter der Assimilation.

 

Während des 19. Jahrhunderts stellte sich für die Juden in Westeuropa das Problem ihrer Einstellung sowohl zum eigenen Volk als auch zu der Bevölkerung, in deren Mitte sie lebten. Die Mehrzahl der Juden versuchte den beiden Bereichen loyal zu sein: der jüdischen Tradition einerseits und der Assimilation an die Umwelt andererseits.26

Die kulturelle Assimilation veranlasste zahlreiche Juden „die Bedeutung ihrer Bindung an die jüdische Religion zu überprüfen." Es gab einen Widerspruch zwischen der Loyalität der Juden gegenüber den Ländern, in denen sie lebten und ihrer Bindung an das Judentum. Die Juden, die sich nach der rechtlichen Gleichstellung in den europäischen Ländern sehnten, wollten Mitglieder des nationalen Staates sein. Mit der jüdischen Religion verbanden sie keine eigene politische oder nationale Loyalität. Dazu kamen die liberalen Bestrebungen in Deutschland vor und während der Revolution 1848/49. In den jüdischen liberalen Kreisen ab der Mitte des 19. Jahrhunderts verbreitete sich die Meinung, dass zwischen der Aufnahme der Juden in die Gesellschaft ihrer Umwelt und der Einigung des Landes eine Verbindung bestehe. Als Beispiel dafür dient die politische Karriere von Gabriel Riesser. Während der Revolution 1848 setzte er sich für die politische Einigung Deutschlands ein. Er schrieb über seine Angehörigkeit zum deutschen Staat, seinem Vaterland.27

 

In Europa verstärkten sich die zentralistischen Tendenzen. Gebildeten Juden, die sich nach rechtlicher Gleichstellung in den europäischen Ländern sehnten, glaubten, dass Individuen den Staat bildeten, und nicht die Angehörigen von Gruppen und Korporationen. Darum gaben sie zunehmend der Ansicht Ausdruck, dass mit der jüdischen Religion keine eigene politische oder nationale Loyalität verbunden werden könne. Als Folge sahen sie die Menschen, unter

 

 

 

 

 

 

 

 

17

Ben-Sasson, S. 137.

Vgl. Meyer, S.39.

Vgl. Ben-Sasson, S.126.

Vgl. a.a.O., S.132-133.

 

denen sie lebten, als ihre „Brüder" an; den jeweiligen Staat sahen sie als ihre Heimat an. Sie demonstrierten ihre Überzeugung durch Ablehnung der Gedanken über den Messias und die Rückkehr nach Zion. Sie schlugen vor, jede Erwähnung des Messias und der Rückkehr nach

Zion aus dem Gebetbuch zu entfernen.

 

2.2.3 Das Ideal der besonderen „jüdischen Mission" als eine Rechtfertigung der Gleichberechtigung und eine Antwort auf die Vorurteile der christlichen Welt gegenüber dem Judentum

 

Die soziale Assimilation der Juden seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde mit einer starken Ablehnung innerhalb der europäischen Gesellschaften gegenüber den Juden begleitet. Außerdem betrachteten die meisten europäischen Philosophen das Judentum häufig als ein „überholtes Phänomen der Menschheitsentwicklung" und nicht als Religion. Die deutschen Aufklärer, wie Lessing in der „Erziehung des Menschengeschlechts", haben das Judentum als die erste Stufe in der Entwicklung der Menschheit charakterisiert. Die Reformer wollten das Ansehen der deutschen Gesellschaft bessern, indem sie der jüdische Religion eine universale Mission zuwiesen. Diese universale Mission rechtfertigte den Fortbestand der jüdischen Religion in Gegenwart und Zukunft.

 

Mehr und mehr Juden entwickelten eine nationale und politische Identifizierung mit der nichtjüdischen Welt. Diese neue Schicht im Judentum suchte nach einer Anerkennung der jüdischen Religion seitens der europäischen Welt und nach einer Rechtfertigung ihres Wunsches nach Gleichberechtigung. Eine weitere Rechtfertigung der Assimilation war das Ideal der universalen „jüdischen Mission" - der besonderen Sendung des Judentums für die Völker der Welt.

"Die nächste Phase in der Entwicklung des jüdischen Selbstverständnisses innerhalb der europäischen Gesellschaft war der Anspruch, nur der reine jüdische Monotheismus und die sittlichen Prinzipien, die sich in der jüdischen Gesellschaft seit deren Anfängern herausgebildet hatten, könnten Europa aus seinem geistigen Sumpf und aus dem Irrgarten sozialer Widersprüche und Konflikte retten.“

Daraus ergab sich die Betonung der Bedeutung, welche die Juden und die jüdische Religion für die europäische Gesellschaft dann zufolge hätten.

 

 

 

18

Vgl. ebd.

Vgl. A.a.O., S.132.

Vgl. a.a.O., S. 140-141.

VgI. a.a.O., S.134-135.

Ebd.

Vgl. ebd.

Schon am Anfang des 19. Jahrhunderts begannen einzelne und dann auch mehrere Aufklärer den messianischen Glauben des Judentums universal zu interpretieren. Mendelssohn hat in seinem „Jerusalem" die messianische Ära als ein Zeitalter des Friedens, der Freiheit und der Brüderlichkeit interpretiert.

Deutsche Aufklärer befassten sich mit der Rolle der Religion in der Gesellschaft, wobei sie das Judentum für die moderne Welt nicht für geeignet hielten und die radikaleren unter ihnen nicht als eine Religion anerkannten. Im Gegensatz zu ihnen hat G. E. Lessing in seiner „Erziehung des Menschengeschlechts" das biblische Judentum als eine Wahrheit der Vernunft anerkannt. Aber er hat das biblische Judentum nur als eine, die erste Stufe in der Entwicklung der Menschheit gesehen. Nach der Meinung der meisten deutscher Aufklärer war das Judentum keine Religion der Gegenwart und der Zukunft. Darum begannen die jüdischen Aufklärer sich mit religiösen Fragen zu beschäftigen.

 

So gab Mendelssohn und die von ihm gestiftete Aufklärung einen Impuls für die Entwicklung der Reformbewegung.

Die jüdischen Aufklärer begannen sich mit der Frage der Rolle der jüdischen Religion in der modernen Epoche zu befassen.

 

3. Die Entwicklung der Reformbewegung in Deutschland

3.1 Neue Konzeptionen des Judentums als Herausforderung an die jüdische Tradition -

Salomon Steinheim, Salomon Formstecher, Samuel Hirsch

 

Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts erlebte das traditionelle Judentum die Zeit der Umschichtung. Mit dem Eintritt der Juden in die bürgerliche Gesellschaft kam ein grundlegender pluralisierender Wandel in die traditionelle jüdische Gesellschaft. Es trat neben das normative Judentum ein breites Spektrum religiöser Strömungen, die den Konsens über Wesen und Inhalt der jüdischen Religion aufbrachen, deren Ursprung vor allem in Deutschland zu finden ist:

„Die  neue     Vielfalt     gründete  auf tiefgreifenden   Umwälzungen  innerhalb der jüdischen Minderheitengesellschaft, die wiederum mit den Veränderungen in den

 

 

 

 

 

19

Vgl. Meyer, S.34-35.

Vgl. Lessing, Gotthold Ephraim, Die Erziehung des Menschengeschlechts, Stuttgart, 1999, §8-31.

Vgl. Meyer, S.31-35.

 

allgemeinen  sozialen politischen  und kulturellen   Verhältnissen  der  christlichen

Mehrheitsgesellschaft einhergingen."

Drei Denker mit ihren neuen Konzeptionen des Judentums beeinflussten am Anfang des 19. Jahrhunderts das ideologische Element. Salomon Ludwig Steinheim (1789-1866), Rabbiner Salomon Formstecher (1808-1889) und Rabbiner Samuel Hirsch (1815-1889).

 

Salomon Ludwig Steinheim war in der jüdischen Gemeinde Altona aktiv. Er war ein Arzt, Theologe und Dichter. 1835 eröffentlichte er den ersten Band der vierbändigen „Offenbarung nach dem Lehrbegriffe der Synagoge". Er war ein Verfechter einer rituellen Reform und befürwortete die Inhalte des „Hamburger Tempels".

 

Rabbiner Salomon Formstecher hat 1841 die „Religion des Geistes" verfasst. Er war Prediger in der Gemeinde Offenbach. Sein Werk war eine umfassende theoretische und historische Beschreibung des Judentums, die er in Beziehung zur herrschenden Philosophie des Idealismus sowie zum Christentum und Islam setzte. S. Formstecher versuchte dem Judentum zum intellektuellen Ansehen verhelfen.

 

Rabbiner Samuel Kirschs größte Arbeit war „Religionsphilosophie der Juden" (1842), die als Theorie der Reformbewegung einen großen Einfluss ausübte. Rabbiner Hirsch arbeitete zunächst als Rabbiner in Dessau, später in Luxemburg und, schließlich in Philadelphia. Diese drei Denker vereinigte die gemeinsame Überzeugung, dass der alte Glaube bei gebildeten Juden nur mit neuer Konzeption und nicht in der alten Form überleben kann. Ihr Beitrag für die jüdische Geistesgeschichte war folgender: alle diese Denker lehnten die üblichen herrschenden Konzeptionen eines Judentums ab, das auf die Vergangenheit beschränkt wurde. Darin unterschieden sie sich teilweise von ihrem Umfeld. Wie die ihnen nachfolgenden Reformern wiesen sie ihrem eigenen Glauben einen Weg in die Zukunft. „ Sie beschäftigten sich damit, das Judentum in die Begriffe und Ausdrücke der philosophischen Systeme Europas zu übersetzen. " Spätere Reformdenker sollten in ähnlicher Weise auf neue intellektuelle Herausforderungen reagieren.

 

 

 

 

20

Brämer, Andreas, Reform und Orthodoxie im europäischen Judentum der Neuzeit. In: Handbuch zur Geschichte der Juden in Europa, Kotovski, E. V. (Hrsg.), Darmstadt, Bd.II, 2001, S. 138.

Vgl. Meyer, S.108-118.

Vgl. Ebd.

Vgl. Meyer, S. 118.

 

Nicht nur Philosophie, sondern auch Geschichtsstudium war eine Herausforderung an die jüdische Religion. Die „Wissenschaft des Judentums"  mit ihrer historischen Untersuchung der jüdischen Religion konnte ein hohes intellektuelles Ansehen der jüdischen Religion in der modernen Welt schaffen. Für die Reformbewegung gewann das Geschichtsstudium besondere Bedeutung: das Reformrabbinat wollte die Reformbemühung im Geschichtsfluss verankern -die früheren Fälle aus der jüdischen Geschichte konnten eine Begründung für die ersten willkürlichen Reformen sein.

So hat das Reformrabbinat eine Begründung und Herausforderung in Philosophie und Geschichtswissenschaft gesucht. Die „Wissenschaft des Judentums" entstand in den 20-er Jahren des 19. Jahrhunderts unter jungen jüdischen Intellektuellen, die während ihres Studiums an den Universitäten ein wissenschaftliches Studium kennen gelernt hatten. Der Gegensatz zwischen ihrem talmudischen Wissen und der historisch-kritischen Methode, die sie an der Universität angewendet hatten, war sehr groß.

Die religiöse Aufklärung begann unter dem Einfluss der deutschen Aufklärung mit der Gründung der wissenschaftlichen Behandlung des Judentums bei L. Zuns, A. Geiger und anderen. Die „Wissenschaft des Judentums" brachte das moderne wissenschaftliche Denken in das traditionelle Judentum.

 

Es gab neben der Reformbewegung noch zwei andere. Rabbiner Zacharias Frankel (1801-1875) war Vertreter einer gemäßigten Reformvariante. Er gründete die positiv-historische Richtung des Judentums, die so genannte konservative Richtung, die sich zu einer eigenen religiösen Strömung neben dem Reformjudentum und der Orthodoxie entwickelte. Anfang des 19. Jahrhunderts entsteht der Begriff „Orthodoxie"; die Neo-Orthodoxie als Bewegung wurde von Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808-1888) gegründet.

 

Im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts tauchten weit verbreitete religiöse Reformgedanken in den Schriften der deutschen Maskilim auf. Verbreitet wurde dieses neue Denken über das Judentum hauptsächlich durch die Zeitschrift „Sulamith", die 1806 erstmals erschien. Ihre Herausgeber waren David Frankel (1779-1865) und Joseph Wolf (1762-1826). Sie beide waren Lehrer des Judentums und wollten das Werk von Mendelssohn fortsetzen, indem sie

 

 

 

21

Der Inhalt der „Wissenschaft des Judentums" ist die    Darstellung der Entwicklung des Judentums, der religiösen Idee, das heißt, der Geschichte des Judentums.

Vgl. Meyer, S.l 18-119.

Vgl. a.a.O., S.119.

Vgl. Grübel, S.154.

Vgl. Ben-Sasson, S.142.

das universelle Verständnis unter ihren Brüdern vertieften. Als Erzieher schrieben sie besonders über die religiöse Erziehung der Jugend: die Erziehung soll ihrer Meinung nach darauf gezielt sein, dass das Kind selbst erkennt „dass es nur eine wahre Religion gibt, wie nur eine Menschheit und ein Gott ist." Die Moral - das angeborene Gewissen wird zum Kriterium, nach dem einzelne Religionen beurteilt werden sollen.

 

3.2 Erste reformistischen Gedanken, erste Reformvorschläge unter Maskilim seit dem Ende des 18. Jahrhunderts

 

Die Reformierung der jüdischen Religion begann Ende des 18. Jahrhunderts, seit dem die

Juden um ihre Emanzipation zu kämpften begannen. Das Judentum sollte der modernen Zeit

angepasst sein. Je mehr sich die Möglichkeiten für die Emanzipation öffneten, desto größer

war die Forderung einer Reformierung der Religion.

Seit die allgemeine deutsche Aufklärung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auch eine

kleine intellektuelle Elite in der jüdischen Gemeinschaft gewann, entstand eine säkulare

jüdische Sphäre, die kritisch über die jüdische Religion nachzudenken begann. Sie waren

Träger   einer   neuen,   reformorientierten   Auffassung   des   Judentums.   Die   praktischen

Konsequenzen für das Leben der Gemeinschaft blieben vorerst noch aus.

Die zweite Generation der Maskilim nach Mendelssohn wollten nicht mehr die Veränderung

des religiösen Lebens, sondern sie versuchten die religiösen Werte des Judentums mit

religiösen Grundbedürfnissen des modernen Menschen in Einklang zu bringen. Es gab die

ersten Gedanken darüber, dass manche Verbote es den Juden unmöglich machten, voll an der

Gesellschaft teilzuhaben, die Gesetze waren für die Maskilim zwei Generationen nach

Mendelssohns Tod störend .

Die ersten Reformvorschläge betrafen nicht die Einhaltung der religiösen Gesetze durch den

einzelnen, wie zum Beispiel die Speisegesetze, sondern sie konzentrierten sich auf zwei

Institutionen: die Schule und die Synagoge.

Auch die Bildungsreform war ein Schritt in die Richtung der Reformierung der jüdischen

Religion. Die Maskilim gründeten moderne jüdische Schulen; somit wurde die jüdische

Ausbildung modernisiert und reformiert. Diese jüdische Bildungsreform war darauf gerichtet,

eine neue Generation zu schaffen, die sich beides -jüdische und weltliche Bildung aneignete,

damit sie mit diesen zwei Gebieten, die gegensätzlich schienen, umgehen konnten.

 

 

22

Vgl. a.a.O., S.48.

Vgl. Meyer, S.56.

Vgl. Brämer, S. 138.

Vgl. Meyer, S.40.

Vgl. a.a.O., S.48.

Die Maskilim begannen die Synagoge in einem neuen Licht zu sehen: die Bedeutung der Gebete sollte überdacht werden. Das neue Verständnis des jüdischen Gebets war die theoretische Grundlage für die ersten Vorschläge der Synagogenreform. Wie Isaak Euchel (1756-1804) schrieb, will Gott unseren Dienst nicht, aber er erlaubt uns äußerliche Handlungen als Mittel zu gebrauchen, uns selbst zu einer Besserung und Vervollkommnung zu bringen. Nach dieser Auffassung dient das Gebet dafür, den Menschen zu reinigen. Der moralische Aspekt der Funktion der Gebete wird dabei am Wichtigsten.

Die Synagoge sollte der Mittelpunkt des religiöse Lebens werden, und darum bemühten sich die Maskilim die Juden wieder zurück in die Synagoge zu bringen.

Die ersten Reformvorschläge überhaupt betrafen die Liturgie. Erster Punkt der Diskussion über die Liturgie war die Entfernung der liturgischen Gedichte, Pijutim aus der Liturgie. 1786 hat Isaak Euchel dieses vorgeschlagen, aber der Vorschlag wurde stark kritisiert. Der zweite Punkt war die Übersetzung der Liturgie ins Deutsche: die erste erschien 1786.

Der Beginn der Reformbewegung fand unter radikalen Maskilim ab den 80-er Jahren des 18. Jahrhunderts statt. Ihre These war: das Judentum in seiner ererbten Form passe nicht in die moderne Zeit. Das gesamte traditionelle jüdische Leben, welches das Gesetz buchstabengetreu befolgte, wurde von radikalen Maskilim als für die damalige Zeit vollkommen ungeeignet betrachtet. Gemäßigtere Verfasser hofften, die religiösen Behörden könnten zumindest einige der Verbote aufzuheben, die es den Juden unmöglich machten, voll an der Gesellschaft teilzunehmen.

 

3.3 Die erste Reformer - Generation der radikalen Laien

 

Jsrael Jacobson wird als erster praktischer Reformer angesehen. Erste Reformen fanden in Holland statt. Sie waren von sehr kurzen Dauer. Auch im Königreich Westfalen, wo Israel Jacobson (1768-1828) seit 1808 dem „Konsistorium der Israeliten" vorsaß, waren die Reformen auch nur von kurzer Dauer. Unter Jacobsons Leitung entwickelte das Gremium weitreichende Ideen zur religiösen Neugestaltung, die vor allem in Schule und Gotteshaus umgesetzt waren. Mit dem Zerfall dieses französisch geprägten Königreichs im Jahre 1813 erwies sich, dass die Reformen ihrer Zeit weit voraus waren.

Jacobson gründete eine Schule in Seesen (Westfalen) und führte einen reformierten Gottesdienst ein: der Gottesdienst umfasste eine Predigt, deutsche Gebete und Gesänge neben gekürzten hebräischen Gebeten. Jacobson führte die Konfirmation der Mädchen ein. 1810

 

 

 23

Vgl. a.a.O., S.48-51.

Vgl. Meyer, S.40-41.

 

gründete Jacobson in Kassel einen gleichen Gottesdienst mit Orgel.  Er bemühte sich, die Lage der Juden politisch und wirtschaftlich zu verbessern. Darüber hinaus wollte Jacobson die Achtung der Nichtjuden für die jüdische Religion erreichen.

Die Regierung sollte es dem Konsistorium überlassen, wie das jüdische Leben geregelt würde, und dem Konsistorium sollten alle Rabbiner des Landes unterworfen sein. 1809 gab das Konsistorium eine Anweisung zu den „Pflichten der Rabbiner". Nach dieser Anweisung soll der Rabbiner Predigten für besondere Anlässe, wenn möglich in deutscher Sprache halten. Die Neuerungen in der Liturgie umfassten: Veränderungen in den Hochzeitsregelungen, Kürzung der Zahl der Pijutim; es sollte Predigten, Chorgesang und Orgel geben.

1815 gründete Jacobson in Berlin eine Privatsynagoge auf gleicher Grundlage mit Chor, die 1817 zur Gemeindesynagoge erhoben, aber auf Betreiben der Orthodoxen 1823 wegen unzulässiger Neuerungen durch kollegiales Dekret wieder geschlossen wurde. Die ersten dauerhaften Reformen der früherer Reformer - Generation gab es in Hamburg. 1817 schloss sich der israelitische Tempel verein als private Assoziation neben der Gemeinde zusammen. Der Hamburger Senat bewahrte bei den innerjüdischen Auseinandersetzungen Neutralität. 1819 wurde das Gebetbuch des Tempels publiziert, die erste umfassende Veröffentlichung einer jüdischen Reformliturgie überhaupt. Von der Formulierung einer Reformideologie war der Verein noch weit entfernt. Aus dem Gebetbuch des Tempelvereins in Hamburg ließ sich bereits folgendes erkennen: mit den bürgerlichen Lebensformen trat auch eine Abkehr von den eschatologischen Erwartungen einer messianischen Endzeit und einer Rückkehr der verstreuten Juden ins Heilige Land auf. Die „Templer" haben alle Stellen im Gebet, die von einem persönlichen Messias und der nationalen Wiederherstellung des Judentums handelten, gestrichen.

 

Erst in den 30-er Jahren des 19. Jahrhunderts begann sich die religiöse Reform in den jüdischen Gemeinden einen Weg zu bahnen. Es wuchs eine neue Rabbinergeneration heran, die sich progressiven Veränderungen aufgeschlossen zeigten.

 

 

24

Vgl. Jüdisches Lexikon, Stichwort: Reform, Bd. IV, S. 1290.

Vgl. Meyer, S.60, 61,63.

Vgl. a.a.O., S.66.

Vgl. Jüdisches Lexikon, Stichwort: Reform, Bd. IV, S. 1290.

Vgl. Brämer, S. 139-140.

Vgl. Jüdisches Lexikon, Stichwort: Reform, Bd. IV, S. 1290.


3.4 Reform in den deutschen Gemeinden

 

3.4.1 Das Aufkommen einer neuen Rabbinergeneration

 

Ende des 18.- Anfang des 19. Jahrhunderts fanden im traditionellen rabbinischen Judentum

große Veränderungen statt: sie betrafen vor allem die Anforderungen an die Rabbiner, das

heisst an ihre Tätigkeit. Diese Veränderung der Erwartungen an die Rabbiner waren so

weitgehend, dass sie mit Gründung neuer religiösen Richtungen endete.

