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Grundsteinlegung zur Hauptsynagoge Börnestraße am 27. Juli 1855 (12. Tammus 5615)

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Text der Urkunde:

„Ich werde aus dem Innersten lobpreisen den Herrn! Auf Dich, oh Gott, ha­ben unsere Vorfahren vertraut und Du hast sie gerettet. Aus den Tiefen haben sie Dich angefleht; aus dem Tal der Tränen und aus dem Urquell Israels kam ihr Aufschrei zu Dir.

Du hast den Himmel verdunkelt und hast sie in Trauerkleidung ihr Leid emp­finden lassen. Und Deine Kinder ließest Du wandern nach Norden und nach Süden. Aber wir haben Dich nicht vergessen und sind nie dem Heiligen Bund mit Dir untreu geworden.

Über all das sollen dieser Ort und Stein Zeugnis ablegen! An diesem Platz haben viele Menschen geweint und viele Tränen vergossen; ihr Wehklagen stieg aus der Knechtschaft herauf zu Gott. Hier versammelten sie sich, um dem Herrn zu dienen, dem Gott ihrer Väter, und um sich immer-wieder eins zu fühlen mit Ihm und Stärkung zu finden bei der Heiligung des Göttlichen Namens. Hier sehnte sich das Volk Israel nach Dir, innerhalb der Mauern dieses Heiligen Ortes. Eine arme Nation, voller Hoffnung, die Du in Deiner unendlichen Gnade nicht enttäuscht hat. Du warst bei ihnen in der Zeit ihres Leidens; Du hast sie nicht von Dir gestoßen oder gar Deinen Bund mit ihnen gebrochen. Denn Du bist der Herr, unser Gott.

Als dann der Regen aufhörte und die Sonne der Liebe am Himmel erstrahlte, keimten die Knospen der Wahrheit und des Friedens in der Erde auf. Der Herr in seiner Güte schuf einen Platz für sein Volk, die Kinder Israels, wo sie in Frieden leben konnten und schlechte Menschen sie nicht mehr unterdrük-ken sollten.

Da erleuchtete der Herr den Geist der Menschen in unserer Gemeinschaft und unter ihnen zeichnete sich besonders ein Wohltäter aus, nach dessen Rat und mit dessen Unterstützung nun das neue Haus für den Gott Israels errich­tet werden soll.

Denn die Mauern des alten Hauses waren morsch, und die Risse in ihnen sag­ten und wiederholten das immerwieder: Warum sitzt Ihr in Luxushäusern, wenn Gottes Haus ärmer ist als Eure? Und die vielen Frauen, weise, fromm und tapfer, versammelten sich am Eingang zur Synagoge und sagten: Auch wir sehnen uns nach einem neuen Haus für unseren Herrn. Baut es groß ge­nug für uns und unsere Kinder!

Und so, unsere Brüder, forderte der Vorstand unserer Gemeinde die Gläubi­gen auf, ihren Beitrag zu leisten, jeder nach seines Herzens Begehr. Viele hunderte Familienhäupter leisteten ihren Beitrag. Und alle gaben aus vollem Herzen, jeder nach seinem Einkommen — nach dem Segen des Herrn, ihres Gottes, der ihnen gab, was sie haben. Der Herr möge die Freigebigen segnen!

Und da die „Ältesten" unserer großen Stadt, die Ratsherren, die Erlaubnis zum Abbruch und zum Wiederaufbau gegeben haben, ist dieser Tag be­stimmt als ein Feiertag und ein Festtag, und dieses Ereignis zu feiern. An die­sem Tag, dem fünften nach dem Sabbath, am Donnerstag, den zwölften Tag des vierten Monats, dem Monat Tammuz, fünftausendsechshundertundfünf-zehn (= 27. Juli 1855) Jahre nach der Erschaffung, waren hier, in Frankfurt am Main, versammelt die Oberhäupter der Stadt, der Vorstand unserer Ge­meinde und eine auserwählte Schar unserer Mitbrüder — in der Straße, ge­nannt die „Judengasse", die vormals die enge, dunkle Gasse der Juden war. (Aus der Tiefe habe ich Dich angerufen, oh Gott!) Und sie standen an diesem Heiligen Ort, an dem unsere zwei Synagogen standen, welche nun zu einer vereint sind. Hier wird ein Gebäude stehen, das vorübergehend den würdi­gen Älteren als Versammlungsort dienen soll.

An diesem Platz wurde der Grundstein gelegt, aus wertvollem Material, denn unsere Thora ist heilig seit Urzeiten und wird immerdar der Grundstein der Heiligkeit sein.

Der Vorsteher der Gemeinde legte eine Kapsel in den Stein, welche diese Ur­kunde enthält, und eine weitere in deutscher Sprache. Der Vorsteher der Ge­meinde legte außerdem in den Stein einen Teller voll mit den neuesten Mün­zen, um uns daran zu erinnern, daß wir zwar dieses Haus mit unserem Geld erbaut haben, aber daß alles, was wir haben, von Gott kommt. Der Schatz­meister des Almosenkastens legte eine Flasche diesjährigen Weines hinein- in Erinnerung an die Stelle, wo es heißt: Gebt Wein dem Bitteren in der Seele, damit die kommenden Generationen wissen mögen, daß die brüderliche Eie-be die Grundlage unserer Thora ist.

Der Vorsteher des Armenhospitals (Hekdesch) legte einen Teller voll Weizen der letztjährigen Ernte hinein, um zu bezeugen, daß der gütige Herr unsere Gemeinde segnete und uns Brot zu essen und Kleider zu tragen gab. Wir wer-den seinem Gebot gehorchen, unser Brot mit den Armen zu teilen und sie in unser Heim aufzunehmen.

Unter großem Freudenjubel wurde der Grundstein an seinen Platz gelegt und eingehämmert, einmal von dem älteren Bürgermeister und einmal von dem jüngeren Bürgermeister. Und alle sangen Loblieder dem Herrn für seine Gü­te, und Trompeten ertönten zur Ehre der Errichtung des neuen Gotteshau­ses. Lieder wurden gesungen dem Herrn aller Welten, in Hebräisch und Deutsch, denn beide Sprachen werden in diesem Hause gehört werden: die eine die Sprache unserer Väter, der Thora und unserer Lehrer; die zweite, die Sprache unseres Mutterlandes und unserer Eltern.

Und Du, oh Herr, dessen Heiligkeit wir dieses Haus gewidmet haben, blicke herab von Deinem Heiligen Thron und segne Deine Kinder, das Volk Israel, und sende ihnen den Erlöser. Du wirst Mitleid haben mit Zion, nach dessen Mauern Deine Diener sich sehnen.

Möge unser Tun gesegnet sein, Amen!

Möge Deine göttliche Gegenwart in diesem Platze wohnen, Amen! Mögen immer unter uns weilen: Liebe und Eintracht, Frieden und Freund­schaft, Amen!

Möge die Ehre dieses Hauses größer sein als die des vorherigen. Und mögest Du diesem Platz Frieden geben. Amen, Amen, Selah. (Die Urkunde trägt keine Unterschriften).