Seit den dreißiger Jahren wuchs in Deutschland eine neue Generation von Rabbinern mit

Universitätsausbildung   heran,   weil   „viele  Mitglieder  der   Gemeinden,   namentlich   die

führenden, die Bereitschaft zeigten, ihnen Rabbinerämter zu übertragen. Fortan nahm die

Zahl deutscher Rabbiner, die willens waren, eine gewisse Reformierung des Rituals ins Auge

zufassen, von Jahr zu Jahr zu. Der bedeutendste unter ihnen war Abraham Geiger (1810-

1874). "

Das neue Ideal eines Rabbiners und das Programm für ein modernisiertes Rabbinat erschien

1820 in einem hebräischen Werk des Posener Maskil David Caro. Seiner Meinung nach sollte

ein Rabbiner im 19. Jahrhundert nach folgenden Kriterien ausgewählt werden: „nach seinem

sittlichen Verhalten,... nach seiner eindeutigen Kenntnis, nicht nur des Talmuds, sondern aller

Aspekte der jüdischen Religion, seinen Errungenschaften auf weltlichen Wissensgebieten,

seiner Fähigkeit mit Begeisterung zu lehren und religiöse Angelegenheiten gerecht und weise

zu beurteilen. "

Die Gemeinden waren über die wachsende Gleichgültigkeit in der jüngeren Generation

besorgt. Sie gelangten immer mehr zu der Einsicht, dass die Rabbiner nicht nur Talmudisten

sein   sollen,   sondern   auch   weltliches   Wissen   besitzen   müssten.   Die   Mehrheit   der

Gemeindemitglieder waren nicht orthodox und besaßen weltliche Bildung. Um den Einfluss

auf den modern gebildeten Teil der Gemeindemitglieder nicht zu verlieren, müssten die

Rabbiner weltliches Wissen besitzen.

Das war der erste Grund für die Entstehung des neuen Rabbinertyps.

Um die Reformen in einer jüdischen Gemeinde durchzuführen, bedürfte es eines Rabbiners,

der durch umfassende Bildung und moderne Weltsicht den Anforderungen der neuen Zeit

gewachsen war.    ,

Der zweite Grund für die Entstehung der neuen Rabbinergeneration war die Politik der

Landesregierungen   gegenüber   dem   Rabbinat.   Alle   deutsche   Staaten   außer  Preußen

 

 

 

 

 

25

Vgl. The Jewish Encyclopedia, subject: Rabbi, New York, Bd. 10, S. 296.

Vgl. Brämer, S.138.

Meyer, S.154.

Vgl. Kratz-Ritter, S.43 und vgl. Meyer, S. 155.

 

unterstützten die „Entwicklung eines modernen Rabbinats". Denn ihr Ziel war es, die jüdischen Gemeinden zu integrieren und die Rabbiner ihren christlichen Kollegen gleichzustellen. Im Laufe der Zeit wurden von vielen Landesregierungen Pflichten der Rabbiner formuliert.  Sie forderten „einen gewissen Grad allgemeiner Bildung von den Bewerbern um das rabbinische Amt" und schrieben geradezu ein dreijähriges Universitätsstudium vor. So wurde es üblich, dass ein Rabbinatskandidat an die Universität ging, um dann mit einer Promotion, meistens „Dr. phil." abzuschließen. So zum Beispiel Rabbiner Dr. Abraham Geiger (1810-1874), Rabbiner Dr. Seligmann, Rabbiner in Frankfurt am Main und unter anderen auch Rabbiner Dr. Leopold Stein. In seinem Fall gab es eine Verordnung der bayerischen Regierung aus dem Jahre 1826, wonach die Studierenden der Talmud-Hochschulen neben dem Talmud auch Deutsch lernen mussten; für die Anstellung der Rabbiner wurde die Gymnasial- und Universitätsbildung gefordert. Diese Verordnung bedeutete das Ende für die jüdische Alt-Orthodoxie in Deutschland.

 

Für die spätere liberale Bewegung im Judentum wurde diese Erscheinung als progressiv bewertet: es wuchs jetzt eine neue Generation von Rabbinern heran, die, „genährt an den Quellen der altjüdischen Talmudstudiums, in ihrer Seele alle Bildungselemente aufgenommen hatten, welche die Zeitkultur ihnen darbot. Es war eine große Reihe hochbegabter Männer, starke Persönlichkeiten voll wissenschaftlichen Bedeutung, voll rastloser Initiative, voll neuer umgestaltender Ideen, Forscher und Kämpfer, welche eine spätere, nicht von Parteileidenschaft getrübte Geschichtsschreibung m den schöpferischen Geistern der jüdischen Geschichte wird zählen müssen.

Zu diesen an der Wiege einer neuen Zeit stehenden großen Führern gehört Leopold Stein...

 

3.4.2 Ein historisches Judentum: Zacharias Frankel und Abraham Geiger

 

Während Samuel Holdheim ein Vorbild für das radikale Reformjudentum wurde, vertrat Zacharias Frankel das historische Zentrum. Im Glauben, den er vertrat, verbanden sich zwei Aspekte; der „positive" und der „historische". Die Verbindung der beiden vermittelte zwischen Orthodoxie und der radikalen Reform. Das „positive" bestand aus der Offenbarung am Sinai, die nicht durch den historischen Wandel gehen kann. Der „historische" Aspekt war

 

 

26

Vgl. Meyer, S. 156-157.

Vgl. Seligmann, Cäsar, Leopold Stein. Zu seinem 100. Geburtstag. In: Liberales Judentum, No.l l, November 1910,8.241.

Ebd.

 

der, welcher ihn von den Orthodoxen trennte. Die Tradition muss als ein historischer Prozess verstanden werden, die Tradition ist durch die menschliche Kreativität im Laufe vieler Generationen entstanden. Das mosaische Gesetz wurde durch das mündliche Gesetz der Rabbiner ergänzt und reinterpretiert um den Anforderungen geänderter historischer Umstände gerecht zu werden.

Diese positiv-historische Richtung, die als konservatives Judentum in die Geschichte einging, bleibt nur insofern relevant, als sie weiterhin die Reformbewegung beeinflusste.

 

Abraham Geiger (1810-1874) gilt als der eigentliche Vater der Reformbewegung. Er war

gegen willkürliche Veränderungen, die die jünger Rabbiner seiner Generation aus eigener

Initiative einführten.   Seine Aussagen waren eindeutig im Sinne religiöser Neuerungen im

Vergleich zu beiden anderen Richtungen (konservativ und orthodox). Geiger war ein Mann

der zweiten  Generation,  „Gründer der Reformbewegung",  aber die  Reformideen  und

liturgischen Neuigkeiten stammen nicht von ihm.

Er zögerte in der Praxis des Gemeindealltags radikale Konsequenzen aus den Ergebnissen

seiner Forschungen zu ziehen.

Geiger war ein Reformer, Historiker des Judentums und ein berühmter Prediger, er amtierte

als Rabbiner in Wiesbaden, Breslau, Frankfurt am Main und Berlin. Geiger wurde auch zum

Mitbegründer der „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums" in Berlin, als deren

Leiter er bis zu seinem Tod füngierte.

Frankel, wie auch Geiger waren Gründer des historischen Judentums. Das historische

Judentum war für die zweite Generation der Reformer charakteristisch.

Wie  Frankel,   so  auch  Geiger,  waren  der Meinung,  dass  das  historische  Wissen  die

Voraussetzung für die Reform sei. Die Gegenwart sollte das Gefühl der Kontinuität mit der

Vergangenheit bekommen. Dieses historische Wissen erstreckte sich bei den gemäßigten

Reformern auf die schriftliche und mündliche Lehre.

Geiger  war Wissenschaftler.   Die  Bibel  und  das   Schriftgut  der  mündlichen  Tradition

behandelte er als ein Wissenschaftler - er relativierte sie nicht als heilige Texte unmittelbar

göttlichen Ursprungs, sondern als Ergebnis eines historischen Prozesses. Geiger ist in seinem

Werk  Urschrift und Übersetzungen der Bibel in  ihrer Abhängigkeit von der Innern

Entwicklung des Judentums" (Breslau,  1857) darauf eingegangen, dass die Bibel nicht

 

 

27

Vgl. Meyer, S.131-136.

Vgl, Ben-Sasson, S.138.

weniger als der Talmud als ein Produkt ihrer Zeit verstanden werden muss. Geiger hat Spinozas Bibelkritik studiert und kritische Studien zur Geschichte Israels geschrieben.

 

Die Gegenwart begrüßte A. Geiger optimistisch als den Einbruch eines neuen Zeitalters, in dem die angeblich „starre Gesetzlichkeit der Vergangenheit" durch den kritischen Verstand überwunden wird. Der hohe sittliche Rang der jüdischen Religion sollte seiner Meinung nach hervorgehoben werden. Er ging an die jüdische Tradition wissenschaftlich heran. Die Vorschriften und Bräuche, die nach der Meinung der Reformer keinen wesentlichen Teil des Mosaischen Gesetzes bildeten und ein Produkt späterer Perioden waren, forderte er aufzugeben, denn laut seiner Begründung, waren sie darum für die moderne Gesellschaft ungeeignet.

A. Geiger unterstrich den Universalismus der jüdischen Religion. In der Reform des Gottesdienstes sah er ein Mittel die jüdische Religion zu einer universalen Religion zu machen: „Die nationale Hülle des Gottesdienstes wird bedeutungslos, ja störend... "

 

3.4.3 Reformrabbiner setzen sich gegen radikale Laien durch. Zum Unterschied zwischen der ersten und zweiten Reformer-Generation

 

Das Jahrzehnt zwischen 1835-1849 war einer der intensivsten Perioden in der deutsch­jüdischen Geschichte. Während der 1830-er veränderte der Kampf zwischen der Reform- und Orthodoxenbewegung die Taktik der Reformbewegung.

Liberles nennt Unterschiede zwischen der ersten und zweiten Generation der Reformer. Die erste Generation kämpfte für die soziale Integration. Aber der Versuch der sozialen Integration ohne die Forderung der politischen Emanzipation missling. Denn ohne die Veränderung der gesellschaftlichen Meinung über die Juden als einer Gemeinschaft, konnte die soziale Integration nicht erfolgreich sein.

Der zweite Unterschied zwischen der ersten und zweiten Generation der Reformbewegung war darum folgender: die Bemühungen der ersten Reformer waren individuell begrenzt, sie waren nur innerhalb der privaten Sphäre unternommen worden. Die ersten Reformer

 

 

 

28

Vgl. Meyer, S.138-143.

Vgl.Brämer, Bd.2, S.143.

Vgl.Grübel, S.153.

Vgl. Lewkowitz, Albert, Das Judentum und die geistigen Strömungen des 19. Jahrhunderts, New York, 1974,

S.357.

Vgl. Liberles, Robert, Religious Trends and Tensions - Orthodoxie and Reform in Frankfurt in the 19* and

20th  Centuries. In: Jüdische Kultur in Frankfurt am Main, Karl E. Grözinger (Hrsg.), Wiesbaden, 1997, S.207-

216.

 

glaubten, dass die individuellen Reformen effektiv seien; sie sahen sich als einzelne Individuen und nicht als ein Teil der Gemeinschaft an: die privaten Vereine, wie in Hamburg, Frankfurt und anderen Städten waren ein Kennzeichen der ersten Reformer Generation. Aber nur als eine Gemeinschaft konnten die Juden ihre politische und soziale Rechte bekommen. Politische Emanzipation war das Ziel der zweiten Generation der Reformbewegung.

Noch ein Unterschied, der wichtigste, war die Betonung der historischen Kontinuität der Reformen durch die Reformrabbiner und die Verankerung der Reformen in der jüdischen Geschichte.

In den 40-er Jahren gab es drei bedeutende Reformrabbinerkonferenzen. Die radikalen Laien - das extremste Beispiel waren die Frankfurter Reformfreunde - waren bereit, praktisch alles, was für das Judentum charakteristisch war, über Bord zu werfen. Sie schufen größere Veränderungen im Gottesdienst, ohne sie theoretisch zu untermauern. Die Rabbiner vieler Gemeinden konnten ihre Autorität gegen den radikalen Laien Gemeinden nicht durchsetzen. Rabbiner mussten deshalb eine zentrale Autorität schaffen, die die Kriterien für die Reformen festsetzte. Die Reformrabbiner riefen die Rabbinerkonferenzen zusammen, um sich gegenüber den radikalen Laien durchzusetzen und sich zu behaupten. Die Rabbinerkonferenzen sollten die Autorität des Rabbinats gegenüber den Laien festigen und auch einem einheitlichen Programm der religiösen Reform Ansehen verschaffen. Die Beschlüsse der Rabbinerkonferenzen sollten für die Einführung von Veränderungen im jüdischen Ritual maßgeblich sein.

Die erste Rabbinerkonferenz fand 1844 in Braunschweig, 1845 die zweite in Frankfurt, und 1846 die dritte in Breslau statt. Zweiundvierzig Reformrabbiner nahmen daran teil. In diesen Rabbinerkonferenzen standen die einzelnen Religionsfragen auf der Tagesordnung, wie Mischehe, Ehegesetz, Gottesdienst, Schabbat, zweiter Feiertag, Trauergebräuche, Mikwe, Beschneidung.

 

Von Deutschland griff die Reformbewegung nach Ungarn über, und erreichte die Vereinigten Staaten und einige westeuropäische Länder. In den Vereinigten Staaten fand 1869 die erste Reformrabbinerversammlung statt.

 

 

 

 

29

Vgl. a.a.O. S.209-210.

Vgl. Meyer, S. 197.

Vgl. ebd.

Vgl. a.a.O., S.171.

Vgl. Ben-Sasson, S. 139.

In den 60-er Jahren gab es Vorschläge für die Gründung einer Synode.

In den 60-er Jahren war die Stimmung in Deutschland wieder für die liberale Religion

günstiger. Es gab einen Wunsch der radikalen Laien und der Gelehrten sich gemeinsam mit

den  Rabbinern  zu  einem  Forum  zusammenzuschließen.   Die   Synode   sollte  zu  einer

einheitlichen Ansicht über die religiöse Fragen kommen. In Leipzig   fand 1867 die erste

Synode statt. Der zweite Treffen war 1871 in Augsburg.

Eine fortschrittliche Einrichtung verdankt ihre Entstehung der Leipziger Synode: das war ein

rabbinisches Seminar, zugleich auch ein Institut für höhere jüdische Studien. Anders als das

Breslauer Seminar, war es für jede kritische Wissenschaft offen.

Mehrere liberale Rabbiner hatten sich für diese wissenschaftliche Schule eingesetzt. 1870 war

die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin gegründet worden. Bis die

Nationalsozialisten die Hochschule 1942 schlössen, blieb sie ein Zentrum der liberalen Juden.

Die Hochschule war die erste zentrale, dauerhafte, von der Reformbewegung gegründete

Einrichtung überhaupt.

 

4. Zusammenfassung

 

Als Ergebnis der Anpassung der Juden an die moderne Welt war vielen gebildeten Juden ihr

jüdischer Boden verloren gegangen. Sie entfernten sich mehr und mehr von dem religiösen

Bund.

In der gleichen Zeit gab es viele Juden, die mit der jüdischen Gemeinschaft eng verbunden

waren. Sie waren über die wachsende Gleichgültigkeit zur Religion in der jungen Generation

besorgt. Darum wollten sie das Judentum „reinigen", dem Judentum eine Form geben, die alle

Ansprüche des  veränderten Kulturbewustseins erfüllen konnte. Diese Bestrebung wurde zur

religiösen Reformbewegung im Judentum.  Die Reformbewegung wurde zwar von den

radikalen Laien angefangen, theoretisch begründet wurde sie aber von den Rabbinern. Ihr

Denken wurde von dem politischen und kulturellen Hintergrund bestimmt.

Die Reformrabbiner waren an den deutschen Universitäten ausgebildet worden.

Die neue Rabbinergeneration unterschied sich von ihren Vorgängern in a) Ausbildung;

b) ihrer Einstellung zur Welt und zum Judentum; c) ihrem Verständnis von der Aufgabe eines

Rabbiners. Sie hatten ein gemeinsames Ziel - ihre Berufung neu zu definieren um dem

Rabbinat weiterhin Bedeutung zu verleihen.

 

30

Vgl. Meyer, S.277. 30

Einer der Vertreter der neuen Rabbinergeneration war Rabbiner Leopold Stein. In folgendem

Kapitel handelt es sich um die Biographie Steins und um seine Tätigkeit.

Für die Stifter der Reformbewegung, für das gemäßigte „Zentrum" der Reformbewegung, zu

dem auch L. Stein gehörte, war die historische Kontinuität der Reformgedanken von großer

Bedeutung.

 

 

31

II. Kapitel: Rabbiner Leopold Stein. Kurzer Abriss seines Lebens und seiner Werke, wie seiner Rabbiner-Tätigkeit an der Gemeinde Frankfurt am Main

1. Vorfrankfurter Jahre

1.1 Kindheit

 

Rabbiner Dr. Leopold Stein wurde am 5.11.1810 in Burgpreppach in Bayern (Unterfranken)

geboren.

Zu dieser Zeit gilt dieses Städtchen als Stätte der ultraorthodoxer Gelehrsamkeit und

beheimatete eine Jeschiwa. Im 18. Jahrhundert befand sich dort ein Bezirksrabbinat. In

diesem ultrakonservativen Milieu wuchs Leopold Stein auf.

Sein Vater, Abraham Lob Stein, war ein großer Gelernter und Lehrer des Talmuds. Er war

Oberlehrer in der Jeschiwa in Burgpreppach. 1815 wurde Abraham Lob Stein als Rabbiner

nach Adelsdorf (Oberfranken) berufen.

Die Mutter von Leopold Stein, Gella Stein, war nach den Worten ihrer Enkelkinder „eine

milde, kluge Frau ", an der L. Stein mit warmer Liebe und tiefer Verehrung hing ".

Leopold Stein wurde schon früh von seinen Eltern für das Talmud-Studium bestimmt. Er

besuchte aber gleichzeitig mit der Einführung in das jüdische Schrifttum die Elementarschule

von Adelsdorf. Von dem katholischen Ortspfarrer erhielt L. Stein Privatunterricht in Latein.

 

1.2 Talmudische Ausbildung und Jahre des Studiums

 

Als L. Stein 14 Jahre alt war, kam er an die rabbinische Hochschule (Jeschiwa ) nach Fürth. Dort lehrte damals ein berühmter jüdischer Gelehrter, ein Schüler Moses Mendelssohns, Aron Wolfssohn. Dem legte Stein seine ersten poetischen Versuche in deutscher Sprache vor. L. Stein sollte einer der neuen Rabbinergeneration werden, der nach seinem Talmudstudium an die Universität ging. So beschrieb die neuen Anforderungen an die Rabbiner Dr. C. Seligmann .

„In die mittelalterliche Beschaulichkeit der großen Fürther Talmud-Hochschule schlug im Jahre 1826 eine Bombe ein, welche die mehrere Hundert zählenden Bachurim in alle Winde auseinander sprengte: die bayerische Regierung erließ eine Verordnung, wonach die studierenden Jünglinge neben dem Talmud auch Deutsch

 

 

 

 

32

Festschrift „Zum 100jährigen Geburtstag unseres lieben Vaters Rabbiner Dr. L. Stein", 1910, o.O., S.3.

Rabbiner Dr. Cäsar Seligmann (1860-1950) war Rabbiner in Frankfurt am Main in den Jahren 1903-1932 und

Redakteur der Monatsschrift „Liberales Judentum".

lernen   mussten;   für   die   Anstellung   der   Rabbiner   wurde   Gymnasial-   und

Universitätsbildung gefordert. "

Mit siebzehn Jahren verließ Stein Fürth und erwarb in Erlangen und Bayreuth gründliche Gymnasialkenntnisse, die ihn befähigten, in die Oberklasse des Gymnasiums in Würzburg einzutreten. Das Gymnasium verließ er ein Jahr später mit dem Zeugnis der Reife für akademische Studien.

An der Würzburger Universität studierte er philosophische Wissenschaften und promovierte zum Dr. phil. (1833).

In einem Rednerverein übte er sich in homiletischen Vorträgen. Noch nicht achtzehn Jahre alt, wurde er damit betraut, die neue Synagoge der Gemeinde in Diedenhofen (Lothringen) mit zwei Predigten einzuweihen. Gleiche Anerkennung wurde ihm im Jahre 1834, also nach Vollendung seines Studiums, zuteil, als er in Frankfurt am Main im Andachtssaale eine Predigt abhielt. Sie wurde so gut aufgenommen, dass der dortige Vorstand ihn zu einem zweiten Vortrag aufforderte.

 

1.3 Steins erste Anstellung als Rabbiner in Burgkunstadt (Bayern)

 

Mit 24 Jahren (1835) erhielt er seine erste Anstellung als Rabbiner in der bayerischen Landgemeinde zu Burgkunstadt und wirkte dort bis 1844. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lag zweifellos der Höhepunkt jüdischer Geschichte am Obermain. Knapp 1500 Juden lebten damals in zwölf Landgemeinden, davon die Hälfte in Altenkunstadt und Burgkunstadt. Zum Distriktrabbinat Burgkunstadt zählten zu Anfang des 19. Jahrhunderts sechzehn Gemeinden.

Rabbiner Stein arbeitete in zwei benachbarten oberfränkischen Orten - Burgkunstadt (die Zahl der jüdischen Einwohner Mitte des 19. Jahrhunderts betrug mehr als 400 Menschen, ungefähr ein Drittel der Gesamtbevölkerung), und Altenkunstadt mit 400 Juden, damals die Hälfte der Dorfbewohner.

Die jüdische Bevölkerung in der Gemeinde Burgkunstadt war bereits durch ihren gebildeten Kaufmannsstand der aufgeklärten Richtung zugeführt wurden. In Burgkunstadt begann Stein

seine erzieherische Tätigkeit und wirkte insbesondere auf die religiöse Bildung der Jugend.

 

 

 

33

Vgl. „Zum 100jährigen Geburtstag unseres lieben Vaters, Rabbiner Dr. L. Stein", S.4.

Seligmann, Leopold Stein. Zu seinem 100. Geburtstag, S.241.

Vgl. Arnsberg, Paul, Die Geschichte der Frankfurter Juden, Bd.3, Darmstadt, 1983, S.489; „Zum 100jährigen Geburtstag unseres lieben Vaters, Rabbiner Dr. L.Stein", S.4 und Vorwort, Stein, Leopold, Morgenländische Bilder in abendländischem Rahmen, Frankfurt, 1885, S.IX.

Vgl. Motschmann, Josef, Blätter zur Geschichte der Juden in Bayern: Beispiel Altenkunstadt und Burgkunstadt, Haus der Bayerischen Geschichte, München, 1991.

Vgl. „Zum 100jährigen Geburtstag unseres lieben Vaters, Rabbiner Dr. L. Stein", S.4.

Schon in Burgkunstadt verfasste Stein sein erstes Gebetbuch für die Gemeinden Burg- und

Altenkunstadt, in dem er seine Übertragungen von Psalmen und Dichtungen aus dem

Hebräischen veröffentlichte.

Intime Freundschaft verband ihn mit dem nachbarlich wohnenden Dichter Friedrich Rückert,

dessen Einfluss auf sein poetisches Schaffen von großer Bedeutung war. Seine zahlreichen

Gedichte und seine drei Dramen zeugen von großer poetischer Gestaltungskraft.

Steins dichterische Begabung wurde von Rabbiner Seligmann besonders hervorgehoben:

„Leopold Stein war - und das ist vielleicht das charakteristische Merkmal seiner Persönlichkeit - eine hochgestimmte poetische Natur von großer dichterischer Begabung. Ob er als Prediger auftritt oder als Religionsphilosoph, ob er Leitartikel schreibt oder Gebete verfaßt, nirgends verleugnet er den Dichter."

 

1.4 Die Familie

 

1839 heiratete L. Stein Eleonore Wertheimer, die Tochter eines Hopfenhändlers aus Mitwitz. Sie hatten sich in Würzburg kennen gelernt, als Eleonore Wertheimer dort an einer höheren Mädchenschule studierte.

Leopold und Eleonore Stein hatten acht Kinder, vier Knaben und vier Mädchen. So beschreiben die Kinder von Leopold und Eleonore Stein ihre Mutter: „Ihr ganzes Leben und ihr ganzes Denken war nur für andere bestimmt; sie war dabei so klug, so praktisch und tüchtig, was unserem Vater sehr nötig war... Diese kluge und edle Frau, die an allem Denken und Streben ihres Mannes dabei vollen Anteil nahm, setzte während ihres ganzes Lebens ihr Ich in den Hintergrund, nur für Mann und Kinder lebend... Sie war das Bild edelster Weiblichkeit“  L. Stein widmete seiner Ehefrau viele seine Gedichte und Briefe.   Eleonore Stein starb 1869.

 

 

 

 

 

34

Seligmann, Leopold Stein. Zum seinem 100. Geburtstag, S.242.

„Zum 100jährigen Geburtstag unseres lieben Vaters, Rabbiner Dr. Leopold Stein", S.S.

Vgl. L. Stein. Briefe und Gedichte, Landauer, H. und B. (Hrsg.), Augsburg, 1916.

2. Die Zeit in Frankfurt

2.1 Leopold Stein in seinem Amt als Rabbiner in Frankfurt am Main

2.1.1 Die innerjüdische Entwicklung, die Verbreitung der Reformideen und der Einfluss

der  radikalen  Laien  in  der  Gemeinde  Frankfurt  am  Main  zum  Zeitpunkt  des

Amtsantrittes von Rabbiner Leopold Stein (1843)

 

Gemeinde-Rabbiner in Frankfurt war Stein von 26. Dezember 1843 bis zum 9. Mai 1861. Dies  war eine  konfliktreiche  Zeit mit einer der  Spaltung  zutreibenden  innerjüdischen Entwicklung.

 

Die Entwicklung innerhalb des Judentums, Beginn und Fortgang der Reformbewegung in Frankfurt, wie auch allgemein, soll im Wesentlichen im historischen Kontext gesehen werden. In Frankfurt hatten die Reformer in den 30-er und 40-er Jahren eine große Unterstützung des Frankfurter Senats; Grund dafür war, dass sich die Reformbewegung um die Assimilation der Juden bemühte. Kurz vor 1848 mit der Krisis der liberalen Bewegung in Deutschland änderte sich diese Situation: der Senat unterstützte nicht mehr die Reformer, sondern die Orthodoxie. Darum waren die 30-er und 40-er Jahre die Zeit der Verbreitung der Reformbewegung innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in Frankfurt am Main. Die Reformbewegung durchlief in Deutschland verschiedene Stadien. Die frühere Reformbewegung in Frankfurt, etwa bis zu den 30-er Jahren des 19. Jahrhunderts, wurde von den Haskala - Vertretern geführt. In dieser Zeit entstand der „Tempel" in Hamburg und die Reformsynagoge in Berlin. In Frankfurt wurde in der neuen jüdischen Gemeindeschule für beide Geschlechter, ursprünglich „Philanthropin", Gottesdienst von den Haskala-Vertretern seit 1814 gehalten. Das war eine samstägliche Andachtstunde, die deutsche Hymnen umfasste, von einer Orgel und einer erbaulichen Predigt begleitet wurde. Diese Andacht trat für einige Frankfurter Juden an die Stelle des Gottesdienstes in der Synagoge. Da die Andacht kein Gottesdienst war, erregte dies nicht den Zorn der Orthodoxen. Außerdem lenkte die Andacht den Reformdrang von der Synagoge ab.

 

 

 

 

35

Vgl. Arnsberg, Paul, Neunhundert Jahre „Muttergemeinde in Israel": Frankfurt am Main 1074-1974, Chronik der Rabbiner, Frankfurt, 1974, S.85.

Siehe den historischen Rahmen dieser Schrift.

Vgl. Liberles, Religious Trends and Tensions, S.212.

Vgl. Meyer, S. 179.

Seit den 30-er Jahren begann die Reformbewegung ihre Taktik zu ändern. Dies geschah in Deutschland generell und in Frankfurt im Besonderen. Nicht mehr einzelne, private Bemühungen um die soziale Integration, sondern die Veränderung der gesellschaftlichen Meinung über das ganze jüdische Volk war jetzt das Hauptziel der Reformbewegung. Die politische Emanzipation konnte natürlich nur für die Juden als Gemeinschaft gemeint sein; darum sollten die religiösen Reformen auch die ganze jüdische Gemeinschaft betreffen. Die Reformer versuchten die Kontrolle in den Gemeinden zu übernehmen. Das betrifft vor allem das Laien-Element der Reformbewegung: in Frankfurt war das der Reformverein.

 

1842   war   in   Frankfurt   der   Creizenachscher    Reformverein,   später   der   Verein   der „Reformfreunde" gegründet worden - es waren aber nicht mehr als fünfundvierzig Männer. Dieser Verein, der für „entfremdete"  Juden gegründet worden war, beheimatete erstmals in Frankfurt ein wirklich radikales Laienelement, dessen Grundsätze betrafen:

a)   Anerkennung einer unbeschränkten Fortbildung der mosaischen Religion;

b)  Leugnung der Autorität des Talmuds;

c)   Absage an die messianischen Erwartungen und die Rückkehr nach Palästina.

Das Fehlen eines positiven Inhalts, was bei den Grundsätzen der Reformfreunde sofort ins Auge springt, zeugte von der mangelnden Bereitschaft, sich auf das Judentum wirklich einzulassen. Sie hatten einen nur mäßigen Erfolg.

 

Die jüdische Gemeinde in Frankfurt am Main hatte bis in die 40-er Jahre einen orthodoxen

Rabbiner an der Spitze.

1844 erhielt Stein einen Ruf nach Frankfurt am Main als Stellvertreter des Oberrabbiners

Salomon   Trier.   Rabbiner   Trier   war   eine   herausragende   talmudische   Autorität,   eine

Eigenschaft, die schon seine Delegation zum napoleonischen „Großen Sanhedrin" in Paris

im Jahre 1807 motivierte.

In der Amtszeit   von Rabbiner Salomon Trier wurden reformerische Exzesse der „Neuen"

(des Frankfurter Reformvereins) immer schrankenloser, und sogar die Beschneidung der

Neugeborenen wurde von den Radikalsten unter den Reformern abgelehnt. Trier stand in der

Vorderfront der Opposition gegen dieser „Neuerer".

 

 

 

36

Vgl. Liberles, Religious Trends and Tensions, S.207-208.

Creizenach war ein Lehrer an der Schule und gehörte zu den radikalen Reformern. (Vgl. Meyer, S. 180-181).

Vgl. a.a.O., S.183.

Vgl. a.a.O., S.179-185.

Die Synode in Paris im Jahre 1807 tagte um die Stellung des Judentum zum Staat religionsgesetzlich neu zu formulieren.

Vgl. Arnsberg, Chronik der Rabbiner, S.74.

2.1.2 Die Bedingungen für die Anstellung von Rabbiner Stein in der Gemeinde Frankfurt am Main seitens des Gemeindevorstands

 

Der Gemeindevorstand war Anfang der 40-er Jahre nach den Wahlen zu den Gemeindegremien 1839 in die Hände der nicht-orthodoxen Juden gelangt;  seit diesem Zeitpunkt konnte sich das Reformsystem festigen.

Bis in die 40-er Jahre behielt der Gottesdienst in Frankfurt seine traditionelle Form. Aber es gab neben dem Gottesdienst wie schon erwähnt auch eine Andacht an der Gemeindeschule. Der Gemeindevorstand war darüber besorgt, dass viele zu dieser Andachtsstunde anstatt zum Gottesdienst gingen. Der Gemeindevorstand war darin interessiert, die Gemeinde zu stärken. Seitens der Orthodoxie gab es eine Bestrebung einen zweiten Rabbiner anzustellen. Der neue Vorstand hatte eine besondere Aufgabe zu lösen: den Neubau der alten Hauptsynagoge in der Börnestraße, die inzwischen verwahrlost war. Aus eigenen finanziellen Mitteln konnte die Gemeinde diese Aufgabe nicht lösen. Die Familie Rothschild sagte 1843 zu, auf eigene Kosten eine neue Synagoge zu bauen und einzurichten. Aber die Familie Rothschild stellte dafür eine Bedingung: diese war, dass bei der Berufung eines Unterrabbiners zur Entlastung des sehr alten Oberrabbiners Trier diesem ein Rabbiner auf seiner Seite sein sollte; also auf der von Rabbiner S. Trier. Von dem zweiten Rabbiner sollte man erwarten, dass er in Einklang mit dem Rabbiner Trier wirken und auf die religiöse Einheit Rücksicht nehmen würde.

 

Aber der reformerisch gestimmte Vorstand rief Stein, der als gemäßigt „modernistisch" bekannt war. Aufgrund dessen und nach dem Fakt, dass L. Stein als „ moderner, jüdisch völlig gebildeter Mann" galt, versprach man sich von ihm in Frankfurt am Main einen integrierenden Faktor zwischen den verschiedenen auseinanderstrebenden Richtungen:

"1843 ging der Gemeindevorstand endlich daran, einen zweiten Rabbiner aus der jüngeren reformwilligen Generation auszuwählen, einen Mann, der in der Lage war, das Image der Stagnation in eines des Fortschritts umzukehren. „

In seiner ersten Rede in der alten Hauptsynagoge versprach Rabbiner Stein nichts im Sinne des Herkömmlichen Wesentliches zu ändern. In der Wirklichkeit verlief seine Tätigkeit

 

 

 

 

 

37

Vgl. Meyer, S.179.

Familie Rothschild war in Frankfurt durch Baron Amschel Meyer von Rothschild (1773-1855), einen Bankier und Philanthropen vertreten. Die Brüder Rothschild waren orthodox.

Vgl. Arnsberg, Chronik der Rabbiner, S. 78.

Meyer, S.185.

anders. Seine Devise war „Erhaltung durch Reform"     , und er strebte gemäßigte Reformen an.

 

2.2 Rabbiner Stein als Gemeinderabbiner in der jüdischen Gemeinde Frankfurt am

Main

2.2.1 Beziehungen zwischen Rabbiner L. Stein und dem Gemeindevorstand

 

Wie Hamburg war auch Frankfurt ein unabhängiger Stadtstaat, in dem die Juden bis zum 19. Jahrhundert diskriminiert wurden. Viele Juden wandten sich im 2. Viertel des 19. Jahrhunderts von der jüdischen Tradition ab, aber die Mehrheit der Juden in Frankfurt blieb orthodox.

Der Gemeindevorstand war Anfang der 40-er Jahre in die Hände der nicht-orthodoxen Juden gelangt. Der neue Vorstand bestand aus reformwilligen Personen. Aber gleich nach seiner Ankunft in Frankfurt kam Rabbiner L. Stein in Schwierigkeiten mit dem reformerischen Vorstand. Die Reformer im Vorstand waren Laien und wie alle Laien-Reformer generell und in Frankfurt im Besonderen, waren sie hartnäckige Kritiker der rabbinischen Führung. „Paradox of reform clerikalism" nennt Robert Liberles dieses Phänomen in seinem Beitrag über die Orthodoxie und Reform in Frankfurt im 19. Jahrhundert. Der Paradox war, dass die Laien-Reformer den neuen Rabbiner Stein nicht als ,-,Mann auf ihrer Seite" ansahen, sondern als einen Vertreter des Rabbinats und somit als einen Gegner. So kam es zum Konflikt zwischen Rabbiner Stein und dem Vorstand, der schließlich nach 17 Jahren Amtstätigkeit zu der Amtsniederlegung L. Steins führte.

Auch für den Schulrat der „Philanthropin", der israelitischen Realschule, war Stein zu konservativ. Darum konnte er keinen Einfluss auf die Schule ausüben. Die radikal reformierte „Andachtsstunde" an dieser Schule konnte Stein auch nicht beeinflussen. Die Liberalen warfen ihm vor, er spreche zu viele hebräische Gebete vor.

Also war Stein für den Gemeindevorstand zu gemäßigt, obwohl er ein Reformer war. Ein „Paradox" nennt Robert Liberles diese Beziehung.

 

Alle Gemeindevorstände hofften, dass Stein die Gemeinde, die sich zu trennen drohte, vereinigen könnte; auch die Familie Rothschild hoffte das.

 

 

 

 

38

Vgl. Stein, Leopold, Privatmitteilung, Frankfurt am Main, In: Allgemeine Zeitung des Judentums, 24.5.1847, N.22.

Vgl. Meyer, S. 179.

Vgl. Liberles, Religious Trends and Tensions, S.211-112.

In seine Amtszeit fiel auch die Berufung Samson Raphael Kirschs durch die „Israelitische Religionsgemeinschaft" (IRG) nach Frankfurt. Die Trennungstendenz in der Gemeinde Frankfurt war somit immer stärker geworden. Das war die schwierige Zeit für die Gemeinde und für Stein als Gemeinderabbiner gegenüber einer immer mehr aggressiv werdenden Trennungstendenz.

 

2.2.2 Beziehungen zwischen dem Reformrabbiner L. Stein und der Orthodoxie in Frankfurt

 

Die Mehrheit der Gemeinde in Frankfurt am Main war orthodox. Zu dem orthodoxen Teil der Gemeinde gehörten auch die wohlhabenden Finanziers wie die Familie Rothschild.

Zur Zeit seines Amtsanrittes galt L. Stein als Rabbiner der gemäßigten Reform. Er war gegen die destruktiven Thesen des Frankfurter Reformvereins, aber er war für Reformen :

„Leopold Stein, der für diese Stellung ausersehen wurde, war ein gemäßigter Reformer, viel konservativer, als die Reformfreunde, aber noch immer zu radikal, um vom ältlichen Rabbiner Salomon Trier oder von der Familie Rothschild gutgeheißen zu werden. In den ersten Monaten nach seiner Ankunft führte er verschiedene liturgische Reformen ein, so auch die Auslassung des täglichen Lobspruchs, in dem der jüdische Mann dankt, nicht als Frau geschaffen worden zu sein. Seine gut vorgetragenen Predigten riefen echte Begeisterung hervor und führte manch einen in die Synagoge zurück..."

Der Gemeindevorstand suchte einen Mann, der in der Lage war, „das Image der Stagnation in eines des Fortschritts umzukehren. "

Rabbiner Trier protestierte gegen die Berufung Steins, denn Stein war liberal und schrieb in der Geigerischen Zeitschrift. Rabbiner Trier wollte eine "mündliche Prüfung" Steins vornehmen. Stein lehnte die mündliche Prüfung, die nach einem rechtmäßigen Regulativ des Rabbinats der Gemeinde war, ab. Stein war zu einem schriftlichen Expose' bereit, die Rabbiner Trier ablehnte. Der Senat der Stadt Frankfurt griff ein und erteilte Stein eine

 

 

 

 

 

39

Vgl. Arnsberg, Geschichte der Frankfurter Juden, Bd.3, S.491.

Vgl. a.a.O., S.488-489.

Vgl. Arnsberg, Chronik der Rabbiner, S.85.

Meyer, S. 185.

Ebd.

In den 30-er und 40-er Jahren war Geiger Herausgeber der Wissenschaftlichen Zeitschrift für Jüdische Theologie.

Arnsberg, Chronik der Rabbiner, S.78.

Dispens von der - auch im Regulativ vorgesehenen - Prüfung. So wurde Stein am 26. Dezember 1843 im Amt bestätigt, das er am 24. Mai 1844 in der alten Hauptsynagoge antrat.

Rabbiner Stein war erster liberaler Rabbiner der Gemeinde Frankfurt am Main, die eine lange Tradition der berühmten orthodoxen Rabbiner besaß.

Seine erste Predigt am 24. Mai 1844 hieß ,Moses sei unser Vorbild im Lehren". Mit ihr beginnt die Predigtsammlung „Kohelem". Die Predigt umfasst im Druck 27 Seiten; ihr Thema lautet „Wie soll der Rabbiner in der Gegenwart sein Lehramt verwalten, wenn er Moses, als leuchtendem Vorbilde ernstlich nachstreben will? ...Denn wahrlich, Israeliten, das ist eine ernste Zeit, in der wir leben! Es handelt sich um nichts Geringeres, als um die Erhaltung oder den Untergang unserer heiligen Religion... Darum, liebe Brüder, sollt ihr ernste Worte, nach beiden Seiten gerichtet, von diesem erhabenen Orte oft vernehmen. "

 

Rabbiner Trier hatte schon im April 1844 seinen Rücktritt bekannt gegeben und auf sein Gehalt verzichtet. Im Jahre 1846 starb er nach zweijährigem Leiden. Ein früheres Angebot, als Oberrabbiner nach London zu gehen, hatte Trier aus Loyalität zu Frankfurt abgelehnt.

 

2.3 Liturgische Reformen, eingeführt von Rabbiner L. Stein in Frankfurt

 

Schon während seiner Zeit als Rabbiner in Burgkunstadt begann Stein sich für die Reform

einzusetzen. Hier wirkte er auf dem Gebiet des Gottesdienstes.  Sein erstes Gebetbuch

„Gebete  und Gesänge",  das   für  die  beiden jüdischen  Gemeinden  Burgkunstadt  und

Altenkunstadt bestimmt war, verfasste er 1840.

In seiner Schrift des Lebens " hat Stein über sein Wirken im Amte geschrieben.

Als seine Berufung sah L. Stein die Aufgabe an, das jüdische Religionsleben umzugestalten.

Als Berufung empfand er seinen Dienst als öffentlicher Lehrer in ländlichen Gemeinden. Dort

arbeitete er zusammen mit Menschen, in dessen Leben die Aufklärung vorgedrungen war. In

der Gemeinde hat er versucht die „Gottesverehrung zeitgemäß zu ordnen".

 

 

 

 

 

 

40

Vgl. Stein, Schrift des Lebens, Bd.l, S.10-15.

In der Zwischenzeit finden mit dem Umzug aus dem Königreich Bayern in die Freie Stadt Frankfurt zusammen hängende Formalia statt, wie die Erlaubnis des Königlichen Landgerichts Weismain „zur Auswanderung" der rnittlerweilen 6-köpfigen Familie bzw. deren Aufnahme nach israelitischem Bürgerrecht in Frankfurt (siehe Senatsapplikation 444/30 innerhalb von Suppl. Tom 871/8).

Vgl. Rosenbloom, Noah H., Tradition in an age of reform. The religious Philosophie of Samson Raphael Hirsch, Philadelphia, 1976, S.98

Stein, Lepold, Koheleth, Frankfurt am Main, 1846, S.6-10.

Vgl. Stein, Schrift des Lebens, Bd.l, S.10-15.

Steins Devise war „Erhaltung durch Reform", womit er gemäßigte Reformen anstrebte, um dadurch den historisch tradierten Kern zu erhalten.

Vom 26.12.1843 an war Stein Gemeinde-Rabbiner in Frankfurt, am 24. Mai 1844 war sein offizieller Dienstantritt und am 26. Oktober 1844 installierte er „...in der fast ältesten aller deutschen Synagogen in der Börnestraße in Frankfurtkurz vor ihrem Abriss eine Orgel und schuf so den klaren Präzedenzfall des radikalen Kurswechsels in der Liturgie."

Schon in den ersten Monaten nach seiner Einstellung in Frankfurt führte Stein verschiedene liturgische Reformen ein. Die erste war die Auslassung des täglichen Lobspruchs, in dem der jüdische Mann dankt, nicht als Frau geschaffen worden zu sein.

Es wurde von Rabbiner L. Stein der zweite Feiertag abgeschafft.

In Frankfurt verfasste Stein Gebetbücher, die er für den Südwesten Deutschlands schuf. Es gelang ihm aber nicht, in ganz Südwest-Deutschland eine einheitliche reformierte Liturgie zu schaffen. Darum veröffentlichte er ein eigenes Gebetbuch für die im Jahre 1860 von der Frankfurter Gemeinde erbaute Neue Synagoge. In das Gebetbuch wurden auch Gebete auf deutsch aufgenommen. Steins Liturgie bediente sich einer neuen Technik, die später weite Verbreitung finden sollte. Die hebräischen und deutschen Texte seines Gebetbuches boten nicht nur ideologisch unterschiedliche Alternativen an, sondern er druckte im hebräischen Text die „ältere Form" in kleineren Buchstaben entweder unterhalb oder neben der überarbeiteten Fassung. So enthielt das Gebetbuch von 1860 sowohl die „ältere", wie auch die überarbeitete Form. Die „erstere Form" war für diejenigen bestimmt, die die neue Fassung ablehnten. Die Veränderungen in der Liturgie, die Stein in dem neuen Gebetbuch vorgenommen hatte, wurden in den Rabbinerkonferenzen 1854 und 1855 besprochen. Man muss dabei berücksichtigen, dass die alte jüdische Gemeinde in Frankfurt am Main zum 12. Jahrhundert zurückging, und Steins Gebetbuch für die Hauptsynagoge bestimmt war. Rabbiner Stein war „der erste, der die von der Frankfurter Rabbinerversammlung gelegten Grundbestimmungenfür sein neues Gebetbuch konsequent durchführte". Es gab viele liturgische Veränderungen, die Stein an der Hauptsynagoge in Frankfurt am Main einführte. Vor allem war das die Auslassung der Segenssprüche über den Messia und den Aufbau des Zions. Die Pijutim wurden im ganzen Jahresverlauf ausgelassen.

 

 

 

 

 

41

Vgl. Petuchovski, S. 155.

Vgl. Arnsberg, Geschichte der Frankfurter Juden, Bd.3, S.489.

Arnsberg, Chronik der Rabbiner, S.85.

Vgl. Meyer, S.185.

Vgl. Petuchowski, Jakob, J. Prayerbook Reform in Europe, New York, 1968, S.156.

Vgl. Meyer, S.270.

Vgl. Petuchowski, S. 156.

Seligmann, L. Stein. Zu seinem 100. Geburtstag, S.243.

Pijut (Mehrzahl: Pijutim)- synagogale Dichtung, Hymne.

Vgl. Petuchovski, S. 155.

Stein führte die Haftara-Lesung auf deutsch ein. Der Morgengottesdienst schloss nach der Tora-Lesung eine Predigt in der deutschen Sprache ein. Rabbiner Stein war ein „geistvoller" Prediger und sammelte um sich einen großen Kreis von Anhängern. Er selbst charakterisierte seine Predigten, die er sorgfältig vorbereitete, als sehr progressiv und reformerisch.

 

In den politischen Kämpfen im Deutschland von 1848/49 wurde Dr. Leopold Stein „zum Schütze des Judentums" sehr aktiv. Er beteiligte sich an der großen deutschen Bewegung, war nach den Worten seiner Tochter B. Landauer ein Demokrat und wirkte zum „Wohle des Volkes". „Stein begrüßte die Nationalversammlung: am 21. Mai 1848 fand in der Synagoge zu Bad Homburg mittags, nachdem am Vormittag eine christliche Feier stattgefunden hatte, eine Feier zu Eröffnung der Nationalversammlung statt, in der Leopol Stein eine Predigt hielt. " Stein sprach über Psalm 85, im besonderen über Vers 11-14, worin es heißt: „Liebe und Wahrheit begegnen sich. Gerechtigkeit und Frieden küssen sich...". Die Gegenwart, sagte Stein in seiner Predigt, wolle Liebe, Frieden und Wohl der Menschen auf dem Boden der Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit gründen. Darum „gebietet uns die Religion, dass wir mit den Bewegungen der Gegenwart uns aufrichtig freuen sollen vor Gott...“

 

2.4 Der Konflikt mit dem Vorstand der Gemeinde in Frankfurt als Grund für Steins Amtsniederlegung

 

Der Konflikt zwischen Rabbiner Stein und dem Vorstand entwickelte sich bereits kurz nach seinem Amtsantritt. L. Stein stand zwischen zwei Parteien: dem reformerischen Vorstand und der Gemeindeorthodoxie:

„...unsere Zeit ist eine Zeit des Ringen und Kampfes. Zwei mächtige Parteien, zwei entgegengesetzte Lebensrichtungen stehen überall einander gegenüber - zwischen

 

 

 

 

42


Ein Prophetenabschnitt nach der Tora - Lesung am Morgengottesdienst.

Vgl. Petuchowski, S. 155.

Vgl. Arnsberg, Chronik der Rabbiner, S.86.

Vgl. Stein, Schrift des Lebens, Bd.l, S.10-15.

„Zum 100jährigen Geburtstag unseres lieben Vaters Rabbiner Dr. L. Stein", S.6 und vgl. Vorwort, Landauer.

Arnsberg, Geschichte der Frankfurter Juden, Bd.l, S.540.

L. Stein, Predigt, vorgetragen bei dem am 21. Mai 1848 zur Feier der Eröffnung der deutschen constituirenden National - Versammlung in der Synagoge zu Homburg abgehaltenen Gottesdienste, Homburg, 1848 und Arnsberg, Geschichte der Frankfurter Juden, Bd.l, S.541. (Zum Anfang des Jahres 1849 gab es die Einführung der Grundrechte der Frankfurter Juden. Siehe Arnsberg, Geschichte der Frankfurter Juden, Bd.l, S.541.)

beiden ist der Kampfplatz - und darum wer sich da in der Mitte als Vermittler aufstellt, der empfängt als Lohn die feindlichen Pfeile von beiden Seiten .- Ich habe sie oft von beiden Seiten her tief schmerzlich empfunden... "

Stein war eine Persönlichkeit mit stark ausgeprägtem Selbstbewusstsein. Er war ein Mann von starkem Eigenwillen und einem spezifischen Gefühl für die eigene geistige Freiheit. Stein legt seine eigenen Haltung zur jüdischen Religion ganz offen dar: er nennt sich selbst „ein Mann von entschieden aufgeklärter Gesinnung".

Während seiner Amtszeit war er ein Gefangener der „unwürdigen Instruktion" des Gemeinde Vorstandes; er hatte während seiner Amtszeit einen Kampf um seine Stellung in der Gemeinde zu führen.

In der „Schrift des Lebens" berichtet Stein über den Grund für sein Scheiden aus dem Amt. L. Stein beschuldigt darin seine Gegner, ihm während seiner Amtszeit seine Freiheit gehemmt zu haben. In seinem Amt wurde ihm, so Stein, die Freiheit seines Handelns beeinträchtigt. Aber er empfand das nicht nur als Beschränkung seiner Freiheit, was seine Tätigkeit als Rabbiner, sondern auch was seine eigene Freiheit, die Freiheit des Gemütes betraf. L. Stein kritisierte die Art, wie die Rabbiner in der Gemeinde angesehen wurden: es gab einen Grundsatz, dass der Rabbiner nicht die religiösen Formen verletzen dürfte, die die Gemeindegenossen längst nicht mehr beobachteten. Diesen Anforderungen der Gemeinde nach, müssten die Rabbiner die Verletzung der unbedeutendsten Gebräuche in Furcht und Angst meiden:

„Denn auch in aufgeklärten Gemeinden herrscht der unsittliche Grundsatz, der Rabbiner dürfe in seinem Leben die ererbten Formen, ob sie auch von der Ueberzahl seiner Gemeindegenossen längst über Bord geworfen, nicht verletzen, und gibt es dafür ein, die eingerissene Grundsatzlosigkeit mit merkwürdiger Natürlichkeit bezeichnendes Sprichwort: „ der Herr im Wagen dürfe betrunken, der Lenker aber auf dem Bocke müsse nüchtern sein!" - Erbärmliche, verderbliche Anschauungsweise!"

Steins Meinung nach soll der aufgeklärte Rabbiner nach seinen Prinzipien handeln können. Ein idealer Rabbiner hat seine Scheu und seine Schüchternheit überwunden und lebt seinen Vorstellungen entsprechend, was die Ausübung der Vielzahl der talmudischen Gesetze

 

 

 

 

43

Stein, Schrift des Lebens, Bd.l, S. 14.

Vgl. Arnsberg, Chronik der Rabbiner, S.89.

Ebd.

Stein, Schrift des Lebens, Bd.l, S.16.

betrifft. Er ist für die Gemeinde Ausdruck der Lehre und des Lebens, niemand kann ihn

anweisen:

„Es gab eine Zeit, wo ich mich sorgfältig einschloß, wenn ich mir den Bart, statt mit einem zweischneidigen, mit einem einschneidigen Werkzeuge abnehmen wollte, was als fünffache Sünde verboten ist. Es brauchte lange Zeit, bis ich die Aengstlichkeit überwand, am Sabbath mit einem Stocke in der Hand auszugehen, geschweige denn einen Wagen zu besteigen, nicht aus Furcht, eine Ruthe abzuschneiden, um das Roß anzutreiben — ich gestehe, diese Furcht fühlte ich nicht — aber wohl aus Furcht, die Ruthe der Zurechtweisung von oben selbst zu fühlen. "

Dasselbe betrifft auch die Nichtbeobachtung der Speisegesetze, denn er hielt die talmudischen Speisegesetze für verwerflich und überlebt.

Der Konflikt mit dem liberalen Vorstand war der Grund für Steins Amtsniederlegung. So beschreibt Arnsberg den Grund für die Amtsniederlegung von Rabbiner L. Stein:

„Der Rabbiner Dr. Stein war der Hauptinitiator des Neubaus der Hauptsynagoge (am Platz der beiden alten Synagogen), und am 23.3.1860 war es ihm vergönnt, in der neuen Hauptsynagoge die Eröffnungspredigt zu halten. Diese brachte den Konflikt des Gemeindevorstandes mit dem Rabbiner Dr. Stein zum offenen Ausbruch. Es handelte sich um einen Konflikt der Kompetenzen, der sich aus den sogenannten „Instruktionsrechten" des Gemeindevorstandes gemäß §10 des Gemeinderegulativs vom Jahre 1839 mit einer individualistisch stark geprägten Persönlichkeit, wie es der Rabbiner Dr. Leopold Stein war, ergab. "

Eine Art Vorwand dafür war der folgende Fall. In seiner Predigt am 23. März 1860 anlässlich der Eröffnung der neuen Hauptsynagoge wies Stein darauf hin, dass das Regulativ von 1839 den Rabbiner zum Angestellten des Vorstandes mache und ihn einer Zensur des Vorstandes unterwerfe. Er ging in seiner Weihrede noch weiter und richtete in Anwesenheit der Mitglieder des städtischen Senats an diese den Appell, „zur Beseitigung jenes traurigen Denkmals einer gottlob dahingeschwundenen Zeit das ihrige beizutragen, zumal die Gasse, so nahe dem Gotteshause, ein Schlupfwinkel des Lasters geworden sei." (Die neue Synagoge lag am Nordausgang der damals noch bestehenden Ghettostraße, ein Viertel mit hoher Kriminalitätsrate.)

Obwohl der Vorstand - unter Hinweis auf die „Instruktion" - dem Rabbiner den Druck dieser Predigt untersagte, ließ L. Stein diese trotzdem drucken, „da es keine Zensur in Frankfurt

 

 

 

 

 

 

 

44

Vgl. a.a.O., S. 17.

A.a.O., S.16.

Arnsberg, Chronik der Rabbiner, S.86.

gebe". Der Vorstand maßregelte nun in scharfer Weise den Rabbiner, worauf Stein im Jahre

1862 nach 18 Jahren des Kampfes um die würdige Stellung eines Rabbiners sein Amt

niederlegte.

Es kam zu einer Petition von 262 Gemeindemitgliedern an den Vorstand zugunsten Steins, die

erfolglos blieb und vom Vorstand am 21.1.1863 abgelehnt wurde.

 

2.5 Teilnahme und Rolle von Rabbiner L. Stein, eines gemäßigten Reformers in den Rabbinerversammlungen 1844/1845/1846 und sein Platz in der Reformbewegung 2.5.1 Erste

Rabbinerversammlung (1844)

 

Die erste Rabbinerversammlung fand in Braunschweig statt; zu ihr kamen keine streng

orthodoxen Rabbiner, denn die meisten von innen protestierten gegen die Versammlung. Die

Rabbiner, die an der Versammlung teilnahmen, gehörten zu einer anderen Generation der

Rabbiner.

Der rechte Flügel der Versammlung bestand aus Einzelpersonen, die an die Autorität von

Bibel und Talmud glaubten, aber bereit waren, kleinere, formale Veränderungen auf der

Grundlage des jüdischen Rechts vorzunehmen. Das    Zentrum war größer. Ihm lag die

historische Kontinuität der Reformbewegung am Herzen. Das Zentrum war aber bereit sich

auch von der Tradition zu entfernen. Ludwig Phillippson, Rabbiner in Magdeburg, und L.

Stein waren die konservativsten Mitglieder dieser Fraktion; Geiger war auf derem radikalen

Flügel.

Ganz links außen befand sich eine kleine Gruppe, deren Hauptvertreter Holdheim war. Sie

suchten  nach  einer  gründlichen  Reform  des  Judentums  gemäß  dem  „Geist  und  den

Umständen der neuen Zeit".

 

Graphisch kann man die Verteilung der Vertreter der ersten Rabbinerversammlung im Juni 1844 in Braunschweig so vorstellen:

 

Links                                                        Zentrum                                     Rechts

rechter Flügel        linker Flügel

 

S. Holdheim                          A.Geiger                L. Phillippson,

        L. Stein                         kleine Gruppe der

Einzelpersonen

 

 

 

 

 45

Vgl. a.a.O., S.89.

Die umstrittenste Entscheidung der ersten Rabbinerversammlung betraf das Problem der gemischten Eheschließungen.

 

2.5.2 Zweite Rabbinerversammlung (1845) unter dem Vorsitz von Rabbiner L. Sein

 

Das Thema der Beibehaltung der hebräischen Sprache war der Streitpunkt in der zweiten

Rabbinerversammlung.

Rabbiner Leopold  Stein  wurde mit knapper Mehrheit als  Vorsitzender der  (zweiten)

Rabbinerversammlung im Jahre 1845 (von 25-28 Juli) in Frankfurt gewählt.

Die Frankfurter Versammlung lockte einunddreißig Mitglieder an. Sie war die wichtigste in

mancher  Hinsicht.   Sie  markierte  den  Bruch  zwischen  der  sehr  gemäßigter  Reform,

repräsentiert durch Frankel und dem durchgreifenden Ansatz der meisten Teilnehmer.

Es gab Diskussionen über die Bedeutung der Kontinuität vom Talmud bis zum Standpunkt

der heutigen Zeit. Rabbiner Frankel hatte seinen eigenen Standpunkt, der besagte, dass die

weitere Entwicklung des Judentums auf einer „positiv-historischen" Grundlage weiter gehen

müsse. Der Vorsitzende der Versammlung, Rabbiner Leopold Stein, bestätigte vielmals, dass

die   Konferenz   ebenfalls   ein   positiv-historisches   Judentum   vertrete.   Die   praktischen

Schlussfolgerungen aus der Deutung des Begriffes positiv-historisches Judentum zeigten sich

in der nächsten Diskussion: der Verwendung des Hebräischen im Gottesdienst.

Die meisten Teilnehmer befürworteten eine ausgeglichene Aufteilung von Hebräisch und

Deutsch. Es kam zum Konflikt zwischen dem Dresdener Oberrabbiner Zacharias Frankel und

der Mehrheit, dessen positiv-historischer Richtung Stein nahe stand.

Rabbiner Stein hat mit Rabbiner Zacharias Frankel für die Beibehaltung der hebräische

Sprache und gegen die radikalen Reformer (Samuel Holdheim und Abraham Geiger) Stellung

genommen. Rabbiner Frankel verließ öffentlich die Versammlung, nachdem die Mehrheit

gegen die Beibehaltung des Hebräischen war.

Eine grundlegende Frage wurde in dieser Versammlung diskutiert - die Glaubensfrage über

das Kommen des Messias und die Rückkehr nach Zion. Die Mehrheit der Rabbiner entschied

folgendes:

„Die Messiasidee verdient in den Gebeten hohe Berücksichtigung, jedoch sollen die Bitten um unsere Zurückführung in das Land unsrer Väter und Herstellung eines jüdischen Staates aus unseren Gebeten ausgeschieden werden. "

 

 

 

 

 

46

 Meyer, S.203-206.

Vgl. Meyer, S. 199-203.

Vgl. Arnsberg, Chronik der Rabbiner, S.78.

 Meyer, S.203-206.

2.5.3 Dritte Rabbinerversammlung (1846) - der öffentliche Auftritt von Rabbiner L. Stein gegen die radikalen Reformer

 

Die dritte Versammlung im Jahre 1846 in Breslau führte A. Geiger. Das wichtigste Thema dieser Versammlung war die Schabbatgebote.

Samuel Holdheim, ein radikaler Reformer, schlug vor, Schabbat an dem Tag zu halten, an dem die Juden „wirklich" die Möglichkeit zu ruhen haben. Der Vorschlag, den Schabbat auf Sonntag zu verlegen, wurde von den Kollegen nicht geteilt und kam deshalb gar nicht zur Abstimmung, Leopold Stein trat mit einer Rede gegen den Vorschlag von S. Holdheim auf und hat darin die Meinung vieler anderer Teilnehmer der Konferenz zum Ausdruck gebracht.

 

2.6 Die späteren Frankfurter Jahre

 

Nach seinem Rücktritt vom Rabbineramt an der Gemeinde Frankfurt gründete Stein 1861/1862 eine auf hohem Niveau stehende jüdische Mädchenerziehungsanstalt (Blittersdorfplatz, Mainzer Landstraße). Stein stellte einen Antrag an den Senat zur Gründung einer Privaterziehungsanstalt für Mädchen: " Indem ich auf diese Weise in dem heiligen Werke der Jugenderziehung eifrig und gewissenhaft zum Besten unseres Vaterstädtischen Gemeinwesens auch meine schwachen Kräfte nützlich verwenden möchte... "
Im Jahre 1869 wurde Stein der Prediger der „Westend-Union", einer hauptsächlich aus deutsch-amerikanischen Juden bestehenden Austritts - Kongregation von Rückwanderern.
In den Jahren nach seiner Amtsniederlegung widmete sich Stein dem Schreiben. In diesen Jahren hat er die Mehrheit seiner Werke verfasst, wie Predigtsammlungen, das Gebetbuch und die „Schrift des Lebens".

1866/68 hat Stein beispielsweise zwei Teile der „Bilder aus dem altjüdischen Familienleben" des Frankfurter Malers Moritz Oppenheim herausgegeben. Er veröffentlichte die Predigtsammlungen „Kampf des Lebens" (1870), die aktuell auf den deutsch-französischen Krieg bezogen war und „Neue Predigtsammlungen von Shabbath undFestvor-trägen" (1875).

 

 

 

 

 

47

Vgl. a.a.O., S.207.

Senatsakte Suppl. Tom 871/8 zu L. Stein im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt.

Vgl. Amsberg, Geschichte der Frankfurter Juden, Bd.3, S.491.

Die noch junge und in raschem Aufschwung sich befindende Israelitische Kultusgemeinde Nürnberg benötigte — nach der Loslösung von Distriktsrabbinat Fürth - zu Beginn der 70er Jahre einen Rabbiner. Dafür wurde auch L. Stein vorgeschlagen, was innerhalb der Gemeinde heftige Auseinandersetzungen zu Folge hatte. Schließlich ergab die am 28.5.72 erfolgte Rabbinerwahl durch die Verwaltungsspitze nur 7 Stimmen für Dr. Stein, hingegen 12 für Dr. Moritz Lewin, bis dahin Rabbiner in Zürich! (Vgl. Freudenthal, Max, Die Israelitische Kultusgemeinde Nürnberg 1874-1924, Nürnberg, 1925, S.63f.).

Stein verbrachte seine letzte Jahre in Zurückgezogenheit. Stein starb nach kurzer Krankheit am 2.12.1882 in Frankfurt am Main. Er ist auf dem alten jüdischen Friedhof in Frankfurt am Main an der Rat-Beil-Straße begraben (Doppelgrab zusammen mit seiner Frau). Auf dem einfachen Grabstein befindet sich in deutscher Sprache ein „Vermächtnis": sein Bekenntnis zur Einheit und Einzigkeit Gottes.

 

3. Rabbiner Dr. Steins Werke

 

Stein verfasste Gebetbücher und Predigten, aber auch nicht-religiöse literarische Werke, wie Dramen und Gedichte.

Stein schrieb seine Werke auf deutsch aus zwei Gründen, wie er in der Einleitung zu seiner „Schrift des Lebens" klarstellt: erstens anerkannte er die deutsche Sprache als seine Muttersprache, und zweitens sind seine Werke auch für Nichtisraeliten gedacht. Der Gedanke, der dahintersteht, war, die Vorurteile bei den Nichtjuden könnten dadurch abgebaut werden um schließlich die Gleichberechtigung der Juden und die „Verbrüderung unter den Völkern" zu ermöglichen.

 

3.1 Theologische Schriften

 

Sein erstes poetisches Werk „Stufengesänge" entstand 1834 und wurde in jüdischen Kreisen

mit Begeisterung aufgenommen.

1840 wurde das Gebetbuch „Gebete und Gesänge zum Gebrauche bei der öffentlichen

Andacht der Israeliten " („ Chissuk Habbaith ") veröffentlicht. Dieses Gebetbuch war für die

Gemeinden in Burg- und Altenkunstadt bestimmt.

Auch in deutsch erschien 1841 eine ,Pessach-Hagada " in freier deutscher Bearbeitung.

1846 erschien in Frankfurt am Main die Predigtsammlung „Koheleth".

Er hat zusammen mit Professor Moritz (Daniel) Oppenheim in den Jahren 1866/68 die

„Bilder  aus  dem   altjüdischen  Familienleben"   herausgegeben,   und   schrieb   dazu   die

Einleitung.

Das Lehrbuch „Thora umizwa" („Lehre und Gebot") (Anleitung, wie der Israelite der

Gegenwart nach den Erfordernissen der Religion und der Zeit sein Leben religionsgesetzlich

zu ordnen habe.) In zwei Abteilungen. Erste Abteilung: Religionsgeschichtlich.  Zweite

Abteilung: Religionsgesetzlich) wurde 1858 (in der zweiten Auflage) herausgegeben.

 

 

 

 

 

48

Vgl. Arnsberg, Geschichte der Frankfurter Juden, Bd.3, S.492 und vgl. Landauer.

Vgl. Stein, Schrift des Lebens, Bd.l, S.22-23.

Vgl. Stein, Morgenländische Bilder in abendländischem Rahmen, S.IX.

Stein gab die Monatsschrift „Der israelitische Volkslehrer" 1850/1860 mit heraus. Seit 1859 redigierte er auch die Familienwochenschrift „Der Freitagabend". In den Jahren 1865-1868 gab Stein „Achawa" - das Jahrbuch des israelitischen Lehrer-Unterstützungsvereins heraus.

1882 vollendete er sein (Muster) Gebetbuch, das im Jahre 1917 durch R. Grünfeld für die Gemeinde Augsburg neu bearbeitet wurde.

Verschiedene Predigtsammlungen erschienen in den 70-er Jahren: „Der Kampf des Lebens" (1870), ein Zyklus von Festpredigten, gehalten im israelitischen Betsaale der „Westend-Union" zu Frankfurt im Jahre 5631-1870 und „Neue Predigtsammlung von Shabbath und Festvorträgen" (1875).

 

Sein Lebenswerk war jedoch die dreibändige „Schrift des Lebens. Inbegriff des gesamten Judentums in Lehre Gottesverehrung und Sittengesetz (Dogma, Kultus und Ethik); schriftgemäß, volkstümlich und zur Kenntnisnahme für Israeliten und Nichtisraeliten." (1872,1877,1910). Die ersten zwei Bänder wurden von Stein, und der dritte von Rabbiner Dr. C. Seligmann herausgegeben. In der „Schrift des Lebens" kommt der reformatorische Standpunkt L. Steins am besten zu Ausdruck.

 

3.2 Allgemeine Schriften

 

Rabbiner L. Stein nahm auch an den allgemeinen Kulturströmungen und wissenschaftlichen Erscheinungen einen Anteil. Dies beweisen die Veröffentlichungen: „Rede beim Fichte-Jubiläum" (1862), Rede zur 50jährigen Jubelfeier der Leipziger Völkerschlacht (1863), „Friedrich Rückerts Leben und Dichten" (1866), „Orient und Occident" - Rede zur Mendelssohnfeier (1866).

Stein war ein deutscher Poet von anerkannter Bedeutung; er schrieb Dramen wie „Der Knabenraub zu Carpentras"'(1862), „Haus Ehrlich oder: Die Feste"(1863); sie sind auf deutschen Bühnen gespielt worden, zu ihnen gehört „Die Hasmonäer", die auf der Nationalbühne in Mannheim im Jahre 1856 aufgeführt wurde. „Sinai", ein Lehrgedicht über die zehn Bundesworte, entstand 1868.

In der Gedichtsammlung von L. Stein, herausgegeben von seiner Tochter Bettina Landauer, gibt es Gedichte zu verschiedensten Anlässen, wie auch Gedichte mit politischer Thematik.

 

 

 

 

 

 

 

 

49

Vgl. Jüdisches Lexikon, Stichwort: Stein, Leopold, S.706.

Stein schrieb auch Gedichte religiösen Inhalts, wie „Des Juden Schmerz und Freude", „Die

Gleichstellung" und „An das scheidende Jahrhundert. Zum Jahr 5600 (1839)" .

L. Stein widmete viele seiner Gedichte seiner Frau Eleonore Stein und seinen Kindern und

Enkeln.

 

 

50

III. Kapitel: Bibelauslegung in den Schriften von Rabbiner Dr. Leopold Stein

1. Wissenschaftlich-kritische Auslegung der Schrift bei den deutschen Reformrabbinern

A. Geiger und L. Stein

 

Die Religion  ist im Menschen  und aus  dem

Menschen...

Rabbiner L. Stein, „Schrift des Lebens"

 

Rabbiner A. Geiger und Rabbiner L. Stein gehörten derselben Generation von Reformrabbinern an. Sie waren Theoretiker der Reformbewegung im Gegensatz zur ersten Generation - den radikalen Laien. Geiger war wie auch Stein Vertreter des historischen Judentums. (Siehe dazu das Kapitel „Ein historisches Judentum: Zacharias Frankel und Abraham Geiger".) Das historische Bewusstsein bestimmte ihr Bibel- und Talmudstudium.
Der orthodoxe Standpunkt
ist, die Tora sei allein Gottes-, nicht Menschenwort. „Das Wort Gottes" wurde dieser Auffassung nach Moses von Gott selbst gegeben - durch Verbalinspiration oder auf welchem Wege auch immer. Jedes Wort der Tora und auch die anthropomorphischen Beschreibungen von Gott sind so direkt zu verstehen.

 

Die Bibelauslegung in der Reformbewegung unterscheidet sich von diesem Standpunkt. Nach der Meinung der Reformer ist die Tora vielmehr ein Buch über die Suche der Menschen nach Gott. Das Verständnis von Gott hat sich im Laufe der Jahrhunderte mit der Entwicklung der menschlichen Erfahrungen verändert. Da die Tradition der Tora zunächst mündlich überliefet worden ist und erst nach vielen Generationen niedergeschrieben wurde, bezeugt die Endgestalt des Textes nun verschiedene Vorstellungen über Gott und das Volk. Die verschiedenen Vorstellungen bezeugen nach dieser Auffassung, dass sich der Glaube verändert und entwickelt hat. Also umfasst die Bibelauslegung in der Reformbewegung den Begriff einer Entwicklung der Gotteslehre.

A. Geiger und auch L. Stein haben die Bibel kritisch gelesen; ersterer begründete die kritische Bibelauslegung der Reformbewegung.

Die Thora als ein Geschichtsbuch zu behandeln, mit ihrer Chronologie und ihrem Zeitbezug, war erst mit der wissenschaftlichen Behandlung der Bibel möglich. Die „Wissenschaft des Judentums" entstand in den 20-er Jahren des 19. Jahrhunderts, wobei Leopold Zunz in seinen

 

 

 

 

 

51

Vgl. Meyer, S.146.

Werken die Grundlage für diese neue Wissenschaft legte. Das neue Geschichtsbewusstsein prägte das moderne Judentum.

 

Zusammenfassend für die Bibelauslegung der Reformbewegung kann man sagen, dass die Idee der menschlichen Auffassung der Bibel die wichtigste bei der Bibelauslegung der Reformer ist. Aus ihr folgt, dass die Gleichnisse der Tora nicht von Gott, sondern von Menschen stammen, und darum eine übertragene Bedeutung haben, wie zum Beispiel die Gleichnisse, die Gottes Wesen beschreiben („Gott schuf"). Sie werden als Anthropomorphismen behandelt.

 

Geiger und Stein übernahmen die neuen Begriffe der wissenschaftlichen Behandlung der Schrift, wie die Entwicklung der Gotteslehre. In den Werken von L. Stein gibt es Ideen über die Entwicklung der jüdischen Religion und ihre Bestimmung, ihr Ziel. Während S. R. Hirsch und S. Holdheim das Judentum auf die Offenbarung begrenzten, die für alle Zeiten gleich war, versuchten A. Geiger und Z. Frankel einen durch die Geschichte verlaufenden roten Faden von der „alten" Offenbarung bis zur gegenwärtigen Situation sichtbar zu machen. So wurde das Judentum für S. R. Hirsch und S. Holdheim durch die Offenbarung am Sinai ein für alle Male festgelegt. Sie wollten die Offenbarung aus dem Geschichtsfluss herausholen und ihn zum Determinativum erheben.

 

Stein sah die Offenbarung nicht als ein einmaliges Ereignis, sondern er versuchte sie im Geschichtsfluss zu verankern. Denn wenn die Bibel verschiedene Vorstellungen über Gott und das Volk bezeugt, bedeutet das, dass sich der Glaube verändert und entwickelt hat. Diese Vorstellungen entwickelten sich mit der Zeit und können auch für die heutige Zeit angewendet werden - also hat die Bibel eine Bedeutung auch für die Gegenwart und die Zukunft. Die Tora hat nach der Auffassung der Reformer neben ihrer ursprünglichen Aussageabsicht und den Interpretationen, die im Laufe der Jahrhunderte gegeben wurden, eine Bedeutung für die Gegenwart. Zum Beispiel die Geschichte über den Turmbau in Bawel wurde in der Vergangenheit als eine Geschichte über menschliche Arroganz verstanden. Heute warnt sie uns nach der Auffassung der Vertreter der Reformbewegung eher vor den entmenschlichenden Folgen großstädtischen Lebens. Es wird damit gerechnet, dass die nächste Generation die Worte der Tora anders hört.

 

 

 

 

52

Vgl. Die Tora. In jüdischer Auslegung, S.20.

Vgl. Die Tora. In jüdischer Auslegung, Flaut, W. G. (Hrsg.), Gütersloh, 1999, S.19-20.

Vgl. Meyer, S.130-132.

Vgl. Die Tora. In jüdischer Auslegung, S.20.

Welche Botschaft die Tora für seine Gegenwart mit sich bringt, beschreibt Stein in seinen Werken, wie auch Predigten und vor allem in seinem Hauptwerk, der „Schrift des Lebens".

 

2. Die Bibelauslegung in den Werken von Rabbiner L. Stein als Begründung für die „ Umgestaltung des religionsgesetzlichen Lebens"

2.1 „Ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde." (Jesaja 66, 22) Verheißung an das Volk Israel

 

L. Stein legt die Bibel als für seine Gegenwart aktuell aus. Er will dem Wort der Tora eine

neue Bedeutung geben.

Seine Gegenwart bezeichnet er als eine Zeit der Kriege und als Übergangszeit.

Die Revolution von 1848/49 bringt den Umbruch der deutschen Gesellschaft mit sich. Das

ist die Zeit des Bürgerkrieges. Die Menschen fühlen sich verfeindet, unsicher, was die

Zukunft betrifft.

L. Stein spricht über die ernste Lage seiner Zeit: „ der Weltfrieden steht in Frage.“  Die

Menschheit ist in untereinander feindliche Nationalitäten zerfallen. Stein meint hier zum

Beispiel  den  deutschen  Krieg  von   1866  zwischen  Preußen  und  Österreich,   der  zur

Aufspaltung Deutschlands in drei Bereiche führte, und den deutsch-französischen Krieg

1870/71. Weiterhin gibt es einen Streit der Nationen, Religionen und Stände. Es handelt sich

nach der Auffassung Steins um die „Abschaffung der Religion" und anderer Dinge, die früher

als heilig gegolten haben, wie zum Beispiel die Ehe. Viele Juden verlassen das Judentum,

lassen sich konvertieren, wie Heinrich Heine (1797-1856) und Ludwig Borne (Juda Löw

Baruch)(1786-1837).

 

Der Frieden ist in dieser Umbruchszeit das Höchste, was angestrebt sein soll und was der Autor anstrebt. Der Frieden ist das Wichtigste, was das Volk Israel braucht, er ist der höchste Segen für das Volk Israel.  In der Zeit des Umbruches in der Gesellschaft und des Antisemitismus war das Thema des Friedens auch in anderen Werken L. Steins aktuell. Jetzt muss aber das Gemeinsame alle Menschen der Welt verbinden.

 

Die Gegenwart bezeichnet Stein als eine Übergangszeit in neue, bedeutungsvolle und zukunftsvolle Ordnungen, denn er sieht bereits die Anzeichen der neuen Zeit, einer Zeit des

 

 

 

53

Siehe den historischen Rahmen.

Stein, Schrift des Lebens, Bd.l, S.361.

Vgl. a.a.O., S.363.

Friedens. Die neue Zeit hat trotz allem für die Juden viel Gutes gebracht. Sie haben die Hoffnung auf die Gleichstellung vor dem Gesetz bekommen:

„Denn nirgends und niemals vorher hat sich die Hand Gottes so groß und herrlich an uns kund gethan als in der Gegenwart. ...Unsere Gleichstellung vor dem Gesetze ist zur unumstößlichen Wahrheit geworden. ...Israel ist aus der Jahrtausende langerZurücksetzung erlöst.

Mit Aufklärung und Gleichstellung der Juden verbindet Stein die bessere Zeit für die Juden. Die Gegenwart begrüßt er optimistisch als den Einbruch eines neuen Zeitalters. Im Drama „Haus Ehrlich" sagt er:

„Doch merkt man einen Umschwung der Gedanken.-

Die Schriften Mendelssohn^, des edlen Weisen...

Des wackern Dohm, des lichtbegabten Herder,

Vor allen aber Lessing's, des Verklärten —

Sie bringen eine neue Zeit des Friedens;

Ihr Lebensthau verjungt die Menschenherzen. "

Die Ankunft der besseren Zeit für die deutschen Juden verbindet Stein mit der Verheißung im 2. Jesaja. Der innere Zusammenhang des 2. Jesaja bildet den Mittelpunkt des Buches nach Steins Interpretation, das ist die Verheißung an das Volk Israel. Stein teilt den 2. Jesaja, das heißt, die Kapitel 40-66 (24 Kapitel zusammen), in zwei Teile, die jeweils aus 13 Kapitel bestehen: Kapitel 40-52 und 54-66, so dass im Kapitel 53 „alle Fäden des planvoll angelegten Werkes zusammen laufen...". Das gesamte Israel ist der „Knecht" („und du, Israel, mein Knecht"; „Mein Knecht bist du Israel, daran ich mich berühme" (Jesaja, 49,3). Der Ausdruck kommt im ersten Teil (Kapitel 40-52) vor. Es fällt Stein auf, dass der Ausdruck „Knecht Israel" im 2. Abschnitt nicht mehr vorkommt. Steins Auslegung dieses Falls ist folgende: die Leidensgeschichte und die Knechtschaft wird mit Kapitel 53 abgeschlossen und schon die drei Schlussverse von Kapitel 52 zeichnen das „ ganz große Gemälde von Israels Erniedrigung und Erhöhung." Im 2. Teil (54-66) verkündet der Prophet „ die volle Sieges­und Heilzeit Israels", es kommen die Heilsworte vor.

Im nachfolgenden 53. Kapitel Jesajas schildert der Prophet „das Erstaunen der künftigen Menschheit, welcher die große Sendung Israels klar geworden ist. "

 

 

 

 

54

Stein, Schrift des Lebens, Bd. l, S.350-358.

A.a.O., S.363 - 364.

Vgl. a.a.O., S.S.

Stein, Leopold, Haus Ehrlich oder: Die Feste, Drama, Leipzig, 1863, S.10.

Stein, Schrift des Lebens, Bd. l, S.350-358.

Stein verbindet diese Worte mit der Verheißung im 2. Jesaja, 58:

„Ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde. " , was auf die Ankunft der Zeit des

Friedens hinweisen soll.

Die Heilsworte sind aus dem 2. Jesaja 58 an der Stelle an der Jesaja über den Friedensbund

spricht, der auf reiner Gotteserkenntnis, auf erleuchteter Volks- und Jugendbildung gegründet

sein soll:

..und alle deine Kinder werden belehrt sein von Gott, und groß wird sein der Frieden deiner Kinder." (Jesaja 54,13-14)

 

„In diesem 2. Teile nun des zweiten Jesajas kommen jene zahllosen Heilsworte vor, welche uns als Bekenner des Judentums auch heute noch — ja, in der gegenwärtigen, von religiösen Kämpfen aufgewühlten Zeit, insbesondere dringend mahnen, bei dem uns anvertrauten heiligen Völker erbe treu zu wachen, auf dem von Gott vorgebahnten Wege muthig voranzuschreiten,

In dieser Krisenzeit war besonders die Hoffnung auf bessere Zeit stark:

„Ja, die Zeit rückt mehr und mehr heran; wir sehen sie kommen im Lichte, wo die Frieden stiftende Einheitslehre Gottes die Völker weit und breit einladen wird, sich in dessen Verehrung Israel anzuschließen. "

Die neue Zeit bringt Steins Meinung nach den neuen Himmel" - das ist die reine Erkenntnis

des Einen Weltvaters, und die neue Erde" - die innige Verbrüderung Aller. Und der Weg

Israels in dieser neuen Zeit - „in die Menschheit hinein":

Völker entstehen und vergehen, sie beschreiben als irdische Gebilde den Kreislauf der Natur. Die Menschheit aber ist unvergänglich; sie zieht voran in unbegrenztem Fortschritt. — Und in diese Menschheit hat Gott ein Volk eingefügt, welches er „ das Volk der Ewigkeit" (Am olam) genannt hat. Judentum ist das Volk der Unsterblichkeit, und es wird einst mit der Menschheit einen sich deckenden Begriff bilden. — Darum kein Rückgang nach Palästina; das wäre Kreislauf der Natur, unangemessen dem Volke des Geistes. "

Aus Steins Bibelinterpretation folgt der Gedanke der Sendung Israels an die Völker.

Dieser Gedanke ist nicht neu: bereits die Aufklärer interpretierten den messianischen Glauben

des Judentums universal. Mendelssohn vor allem, hat die messianische Zeit als ein Zeitalter

 

 

 

 

 

 

55

A.a.O., S.361.

A.a.O., S.359.

Ebd.

Vgl. Stein, Schrift des Lebens, Bd.l, S.376.

A.a.O., S.378.

des Friedens, Freiheit und Brüderlichkeit gedeutet. Daraus ergab sich das Ideal der universalen „jüdischen Mission" - die besondere Sendung des Judentums für die Völker der

Welt.

 

2.2 „Der Sinai steht auf Wahrheit, Recht und Frieden". Die moralische Essenz der Lehre des Judentums - die Idee des ethischen Monotheismus bei L. Stein.

 

Ein einziger Gott und eine einige Menschheit! Diese Verkündigung war mein Ziel im Leben... L. Stein, „Mein Vermächtnis"

 

In der Tora findet Stein Bestätigung für seine reformerischen Ideen, denn seine Absage an die Rückkehr nach Zion ("Die Menschheit wurde unsere Familie“ bedeutet für die Juden das Leben in Europa aufzubauen. Mit „Wahrheit, Recht und Frieden" im deutschen Vaterland verbindet Stein die Zukunft der deutschen Juden. Der europäische Staat soll mit seiner Gerechtigkeit und Frieden Heimatort für die Juden werden:

„Die solange heimatlos gewesen, wir haben ein Vaterland erhalten; Jahrhunderte hindurch ein ausgerengtes Glied, sind wir sind naturwüchsig eingegliedert in das große Ganze. ...Nun aber stehen wir an der Schwelle einer neuen Zeit. Wir sind Glieder eines neue Staatslebens, welches den Grundsatz allgemeiner Gerechtigkeit verwirklichen, Bundesgenossen einer neuen Gesellschaft welche das Grundgebot allgemeiner Liebe zur Wahrheit gestalten soll. "

 

2.2.1 „Göttliche Einheit im Sinne der Ewigkeit": Stein über die Einheit Gottes

 

Nach der Auffassung von L. Stein ist die Offenbarung des Namens Gottes ein Beweis für die Einheit Gottes und seine Fortdauer. „Anochi"- bedeutet „ich bin", aber in einem Wort, denn das Wesen und das Sein sind Ein und dasselbe:

 

 

 

 

 

 

56

Siehe das Kapitel „Das Ideal der besonderen „jüdischen Mision".

Das ist die Inschrift auf dem Grabstein L. Steins.

Stein, Schrift des Lebens, Bd.l, S.S.

A.a.O., S.364.

A.a.O., S.379-380.

„Ich- „Anochi" — heißt zugleich „Ich bin" denn die Persönlichkeit Gottes und sein unwandelbares Sein sind Eins und dasselbe — das zu allen Zeiten sich stets gleich bleibende, überall gegenwärtige, göttliche Ich. "

Stein übersetzt den Namen Gottes „Ehje ascher Ehje!" als „Ich bin, der ich sein werde , wobei er den Namen Gottes auf die Gegenwart und Zukunft der göttlichen Anwesenheit bezieht.

Der Name Gottes ist die Enthüllung für alle: ER ist das Sein alles Daseins. Die Offenbarung ist Gemeingut für alle. Es gibt keine Priester, denn „alle sind Priester", das heißt alle sind Eingeweihte, Wissende.

Gott ist ewig. Es gibt keine Vernichtung in seinem Reich. Er ist das Sein und er ist abhängig und bedingt von keinem - alles ist abhängig und bedingt von ihm. Gott ist Einig und Ewig, und seine Einheit ist nach der Auffassung von L. Stein Einheit im Sinne der Ewigkeit:

„Gott ist der Ewig-Eine, und Gott ist der Einzig-Ewige: „Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der unwandelbar Einzige!"

 

2.2.2 Idee der „jüdischen Mission" bei Stein: „ Von der Einheit Gottes zur Einheit der Menschheit".

 

Und ebenso wie Gott einig, einheitlich ist, soll auch die Menschheit Steins Interpretation nach

einig sein. ...den Weg von der einigen Gottheit zur einigen Menschheit... auf Erden klären zu

helfen"- sein ganzes Leben war diesem Gedanken gewidmet.

In seiner „Schrift des Lebens" antwortet Stein auf die Frage, ob die Lehre von Gott mit der

Lehre vom Menschen,  mit seinem unvergänglichen „Ich" zusammenhängt. Im Kapitel „Die

Fortdauer des Geistes" versucht er dieses Problem zu behandeln.

In der Lehre des einig-einzigen Gottes ist, seiner Meinung nach, die Einigung der Menschheit

verheißen, denn auch das menschliche „Ich" ist einzig und einheitlich:

„Die Lehre von der Einheit Gottes ist die Lehre von der Einheit des Menschengeschlechts. Denn auch die Menschheit ist ein einheitliches Ich, in ihrem Grundwesen immer und überall dieselbe. "

 

 

 

 

57

A.a.O., S.47.

A.a.O., S.47.

A.a.O., S.41.

Hier tritt Stein gegen die klassische Hierarchie im Judentum auf: vielmehr sollen alle im Volk Israel Wissende sein. (Siehe: Schrift des Lebens, Bd.2, S.450).

Stein, Schrift des Lebens, Bd.l, S.48.

Vgl. a.a.O., S.3.

A.a.O., S.151.

A.a.O., S.47.

Das „Ich bin" des Menschen ist nur von Bedeutung, insofern es mit dem göttlichem „Ich

bin " in Zusammenhang steht:

„Denn das „Ich bin" des Menschen hat nur Werth und Bedeutung, insofern es mit dem göttlichen „Ich bin" im innigsten Zusammenhange steht. "176

Gott und Mensch sind verbunden insofern, dass die Religion, der Glaube aus dem Menschen

kommt, nicht in den Menschen gesetzt wird:

„Die Religion ist im Menschen und aus dem Menschen“ , der Glaube ist „ Vertrauen, unerschütterliches Festhalten an dem tief, rein und klar empfundenen, gewusstem, vorher erkannten Gott."

Darum macht das Judentum das Erkennen in göttlichen Dingen zur ersten Religionspflicht,  denn Gott ist die Vernunft selbst:

Wer das unbedingte Recht der Vernunft auf religiösem Gebiete leugnet, der leugnet Gott, der die Vernunft selbst ist. "

Von der Einigen Gottheit zur Einigen Menschheit - das ist die Forderung, die Steins Bibelauslegung ausmacht. Stein ist von der Einigung und Verbrüderung der Menschheit begeistert. Auf seinem Grabstein finden sich Worte, die Stein als Inschrift hinterlassen hat:

Mein Vermächtnis:

„Ich verkündete die welterlösende, weltverbindende

Lehre des einigen Gottes, sein Name sei gelobt!

Diese Lehre schließt jede Ausschließung aus, während

sie alle Menschen in den einigen Bruderbund einschließt!

Ein einziger Gott und eine einige Menschheit!

Diese Verkündigung war mein Ziel im Leben, ist

mein Erbe im Tode."

Wie soll in der Krisenzeit, in der Stein lebte der Frieden wiederhergestellt werden, fragt Stein. Die Antwort auf diese Frage soll seiner Meinung nach im Glauben, in Religion gefunden werden: "Von Gott gelangen wir zur Menschheit“.

Steins Bibelauslegung dient dafür, die Bedeutung der jüdischen Lehre für die Gegenwart und die Zukunft, das hohe ferne Ziel der mosaischen Lehre am „Ende der Tage"aufzuzeigen.

 

 

 

 

58

A.a.O., S.46.

A.a.O., S.45.

A.a.O., S.46.

Vgl. ebd. Das ist eine klassische Vorstellung im Judentum und findet sich zum Beispiel bei M. Maimonides in Mishneh Tora.

Stein, Schrift des Lebens, Bd.l, S.46.

A.a.O., S.l.

Die jüdische Religion hat eine Sonderaufgabe, sie ist nicht überflüssig geworden:

Worin, um der Menschheit Willen des Judentums Sonderaufgabe bestehe, und wie durch das Entstehen der zwei großen Religionen aus ihm sein eigener Fortbestand keineswegs überflüssig, sondern - im Gegentheile! — zur heiligsten Notwendigkeit, zum unumgänglichen Bedürfnis geworden sei."

Welche Rolle spielt die Gotteslehre in dieser Zeit, fragt der Autor:

Was nun ist die heilige Aufgabe Israels in der Gegenwart, die sich so klar und deutlich als eine wichtige Übergangszeit in neue, bedeutungs- und zukunftsvolle Ordnungen zu erkennen gibt?"

Stein spricht über die „Gegenwart und Zukunft der Gotteslehre". „Wahrheit, Recht und Frieden" - ein Ausdruck aus den Sprüchen der Väter 1,18 nennt er „die drei mächtigen Grundsäulen, welche das Judentum in die neue Erde unerschütterlich einsetzen soll... "
 
Jede Religion hat eine besondere Aufgabe. Es gibt zwei Gefahren: man darf nicht im Besonderen befangen und sich nicht im Allgemeinen verlieren. Die jüdische Religion soll das Besondere behalten und dem Allgemeinem angehören:

„Keine Religion darf Besonderes verlangen für sich: alle müssen Alles verlangen für alle. " Das Judentum muss seine selbstständige Aufgabe gerade in der größten Selbstlosigkeit suchen. Nichts Besonderes für uns — alles für die Menschheit. "

 Stein interpretiert die Gotteslehre, die Botschaft der Bibel so, dass alle Menschen sich zum „Bruderbund" einschließen sollen. So wie alle Weltkörper im Zusammenhalt sind, so sollen auch die Menschen zusammenhalten.

Das Judentum soll an Verbrüderung und Völkervereinigung teilnehmen.  Die Religion lehrt die Liebe, die Liebe zu allen Menschen, auch die jüdische. Die Juden können sich nicht nur in ihre Welt zurückziehen, so Stein, sie sollen vielmehr Eins mit der Menschheit sein. Die jüdische Religion soll nicht mehr die Trennung zwischen den Juden und den Nichtjuden verschaffen.

 

 

 

59

A.a.O., S.23.

A.a.O., S.360.

A.a.O., S.366.

A.a.O., S.4.

A.a.O., S.376.

Vgl. a.a.O., S.5-6.

Vgl. a.a.O., S.361-363.

 Stein anerkennt die Anforderungen der Zeit als religiöse:

Was etwa Ausschließliches noch in unseren Lehren sei, dass es entfernt, was Abschließendes (Trennendes) noch in unseren Satzungen ist, dass es ausgeschieden werden müsse. "

Die Ziele dieser Ausscheidung sind:

1) vorurteilsfreie Verständigung unter den Religionen;

2) innere Verbrüderung unter den Völkern und Annäherung unter den Menschen.

 

Es geht in seiner Zeit um den Kampf zwischen Nationen. Das Judentum ist nach seiner Auffassung keine Nation mehr, denn es hat nach der Zerstörung Jerusalems und dem Ende des Priestertums aufgehört die Religion eines bestimmten Staates zu sein. Stein formuliert die Aufgabe der jüdischen Religion in der Gegenwart und Zukunft und das Ziel, das ihre Lehrer anstreben sollen: das Judentum ist ein Rettungsmittel für die ganze Menschheit, ein Gemeingut in einer Zeit des Sturmes und Kampfes. Das ist die universelle Botschaft der jüdischen Religion. Der Sinn der mosaischen Lehre für die Gegenwart besteht darin: sie soll Menschen vereinigen. Die Religion muss daher umgestaltet werden, um die trennenden Formen abzusondern: „Die religiösen Formen, sowie durch sie bewirkte Trennung, wurden Zweck ihrer selbst.“

Die Satzungen müssen nicht die Juden von den anderen Völkern trennen, denn es gibt nur eine Menschheit: „Nichts, was die Bekenntnisse trennt, sondern was sie einigt, der Kern und Hauptgestalt aller Religionen

sei."

 

So ist der Kern Steins Bibelauslegung die Idee der Einheit des Menschengeschlechts als

Botschaft der Bibel. Die Einheitslehre Gottes soll Frieden stiften und die Menschheit

verbinden.

Stein spricht über die Gegenwart und Zukunft der Gotteslehre. Sein Blick richtet sich auf die

Zeitverhältnisse: es gibt den dreifachen Kampf der Nationalitäten, Religionsparteien und

Stände. Die mosaische Gotteslehre hat in den Kämpfen der Gegenwart die Botschaft von

Wahrheit, Recht und Frieden.

 

 

 

60

A.a.O., S.23.

Ebd.

Vgl. Stein, Schrift des Lebens, Bd.l, S.368.

Vgl. a.a.O., S.360.

Diese Idee ist nicht neu und gehört zu der universellen Botschaft des ethischen Monotheismus.

Stein, Schrift des Lebens, Bd.l, S.379.

A.a.O., S.375.

Stein legt die Bibelstelle aus Jesaja 40-66 aus, in der es über die Verheißung an das Volk Israel handelt. Die Wahl dieser Bibelstelle, die ein messianisches, eschatologisches Element besitzt für seine Auslegung, ist ein Beleg dafür, dass Stein in einer Krisenzeit lebte und seine Bibelauslegung mit Hoffnung verbunden war.

 

 

 

 

IV. Kapitel: Die Beziehung zur Halacha in den Werken von Rabbiner Dr. L. Stein

1. „Der Weg des Lebens ist die Führung zur Sittlichkeit." Das Judentum als Sittengesetz

 

Nach der Meinung der Reformer sollte der hohe sittliche Gehalt der jüdischen Religion

hervorgehoben werden. Diese Idee gehört der jüdischen Aufklärung, der Haskala.

Die Reformer bezeichnen den traditionellen Monotheismus als ethischen; letzterer stellte für

die Reformbewegung den Kern des Judentums dar. Stein bekennt sich zum ethischen

Monotheismus:

„Die jüdische Lehre ist vor allem Sittengesetz.

...Der Weg des Lebens geht von Einheit zu Einheit, und einig wie über Grundlehren

der Religion sind die Israeliten der Gegenwart über die religiösen Grundgesetze der Sittlichkeit."

 

In seinem Drama „Haus Ehrlich oder: Die Feste" hat Stein seine Auffassung des sittlichen Judentums zum Ausdruck gebracht.

Das Drama wurde 1863 geschrieben. Es ist ein historischer Zeugnis der Zeit, in der Stein gelebt hat. Steins Absicht im Drama ist eine Übergangszeit, den Anfang einer neuen Epoche, das erste Aufdämmern der Neuzeit in einer altjüdischen Gemeinde am Ende des vorigen Jahrhunderts" zu zeigen. Hier übt Stein außerdem Kritik an der Willkür der Rabbiner; er äußert sich vor allem zum Problem der Bann-Verhängung.

 

 

 

61

A.a.O., S.27.

Vgl. Vorwort zu Stein, Haus Ehrlich.

1.1 Drama „Haus Ehrlich oder: Die Feste". Kurze Zusammenfassung des Inhaltes des Dramas

 

Jacob Ehrlich, der Sohn von Kaufmann Benedict Ehrlich, wird von Rabbi Schwarzmantel beschuldigt, er hätte den Shabbat entweiht. Der Rabbiner-Vorsitzender des Rabbinatskollegiums soll ihn richten und stimmt gegen den Bann. Statt dessen verhängt Rabbi Schwarzmantel selbst den Bann gegen Jacob. Es gibt keine Einigung in der Gemeinde, was zum Beispiel die Bann-Verhängung betrifft. Jacob muss sein Haus verlassen und geht nach Lothringen. Kaufmann Ehrlich muss 150 000 Taler tilgen und würde so mittellos werden und seinen Hausbesitz verlieren. Das „Haus Ehrlich" ist somit zerstört. Im letzten Moment kommt die Hilfe, denn Jacob kehrt heimlich zurück und bringt das Geld. Damit das „Haus Ehrlich" bestehen bleiben kann, muss Jacob als Erbe zurück kommen können, doch das geschieht nur, wenn Rabbi Naphtali der Bann gegen ihn aufhebt. In der Zwischenzeit flieht der Sohn von Rabbi Naphtali mit seinem Erbe. Naphtali ist „zerstört": er bleibt allein ohne Sohn und Mittel zum Leben. Benedict Ehrlich kann ihn retten, aber er bittet ihn um Hilfe: Naphtali soll den Bann gegen Jacob aufheben. Naphtali bleibt nichts übrig, als das zu tun. Das Haus Ehrlich ist gerettet, Jacob kommt zurück.

 

1.2  Die Gestalten der Drama: Kaufmann Ehrlich und Rabbi Schwarzmantel - zwei gegensätzliche Charaktere, die zwei Kräfte symbolisieren: das „alte" Judentum und das aufgeklärte

 

Die Hauptgestalten der Drama  sind Kaufmann Benedict Ehrlich und Rabbi Naphtali Schwarzmantel. Sie symbolisieren zwei gegensätzliche Kräfte, die die historische Bühne am Anfang des 19. Jahrhunderts betreten und damit eine historische Bedeutung hatten. Kaufmann Ehrlich repräsentiert das aufgeklärte Judentum und Rabbi Schwarzmantel das orthodoxe. Das Ziel, das der Dichter in „Haus Ehrlich" anstrebt, lautet: „ die Entwicklung des religiösen Sinnes und Lebens zur gottähnlich reinen Menschlichkeit".

 

Die Namen der Figuren sind „sprechende". Kaufmann Benedict ist einer davon. Der Name ist kein jüdischer, er bedeutet im Lateinischen „derjenige, von dem Gutes geredet wird." In seiner Charakterisierung gibt es Anklänge an Spinoza . Kaufmann Ehrlich und sein Sohn Jacob symbolisieren die neue Generation der aufgeklärten Juden. Jacob studiert an der Universität; er ist ein Denker, der die Gesetze mit Hilfe der Vernunft begreifen möchte.

                                                                                                                                                                                                 

 

 

 

 

 

 

62

Vgl.ebd.

Spinosa, Baruch (Benedict) (1632-1677), Philosoph. Viele moderne jüdische Denker sehen seine Philosophie als Grundlage für die universellen Ansichten in der Philosophie.

Der Name des Rabbi Naphtali ist ein biblischer - so hieß einer der Brüder Josefs. Es gibt zwei „Arten" der Rabbiner im Drama: einen, der Vernunft und freien Geist fordert und den anderen, der keine Kompromisse schließt, der keine Freiheitsansprüche duldet. Er richtet nur nach dem Gesetz, Menschen werden für ihn für „leere" Befolger des Gesetzes.

 

1.3 Das Thema des Dramas - das Aufkommen einer neuen Generation der reformatorisch gesinnten Männer in einer jüdischen Gemeinschaft in Deutschland

 

Das Thema des Dramas „Haus Ehrlich" ist es, die Neuerungen in einer jüdischen Gemeinde

in Deutschland in der Neuzeit und die Durchsetzung von Reformen in der einzelnen

Gemeinde aufzuzeigen.

Der Autor verdeutlicht das Aufkommen der erleuchteten und reformatorisch gesinnten

Männer und die Veränderungen in der jüdischen Gemeinschaft, die damit verbunden sind.

Seine Absicht ist, die Neuerungen „durch das Auftretten des edlen, von der Wissenschaft der

Neuzeit, in Verbindung mit gründlichen Kenntnis der hebräischen Urkunden, erleuchteten,

aufgeklärten und reformatorisch gesinnten Mannes in ihr darzustellen " .

Der Glaube an die neue Zeit des Friedens ist das Hauptmotiv in dem Drama. Die Aufklärung

soll diese neue Zeit des Friedens stiften. Die Figur des Benedict Ehrlich repräsentiert diesen

Glauben; er glaubt an die Kraft der Aufklärung:

„Doch merkt man einen Umschwung der Gedanken-.

Die Schriften Mendelssohn^, des edlen Weisen,

Der groß erscheint auch in der Feinde Augen,

Die Schriften selbst der Frommen aus den Völkern,

Des wackern Dohm, des lichtbegabten Herder,

Vor allen aber Lessing's, des Verklärten-

Sie bringen eine neue Zeit des Friedens... "

1.4 Steins Ideal des Rabbiners im Drama

Stein übt im Drama Kritik an den orthodoxen Rabbiner Schwarzmantel. Dieser Rabbiner „hemmt" den freien Geist. Er verfolgt und beschuldigt den aufgeklärten Jacob, den Shabbath zu entweihen und die Ewigkeit des Talmuds zu leugnen. Rabbiner Schwarzmantel legt den

 

 

 

 

63

Vorwort zu Stein, Haus Ehrlich.

Stein, Haus Ehrlich, S.10. Das ist das klassische Versmaß im Deutschen, ein Shebiger reimloser Jambus, der sogenannte „Blankvers".

Bann auf Jacob, obwohl das Rabbinatskollegium dagegen ist. Stein übt im Drama Kritik an der Willkür der Rabbiner bei der Bann - Verhängung. Seiner Meinung nach soll der Zwang in den religiösen Angelegenheiten abgeschafft werden

 

Steins Botschaft lautet: der Mensch wird nach den Werten der Sittlichkeit und Moral bewertet und nicht ausschließlich nach seiner Gesetzestreue. Zu Charakterisierung des talmudischen Judentums passen Worte, die Stein in den Mund von Jacob gelegt hat:

„Ich ehre wohl des Talmud's kühnen Bau,

Und auch die frommen Männer, die ihn bauten.

Doch nur der Ewige baut ewig Menschen,

Bild ihrer selbst, baun Häuser, die verfallen. "

Die Bibel ist die „ewige" Lehre im Gegensatz zum Talmud: „Doch nur der Ewige baut ewig".

 

Steins aufklärerische Ansichten kommen im Drama deutlich zum Ausdruck. Es herrscht in der Gesellschaft der optimistische Glaube an den Fortschritt, der für das 19. Jahrhundert typisch ist. Dieser Glaube schlägt sich auch auf dem religiösen Gebiet nieder. An Stelle des „ungebildeten", konservativen Rabbis bedarf es eines ganz neuen, den Anforderungen der Zeit gewachsenen Typs von Rabbiner. Er soll akademisch gebildet und offen für den Dialog mit den modernen Wissenschaften sein. Dieser neue Rabbiner-Typ wurde vorbildlich und anstrebenswert für die Reformer.

 

Die Fragen, die Stein in seinem Drama beantwortet sind: Wer ist beliebt in der Gemeinde? Was ist die Frömmigkeit?

Im Drama bekennt und äußert sich Stein zur Idee des sittlichen Judentums. Die neuen Ideale sind Moral und Ehre. Fromm sind hier nicht die Gelehrten, sondern diejenigen, die die Liebe der Mitmenschen verdienen. Nicht durch die volle Befolgung des religiösen Gesetzes, sondern durch ihr Benehmen gegenüber den Mitmenschen und die moralischen Eigenschaften werden im Drama die Charaktere als fromm bezeichnet. So sind die aufgeklärten Kaufmann Benedict Ehrlich und sein Sohn Jacob „fromm":

 

 

 

 

 

64

Stein, Haus Ehrlich, S.55.

Vgl. a.a.O., S.147.

„Benedict Ehrlich ist ein Ehrenmann. Wo ist die Familie, der er nicht gedient? Wie viele Armen segnen ihn! Wie viele Waisen nennen ihn Vater! Wie viele Witwen fanden in ihm ihren Annehmer! — sein ganzes Leben ist eine Kette von edlen Handlungen, die ihn mit Gott und den Menschen verbinden!"

Ein anderer, David, sagt über Ehrlich:

„Herr Ehrlich ist mehr Werth als zehn und abermals zehn solcher
              Schwarzmäntel"

Und der Sohn des Rabbi Schwarzmantel, ein Repräsentant des traditionellen Judentums, sagt über den aufgeklärten Juden Jacob:

„Ja, dieser Jacob Ehrlich ist mein Schutzgeist!-

Er offenbarte mir ein fromm Gemüht,

Wo majestätisch thront ein heil'ger Sinn,

Auf Fundamenten unerschütterlich. "

Im Gegensatz dazu wird der konservative Rabbi von Jacob Verfehlungen wie „Falschheit, Unrecht, Zwietracht" beschuldigt.

„Haus Ehrlich" ist Bekenntnis eines aufgeklärten Mannes, der an die Ideale der Freiheit und des Friedens glaubte. Das religiöse Gesetz ist ein Sittengesetz. Der hohe sittliche Rang der jüdischen Religion sollte L. Steins Meinung nach hervorgehoben werden. Im Drama „Haus Ehrlich" wird die Idee des sittlichen, moralischen Judentums, wie Stein sie auffasste, zum Ausdruck gebracht.

Im „Haus Ehrlich" zeigt Stein die Prozesse, die im Judentum in der Neuzeit geschahen. Das ist vor allem das Aufkommen einer neuen Generation der reformatorisch gesinnten Männer in einer jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. Stein zeigt die Veränderungen in der jüdischen Gemeinschaft, die von den historischen und gesellschaftlichen Prozessen, von der Aufklärung und dem Glauben an die Kraft des gesellschaftlichen Fortschritts beeinflusst waren.

 

 

 

 

 

 

65

A.a.O., S.73.

Ebd.

Stein, Haus Ehrlich, S.83.

Vgl. a.a.O., S.54.-

2. Die reformerische Haltung Steins zum Gesetz im Drama

2.1   Die   „Reformierung   des   religionsgesetzlichen   Lebens"   in   Steins   Auffassung.

Beurteilung einzelner Satzungen

 

Wo in der Religion das Geheimwesen
anf
ängt, da hört die Vernunft auf.
Rabbiner L. Stein, Schrift des Lebens

 

Der Hauptgedanke der Bibelauslegung Steins war: weil die Gegenwart die Annäherung zwischen den Menschen fordert, sollen die religiösen Gesetze nicht mehr eine Trennung zwischen den Juden und anderen Völkern bewirken.

Die Neuzeit stellte nach der Auffassung L. Steins der gesamten Menschheit „jene große Doppelaufgabe", die sich in den Worten zusammenfasst:

„Die Geister müssen befreit, dabei aber unter der heilsamen Zucht vernünftiger Gesetze gehalten werden. "

In seiner reformerischen Haltung zum Gesetz wollte Stein die religiöse und vernünftige Überzeugung verbinden. Die Gegenwart begrüßte er optimistisch als den Einbruch eines neuen Zeitalters, in dem die angeblich „starre Gesetzlichkeit der Vergangenheit" durch den kritischen Verstand überwunden wird:

„Auf Erkennen, Forschen, Wissen war und blieb es gegründet, von Moses bis auf unsere Zeit. Sein Vernunft befriedigender Ausspruch, dass Gott nicht den Glauben richte, sondern die That, sowie der auszeichnende Umstand, dass die göttliche Lehre nicht auf Glaubenssetzen beruhe, sondern auf Grundsätzen, hat die Forschung auf religiösem Gebiete von jeher frei gegeben. "

Stein hat sich schon in früher Jugend die Aufgabe gesetzt ein „Lehrer der Wahrheit" zu werden und „...die Deinigen erlösen helfen aus geisterdrückenden Formeln...". Die Loslösung von der „beengenden talmudischen Weltanschauung“

war das Ziel seiner Reformierung des Judentums. Stein ging an die jüdische Tradition wissenschaftlich heran. Die Vorschriften und Bräuche, die nach der Meinung der Reformer keinen wesentlichen Teil des Mosaischen Gesetzes bildeten und ein Produkt späterer Perioden waren, forderte er

 

 

 

 

 

66

 Stein, Schrift des Lebens, Vorrede zum Bd.2, S.XXVI.

Vgl. Stein, Schrift des Lebens, Bd.2, S.454.

Vgl. Brämer, Bd.2, S.143.

Stein, Schrift des Lebens, Bd.l, S.370.

A.a.O., S.9.

A.a.O., S.10.

aufzugeben, denn laut seiner Begründung waren sie darum für die moderne Gesellschaft ungeeignet. Folgende Aufgaben benannte Stein für die Reform des Judentums: die Wiederherstellung und Rückkehr von dem Missbrauch zum Brauch.

 

2.1.1 Liturgische Reformen (Auswahl)

 

In der Auffassung der Reformierung des Judentums, die Rabbiner Stein vornimmt, nimmt die Würdigung einer neuen Rabbiner - Generation ihren wichtigen Platz ein. Die jüngeren Rabbiner begannen ihre amtliche Tätigkeitin dem Bestreben „das Judentum mit der Wissenschaft, das jüdische Volk mit den Anforderungen der vorangeschrittenen Gegenwart auszusöhnen.“ Die Rabbiner-Versammlungen (1844/45/46), an denen die jungen Rabbiner teilnahmen, hatten zur Neugestaltung des Gottesdienstes beigetragen. So wurde empfohlen die Orgel einzuführen, die Tora - Vorlesung am Shabbat zu kürzen. Weitere Reformen waren Kürzung der hebräischen und dafür Vermehrung der deutschen Gebete. Besonders wurden aber von Stein die Reformen hervorgehoben, die die Beseitigung von manchen Gebeten einschlössen.

Diese Beschlüsse hielt Stein für die von der größten Wichtigkeit, denn sie dienten „zur Herstellung eines zeitgemäß erbaulichen Gottesdienstes. „ Diese Reformen waren nach Steins Beobachtung bereits in zahlreichen Gemeinden zur tatsächlichen Ausführung gekommen.

 

Die liturgischen Reformen, die Stein forderte, betrafen den zweiten Feiertag, die nicht­mosaischen Feiertage und, wie schon erwähnt, die Gebete.

Ich möchte in diesem Kapitel exemplarisch vorgehen und einige Punkte präsentieren, d. h. die Beurteilung einzelner Satzungen durch Stein.

Steins Reformhaltung betraf vor allem die Liturgie und die Synagoge. Als sinnvoll hat Stein die eingeführten Reformen des Gottesdienstes betrachtet wie Predigt, deutsche Gebete, Einführung von Orgeln und Kürzung des Gottesdienstes.

Stein selbst war ein „geistvoller" Prediger. Predigt sollte nach jeder Tora-Vorlesung gehalten werden. Stein hat einige Predigtsammlungen verfasst, am bekanntesten ist „Koheleth"

 

 

 

 

 

67

Vgl. Grübel, S.153.

Stein, Leopold, Koheleth. Eine Auswahl gottesdienstlicher Vorträge gehalten in der Hauptsynagoge zu Frankfurt am Main in den Jahren 1844-1846, Frankfurt, 1846, S.VIII.

Stein, Schrift des Lebens, Bd.2, S.446-448.

Vgl. a.a.O., S.449.

Vgl. ebd.

(„Prediger"). In der Vorrede zu dieser schreibt Stein über die Entstehung der Predigt. Seiner Meinung nach ist sie aus dem jüdischen Gebiet ins christliche versetzt worden, also grundsätzlich eine jüdische Einrichtung, und dass der Talmud die Entstehung der festlichen Vorträge zur Einschärfung der an jedem Feiertag üblichen Gesetze bis zu Moses zurück führt. Die Worte der biblischen Propheten wurden auf öffentlichen Plätzen zum versammelten Volk gesprochen um „Gottesfurcht, Tugend, Nationalgefühl und Liebe für die Lehre Israels" zu wecken.

 

Der zweite Feiertag wurde für die Juden in den Länder der Diaspora eingeführt, und zwar bei den Festen Schawuot, Rösch haschana, Jom Kippur, Pessach und Sukkot. Den zweiten Feiertag hielt Stein für nicht halachisch, und während seiner Amtszeit in Frankfurt hat Stein tatsächlich den zweiten Feiertag abgeschafft. Die Begründung für die Abschaffung war folgende:

„Die von den Rabbinen hinzugefügten zweiten Festtage aber, sechs an der Zahl, haben für unsere Zeit keinerlei Begründung mehr, und sind deshalb sämmtlich, als dem biblischen Gesetze und göttlichen Willen geradezu entgegen, abzustellen. Das ist heilige religiöse Pflicht. "

Die Feiertage Channuka und Purim wurden mit dem Argument, sie hätten keine Begründung in der Tora, von Stein als nicht halachisch erklärt:

„Außer dem Sabbath sind uns weitere sieben Tage des Jahres, in fünf Festen, als gottgeheiligte Zeiten anempfohlen und mit den zu ihnen gehörigen Satzungen mosaisch geboten. - Dazu kommen, als nachmosaisch, Channucca und Purim.“

Nach der Auffassung Steins soll das Gebet Wahrheit sein. Die Gebete, die keine Wahrheit sind, müssen beseitigt werden. Das sind die folgenden Gebete: über die Wiederherstellung des „blutigen Opferdienstes" und mit der Bitte um Wiederherstellung eines jüdischen Reiches und Königtums. Stein ist gegen die Herrschaft eines Menschens, er ist allein für die Gottes Regierung durch sein Gesetz. Hier wird die Auffassung Steins der messianischen Zukunft deutlich: sie fasst er als ein Gottesreich auf, in dem alle Völker „Gottes Volk" sein werden; Gott wird die Erde durch Recht, Wahrheit und Frieden gestalten.  Mit der zweiten Neugestaltung „ tritt Israel erst recht eigentlich in den Gesammtbund der Menschheit ein und kennzeichnet seine erhabene Zukunft als eine reine, allgemein messianische".

 

 

 

 

 

68

Stein, Koheleth, S.III-IV.

Stein, Leopold, Torath - Chajim, Das jüdische Religionsgesetz, Straßburg, 1877, S.24.

Ebd.

Stein, Torath - Chajim, S.25-26.

Stein, Schrift des Lebens, Bd.2, S.450.

Zur Sprache der Gebete wird folgende Äußerung gemacht: ein Teil der Gebete soll in

hebräischer Sprache   (zur Erhaltung der Einheit der Synagoge auf der ganzen Erde), der

größere Teil aber in der Landessprache /Muttersprache gehalten werden.

Aus den Gebeten sollen Stellen entfernt werden, die über die Anerkennung der rabbinischen

Anordnungen als von Gott stammend handeln, zum Beispiel das Anzünden des Chanukka-

Lichtes und Lesen des Hallel.

Das   reformierte   Judentum   bricht   nach   der   Auffassung   Steins   mit   altrabbinischer

Vergangenheit:

„...die Blicke des Altrabbinismus sind rückwärts gerichtet, - Wiederherstellung des untergegangenen Königtums, Reiches, Tempels, Priestertums, Opfers. ...Unsere Hoffnung aber, ist auf ein Voran- u. Hineinschreiten des Judentums in die Menschheit gerichtet. "

Das ist Steins Meinung nach der tiefgreifendste Unterschied zwischen der älteren Richtung (dem traditionellen Judentum) und der neueren (dem Reformjudentum).

 

2.1.2 Speisegesetze (Auswahl)

 

Die jüdischen Speisegesetze lassen sich in folgende Arten gliedern: verboten ist der Genuss des Fleisches a) der unreinen Tiere (aufgrund von Lev.ll und Deut. 14,3-20). Als rein gelten unter den Säugetieren nur die Wiederkäuer mit gespaltenen Klauen. Von den Fischen gelten nur solche als erlaubt, die Schuppen und Flossen haben, b) von Aas und Zerrissenem (aufgrund von Ex.22,30; Deut. 14,21). c) von Säugetieren und Vögeln, die nicht vorschriftsmäßig (durch Schächtschnitt) geschlachtet sind. Ein nicht vorschriftsmäßig geschächtetes Tier wird „Aas" genannt.

 

Die talmudischen Speisegesetze unterstreicht Stein als diejenigen, in deren Begründung keine Vernunft liegt.

Stein äußert sich über seine persönliche Einstellung zu den Speisegesetzen: nach der Meinung Steins sind die talmudischen Speisegesetze diejenigen, die am meisten die Trennung von der nichtisraelitischen Gesellschaft bezwecken, die jedoch findet Stein für die Gegenwart als

 

 

 

 

 

69

Vgl. Stein, Torath - Chajim, S.26.

Siehe Kap. 3.

Vgl. Stein, Torath - Chajim, S.26-27. (Hallel: 6 Psalmen im täglichen Morgengebet).

Stein, Schrift des Lebens, Bd.2, S.450.

A.a.O., S.451.

Vgl. Jüdisches Lexikon, Stichwort: Speisegesetze, Bd.IV, Frankfurt, 1987, S.539-541.

negativ, denn die Zeit „stiftet Annäherung" unter den Menschen und „ versetzt den Israeliten  in fortwährenden Verkehr mit der nichtisraelitischen Welt":

„Handelte es sich gar um Nichtbeachtung talmudischer Speisegesetze - die, im weitesten Umfange, ich nicht nur für überlebt, sondern geradezu für verwerflich halte, weil dieselben, zur Zeit ihrer Einsetzung eine heilsame Trennung von den Völkern bewirkend, jetzt, unter ganz anderen Verhältnissen, die heilsamere Annäherung unter den Menschen beeinträchtigen - so übte ich Dieses, im Gegensatze zu der Offenheit, womit ich es jetzt bekenne, mit der Scheu eines das Versteck suchenden Menschen, der im Begriffe ist, ein Verderben zu begehen. "

Stein nennt zwei Arten der Verbote in der Tora: Gesetze über die verbotenen Tiere (Lev.ll und Deut.14) und Verbot des Blutgenusses (Lev.17,12 und Deut.12,23). Diese Gesetze bezeichnet Stein als sittliche Gesetze der Heiligung und der „Bewahrung unserer Natur von Schaden und Entwürdigung."

 

Die rabbinschen Speisegesetze unterscheiden sich von den mosaischen; Stein listet alle rabbinischen Speisegesetze auf. Zu ihnen zählt er: 1. Alle Verbote von „Trefa", mit Ausnahme des biblischen Verbotes von Zerrissenem auf dem Felde; 2. das Verbot der Mischungen von Fleisch und Milch; 3. das Verbot der Spannader; 4. das Verbot des Genusses vom Fleisch eines nicht nach rabbinischer Vorschrift - Schechita — geschlachteten Tieres; 5. das Verbot des Weines, den ein Nichtisraelit gekeltert oder berührt hat; 6. der Milch von einem mosaisch erlaubten Tiere, deren Gewinnung nicht in Gegenwart eines Israeliten stattgefunden hat.

 

Für alle diese rabbinischen Speisegesetze, sagt Stein, findet sich im mosaischen Gesetz keine

Begründung, und darum sind sie seiner Meinung nach nicht obligatorisch.

Die Eingriffe, die Stein in der Auffassung der Speisegesetze vornimmt, sind von massiver

Art:

„Für alle diese Verbote findet sich im mosaischen Gesetze, nach dessen unzweideutiger Fassung und vernunftklarem Verständnis, keine Begründung. Wer daher diese erschwerenden Satzungen nicht beobachtet, der hat sich nicht nur gegen das heilige Gesetz nicht verstehlt, sondern zu dessen Wiederherstellung in seiner

 

 

 

 

 

 

 

 

70

Stein, Schrift des Lebens, Bd.2, S.465

Stein, Schrift des Lebens, Bd.l, S.17.

Stein, Schrift des Lebens, Bd.2, S.465.

Vgl. Stein, Torath - Chajim, S.22.

 

Reinheit,   sowie   zur  Ermöglichung   eines   religionsgesetzlichen  Lebens   in   der Gegenwart gewissenhaft und in rettender Weise beigetragen. "

 

Die Verbote von „Trefa", mit Ausnahme des biblischen Verbotes von Zerrissenem auf dem Felde, und der Schechita verdienen eine Erklärung.

Als ein Beispiel der Trübung des Gesetzes durch die Rabbinen kann die talmudische Satzung von „Trefa" dienen. Diese Satzung ist außer dem biblischen Verbot vom Zerrissenem auf dem Felde nach Steins Meinung nicht mosaisch (nicht „min - hatora"); das bedeutet, dass jemand, der dieses Gesetz nicht beobachtet, „kann in seinem Gewissen beruhigt sein, kein mosaisches Gebot übertreten zu haben!".

Die zahlreichen traditionellen Bestimmungen über „Trefa" stellen sich dar nur als eine Erweiterung und Entwicklung des biblischen Begriffes „terefa". Die Bedeutung dieses Begriffes in der Tora ist: vom Raubtier Zerrissenenes. Die Tradition (das talmudische Judentum) erweitert diesen Begriff - anstatt einem vom Raubtier zerrissenen Tier bezeichnet die Tradition jedes Tier als Trefa, das irgend eine bedenkliche Verletzung erfahren hatte oder von der Natur derart beschaffen gewesen war, dass es nicht lange mehr leben könnte. Dasselbe gilt auch für die Satzung über die Schechita. In der Tora befindet sich ein Gesetz über das Gebot vom Schlachten der reinen Tiere :

„...und du sollst schlachten von deinem Rind — und deinem Kleinvieh, welches der Ewige dir gegben hat, wie ich dir geboten habe". (Deut. 12,21).

Aber die Beschreibung der Schechita findet sich nicht in der Tora, sondern in der mündlichen Tradition:

...und da Gott doch in der Tora schriftlich nirgends befohlen hat, wie man schlachte, so geht daraus hervor, dass die betreffenden Meinungen in mündlicher Belehrung gegeben wurden. „Die Tora befiehlt nirgends, wie geschlachtet werden soll. Talmud gibt das auch zu. ...Mosaisch also, biblisches Gebot, ...ist die Schechita nicht."

Die Beurteilung der Schechita ist damit folgende:

 

 

 

 

 

 

71

A.a.O., S.22-23.

Ex. 22,30: „Fleisch von Zerrissenem auf dem Felde sollet ihr nicht essen.".

Stein, Schrift des Lebens, Bd.2, S. 129, 456.

Man ging offenbar davon aus, dass das Raubtier, wenn es sein Beutetier anfällt, die inneren Organe desselben löchert, wodurch das Tier, auch wenn es dadurch nicht getötet wird, auf die Dauer lebensunfähig wird, und, indem man die Ursache der Löcherung als an sich gleichgültig betrachtete, sah man die Löcherung, die das Tier lebensunfähig macht, als den Grund des ganzen Verbotes an. Zitiert nach: Jüdisches Lexikon, Stichwort: Speisegesetze, Bd.IV, Frankfurt am Main, 1987, S.541.

Stein, Schrift des Lebens, Bd.2, S.137-138.

A.a.O., S.138.

„...und da wir die biblischen Speisegesetze aufrecht erhalten, von den nichtbiblischen aber unsere Brüder befreit sehen möchten, so halten wir es zur Beruhigung des Gewissen, zur Wiederhersellung eines religionsgesetzlichen Sinnes und Wandels, zur dringend nothwendigen Ausgleichung der Anforderungen der Religion und des Lebens — für das höchst verdienstliche Werk aller...sich in der Erklärung zu vereinigen: die „Schechita" ist eine blos rabbihische Satzung und in ihrer Nichtbeobachtung liegt kein Verstoß gegen eine biblische oder mosaische Vorschrift. "

 

Der Grund für diese grundsätzlichen Eingriffe ist der Ausgleich zwischen den Anforderungen der Zeit und denen des Lebens. Die Satzungen, die keine vernünftige Erklärung finden, sind nach der Auffassung Steins in der Gegenwart überflüssig:

„Alle rabbinische Satzungen aber, welche das Leben übermäßig belasten und hemmen, die Würde der Religion beeinträchtigen, dem klaren Gottesgesetze in der Schrift Eintrag thun und dasselbe trüben oder gar verunstalten, halten wir uns nicht nur für befugt, sondern für verpflichtet, abzustellen und ihnen in unserem und der unsrigen religionsgesetzlichem Leben einen Raum nicht zu verstatten. "

 

3. Kritik an dem „willkürlichen" Vorgehen der Rabbinen in den Werken L. Steins

 

Stein bezeichnet die Lehre (die Tora) als das Licht :

 

„Denn das Gebot ist die Leuchte, die Lehre ist das Licht, doch der Weg des Lebensist die Führung zur Sittlichkeit."

Die Licht - Symbolik verwendet Stein als Ausdruck für Wahrheit und Vernunft. Jede Offenbarung Gottes ist Licht:

„Jedes Schöpfungswerk ist ein Gottesgedanke, sich offenbarend im Lichte, vom Licht erfüllt in allen Tiefen, ein Strahl des Urlichtes.“

Die Lehre ist das Licht, wobei das Licht für die Vernunft und Reinheit steht:

„Diese Gesetze sind in unserer Natur begründet und daher der Vernunft von selbst einleuchtend. Allein die mosaische Lehre enthält auch Satzungen, welche nicht aus

 

 

 

 

 

72

Stein, Schrift des Lebens, Bd.3, S.146-147.

Stein, Torath - Chajim, S.21.

Die Licht-Symbolik spielt auch eine zentrale Rolle in der Aufklärung. Dem deutschen Wort „Aufklärung" entsprechen das englische „enlightment" und das französische „les lumieres".

Stein, Eingangspforte, Schrift des Lebens, Bd. l, S.29.

Stein, Schrift des Lebens, Bd.l, S.38.

unserem Innern stammen, aber in ihrer Weisheit und Zweckmäßigkeit von Natur und Vernunft willkommen geheißen werden. "

So wird die mosaische Lehre, das mosaische Gesetz, als vernünftig von Stein begründet. Gott ist das Licht selbst, darum ist die Wahrheit das Licht, und die Lüge - die Dunkelheit. Gott ist die Urquelle der Schöpfung wie des Lichtes. Aber die Menschheit ist der Vielgötterei verfallen und hat so die Urquelle alles Lichtes verlassen. Seitdem gibt es immer Menschen, die vom richtigen Weg abgehen, Götter auf der Erde machen. Nur einem ist es gelungen, dass er Gott in PQarheit erkannte - das ist Moses, der Mann Gottes. Keine anderen haben das Richtige gelehrt, denn sie wollten etwas Neues bieten. Aber das war falsch! Nur die Mosaische Lehre ist dieser Interpretation nach die einzige:

„Denn es gibt nur Einen Gott und nur Eine Menschheit und nur Eine Religion, dieeinzig in der Verkündigung jener beiden Einheiten besteht. "

So bezeichnet Stein die Tora als die einzige Lehre, die einzig wahre, ewige und für alle Zeiten gültige, denn Stein begrenzt die Offenbarung Gottes nicht auf ein Moment. Sie ist so ewig, wie das Licht.

Wenn Stein über die Lehre von Gott spricht, dann meint er dabei die Grundlage des religiösen Lebens:

„Die einzige göttliche Urquelle unseres religionsgesetzlichen Lebens ist die heilige Schrift,  „die Lehre,  die uns Moses anempfohlen,   als das Erbe der Gemeinde Jacobs "(5.B.M. 33.4) ...Denn das Gebot ist die Leuchte, die Lehre ist das Licht, doch der Weg des Lebens ist die Führung zur Sittlichkeit. "

Stein will die Vernünftigkeit der religiösen Gesetze („Die Lehre ist das Licht...").

 

Neben der geschriebenen Lehre, sagt Stein, geht die mündliche Lehre, als „ein ewig belebender erfrischender Hauch einher, um jene nicht in Erstarrung geraten zu lassen.“

Die mündliche Tradition soll die schriftliche Lehre vor Erstarrung bewahren und darum darf sie seiner Meinung nach nicht aufgeschrieben werden, wie es nach dem talmudischen Gesetz lautete. Moses Wort „Du sollst nichts dazu tun und nicht davon hinwegnehmen" (Deut.4,2) bedeutet, dass kein Prophet aus der Tora, aus dem geschriebenen Gesetz etwas entfernen oder Neues als ein Göttliches eintragen dürfte. Die Kritik Steins geht hauptsächlich dagegen, dass die rabbinischen Gesetze dem göttlichen gleichgestellt werden. Darum äußert er sich

 

 

 

 

 

 

 

73

Stein, Torath - Chajim, S.20.

Stein, Schrift des Lebens, Bd.l, S.40.

A.a.O., S.29.

Stein, Schrift des Lebens, Bd.2, S.155.

Vgl. a.a.O., S.157.

gegen das Aufschreiben des mündlichen Gesetzes. Denn nur die schriftliche Thora bleibt immer gleich (nichts darf man dazuschreiben oder wegnehmen). Die mündliche Tora verliert bei Stein nicht ihre Bedeutung. Nur mit der Verfassung des Talmuds begann seiner Meinung nach eine Stagnation in der jüdischen Religion. Denn das Mündliche schriftlich zu machen brachte eine Erstarrung der Satzungen. Die „alten" Lehrer verdienen viel Lob, Anerkennung und Dankbarkeit. Ohne Absicht haben sie geirrt, wie alle Menschen irren können, „ denn die eigentümliche Schriftauslegung war eine angeerbte, deren Entstehung sich ins Dunkel der Zeiten verliert-da ist es heilige Pflicht, den Irrtum aufzudecken und die getrübte Quelle des göttlichen Wortes wieder zu klären. "

Die Rabbiner haben aber viele neue Gesetze verfasst, die die mosaische Gesetze aufheben. Beispiel aus Num. 6.5: der Nasiräer soll sich das Haar nicht mit einem Scheermesser abschneiden. Die Halacha verbietet es mit irgendwelchem Werkzeug. (Sota 16,1) Hier ist nicht die Rede von einer „Halacha lemosche", das heißt, einer „sinaitischen Überlieferung". Stein erwähnt eine Stelle in Sota 16,1, wo es heißt, "An drei Orten verdrängt die rabbinische Satzung (Halacha) das biblische Gesetz (Mikra), nämlich:

Der Sinn der Mikra: der Nasiräer darf sich das Haupthaar nicht nur nicht mit dem Scheermesser, sondern mit gar keinem Werkzeug abnehmen. Die rabbinische Deutung hat einen entgegengesetzten Sinn, „dass das mosaisch untersagte Scheeren des Bartes, oder vielmehr der Bartenden, nur mit dem Scheermesser, aber nicht mit anderen Werkzeugen verboten sei. " Das ist ein Beispiel, wie der Talmud eine mosaische Satzung aus eigener Machtvollkommenheit abändert. „Das ist gewiss eine große Erleichterung, die wir aber doch als eine Willkür bezeichnen müssen „ , kommentiert diese talmudische Satzung L. Stein. Die mündliche Lehre ist im Laufe der Jahrtausende durch die menschliche Kreativität im Laufe vieler Generationen entstanden. Stein stand seinerzeit auf der Seite Rabbiners Zacharias Frankel, der das positiv-historische Judentum vertrat. Die Tradition muss laut diesem Aussagepunkt als ein historischer Prozess verstanden werden.

Die Darstellung der Entwicklung des rabbinischen Gesetzes, die Stein vornimmt, zeigt, wie die rabbinischen Gesetze entstanden sind, und dass sie sich entsprechend den neuen historischen Umständen geändert haben. Das mosaische Gesetz wurde durch das mündliche Gesetz der Rabbiner ergänzt und reinterpretiert um den Anforderungen geänderter historischer Umstände gerecht zu werden.

 

 

 

 

 

 

 

74

Vgl. Stein, Leopold, Tora umizwa (Lehre und Gebot), Frankfurt am Main, 1858, S.124.

Vgl. Stein, Torath - Chajim, S.U.

Stein, Schrift des Lebens, Bd.2, S.V.

Stein, Schrift des Lebens, Bd.2, S.164.

A.a.O., S.165.

Die religiösen Gesetze sollen Steins Meinung nach allen verständlich sein. Alle heiligen Gebote waren zur Zeit, als sie gegeben wurden, für alle verständlich. Sie waren einem „Volke von Priestern" gegeben, das heißt, alle mussten Wissende, Erkennende sein. Die mosaische Lehre sollte für jeden zu entschlüsseln sein. Im Gegensatz dazu gibt es im rabbinischen Judentum eine „Fülle von Satzungen, in einer unfassbaren Fülle von Büchern aufbewahrt, wozu nur Wenige den Schlüssel haben“ Die „heidnische Art" nennt Stein die Scheidung von Wissenden und Nichtwissenden, die das talmudische Judentum seiner Meinung nach macht. Die Rabbiner haben Gebräuche eingeführt, für welche die Vernunft keinen Sinn hat.

Stein kritisiert die Unwissenheit und Begrenztheit der Rabbinen, wobei er die Vernunft gleich dem Wissen stellt. Begrenzheit bedeutet in Steins Auffassung das Wesentliche nicht zu sehen. Das Wesentliche sind Steins Meinung nach die universelle Bräuche, die universelle Botschaft des Judentums. Somit kritisiert Stein die Rabbinen, die nicht das Wesentliche sehen, sondern das Unwesentliche.

Die göttliche Lehre beruht nicht auf Glaubenssätzen, sondern auf Grundsätzen. Denn Gott richtet nicht den Glauben, sondern die 'Tat.„Auf Erkennen, Forschen, Wissen war und blieb es gegründet von Moses bis auf unsere Zeit“ . Das bedeutet, dass die Rabbiner wissend sein sollen. Stein betont die Rolle des Rabbiners. Nicht Priestertum wie in der katholischen Kirche, nicht Geistlichkeit und Seelsorge, wie in der protestantischen - der Rabbiner ist Lehrer seiner Gemeinde.

 

Steins Auslegung der Tora ist eine „neue"; er will die Bibel neu lesen, sie nach eigenen Regeln deuten. Das Bibelwort ist „ durch Umdeutung undeutlich gemacht worden ". So ist die talmudische Schriftbehandlung aber von dem des gesunden Menschenverstandes entfernt. Stein will so weit er kann zur Aufklärung und Wiederherstellung des Tora - Sinnes beitragen. Nur das mosaische Gesetz allein ist L. Steins Meinung nach die einzige Quelle des religionsgesetzlichen Lebens.

 

 

 

 

 

 

 

 

75

A.a.O., S.20.

Vgl. ebd.

A.a.O., S.370.

Vgl. Ebd.

V. L. Steins Beitrag zur Erneuerung des jüdischen Denkens in Deutschland

 

Wenn man die Werke Steins und die Literatur über ihn betrachtet, dürfte deutlich geworden sein, dass Stein mit Sicherheit nicht als originärer Denker und Vorreiter einer Idee, etwa der jüdischen Reformbewegung, gelten darf. Vielmehr war er ein typischer „Mann der zweiten Generation", dem nicht die Aufgabe zukam, Neues zu erfinden, sondern vielmehr das Neue in die Praxis umzusetzen. Als Beispiel dient etwa die Herausgabe eines Organs für praktische Reform „Der israelitische Volkslehrer" (1850-1860), von Gebetbüchern oder die Organisierung der Rabbinerversammlungen.

Stein war durch die Herausgabe seines „Volkslehrers" zum „Mittelpunkt der praktischen Reformbewegung in dem stillen Jahrzehnt nach den Rabbinerversammlungen geworden. „

9

 

Das 19. Jahrhundert wurde von Stein und seinen Zeitgenossen als eine Übergangsphase und ein Moment des Aufbruchs in eine bessere Zukunft verstanden. Der Glaube an die Kraft der Aufklärung und der Kampf um die Gleichstellung der Juden bestimmte die Auffassung des Rabbiners Stein.

Rabbiner Stein bekam die traditionelle jüdische Ausbildung. Er eignete sich aber auch die deutsche Kultur und Literatur an, studierte an der Universität Würzburg, wo er zum Dr. phil. promovierte und kannte Werke der deutschen Aufklärung, wie die von Lessing, die für die Gleichstellung und die Emanzipation der Juden plädierten.

 

Es gab unterschiedliche Strömungen innerhalb der Reformbewegung: die radikale, vertreten durch Holdheim, und zentristische, die von Geiger repräsentiert wurde. Stein war ein gemäßigter Reformer. Seine „Schrift des Lebens" und besonders der dritte Band, „Der Weg des Lebens ist die Führung zur Sittlichkeit", dessen Herausgeber nach Steins Tod Rabbiner Seligmann war, ist das Bekenntnis eines „liberalen Rabbiners zu einem geschichtlich­positiven, sittlich hochstehenden Judentum" :

„Stein gehört zu den positiv — historischen Reformern. Ihn erfüllt aufrichtige Liebe zum Judentum und glühende Begeisterung für seine Lehre. Er will nicht zerstören, er will erhalten, was nur zu erhalten ist, und verfolgt das hohe Ziel, dem Judentum auch in der Gegenwart die Liebe und die Anhänglichkeit seiner Bekenner zu sichern. Das

 

 

 

 

 

 

76

Seligmann, Leopold Stein. Zu seinem 100. Geburtstag, S.243.

Vgl. Vorwort, Seligmann, Cäsar. In: Stein, Leopold, Schrift des Lebens, Bd.3, Seligmann (Hrsg.), Frankfurt, 1910, S.VI-VII.

ist ja auch das Ziel der "Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" und darum möchte ich Steins „Schrift des Lebens" ein Hausbuch nennen, das in keinem liberalen jüdischen Hause fehlen dürfte... "

 

Rabbiner L. Stein leistete einen Beitrag für die Entwicklung der liberalen Bewegung im Judentum. Die liberale Bewegung hat in der Sicht Dr. Seligmanns (1860-1950), des Rabbiners in Frankfurt am Main in den Jahren 1903 bis 1932, seinen erheblichen Beitrag gewürdigt.

Die Monatsschrift „Liberales Judentum", die Dr. Caesar Seligmann redigierte, hat L. Stein in vielen Beitragen hervorgehoben. Zum 100. Geburtstag von L. Stein im November 1910 hat ihn der Redakteur als einen der sympathischsten und einflussreichsten Persönlichkeiten unter den großen Rabbinern des 19. Jahrhunderts genannt. Er sei „ eine starke Persönlichkeit voll wissenschaftlicher Bedeutung, voll rastloser Initiative..., Forscher und Kämpf er... gewesen". L. Stein gehörte zu der neuen Generation der Rabbiner, die nicht nur das Talmudstudium genossen, sondern alle Bildungselemente, die die Zeitkultur ihnen darbot, aufgenommen hatten.

 

Die universelle Erfordernis eines ethischen Monotheismus war es nach des Rabbiners Stein Meinung, dass die Zeremonien und die nationalen Bräuche, die die Juden von den Nichtjuden trennten, beseitigt werden sollten.

Der ethische Monotheismus wurde später in der Philosophie von Hermann Cohen begründet. Hermann Cohen (1842-1918) entwickelte die Idee des sittlichen Judentums. Auch für ihn war der ethische Monotheismus der Kern des Judentums. Das Judentum existiert um eines moralischen Zweckes willen, nämlich die monotheistische Vorstellung zu bewahren und zu verbreiten. Das Judentum sollte eine religiöse Botschaft von universeller Bedeutung zu den Menschen tragen. Cohens religiöses Denken weist auf seinen Messianismus hin, seinen biblischen Glauben, dass die Einheit Gottes eines Tages durch die Einheit der Menschheit ergänzt werden wird.

 

 

 

 

 

 

 

 

77

Einstein, Rabbiner Dr. Leopold Stein: „Die Schrift des Lebens". In: Liberales Judentum, Monatsschrift, Noll, November 1910, S.259.

Vgl. Seligmann, L. Stein. Zu seinem 100. Geburtstag, S.241.

Vgl. Ebd.

Vgl. Meyer, S.297-299.

Nach der Meinung der Vertreter des liberalen Judentums hat L. Stein zu der Aufgabe

beigetragen, viele Juden, die sich nicht als Orthodoxe bezeichneten, beim Judentum zu

erhalten bzw. die Nachkommen dieser Kreise um so mehr.

Steins Beitrag in die Entwicklung der liberalen Bewegung war die Durchsetzung des

Liberalismus in der Gemeinde Frankfurt am Main. In der Geschichte der Religionsgemeinde

zu Frankfurt bedeutete der Amtsantritt   L. Steins eine markante Zäsur, es wurde damit die

Wende zur Reform definitiv vollzogen. Während seiner Rabbinertätigkeit begann ein

historischer Einschnitt in der Frankfurter jüdischen Entwicklung, der zur vorübergehenden

Spaltung der israelitischen Gemeinde in Frankfurt führte (darüber noch kurz im Teil

„Ausblicke").

Zu Ende seines Lebens war Stein immer radikaler in seinen reformerischen Grundsätzen

geworden. In einer seinen Predigten vor dem Abriss der alten Synagoge am 12. November

1853 sprach er über die Eliminierung des Zionsgedankens.

Seine Bedeutung als Rabbiner war folgende: mit Steins Auftreten in Frankfurt verloren die

Radikalen potenzielle neue Anhänger und blieben isoliert.

Stein war ein „Barometer" für das ,.Auf und Ab" in der Geschichte der Reformbewegung. Die

Gemeindeführung glaubte, dass Stein die geteilte Gemeinde vereinigen könnte.

 

Auch für die Entwicklung der Reformbewegung in den USA hat die Tätigkeit des Rabbiners Stein eine Rolle gespielt. Die deutsche Reformbewegung beeinflusste das jüdische religiöse Leben in Amerika, besonders das Judentum, das sich zum Bürgertum zu entwickeln begann. Gunter W. Flaut erwähnt in seinem Buch, „The Growth of Reform Judaism" über die Entstehung der Reformbewegung in Amerika Stein unter den Namen der bekanntesten deutschen Reformrabbiner wie Zuns, Geiger und Holdheim, die die Entwicklung der Reformbewegung in Amerika beeinflussten und die allgemein in amerikanischen Synagogen bekannt waren.

 

 

 

 

 

 

 

 

78

Vgl. Kratz-Ritter, Bettina, Salomon Formstecher, Hildesheim, 1991, S.119-120.

Vgl. Arnsberg, Chronik der Rabbiner, S.91.

Vgl. Arnsberg, Geschichte der Frankfurter Juden, Bd.3, S.490.

Vgl. W. G. Flaut, The Growth of Reform Judaism, New York, 1965, 8.3.

VI. Ausblicke

 

Das Auftreten eines ersten Reformrabbiners in Frankfurt am Main in der Person von Leopold Stein hatte als dialektische Konsequenz das Entstehen einer selbständigen Neo-Orthodoxie zur Folge, welche zu der Berufung von Samson Raphael Hirsch als Rabbiner einer vorerst privaten „Israelitischen Religionsgesellschaft" (I.R.G.) in Frankfurt am Main führte. Die Ankunft Rabbiner Steins und der Rücktritt des Rabbiners Trier hatte einen erschütternden Effekt auf die orthodoxe Juden Frankfurts. Sie waren jetzt „zerrüttett, disorganisiert und verwirrt". Stein war der erste liberale Rabbiner der Gemeinde in Frankfurt am Main, die zuvor eine lange Tradition berühmter orthodoxer Rabbiner besaß.

1849 übergab eine kleine Gruppe orthodoxer Juden eine Petition an den Senat mit der Bitte um Erlaubnis eine kommunale Organisation zu gründen. Dieser erlaubte die Gründung der religiösen Gemeinschaft, die unter dem Namen „Israelitische Religionsgemeinschaft" bekannt wurde. 1850 hatte sie noch etwa 60 Mitglieder.

Hirsch war der Begründer der Gegenbewegung zur Reformbewegung, der Neo-Orthodoxie. Samson Raphael Hirsch (1808-1888) war in Hamburg geboren. Mit zwanzig Jahren besuchte er die Altonaer Jeschiwa, 1829 bezog er dann die Universität in Bonn, um Philosophie zu studieren. In Bonn war S. R. Hirsch mit A. Geiger befreundet und beide lernten gemeinschaftlich den Talmud. S. R. Hirsch traf in Frankfurt am Main im August 1851 ein, um der Rabbiner einer streng gesetzestreuen Israelitischen Religionsgesellschaft - so nannte sich dieser private Verein - zu werden, dessen Mitglieder alle noch Mitglieder der Israelitischen Gemeinde in Frankfurt am Main waren.

Als die Israelitische Religionsgemeinschaft eine eigene Synagoge bauen wollte (den Bau hatte die Familie Rothschild finanziert), wurde sie zur Gefahr für die Hauptsynagoge in Frankfurt.

Die Entwicklung der Frankfurter Kehillah (der alten jüdischen Gemeinde, die bis in das zum 12. Jahrhundert zurück reichte) verlief anders, als L. Stein es sich vorstellte. Sein Nachfolger wurde Abraham Geiger. Nach der Amtsniederlegung Steins lehnten viele Rabbiner der liberalen Richtung in Deutschland aus solidarischer Rücksicht auf Stein eine Berufung nach Frankfurt ab; dazu gehörte auch bis zum Januar 1863 Dr. Abraham Geiger, damals Rabbiner in Breslau. Am 7. 2. 1863 gab Geiger die Zusage nach Frankfurt, seinem Geburtsort, zu

 

 

 

 

 

 

 

 

 

79

Vgl. Arnsberg, Chronik der Rabbiner, S.91.

Vgl. a.a.O., S.95-98.

Vgl. Rosenbloom, S.101

kommen, wo er bis zum Jahre 1870 als Gemeinderabbiner amtierte. Danach trat er sein Amt in Berlin an.

Geiger hat das Gebetbuch, das Stein für die Hauptsynagoge in Frankfurt am Main eingeführt hatte, kritisiert. Er hat eine Kommission der Gemeinde aufgefordert ein neues Gebetbuch zu verfassen. Geiger hat einige Neuerungen in der Liturgie beaufsichtigt - der nationale Aspekt Israels sollte in den Hintergrund treten: das Gebet soll nicht die Trennung zwischen Israel und anderen Menschen ausdrücken, sondern vielmehr die Freude über den Fall der Schranke; der Blick in die Zukunft soll die glückliche Hoffnung auf die Vereinigung der Menschheit in Wahrheit, Recht und Frieden wecken.

Das Judentum sei die Religion der Wahrheit und des Lichtes. Das ist eine Doktrin, dessen Träger das Judentum sei. Die Juden sollen glauben, dass diese Doktrin die der ganzen aufgeklärten Welt sein wird.

 

Somit war der Nachfolger Steins A. Geiger ein Reformer, der die Reformen Steins weiterführen konnte. Aber die Bedeutung Steins liegt in der Bedeutung des ersten liberalen Rabbiners in Frankfurt.

 

 

 

 

 

 

 

 

80

Geiger fühlte sich nach dem Tod seiner Frau in Breslau vereinsamt. Darum kam er nach Frankfurt, seine Geburtsstadt, in die „urallte „Kehilla", die auf ihn eine Anziehungskraft ausübte, (vgl. dazu Arnsberg, Chronik der Rabbiner, S.106)

Vgl. Petuchowski, S.164-166

VII. Literaturverzeichnis

 

1. Primärliteratur:

 

1.1 Leopold Stein:

 

Stein, Leopold, Koheleth. Eine Auswahl gottesdienstlicher Vorträge gehalten in der Hauptsynagoge zu Frankfurt am Main in den Jahren 1844-1846, Frankfurter Verlag von Johann David Sauerländer, 1846.

 

Stein, Leopold, Predigt, vorgetragen bei dem am 21. Mai 1848 zur Feier der Eröffnung der deutschen constituirenden National - Versammlung in der Synagoge zu Homburg abgehaltenen Gottesdienste, Homburg, 1848.

 

Der Israelitische Volkslehrer. Ein Organ für Schule, Leben und Wissenschaft des Judentums. Herausgegeben von L. Stein, Rabbiner der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main, 1850-1860.

 

Stein, Leopold, Tora umizwa („Lehre und Gebot"), Frankfurt am Main, 1858.

 

Stein, Leopold, Haus Ehrlich oder: Die Feste, Drama in fünf Aufzügen, Leipzig, 1863.

 

Stein, Leopold, Torath-Chajim. Das jüdische Religionsgesetz, Straßburg, 1877.

 

Stein, Leopold, Die Schrift des Lebens, Bd.l, Mannheim, 1872, Bd.2, Straßburg, 1877, Bd.3, Rabbiner

 

Dr. Seligmann (Hrsg.), Frankfurt, 1910.

 

Stein, Leopold, Morgenländische Bilder in abendländischem Rahmen, Frankfurt, 1885.

 

Leopold Stein. Briefe und Gedichte, Landauer, H. und B. (Hrsg.), Augsburg, 1916.

 

Stein, Leopold, Rabbi Akiba und seine Zeit, Berlin, 1913.

 

 

 

81

1.2 Andere Quellentexte:

 

Cohen, Hermann, Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums, Frankfurt, 1929.

 

Die Tora. In jüdischer Auslegung, Flaut, W. G. (Hrsg.), Gütersloh, 1999.

 

Lessing, Gotthold Ephraim, Die Erziehung des Menschengeschlechts, Stuttgart, 1999.

 

Mendelssohn, Moses, Jerusalem oder über die religiöse Macht und Judentum, Berlin, 1919.

 

 

1.2 Zeitschriften:

 

 

Einstein, Rabbiner Dr. Leopold Stein: „Die Schrift des Lebens". In: Liberales Judentum, Monatsschrift, Noll, November 1910.

 

Festschrift: „Zum lOOjärigen Geburtstag unseres lieben Vaters, Rabbiner Dr. Leopold Stein", o.O., 1910.

 

Kohut, Adolph, Leopold Stein. Einiges aus seinem Nachlaß. In: Allgemeine Zeitung des Judentums, Leipzig, 4. und 11. September, 1903.

 

Seligmann, Cäsar, Leopold Stein. Zu seinem 100. Geburtstag.. In: Liberales Judentum, Monatsschrift, No.ll, November 1910, S.241.

 

Stein, Leopold, Privatmitteilung. Frankfurt am Main, In: Allgemeine Zeitung des Judentums,

24. 5.1847, N.22.

 

 

2. Sekundärliteratur:

 

 

Altmann, Alexander (Hrsg.), Studies in nineteenth-century jewish intellectual history, Cambridge, 1964, S.65-116.

 

Arnsberg, Paul, Neunhundert Jahre „Muttergemeinde in Israel": Frankfurt am Main 1074-1974, Chronik der Rabbiner, Frankfurt am Main, 1974, S.58-91.

 

 

82

Arnsberg, Paul, Die Geschichte der Frankfurter Juden, Bd.1,3, Darmstadt, 1983. Ben-Sasson, Haim Hillel (Hrsg.), Geschichte des jüdischen Volkes, Bd.3, München, 1980.

 

Brämer, Andreas, Reform und Orthodoxie im europäischen Judentum der Neuzeit. In: Kotovski, E.V. (Hrsg.), Handbuch zur Geschichte der Juden in Europa, Bd.2, Darmstadt, 2001.

 

Feehof, Solomon B., Reform jewish practice und its rabbinic background, Cincinnati, 1952.

 

Freudenthal, Max, Die Israelitische Kultusgemeinde Nürnberg 1874-1924, Nürnberg, 1925.

 

Grundwissen Geschichte, Frank Ausbüttl (Hrsg.) u.a., Stuttgart, 1998.

 

Grübel, Monika, Judentum, Köln, 1996.

 

Heuberger, Georg (Hrsg.), 50 Jahre Jüdischer Gemeinde Frankfurt am Main. Anfänge und Gegenwart, Frankfurt, 1998.

 

Katz, Jacob (Hrsg.), The Role of Religion in Modern Jewish History, Cambridge, 1975.

 

Kratz-Ritter, Bettina, Salomon Formstecher, Hildesheim, 1991.

 

Liberles, Robert, Leopold Stein and the Paradox of Reform Clericalism, 1844-1862 in: Jahrbuch des Leo Baeck Institute, New York, 1982.

 

Liberles, Robert, Religious Trends und Tensions - Orthodoxy and Reform in Frankfurt in the 19m and 20th Centuries. In: Jüdische Kultur in Frankfurt am Main, Karl E. Grözinger (Hrsg.), Wiesbaden, 1997, S.207-216.

 

Lewkowitz, Albert, Das Judentum und die geistigen Strömungen des 19. Jahrhunderts, New York, 1974.

 

Meyer, Michael, Antwort auf die Moderne. Geschichte der Reformbewegung im Judentum, Wien, 2000.

 

 

 

 

83

Motschmann, Josef, Blätter zur Geschichte der Juden in Bayern: Beispiel Altenkunstadt und Burgkunstadt, Haus der Bayerischen Geschichte, München 1991.

 

Petuchowski, Jakob J., Prayerbook Reform in Europe, New York, 1968.

 

Plaut, W. Günther, The Growth of Reform Judaism: American und European Sources until 1948, New York, 1965.

 

Rosenbloom, Noah H., Tradition in an age of reform, The religious Philosophie of Samson Raphael Hirsch, Philadelphia, 1976.

 

Seligmann, Cäsar, Geschichte der jüdischen Reformbewegung, Frankfurt, 1922. Schwab, Hermann, The History of Orthodox Jewry in Germany, London, 1950.

 

Stern, Frank, Dann bin ich um den Schlaf gebracht. Ein Jahrtausend jüdisch - deutscher Kulturgeschichte, Berlin, 2002.

 

Toury, Jacob, Soziale und politische Geschiebe der Juden in Deutschland 1847-1871, Düsseldorf, 1977.

 

 

Ungedruckte Quellen:

 

 

Senatsakte Suppl. Tom 871/8 zu L. Stein im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt.

 

 

Nachschlagewerke:

 

 

Encyclopaedia Judaica, Berlin, 1929.

The Jewish Encyclopedia, New York, Bd. 10.

Jüdisches Lexikon, Frankfurt, 1987, Bd.IV.

Dtv-Atlas zur Weltgeschichte, Bd.2, München, 1996.

Schoeps, Julius H. (Hrsg.), Neues Lexikon des Judentums, München, 1998.

 

 

 

 

84

VIII. Anhang

steinLeopold_young.jpg

 

burgkunstadt_synagog_1910.jpg
2. Synagoge in Burgkunstasdt um 1910

altenkunstadt_synagog_1910.jpg

3. Synagoge in Altenkunstadt um

1910      

 

 

 

86

frankfurt_old_synagog_1711-.jpg

                       4. Alte Synagoge in Frankfurt am Main. Die 1711 erbaute und 1855 abgerissene
                           Synagoge in der Judengase

frankfurt_main_synagog_1860.jpg

5. Front der 1860 eingeweihten neuen „Hauptsynagoge“ in Frankfurt am Main

87